Kanaren: La Palma

Lorbeerwälder und Lava, Schluchten und Berge: Auf der grünsten Kanareninsel machen sogar die Bewohner der Nachbarinseln Urlaub. Weil sie so natürlich ist, so dramatisch und so wie früher.

Das romantische Dorf San Andrés

Wir wohnen im schönsten Haus in Tijarafe, einem Dorf auf der westlichen, der sonnigen Seite von La Palma. Leuchtend weiß steht es da an einen Berghang geschmiegt. Tonziegel decken das Dach, in einen ist das Baujahr graviert: 1868. Das Holz der Türen und Fenster hat die Zeit glänzend poliert. Die Mauern sind so dick, dass die Fensterbrüstungen bequeme Bänke ergeben. Von meinem Zimmer schaue ich auf einen Garten voll bunter Blumen. Dahinter: das Meer.

Der Gedanke, dass diese glitzernde Weite der Ozean, Afrika uns näher als Europa ist. Die Stille, die sich in Seelenruhe wandelt. Am schönsten aber ist, dass Ana María regelmäßig vorbeikommt, um den Garten zu gießen, und von der Insel erzählt, im Singsang des kanarischen Spanisch, dem man stundenlang zuhören könnte. "Unbedingt müsst ihr nach San Andrés", sagt sie, "das ist mein Lieblingsort, ihr werdet sehen, ein Schmuckstück. Und nach Tablado: 500 Menschen wohnten dort einmal, es war ein wichtiges Dorf, fruchtbarer Boden, und jetzt? Ein paar Alte sind geblieben, leere Häuser, in den Gärten fallen die Orangen von den Bäumen, aber wunderbar gelegen. Natürlich solltet ihr die Vulkane im Süden sehen; Santa Cruz; den Roque de los Muchachos; die Playa Nogales...

Das Ferienhaus in Tijarafe

Dass die "Casa de las Tierras Viejas" jetzt glücklichen Urlaubern als Feriendomizil dient, ist der Europäischen Union zu verdanken. Ohne das EU-Programm zur Förderung des "turismo rural", des Urlaubs auf dem Lande in traditionellen kanarischen Häusern, hätte es weiter leer gestanden und wäre verfallen. Ana María ist stolz, dass ihr Vater eine Ausnahme war in jener Zeit, als viele Palmeros sich für ein Taschengeld von ihren alten Häusern trennten. Inzwischen haben in Tijarafe viele Hausbesitzer auf diese Weise das Erbe ihrer Familien bewahrt und gleichzeitig ein zusätzliches Einkommen gewonnen. Denn La Palma ist wie gemacht für diese Art Ferien.

Der Feigenkaktus wächst in den trockenen tieferen Regionen.

Wer auf die grünste der kanarischen Inseln kommt, sucht Natur und Ursprünglichkeit, nicht den bequemen Liegestuhl am Strand. Zwar gibt es ein paar schöne Buchten, doch das Meer ist rau, wie die ganze Insel. Steil ragt sie aus dem Wasser, von Schluchten zerklüftet, mit dichter Vegetation überzogen - Lorbeerwald im Nordosten, Kiefern im Westen. Straßen und Wege sind oft eingefurcht ins Lavagestein, führen meist bergauf oder bergab. Für Strecken, die auf der Landkarte kurz aussehen, braucht man Stunden. Wanderer finden hier ihr Paradies. Der Tourismus hat es spät entdeckt, und das stellt sich jetzt als Vorteil heraus, der Insel sind viele Bausünden erspart geblieben.

Zwar gibt es ein paar Fischerdörfer auf La Palma, aber eigentlich ist dies eine Insel der Bauern. Nur: Die meiste Zeit in ihrer Geschichte konnten die Palmeros nicht von der Landwirtschaft leben. Also sind sie emigriert. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem nach Kuba, später war Venezuela das goldene Land.

In der Caldera de Taburiente.

