Auf die kreative Tour

... kann man wunderbare Ferien verbringen: Beim Kreativurlaub sieht man nicht nur was von der Welt, sondern hat auch die Muße, um neue Dinge auszuprobieren - zum Beispiel Filzen, Ginbrennen oder Möbelbauen.

Malen in der Provence, Töpfern in der Toskana, Bildhauern in Andalusien - die Angebote für Kreativferien sind schier endlos. Gut so! Und deshalb haben sich unsere Autorinnen für Kreativkurse entschieden, die etwas anders sind: haben Gin gebrannt, Laptoptaschen gefilzt und Designermöbel gebaut. Hier lest ihr, was sie dabei so erlebt und gelernt haben:

Filzen in Südtirol: Reibereien um meine Tasche

Die Wolle liefern die Schafe, alles andere macht man beim Filzen selbst: den Stoff, das Design, die Fehler. BRIGITTE-Mitarbeiterin Doris Ehrhardt lernte ihre Lektion in Südtirol.

Die Bäuerin will reingehen, es ist ihr zu kalt. Die Bürositzerin will raus, sie kommt selten an die frische Luft. Beider Prägungen prallen in 1200 Meter Höhe aufeinander, in der südlichsten deutschsprachigen Gemeinde Südtirols. Vom Amort-Hof am oberen Ende des Bergdorfs Altrei hat man weite Sicht übers Passeiertal: Wiesen, Wälder, Berglandschaft. Die Bäuerin ist Rita Amort. Sie macht aus eigener Schafwolle Filz und daraus von Hand Dinge in exzellenter Qualität. "Der Erfolg hat mich selbstbewusster gemacht", erzählt sie später. "Endlich, mit über 50!". Seit einigen Jahren gibt "die Rita", wie Kenner der Materie sie respektvoll nennen, Workshops im Filzen.

Die Bürositzerin bin ich. Heiß darauf, mal eine Arbeit zu machen, die ein Ende hat und sich anfassen lässt. Und ich dachte, wir würden im Freien werkeln oder in einem Atelier mit Aussicht und nicht in einer Garagenwerkstatt ohne Fenster. Rita entschärft den Konflikt, sie weiß ja, wie man mit aufgeregten Hühnern, sturen Kühen und blöden Schafen umgeht. "Das kriegen wir schon hin", sagt sie und lächelt, "jetzt gehen wir erst mal rein."

In dem Moment trifft die zweite Teilnehmerin von Ritas Filztaschen-Workshop ein. Christina, frecher Pferdeschwanz, schüchterner Blick, fester Händedruck, Bäuerin aus Kastelruth. Sie hat schon mal was gefilzt, ich hab schon mal was gegoogelt: Filz entsteht aus gekämmter Wolle, die mit Reibung, Wärme und Feuchtigkeit bearbeitet wird.

Beim Öffnen der Tür schlägt uns der Duft von Kernseife entgegen. Den kleinen Raum füllt eine Tischtennisplatte als Arbeitsfläche; in den Ecken ein Regal mit Utensilien, eine Herdplatte mit Kochtopf darauf, eine Vitrine mit Ritas Werken. An einer Wand ein Zettel: "Wer aufhört besser zu sein, hat aufgehört gut zu sein". Die Frau hat deutlich mehr Ehrgeiz als Platz.

"Was für eine Tasche wollt ihr machen?", fragt Rita. "Eine Laptop-Umhängetasche", sage ich. Grau in Grau soll sie sein. Vor allem will ich jedes Fitzelchen selbst machen. "Wollwoll", sagt Rita und meint damit: Jaja, wirst schon sehen.

An die Arbeit! Rita stapelt Schichten von dunkel- und hellgrauem Vlies auf den Tisch. Diese Wolle-Wolken sind weicher als Watte! Wir reißen daraus große Stücke für die Bestandteile unserer Taschen, vom Schulterriemen bis hin zum Schnür-Verschluss. Dann bekommen Christina (Dirndl-Umhängetasche) und ich je eine kuchenblechartige Wanne, in der sich alles weitere Werkeln abspielen wird. Daneben: Schüssel, Seife, Schwamm. Als ich das erste große Stück Vlies in die Wanne lege, schäume ich über vor Freude. Jeder Schritt läuft nach dem gleichen Prinzip ab: Erst lässt Rita mich machen, dann lasse ich mir helfen. Ich beträufle das Vlies mit heißer Seifenlauge, Rita macht es platschnass. Ich reibe mit den Fingerknöcheln, Rita mit den Handballen. "Filz ist wie ein Tannenzapfen aufgebaut", erklärt sie, "die Fasern haben Schuppen, das warme Wasser öffnet die Schuppen, durchs Reiben verhaken sie sich mehr und mehr." Und weil meine Tasche groß und stark werden muss, reibe und reibe und reibe ich.

