La Gomera: Valle Gran Rey - charmant wie eh und je!

Während die meisten Ferienorte immer voller und touristischer werden, ist im Valle Gran Rey auf La Gomera die Zeit stehen geblieben. Eigentlich ein Wunder.

Es muss ein Reflex sein, denke ich. Ich sitze auf dem schwarzen Sand, vor mir brechen sich schäumende Wellen, und die Sonne nimmt gerade die Farbe einer Orange an. Da kreuzen sich automatisch meine Beine zum Yogi-Sitz, die Handflächen öffnen sich, die Augen fallen zu - und blinzelte ich nicht doch wieder durch die Lider, es könnte mir ein Ommm entfahren.

So nämlich fühlt es sich an, hier am Rand der Welt, auf dem Strand der Kanaren-Insel La Gomera: wunderbar warm und wohlig. Doch dann sehe ich rechts und links von mir die anderen hocken, in der gleichen Positur wie ich und mit dem gleichen verzückten Strahlen. Und mein Hirn fängt wieder an zu flitzen wie ein Äffchen, es ist ja erst ein paar Stunden hier und noch nicht zur Ruhe gekommen, und es denkt: Wahnsinn, vor 22 Jahren warst du das letzte Mal hier im Valle Gran Rey, und es wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben! Die Leute hocken noch genauso am Strand herum. Total entspannt. Nur etwas angegraut. Anders als an den Touristen-Orten dieser Welt ist hier nichts zugebaut. Alles ist wie immer. Nicht hektisch, nicht anstrengend. Wie konnte La Gomera so unaufgeregt bleiben?

Und warum kommst du nicht öfter her, um dich vom Vulkansand wärmen zu lassen, die salzige Gischt des Atlantik einzuatmen, durch den Urwald zu wandern und vor der legendären Bar von Maria mit den kanarischen Guitarreros die Abendsonne und einen Vino tinto zu genießen? Und hey, schäkert das Affenhirn, würdest du hier nicht auch bleiben wollen? Wie all die anderen super ausgeruhten Deutschen, die seit den 70ern ins Valle Gran Rey zogen, als Hippies, Yogis oder Bonbonverkäufer?

So wie Brigitte, mit der ich am nächsten Morgen zum Nebelwald spaziere, der zum Nationalpark Garajonay gehört. Als die Schlucht des Valle Gran Rey noch im Schatten lag, sind wir mit einem kleinen Bus die Serpentinen hochgekurvt. Zur Sonne hin und zu den Wolken, ins Hochland der Insel. Brigitte arbeitet als Wanderer führende Kräuterhexe. Was verhutzelter klingt, als sie ist, mit ihrem kumpeligen bayerischen Tonfall. "Vor 31 Jahren saß ich bei Maria an der Bar und hab Bändchen geflochten", sagt sie, "und da kam einer und wollte wissen, wie es mir hier gefällt." Dem habe sie erzählt: Das werde ihr alles zu touristisch hier, bald ginge sie nach Indien. "Hab ich erlogen, damit keiner nachkommt!"

Stattdessen heiratete Brigitte bald einen Gomero. Das mit den Pflanzen und deren heilender Wirkung erklärte ihr später eine uralte Nachbarin. Wir laufen vorbei an Agaven, Palmen und Baumheide - tief in den Lorbeerwald hinein. Der sieht aus, als wäre seinem Zauber auch der Regisseur des Films "Der Herr der Ringe" erlegen: Zwischen den mit Moos bedeckten Bäumen stehen Farne, Flechten, und alles ist in einen dichten Nebel gehüllt, der sich feucht auf meiner Haut niederlässt. "Chipichipi nennen sie das hier", sagt Brigitte, "es ist horizontaler Regen, denn die Bäume melken die Wolken, die der Passat über die Kanaren treibt." Nur dass die anderen Inseln abgeholzt wurden und der Regenwald von Gomera in den 80ern als Weltnaturerbe geschützt.

Vielleicht lag das auch ein bisschen an Deutschen wie Brigitte, die in der Heimat nicht nur gegen Plastiktüten demonstrierten, sondern gegen vieles mehr, bevor sie nach La Gomera kamen. So ließen sich hier manche der typischen Sünden verhindern; zum Beispiel wird der Müll getrennt - und die vielen Wanderwege sind akribisch ausgewiesen. Vor uns öffnet sich ein Aussichtspunkt, die Schlucht von Hermigua, zum Norden der Insel hin. Hier blicke ich über grüne Wälder hinweg auf das tiefblaue Meer, und es fühlt sich an, als holten meine Augen tief Luft.

