Kamel-Trekking in Marokko

Oben die Sonne, unten Steine und Sand bis zum Horizont. Die Kamele geben das Tempo vor. Nicht an gestern denken, nicht an morgen. Mit dem Herzen sehen lernen.

Du hast die Welt gewechselt in weniger als einem Tag. Du bist vom Himmel mitten in die Wüste gefallen. Der größte Teil von dir ist noch zu Hause, und das merkt man auch. Du kommst aus der Welt der tausend Wichtigkeiten und wirkst wie jemand, der gleichzeitig überreizt und ausgehungert ist. Du plapperst wie ein Wasserfall, wer du bist und was du kannst, und wirkst gleichzeitig wie ein Hund, der eine neue Fährte wittert. Du steckst deine Nase in jede Blüte. Du breitest die Arme aus, als wolltest du so die Fläche vergrößern, auf der du den Wind spüren kannst. Noch ahnst du nicht, in welchem Ausmaß die Wüste ein Gehirn auf den Kopf stellen kann - mit nichts als Himmel und Sand, Steinen und Wind.

Süßer Tee zum Sonnenaufgang

Wann immer du aufwachst, Basaid ist schon wach. Halt die Augen geschlossen, du kannst ihn hören. Sein Kleid raschelt, seine Hände brechen dünnes Holz für das erste kleine Feuer am Morgen. Er stopft in die bauchige Kanne grünen Tee und frische Minze und bricht vom Zuckerhut einen kräftigen Brocken ab, das macht den Tee so süß wie Sirup. Den ersten Tee kocht Basaid immer in dem unwirklichen Licht zwischen Nacht und Tag. Während hinter seinem Rücken ein blasser Mond verschwindet, schiebt sich vor ihm eine große rote Sonne über die Erde. Wenn Basaid merkt, dass du wach bist, dann schenkt er ein nach altem Brauch. Mit viel Abstand zwischen Kanne und Glas. Auf dem Tee muss Schaum sein, wenn er ihn serviert. Er bringt dir dein Glas auf einem Messingtablett an den Schlafsack. Es ist noch früh - so zwischen fünf und sechs. Bonjour, sagt Basaid. Der Tag fängt gut an.

Die Sahara ist die größte Wüste der Welt

Vier Stunden gehen wir am Tag, fünf Stunden, manchmal sechs. Oben die Sonne und unter den Stiefeln die Steine. Schwarze Brocken bis zum Horizont. Neun Millionen Quadratkilometer. Bahr bela ma - Meer ohne Wasser. Die Sahara ist die größte Wüste der Welt. Aber nur zehn Prozent sind Bilderbuchwüste, gelber Sand, haushoch und weich wie ein Kissen. Träum nicht in die Landschaft beim Gehen, sonst wirst du stolpern. Schau auf deine Schuhe und die Steine vor dir, die sind kantig und spitz.

Geh und geh und geh und geh

Du lernst die erste Lektion: Bind die Uhr ab, frag nicht nach dem, was vor dir liegt, setz geduldig einen Fuß vor den anderen, finde den eigenen Rhythmus. Mach es wie die Kamele: Geh und geh und geh und geh. Und sauf nichtso gierig deinen Wasservorrat leer, teil ihn dir ein. Wasser ist das Kostbarste, was du hast.

Wer geht mit wem durch die Wüste? Lektion zwei: Das ist keine Frage der Sympathie. Die Starken, die Trainierten, die Schnellen - die sind die Spitze der Karawane, immer. Die anderen keuchen hinterher, mit großem Abstand. Erst am Abend, wenn es darum geht, wer sich neben wem in den Schlafsack rollt, sortiert sich die Gruppe um. In der Nacht geht es nicht um Kraft, sondern um Zuneigung. Da liegen die Körper nebeneinander, die sich mögen.

Wirst du vielleicht blöd in der Wüste?