Nebenbei entwickeln wir uns zu Ratsch-Reibern. Rita erzählt, dass sie vor zwölf Jahren diverse Fortbildungskurse besuchte - der zum Filzen fixte sie voll an. Heute besitzen sie und ihr Mann rund 30 Schafe, die zweimal im Jahr "zum Friseur gehen". Aus der Wolle macht Rita Hüte, Pantoffeln, die hier "Patschen" heißen, und Taschen. "Nur drei hab ich für mich behalten", sagt sie. Alle anderen hat man ihr praktisch aus den Händen gerissen.

Bis zur Kräuterteepause am Nachmittag reibe, reibe und reibe ich. Eine kleinere Handyhülle zu machen wäre schlauer gewesen, denke ich. Zumal nur zwei Tage Zeit sind. Andererseits ist mir das werdende Etwas schon ans Herz gewachsen. Mir gefällt, dass die Woll-Spender in Südtirol ein gutes Leben führen. Und entsteht Filz nicht wie eine Partnerschaft? Erst lose, dann immer fester. Macht man Fehler, sagt er: Schwamm drüber, das bessern wir aus. Hoffentlich nimmt er mir nicht übel, dass ich ihn am Abend in einer erkalteten Seifensuppe zurücklasse.

Alles fügt sich. Die Morgensonne und ein massiver Gartentisch als Werkbank sind auf der Terrasse bereit, Rita und Christina auch. Ähnlich, wie am diesigen Horizont die Konturen der Berge mit dem Himmel verschmelzen, verbinden sich unter unseren Händen die Einzelteile unserer Taschen - nahtlos. Nur durch Reiben fügt sich alles zu einem Stück.

Zum Finale bringt Rita Handtücher. "Damit walken wir." Das heißt: Filz mit heißem Wasser übergießen, Handtuch drüber, beides zu einem Strudel wickeln, hin- und herrollen. Druck ausüben. Durchs Walken schrumpft der Filz auf die Größe und Dichte, die er haben soll. Sofern man es richtig macht. Bei meiner Tasche aber gibt es eine Schwachstelle. Kinderfaustgroß! "Filz verzeiht Fehler", hat Rita gesagt, "aber nur bis zum Walken." Was jetzt? Seite an Seite arbeiten wir büschelweise frisches Vlies ein. Sie gelassen, ich nicht. Pick pick, flick flick. Es funktioniert!

Zurück auf der Terrasse, wundert sich Christina, wo wir so lange geblieben sind. Stolz präsentiert sie ihr gutes Stück - mit seinen integrierten Blumen. Kompliment! Bin auch gleich so weit ... Fehlt nur noch ein Bad im Brunnenwasser, ein Tauchgang in Essig-Sud, ein Schleudergang, einmal bügeln. "Na, was sagst jetzt?" So etwas fertig gebracht zu haben, fühlt sich fantastisch an. Rita und ich strahlen uns an. Die Stelle, an der "es" passiert ist, bleibt unser Geheimnis.

Mein Fazit: Diese Tasche war bestimmt erst der Auftakt einer Serie!

Nachmachen: Ein zweitägiger Workshop mit maximal drei Teilnehmer/innen kostet pro Pers. 50 Euro, das Material je nach Verbrauch ca. 25 Euro. Termine auf Anfrage (Amort-Hof, Guggal 26a, Altrei, Tel. 00 39/04 71/88 20 30, www.roterhahn.it).