Dann fächert mir Brigitte den Geruch von Zitrone unter die Nase: "Wenn deine Ehe kaputt ist oder wenn du Schulden hast, dann nimm Citronella canariensis!" Die sei gut gegen Depressionen und Haarausfall. Brigitte lacht: brauche sie beides nicht. "Wenn ich regelmäßig einen Spaziergang hierher mache", sagt sie, und ihre wachen Augen ziehen feine Fältchen, "geht es mir eh gut." Ich streiche über die Blätter, und es ist, als hörte ich das Äffchen aus meinem Hirn über die bemoosten Äste weghüpfen.

Abends am Strand rauscht das Meer, und der Mond sieht aus wie eine Banane. Ich denke: Gomera ist so entspannt, weil hier Menschen leben wie Brigitte. Die keine Depressionen haben muss. Auch weil sie durch einen nach Zitrone duftenden Wald spazieren kann. Das hat auch Tobias geschnallt. Der ehemalige Software-Manager wohnt seit einem halben Jahr im oberen Teil der Schweinebucht. So haben die Gomeros die kleine Bucht mit den Höhlen hinter dem Hafen von Valle Gran Rey genannt, in denen die Hippies in den 70ern lebten - vorwiegend nackt (was die Eingeborenen erstaunlich tolerant aufgenommen haben). Oberhalb der Bucht ist ein Garten Eden, auf seinen Terrassen wachsen Früchte, von deren Existenz ich noch nicht mal wusste. Tobias hilft hier aus. Er lässt mich jetzt, an meinem dritten Tag in den Subtropen, vom Baum der Jamaica Cherry kosten.

Sie schmeckt wie Popcorn. Oder die Vechaya, süßer noch als die Kiwi, und die Manga, wie die Gomeros die faserfreie Mango nennen. Wenn Tobias das Geschäftskonzept der Gärtner erklärt, ein deutsches Paar in Rente, dann verkneift er sich nicht das erheiterte Grinsen: "Die Früchte kommen nicht auf den Markt - man will niemandem Konkurrenz machen, es geht hier nicht um Profit." Die Früchte seien einfach nur so da. Zum Anschauen. Zum Begreifen. Um die Süße des Lebens zu schmecken. Das ist Gomera: einfach nur so da sein. Aus Lust an der Freude.

An einem Tag laufe ich auf dem Weg Richtung Hafen durchs Viertel Borbalan. Und ja, ich komme an nicht wenigen neuen Häusern vorbei und einer neuen Einkaufsstraße. Sie wollten die Insel vor ein paar Jahren in einem kurzen Anfall von Größenwahn zu einem Kreuzfahrt-Eldorado machen. Die riesige Anlegemole verschandelt bis heute den kleinen malerischen Fischerhafen und ist Gomeras nahezu einzige Bausünde. Die Einkaufsmeile ist ein weiteres Relikt. Dann kam die Krise, und das Geld ging erst mal aus. "Zum Glück", sagt Capitano Claudio, der in etwa so lange wie Brigitte hier lebt und den sogar seine spanische Frau Capitano und nicht Heinrich nennt.

Capitano Claudio ist 79 Jahre alt und das Gomera-Unikum - mit Zigarette im weißen Bart, Ringen im Ohr und einem gehörigen Schalk in den Augen. Er hat als Erster auf der Insel Wale beobachtet, bietet immer noch WhaleWatching-Touren für Gäste an und gibt ein deutsches Satire-Magazin her aus, den legendären "Valle-Boten". Eines seiner Lieblingsthemen ist die geplatzte Idee mit den Kreuzfahrtschiffen. "Bevor hier Horden von Kreuzfahrern einfallen, würde ich den Laden lieber schließen", lacht der Capitano und zieht an seiner Zigarette.