Lektion drei. Die Bilder im Kopf, die du mitgebracht hast von zu Hause, die von der Arbeit und der Stadt und den Menschen, die bleicht die Sonne aus. Und die heimischen Gedanken bläst der Wind davon. Der Kopf wird leer, und du machst dir ernsthaft Sorgen. Wirst du vielleicht blöd in der Wüste? So schnell geht das? Aber hatte der leidenschaftliche Wüstengeher Otl Aicher nicht behauptet, die Wüste sei eine Denklandschaft? Und beim Gehen beginne der Kopf so munter zu werden wie die Beine? Und wer durch die Wüste gehe, lasse das Denken von der Kette los? Bist du schon so weit, nur weil du dich fragst, warum eine kleine Blume in der Wüste so leuchten kann, als wäre Licht in ihr? Haben sich deine Sinne schon erholt von der heimischen Lärmverschmutzung? Vielleicht. Du hörst deinen Schritten zu, dem Wind und dem leisen Rascheln einer flüchtenden Echse. Die Augen lernen sehen. Sie saugen sich an Winzigkeiten fest. An einem Käfer, einer Ameise. An der gelben Blume, die neben deinem Stiefel wächst.

Stundenlang siehst du von deinem Kamel nichts als den braunen, lockigen Hinterkopf, der sich bewegt wie ein Ball auf den Wellen. Zwei flauschige Ohren und sehr lange Wimpern. Und von dem Kamel, das vor dir geht, siehst du den Schwanz, die langen, strammen Schenkel, die Füße mit den dicken Hornschwielen.

Rechtes Vorderbein, rechtes Hinterbein, linkes Vorderbein, linkes Hinterbein. Weich gehen sie, wie auf Puschen. Kamele sind Passgänger, das teilt sich der Wirbelsäule mit bei jedem Schritt. Seegang im Steinmeer. Auf langen Reisen verlieren Kamele bis zu einem Drittel ihres Körpergewichts - dafür können sie innerhalb einer Viertelstunde zweihundert Liter Wasser saufen. Ein Mensch von sechzig Kilo würde am Ende einer solchen Reise nur noch zwanzig wiegen.

Der Kamelkot brennt so gut wie ein Brikett

Der Kamelkot, der vor dir auf die Erde fällt, ist hart und klein wie der von Hasen. Kamele haben Zellen, die dem Kot die Feuchtigkeit entziehen, um sie im Körper zu speichern. Du kannst ihn einsammeln, er brennt so gut wie ein Brikett. Du trägst ein Tuch auf dem Kopf gegen die Sonne und ziehst dir die langen Enden vor den Mund gegen Wind und Sand. Das hast du den Beduinen abgeguckt. Und vielleicht haben die ihre Weisheit von den Kamelen. Die haben in der Nase einen Muskel, der sich bei Sandsturm schließt. Die Beduinen tragen Djellabas, weite Kleider, unter denen sich die Hitze nicht stauen kann. Ein Kamel, das Durst hat, produziert bei großer Hitze künstlich Fieber. Seine Körpertemperatur steigt auf 42 Grad an. So schwitzt es nicht mehr und verliert auch kein Wasser.

Beduinen wachsen aus dem Boden, sind plötzlich da

Manchmal siehst du Menschen in der Wüste und bist verblüfft: Woher kommen die? Die sind so plötzlich da, als seien sie aus dem Boden gewachsen. Du schaust dich um. Der Rücken des Kamels ist wie ein Aussichtsturm. Irgendwo zwischen den schwarzen Steinen siehst du Ziegen, vier in die Erde gerammte Stöcke, eine Plane - das mobile Zuhause einer Nomadenfamilie. Basaid zeigt auf einen dunklen Punkt in der Wüste. Bäume. Akazien. Schattenspender. Die Sonne steht senkrecht über der Karawane. Dort werden wir rasten.