Übernachten: Naturoase Stegerhof. Bauernhof mit fünf Ferienwohnungen, eine davon heißt "Iris": viel Zirbenholz, modern und minimalistisch möbliert; mit Kamin, großer Küche, zwei Balkonen. Außerdem im "Stegerhof": kleiner Außenpool; schöner Wellnessbereich mit Heubad, Sauna etc. 70 Euro/Nacht. Der Hof liegt im Dorf Truden, ca. 15 Fahrtminuten von Altrei entfernt (Pintergasse 10, Truden im Naturpark, Tel. 00 39/?04 71/86 92 11, www.naturoase-stegerhof.com).

Einkehren: Kürbishof. Südtiroler Küche auf Gourmet-Menü - und nur ein paar Schritte unterhalb vom Amort-Hof (www.kuerbishof.it).

Waldheim. Gerade mal fünf Minuten mit dem Auto vom Kursort entfernt wird hier ein ordentliches Mittagessen serviert. Und wie im "Kürbishof" kann man sich auch hier einmieten (www.hotel-waldheim.com).

Hinkommen: Anreise über Bozen, von dort ca. eine Autostunde Richtung Neumarkt/Fleimstal. Der Kursort ist Altrei, eine Gemeinde, die sich auf verschiedene Bergdörfer verteilt (www.gemeinde.altrei.bz.it).

Weil am Rhein: Ich näh' mir was zum Sitzen!

Antje Kunstmann baut im Vitra Design Museum an ihrem ersten Stuhl-Projekt

Möbel nach Plänen im Internet selber bauen ist sehr trendy, aber allein nicht ganz so einfach. Deshalb versuchte sich BRIGITTE-Mitarbeiterin Antje Kunstmann im Vitra Design Museum in Weil am Rhein an ihrem ersten Stuhl-Projekt.

Rrrr. Wenn dieser Tag ein Geräusch wäre, klänge er genau so. Rrrr. Und noch mal und noch mal und noch mal. Hundertfach. Dabei ist dieses Rrrr eigentlich nur der ausgedehnte Schluss­akkord des Workshops.

Begonnen hat der Stunden vorher erst einmal mit Zuhören: Kursleiter Filipe Vieira, bildender Künstler und Designer, hat uns – zwei jungen Frauen, einem Vater mit seiner Teenager­ Tochter und mir – unser heutiges Projekt vorgestellt: den "ZipStitch Chair" des US­-Amerika­ners Ben Uyeda. Der Architekt und Desi­gner gehört zur sogenannten Open­ Design ­Bewegung. Anleitungen zu seinen Ideen gibt es im Internet. Jeder kann sie nachbauen, verändern, verbessern. Eigentlich also das genaue Gegenteil zu den zeitlosen Möbel­-Ikonen kongenialer Stars wie Charles und Ray Eames, Verner Panton oder den Bouroullec­ Brüdern, die nebenan produziert werden. Wir befinden uns auf dem riesigen Gelände des Möbel­herstellers Vitra in Weil am Rhein. Hier versammelt sich ein Who ­is ­Who der Architektur-Elite (Betriebs-­Feuerwache von Zaha Hadid, Produktionshalle von Sanaa, das Design Museum von Frank Gehry, um nur einige zu nennen), wir aber werden in einer charmant­schrabbeligen Werkhalle zur Tat schreiten.

Als Erstes lernen wir dabei eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Möbelbau: Präzision. Zum Glück sind die 13 Teile schlichten Bir­ken­-Multiplex -Holzes, die wir zum "ZipStitch Chair" vernähen werden, schon passgenau gesägt. Nun aber gilt es, diese möglichst exakt mit Markierungen für die Bohrlöcher zu versehen. Und da es immerhin um genau 280 Stück geht, wird gleich eine zweite Lektion daraus: Geduld.

Ein bisschen erleichtert bin ich also schon, als ich endlich die Tischbohrma­schine anschmeißen darf. Zwar habe ich als durchschnittliche Heimwerkerin noch keine Erfahrungen mit diesem Gerät, doch nach den ersten Bohrungen habe ich mich eingegroovt. Langsam absenken, damit die Holzoberfläche nicht splittert; sobald der Bohrer im Material ist, Gas geben, zurückdrehen, Holzmehl wegpus­ten, nächstes Loch in Angriff nehmen. Locker, lässig, schnell – 280­mal!