Auch eine neue Straße haben sie im Zuge dieses Planes an den Strand von La Playa gesetzt. So dass Maria ihre Terrasse etwas räumen musste. Aber das fällt zum Glück kaum noch auf. Ich gehe, nein, ich schlurfe zu ihrer Bar. Wie jeden Abend. Wie es hier alle tun nach ein paar Tagen. Es ist der Valle-Swing. Maria war über Jahrzehnte die Königin des Valle. Seit zwei Jahren ist sie im Altenheim auf Teneriffa. Und die Hippie-Trommler, die seit Jahrzehnten legendär mit ihrem Getrommel den Sonnenuntergang begleiteten, sind auch nicht mehr so häufig da. Aber darüber bin ich nicht so traurig. Mir sind die kanarischen Musiker sowieso lieber. Sie setzen sich um den Tisch vor der Bar, die jetzt Marias Sohn schmeißt, und greifen in die Saiten ihrer Gitarren. Um sie herum wippen wir, die alten und die neuen und die wiederkehrenden Gäste. Angegraut, verstrubbelt und entspannt. Und freundlich. Nur eine Einheimische schnaubt kurz und tuschelt: "Jeden Abend spielen sie die gleiche Musik!" Und dann verdreht sie die Augen gen Sternenhimmel.

Da muss ich lachen, laut sogar. Denn mein Äffchen ist wieder da und flüstert: Das würdest du keine sechs Wochen aushalten! Aber zwei schon. Oder drei - und nicht erst wieder in 22 Jahren!

Hinkommen

 Flüge nach Teneriffa-Süd ab circa 230 Euro. Dann mit der Fähre von Los Cristianos auf Teneriffa nach San Sebastián auf La Gomera (ca. 60 Euro hin und zurück). Fährt je nach Saison mehrmals am Tag, es gibt zwei Fähr-Anbieter: www.fredolsen.es oder www.navieraarmas.com. Vom Flughafen nach Los Christianos fahren Linienbusse, oder man nimmt ein Taxi (ca. 27 Euro). In San Sebastián am besten einen Mietwagen (sind in der Regel sehr günstig) direkt ab Fähranleger mieten, wenn man sich auf der Insel fortbewegen will. Der Bus Nr. 1 fährt je nach Saison 2 bis 5 Mal am Tag ins Valle Gran Rey, Fahrzeit etwas mehr als eine Stunde.

Wo bleiben?

Natürlich gibt es auf La Gomera mehr Orte als nur das Valle Gran Rey, das hauptsächlich aus den Ortsteilen La Calera (am Hang), Borbalán (Banken- und Einkaufsviertel), La Playa (Hauptstrand), La Puntilla und Vueltas (Hafenviertel) besteht. "Das Valle", wie man hier sagt, ist aber einfach der beste Platz. Hier hat man alles: Strand, Restaurants, Nachtleben - aber eben auch Ruhe und Natur. Sowohl geeignet für Alleinreisende als auch für einen Familienurlaub.

Übernachten

Casa La Higuera. Inmitten der Bananenplantagen, umgeben von einem Gärtchen voller Blumen, Mangos und Zitronen nahe La Playa liegt dieses hübsche Haus mit zwei Wohnungen und Dachterrasse. Top ausgestattet, für 2 Pers. ab 72 Euro/Tag und für 4 Pers. ab 82 Euro/Tag.

Casa Verde. Schon vom Bett aus (!) blickt man hier über La Calera und die Plantagen aufs Meer, von der Dachterrasse erst recht. Zwei einfach, aber nett eingerichtete Wohnungen für 2 Personen, ab 49 Euro/Tag.

Die beiden Häuser und viele andere sind buchbar über das Reisebüro La Paloma, in dem Deutsch gesprochen wird: Tel. 0034/ 922 80 60 43, www.gomera.de. Oder in Deutschland, direkt über die Inhaberin Cornelia Falkenberg, Tel. 04103/703 26 04. Man kann hier auch Pakete inkl. Fähre und Mietwagen buchen.

Hotel Gran Rey. In diesem Hotel am Strand von La Puntilla bekommt man Blick aufs Meer oder auf die Berge und allen Komfort, den man von einem schönen Pauschalhotel erwarten kann. Vor allem für Menschen, die nicht so gut zu Fuß sind, eine sehr schöne Unterkunft, mit Pool. DZ/F ab 116 Euro (Tel. 922 80 58 59, www.hotelgranrey.es).

Hotel Playa Calera. Das Vier-Sterne-Hotel liegt am anderen Ende der Bucht des Valle Gran Rey. Modern ausgestattete, neue Zimmer, die meisten mit Balkon. DZ/F ab 102 Euro (Tel. 922 80 57 79, www.hotelplayacalera.com).

Hotel Torre Del Conde. Eher praktisch als schön - aber falls man noch einen Tag in San Sebastian bleiben oder dort nur übernachten will, weil die Fähre so früh oder spät fährt. DZ/F ab 64 Euro (Tel. 922 87 00 00, www.hoteltorredelconde.com).