Wandertag in der Caldera de Taburiente: Der riesige Vulkankrater, einer der größten der Welt, zehn Kilometer im Durchmesser, ist das Herz von La Palma. Aus Feuer wurde die Insel geboren, und dass sie im Innern nicht völlig erkaltet ist, bewies der jüngste ihrer Vulkane, der Teneguía, als er 1971 ausbrach. In stockdunkler Nacht fahren wir von Tijarafe nach Los Llanos hinunter, und weiter bis zum Anstieg ins Kraterbecken. Während die Silhouetten der Berge sich langsam aus dem Schwarz herauslösen, erzählt unsere Begleitung, wie die Guanchen, die Ureinwohner der Insel, sich im 15. Jahrhundert in dem unzugänglichen Kessel vor den Spaniern verschanzt hatten. Unbesiegbar, bis sie mit einer List herausgelockt wurden. Den Führer Tanausú führten die Eroberer aufs Festland ab, doch er verdarb den Triumph, hörte auf, zu essen und zu trinken, und starb, bevor sie die Kriegsbeute vorführen konnten. Kaum war er tot, zeichneten sich auf einem großen Felsen seine Züge ab. Wir werden es sehen, ein paar Stunden später, und auch Idafe, den heiligen Berg der Guanchen, eine Felsnadel wie ein erhobener Zeigefinger.

Der Drachenbaum

Pinienduft umhüllt uns. Vogelstimmen. Ein schmaler Pfad führt in den Kessel hinunter, zwischen mächtige Kiefern fällt das erste Licht des Tages. Wie viele Stunden wir von der Caldera hinunter ins Tal gewandert sind, weiß ich nicht mehr. Die letzten Kilometer stolpern wir auf müden Beinen durch den "Barranco de las Angustias", die Schlucht der Todesängste - ein Name, der nichts mit den furchteinflößenden Felsen ringsum zu tun hat, sondern von der Jungfrau "de las Angustias" stammt, die unten im Tal verehrt wird.

Am liebsten sind wir aber wieder in unserem Landhaus, der "Casa de las Tierras Viejas", und liegen faul auf der Terrasse. Schöner kann ein Tag nicht beginnen: das glitzernde Blau tief unten, die ersten warmen Sonnenstrahlen, Salamander, die auf Krümel warten.

Reise-Infos La Palma

Reisezeit Das Klima ist sehr ausgeglichen, in Küstennähe bis auf 200 Meter wird es selten kälter als 18 und wärmer als 27 Grad. Der Gebirgszug der Cumbre teilt die Insel: Ist es auf einer Seite bewölkt, scheint auf der anderen meist die Sonne. Zwischen November und Februar fällt am meisten Regen.

Unterkunft La Palma ist klein (nur 47 Kilometer von Nord nach Süd, 29 von Ost nach West), aber sehr gebirgig, das bedeutet lange Wege. Wer die gesamte Insel kennen lernen möchte, sollte seine Ferien vielleicht auf zwei Standorte aufteilen - sonst verbringt man leicht den halben Ausflugstag im Auto.

Hotel "Los Amberes"

Turismo Rural: Die Agentur vermittelt die "Casa de las Tierras Viejas" und rund 60 andere behutsam restaurierte traditionelle kanarische Häuser auf der Insel; jedes ist auf der Website ausführlich beschrieben. Preis für zwei Personen ab ca. 285 Euro/Woche (Karin Pflieger, Lohkoppelweg 26, 22529 Hamburg, Tel. 040/5604488, Fax 5604487, www.la-palma-turismo-rural.de). Apartamentos La Fuente: deutscher Familienbetrieb; gepflegte Appartements in einem historischen Haus in einem hübschen Altstadtviertel von Santa Cruz. Ab ca. 230 Euro/Woche (Calle A. Pérez de Brito 49, Santa Cruz de La Palma, Tel. 0034/ 922/415636, Fax 412303, www.la-fuente.com. Hotel Amberes: wunderschönes restauriertes Stadthaus aus dem 17. Jahrhundert um einen zauberhaften Innenhof. Sieben Zimmer, mit alten Möbeln und natürlichen Materialien eingerichtet. DZ ab 85 Euro (Avda. Gral. Franco 13, Los Llanos de Aridane, Tel. 0034/ 922/401040, Fax 402441, www.hotel-amberes.com).