Filipe Vieira hat uns gleich zu Anfang erklärt, dass Gestaltung nicht bloß Hand-­, sondern auch Kopfarbeit ist. Und genau die ist jetzt erforderlich, damit aus den frisch gelochten Brettern eine dreidimensionale Form wird: Beim fertigen Stuhl sitzt diese Fläche unten rechts im Fuß, dann muss sie jetzt erst einmal ver­kehrt herum liegen und sich mit dieser Fläche links verbinden ...

Und dann ertönt auch schon das erste Rrrr: kleine Plastikzähnchen, die über eine Ratsche rattern. Die hölzernen Teile des Stuhls werden nämlich mit Kabelbin­dern verbunden beziehungsweise mit Gelenken aus jeweils zwei Kabelbindern. Theoretisch macht das schon 560­mal rrrr, praktisch liegt der Wert aber locker im vierstelligen Bereich, da die Strapse erst nach und nach angezogen und außer­ dem des Öfteren wieder gelöst werden müssen – wenn das räumliche Vorstel­lungsvermögen in gedanklichen Knoten endet. Dank Fotografin Bettina, die mich immer mal wieder unterstützt, bin ich schließlich die erste unserer Gruppe, die den Stuhl quasi zum Leben erweckt.

Eben noch lagen die zusammenge­knüpften Puzzleteile wie ein Teppich auf dem Tisch, jetzt beginnen sie sich durch das Zurren der Kabelbinder allmählich aufzurichten. Wie eine fallen gelassene Marionette, die Faden für Faden wieder auf die Beine gebracht wird. Nach und nach ent-­ bzw. erstehen so Fuß, Sitz­fläche, Lehne. Schade eigentlich, dass man volle Konzentration und absolutes Fingerspitzengefühl braucht, um im Wirrwarr der Plastikenden immer die richtigen zu erwischen, und nicht einfach nur staunend daneben stehen kann.

Wenig später nehme ich Platz. Ich bin ein wenig unsicher, ob mein Werk auch wirklich hält, aber dann sitze ich und schließe für einen Moment die Augen. Sicher würde ich auf einem der Vitra­ Klassiker deutlich besser sitzen, aber bestimmt nicht glücklicher. Rrrr, rrrr, rrrr macht es um mich herum.

Mein Fazit: Der Workshop ist deutlich mehr "work" als erwartet, doch spätes­tens wenn das Ergebnis dann endlich vor einem steht, sind die Mühen vergessen.

Nachmachen: ?Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein bietet Workshops zu verschiedenen Themen (z. B. Licht und Leuchten, Papp-Design oder 3-D-Drucken). Dauer jeweils 6–7 Stunden, ab 65 Euro inkl. Material und Verpflegung. Der "Open-Design-Kurs" kostet 85 Euro (Charles-Eames-Straße 2, Weil am Rhein, Tel. 076 21/ 702 32 00, www.design-museum.com). Wer einen Kurs belegt, sollte für Museum, Campus und Vitra-Haus – dort werden die Vitra-Produkte präsentiert – am besten einen zweiten Besuchstag einplanen.

Übernachten: ?Nomad Design & Lifestyle Hotel. Nach so viel gutem Stil ist das Anfang des Jahres eröffnete Hotel in Basel – ein Mix aus Sichtbeton, Holz und warmen Farben – genau richtig. DZ ab 91 Euro (Brunngässlein 8, Basel, Tel. 00 41/616 90 91 60, www.nomad.ch).

Die Region: Weil am Rhein liegt im Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Schweiz, grenzt an Basel und ist von?dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Die Schweizer Metropole zeichnet sich aus in Sachen Kunst (Messe Art Basel, Museum Tinguely, Fondation Beyeler etc.) und Architektur (Bauten von Renzo Piano, Herzog & de Meuron, Mario Botta etc.). Architektur-Führungen organisiert u. a. das Schweizerische Architekturmuseum (www.sam-basel.org). Von Basel Tourismus gibt es außerdem umsonst ein kleines Booklet mit verschiedenen Architekturpfaden, die man auf eigene Faust erkunden kann.

Ginbrennen in Edinburgh: Ganz mein Drink!

BRIGITTE-Redakteurin und Schottland-Fan Sonja Niemann ergreift jede Gelegenheit für einen Edinburgh-Besuch. Und Ginbrennen fand sie auch sehr reizvoll.