Hast du schon einmal in der Wüste geschlafen? Mach das, die Erfahrung kann dir keiner mehr nehmen. Du schläfst wie ein Tier. Flach und leicht, immer bereit zu reagieren. Du hörst den Atem deines Nachbarn, du hörst den Wind. Du machst die Augen auf und siehst eine Sternschnuppe vom Himmel fallen.

In der Wüste kannst du mondsüchtig werden. In deiner Häuserschachtel zu Hause siehst du ihn nur, wenn er dir ins Fenster scheint. Hier ist er über dir die ganze Nacht. Es ist wie ein Spiel. Du machst die Augen auf, und er steht über deinen Knien. Du schläfst, wachst auf, und er scheint dir auf den Bauch. Dann mitten ins Gesicht. Beim nächsten Mal musst du den Kopf schon in den Nacken legen, um ihn zu sehen. Und wenn du aufwachst, musst du dich nach ihm umdrehen. Dann ist er blass geworden und gibt dich an die Sonne ab.

Der Weg der Weisheit führt durch die Wüste

Bevor die Reise zu Ende geht, fängst du an, gierig die Bilder in dich hinein zu schaufeln, die du mitnehmen möchtest. Beim letzten Ritt auf dem Kamel schneidest du dir ganz bescheiden ein Stück Wüste aus der Landschaft und pflanzt es dir ein. Sie ist groß genug, die Wüste, das fällt niemandem auf.

Die Wüste ist eine Denklandschaft, sagt Otl Aicher. Der Weg zur Macht, sagt ein arabisches Sprichwort, führt durch die Paläste. Der Weg zum Reichtum durch die Basare. Der Weg zur Weisheit aber führt durch die Wüste. Du auf deinem Kamel sagst dir: Damit hat es diesmal nicht geklappt. Verzage nicht. Geh zurück in deine eitle, hektische Welt. Übe dort. In dem Stück Wüste, das du dir mitgebracht hast.

Reiseservice

Pauschal: Die beschriebene 15-Tage-Reise bietet Trekking Tours M. Hoffmann an (Wolferskamp 27, 22559 Hamburg, Tel. 040/81 18 63, Fax 81 24 70). Termine: von Oktober bis April. Die Teilnehmer sollten etwas sportlich sein, da sie vier bis sechs Stunden am Tag auf ihrem Kamel reiten oder, wenn sie Lust haben, wandern. Geschlafen wird unterm Sternenhimmel im Freien. Wer im Zelt übernachten möchte, muss sein eigenes mitbringen. Die Verpflegung ist einfach, aber gut: Morgens backen die Beduinen in der Glut des Lagerfeuers Fladenbrot, mittags gibt es Salat und Obst, abends Couscous, Lammeintopf oder Gemüse mit Reis.

Klima: tagsüber 18 bis 32 Grad. Die Passatwinde machen die Mittagshitze erträglich. Nachts wird es sehr kalt, in manchen Winternächten werden Minustemperaturen gemessen.

Ausrüstung: Das wichtigste sind gute Wanderschuhe. Sie sollten eingelaufen sein und immer mit dicken Socken getragen werden. Gegen die Sonne schützen ein Hut und ein langer Schal, den man sich um den Kopf bindet (am besten in Marokko kaufen). Außerdem unentbehrlich: Sonnenmilch mit hohem Lichtschutzfaktor, eine gute Sonnenbrille, weite Hosen und weite, langärmlige T-Shirts aus Baumwolle.

Literatur: Zur Einstimmung "Sandmeere" von Isabelle Eberhardt (Rowohlt, zwei Bände), "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles (Goldmann-Verlag) und die Bücher von Antoine de Saint-Exupéry "Der kleine Prinz", "Wind, Sand und Sterne" und "Die Stadt in der Wüste", alle im Rauch-Verlagerschienen.

Reiseführer: Vor allem Individualreisende spricht der Band "Marokko" aus der Reihe Reise Know-How an; aktuell und hervorragend bebildert: der Nelles-Guide "Marokko".

Text: Monika Held Fotos: Knut Müller
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