Wandern Die Insel ist überzogen mit einem Netz gut ausgeschilderter Wege. Die Karte "Red de Senderos de la Palma" bekommt man kostenlos beim Patronato de Turismo (s. u.), außerdem den Führer "Guía de Senderos".

Einzigartig ist der Vulkankrater der Caldera de Taburiente (Nationalpark). Sammeltaxis fahren vom Eingang der Schlucht bis nach Los Brecitos hinauf, von wo man den schönsten Einstieg in den Kessel hat. Wichtig ist, sich gut gegen Sonne zu schützen und genug zu trinken mitzunehmen, auch sollte man nicht allein aufbrechen.

Den Ozean im Blick: im Felsenpool Charco Azul

Baden Dies ist der Atlantik! Bei bewegter See ist Baden ziemlich riskant, achten Sie auf Warnflaggen. Der Sandstrand von Puerto Naos ist der größte an der Westküste, hier spenden Palmen Schatten, es gibt Duschen und Liegestühle zu mieten. Die Playa de las Monjas etwas weiter südlich ist der einzige FKK-Strand der Insel. Ein paar Kilometer nördlich von Puerto Naos eignet sich die wilde Playa Nueva gut zum Surfen. Die wildromantische Playa Nogales, unterhalb von Puntallana an der Ostseite der Insel, ist einer der schönsten, aber auch gefährlichsten Strände der Insel. In den schön gestalteten Naturschwimmbecken Charco Azul bei Los Sauces und La Fajana unterhalb von Barlovento kann man auch bei relativ stürmischer See sicher sein, auf den Liegeplateaus gibt es Sonnenschirme. Mehrere Strände an der Südspitze unterhalb von Fuencaliente; schön - aber nur über viele Treppen zu erreichen - zum Beispiel die Playa Zamora.

Dorfkirche in San Andrés

Ausflüge Santa Cruz de la Palma: In der hübschen Hauptstadt hat sich viel Kolonialstil erhalten, Zeugnis einer glorreichen Vergangenheit, als Santa Cruz nach Sevilla und Antwerpen der drittgrößte Hafen des spanischen Reiches war. Die Plaza de España gilt als schönste der Kanaren. San Andrés: sehr romantisches Küstenstädtchen zwischen Bananenplantagen im Nordosten; alte Herrenhäuser, palmengesäumte gepflasterte Straßen und eine der ältesten Kirchen der Insel. El Tablado: Abgeschieden, atemberaubend schön und fast völlig verlassen liegen die Reste des Ortes. Einige der Häuser sind über "Turismo Rural" (s. o.) zu mieten. San Antonio: Am schwarzen Vulkan im Süden kann man um den Kraterrand spazieren und hat einen guten Blick auf den 1971 entstandenen Teneguía; im Besucherzentrum wird das Ereignis im Film gezeigt. Das Observatorium auf dem Roque de los Muchachos, dem höchsten Punkt der Insel (2426 Meter), öffnet an einem Tag im August Besuchern die Tür, Information unter Tel. 0034/922/405500. Eine besonders schöne Strecke im Auto ist im Norden die alte Straße von Barlovento nach Garafía. Sie führt durch dichten Lorbeerwald, umrundet tiefe Schluchten und bietet herrliche Ausblicke.

Fiesta del Diablo

Buchtipps "La Palma" (Nov. 2004, Michael Müller Verlag, 15,90 Euro). "Wanderungen auf La Palma", mehr als 50 Touren (Bergverlag Rother, 12,90 Euro).

Info Patronato de Turismo de La Palma, Avenida Marítima 3, Santa Cruz de la Palma, Tel. 0034/ 922/411142, Fax 420030, www.lapalmaturismo.com. In Deutschland: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstr. 14, 60323 Frankfurt, Tel. 069/ 725038 und 725145, Fax 725313, www.spain.info.

Barbara Baumgartner Fotos: Gunnar Knechtel BRIGITTE 11/05
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