Gin ist ein urbritisches Getränk, mit dessen Hilfe Queen Mum 101 Jahre alt geworden ist, und er gibt Tonic Water diese leckere Alkoholnote. Das war bisher so ziemlich alles, was ich zum Thema Gin beizusteuern wusste. Aber das wird sich jetzt ändern: Nach nur drei Stunden in der "Edinburgh Gin Distillery" soll ich nicht nur alles über das Hipster-Getränk der Stunde wissen, sondern sogar meine ganz einzigartige und selbst gemachte Flasche Gin in den Händen halten. Und mein Anspruch ist natürlich, dass es der beste Gin der Welt werden wird – wenn schon, denn schon.

Meine Unwissenheit fängt allerdings schon damit an, dass ich angenommen hatte, für ein wirklich authentisches Gin-Erlebnis eher nach London fahren zu müssen, schließlich steht auf fast jeder Flasche "London Dry Gin".

Bin ich hier in Edinburgh also überhaupt an der richtigen Adresse? Klar, meint Ewan Angus, mein Workshop-Leiter, ich sei sogar genau richtig: "Die Bezeichnung ,London Dry Gin' hat gar nichts mit der Herkunft zu tun, das ist lediglich eine bestimmte Art der Herstellung. In Wahrheit kommen 70 Prozent des britischen Gins aus Schottland, darunter bekannte Marken wie ‚Hendrick's', ‚Tanqueray' und ‚Gordon's'." Und gleich kommt noch der "Gin Son" dazu, denke ich freudig ("Son" wie Sonja, ja, okay, ist nicht super originell).

Bevor es losgeht, gibt es aber noch ein bisschen Theorie: Gin, erzählt mir Ewan, ist im Prinzip nichts anderes als ein ziemlich neutraler Getreidealkohol (sprich: Wodka), der mit verschiedenen "Botanicals", also Kräutern, Beeren und Gewürzen, aromatisiert worden ist – allen voran natürlich mit dem charakte­ristischen Wacholder. Auch Koriander sei fast immer dabei, oft Iriswurzel, die dafür sorge, dass sich die Aromen nicht so schnell verflüchtigen, dazu Angelika­ sowie Süßholzwurzel, die den Gin nicht nach Lakritze schmecken lasse, sondern ihm eine leichte Süße gibt. Diese insge­samt fünf Grundgewürze, die bereits einen ganz anständigen Gin ergeben wür­den, hat Ewan ohne mein Zutun (und ein wenig zu meiner Enttäuschung) gestern schon in den Alkohol eingelegt, der vor mir im Bottich einer kleinen Tisch­ Destille herumschwappt. Meine Aufgabe ist es nun, weitere "Botanicals" hinzuzufügen, damit nach der Destillation nicht nur ein anständiger Gin rauskommt, sondern ein großartiger, individueller. Aber welche nehme ich nur?

Ich schnuppere und probiere mich hilflos durch eine Batterie von Gewürzen, die Ewan vor mir aufgebaut hat und erklärt: "florale" Noten (Rosenblätter, Hibiskus, Kamille . . . ), Zitrus­-Schalen (Orange, Zitrone, Bitterorange), intensive Gewürze, die ich nicht mag (Anis, Fenchel, Muskatnuss), Pfeffer jeder Schärfe und mir unbekannte Zutaten wie Para­dieskörner, die erst nach gar nichts schmecken und dann im Abgang erstaun­lich stark sind. Zur Entscheidungsfin­dung wird mir an diesem Montagmittag der erste Gin Tonic sowie der gute Rat gereicht, mich auf maximal fünf oder sechs "Botanicals" zu beschränken – mehr seien was für Fortgeschrittene.

Meine Auswahl zu treffen, ist mit Abstand das Schwierigste am Kurs, das anschließende Abwiegen der Zutaten auf der elektroni­schen Mini­ Waage dagegen ein Klacks, was vor allem daran liegt, dass Ewan mir sagt, wie viel ich von jedem "Botanical" nehmen muss, damit der Gin hinterher keine Katastrophe ist. Einen Teil der Zutaten kippe ich direkt in den Alkohol, filigranere Blätter fülle ich in ein Teesäck­chen, das in den Alkoholdampf gehängt wird, der entsteht, sobald die Destille angeschmissen wird. Eiswürfel kühlen den Dampf dann wieder runter, er kon­densiert und tröpfelt als hochprozentiger Alkohol in ein Gefäß. Die ersten Tropfen kommen schon nach ein paar Minuten, ich fange sie neugierig auf, verdünne sie mit Wasser, trinke und merke: Mein Gin schmeckt widerlich.