Genießen

Bar Cacatua. Die erste, von desertierten GI's eröffnete Hippie-Bar im Valle. Jetzt spricht man Deutsch, sitzt schön im Hof, wenn's sein muss mit W-Lan und TV. Der Mojito für 4,50 Euro hat es in sich, aber auch die leckeren Sandwiches und Salate. Am Wochenende gibt es häufig laaange Partys oben in der Bar (Vueltas, Calle Abisinia 5, Tel. 922 80 61 04).

El Descansillo. Die Terrassen-Taverne in einem Gässchen am Hang in La Calera wird von zwei Brüdern betrieben und ist ein echter Geheimtipp! Romantisch gelegen, tolles einfaches Essen. Hier gibt es Tunfisch mit Banane, gegrillten Tintenfisch oder Kaninchen mit frischem Knoblauch und einen guten Hauswein zu sehr moderaten Preisen. Hauptgerichte ca. 8 Euro (La Calera, La Calle Cuestita, Tel. 922 80 57 85, www.restauranteeldescansillo.com).

Casa Efigenia. In den Bergen, in Las Hayas, macht die alte Efigenia den gerösteten Maisbrei Gofio, den mit Mojo angerührten Ziegenkäse Almogrote und andere vegetarische Gerichte - allen voran natürlich die typischen salzigen Kartoffeln. Menü 10 Euro (Las Hayas, Tel. 922 80 42 48, www.efigenianatural.com).

Einkaufen

In der Einkaufsstraße im Stadtteil Borbalán gibt es Supermärkte, Apotheken, Drogerien und Souvenirläden. Origineller ist, was man bei Capitano Claudio bekommt: den "Valle-Boten", Angeln, Muscheln und schöne Messer (Calle Abisinia 2, Vueltas, Tel. 922 80 57 59). Direkt gegenüber gibt es Weine aus Gomera und Teneriffa, Schmuck und Ledertaschen (Vino Tinto Shop, Tel. 922 80 59 41).

Unbedingt machen!

Wandern mit TIMAH. José - der eigentlich auf Tirolerisch Joseph heißt - organisiert seit Jahren gut geführte Wanderungen über die ganze Insel, z. B. mit "Kräuterhexe" Brigitte durch den Regenwald, über Hirtenpfade oder an die Nordküste. Im Laden in Puntilla gibt es auch Schuhe und Ausrüstung (Tel. 922 80 70 37, mobil 616 47 22 50, www.timah.net).

Fruchtgarten Argaga. Die Exoten, die im Garten der Schraders an Bäumen und Büschen hängen, sind eine Wucht: überraschend, interessant, süß. Man geht am Hafen vorbei unterhalb der Felswand am Meer entlang, in die sogenannte Schweinebucht, und dann den Barranco de Argaga hinauf. Dienstags und freitags zwischen 10 und 17 Uhr gibt es Führungen (Tel. 922 69 70 04, www.fruchtgarten.info).

Wale und Delfine beobachten. Von der Mole am Hafen legen täglich mehrere Boote zum Whale-Watching ab, große und kleinere, und es gibt fast keinen Tag im Sommer, wo nichts zu sehen wäre. Eine halbe Stunde lang dürfen die Boote den Walen oder Tümmlern folgen. Das reicht, um restlos ergriffen zu sein von dem majestätischen Frieden, den sie ausstrahlen. Seefest sollte man allerdings sein, es schaukelt oft ganz schön. Und danach in einer einsamen Bucht vor Freude vom Boot köpfen. Modern mit Glasboden: Excursiones Yani, Tel. 639 88 91 22. Uriger kleinerer Kutter: Excursiones Amazonia, Tel. 616 47 22 65.

Strände

Die meisten Strände im Valle sind schwarz vom Vulkansand und relativ überschaubar - aber für jeden ist was dabei. Mit Kindern am ruhigsten im Hafen in Vueltas. Mit Babys in der umschlossenen Bucht am Babybeach vor Charco el Conde. Für die ganze Familie an der großen Playa vor Marias Bar. Und für Abenteurer, Nacktbader, Sonnengrüßer und Yogisitzer: an der Playa del Ingles. Hier sind die Wellen des Atlantik hoch, die Unterströmungen nicht ganz ungefährlich, Baden ist also nicht ohne - aber die Schönheit zwischen hohen Felsen, warmem Sand und Blick übers Meer zur Insel El Hiero: Omm!

Text: Nataly Bleuel
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