Ewan beruhigt mich und sagt, dass das ganz normal sei: Die ersten Milliliter, die beim Destillieren entstehen, werden "Head", also "Kopf", genannt und sind wegen diverser Unreinheiten immer untrinkbar, ebenso der letzte Rest, der rauskommt und in der Fachsprache kon­sequenterweise "Tail", also "Schwanz" heißt. Beides gehört weggekippt.

keine Bildunterschrift

Damit mein Gin erst mal in Ruhe ohne mich vor sich hinköcheln kann, schickt mich Ewan mit einer Besuchergruppe auf Tour durch die "Edinburgh Distillery", wo Tour-­Guide Cara von der wechselvol­len Geschichte des Getränks erzählt. Im 18. Jahrhundert noch als heimgebrautes Billig­ Gesöff der untersten Schichten verschrien (Stichwort: "Mother's Ruin"), avancierte er im 19., während des Viktorianischen Zeitalters, zum Highlight für die britischen Kolonialherren und ­Damen in Afrika, bevor er für Jahrzehnte wieder out war. Heute gilt er als so cool, dass es immer mehr kleinere, regionale "Craft ­Gin"­-Destillerien gibt – darunter eben auch diese, die eher nach gemütli­chem Wohnzimmer mit angeschlosse­nem Braukeller als nach Spirituosen­ Fa­brik aussieht. Die Produkte des Hauses sind auch lecker, wie sich bei den Verkos­tungen eindrücklich herausstellt.

Aber natürlich ist keines so gut wie MEIN Gin, der nach etwa 90 Minuten fertig ist. Ich bilde mir sogar ein, die feinen Aromen von Holunderbeere, Hi­biskus, schwarzem Pfeffer, süßer Orange und Paradieskörnern (immer noch keine Ahnung, was das genau ist . . . ) heraus­ zuschmecken. Mit meiner Flasche Gin, versehen mit wunderschönem "Gin Son"­ Etikett, laufe ich glücklich und leicht berauscht in den Edinburgher Spätnachmittag. Wohin nun? Die Mög­lichkeiten für Unternehmungen in dieser großartigen Stadt sind ja schier un­endlich. Den empfohlenen Besuch der "Scotch Malt Whisky Society" werde ich allerdings wohl auf morgen vertagen.

Mein Fazit: Die "Gin Making Ex­perience" ist mehr eine sensorische Erfahrung als handwerklich fordernd. Wer Gin mag und ohnehin in Edinburgh ist, verbringt hier einen interessanten und lustigen Nachmittag. Und nimmt ein einzigartiges und wohl schmeckendes Andenken mit nach Hause.

Nachmachen: Die "Gin Making Experience" wird von der "Edinburgh Gin Distillery" im Herzen der Stadt täglich um ?12.15 Uhr angeboten. Rechtzeitig anmelden! Der Kurs dauert drei Stunden und wird in Kleingruppen von max. vier Teilnehmern durchgeführt. Preis ca. 100 Euro (1a Rutland Place, Edinburgh, Tel. 00 44/ 131/656 28 10, www.edinburghgindistillery.co.uk).

Übernachten: Double Tree by Hilton. Die Lage dieses modernen, sehr komfortablen Businesshotels ist nicht zu toppen – alle wichtigen Sehenswürdigkeiten sind schnell zu Fuß zu erreichen, und auch zum Gin-Workshop ist es nicht weit. Je nach Saison gibt es hier ein DZ/F manch- mal schon ab 118 Euro (34 Bread Street, Tel. 0044/ 131/221 55 55, www.doubletree3.hilton.com).

Ausgehen: Bramble Bar. Hinter dem äußerst unauffälligen Eingang findet man eine der besten Cocktailbars Schottlands – u. a. mit einer riesigen Auswahl an Gin-Sorten. Die Atmosphäre ist angenehm unschnöselig, am Wochenende legen DJs auf (16A Queen Street, www.bramblebar.co.uk).

Aus BRIGITTE 8/2016

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