Ladakh: Der friedlichste Ort der Welt

Jeder hat eine Ahnung davon, was das Land seiner Sehnsucht ist. Für BRIGITTE-Redakteurin Meike Dinklage liegt es im Himalaya: Ladakh, ein magisches, zutiefst buddhistisches altes Königreich.

Der Mönch Wangyal betet auf dem khardong-Pass in etwa 5600 Meter Höhe

Einen Nachmittag lang sitze ich am Fenster des Klosters. Auf der Holzbank am Eingang trocknet das Geschirr in der Sonne. Zwei Bäuerinnen kommen den Weg herauf, sie tragen Wollmäntel und um den Hals dicke Ketten aus Türkisen, sie bringen frischen Kohl für die Küche. Sie heben die rechte Hand an die Stirn, die Handkante nach außen, und rufen "Julee!", das ist der Gruß im Ladakh, er klingt wie ein Jubel.

Wenn ich den Kopf schief lege und nach oben schaue, sehe ich hinter jeder Bergkuppe eine noch höhere, die höchsten haben noch Schnee. Als die Sonne darauffällt, sehen sie aus wie aus dem Himmel gestanzt. Ein Duft zieht herein, süßlich, ein paar alte Männer klopfen auf dem Platz neben dem Kloster getrocknete Tannennadeln zu Pulver und füllen es in eine Kiste mit kleinen Buddha-Figuren aus Lehm, die sie dem Kloster schenken wollen.

Ich schließe die Augen. Ich höre die Stimmen der Mönche oben im Andachtzimmer, ihren tiefen, monotonen Gesang. Ich höre das Rauschen des Schmelzwassers, das aus den Bergen in schmalen Trassen zu den Feldern fließt. Es rauscht wie ein wilder Fluss, dabei ist das Wasser nur knöcheltief. Ich denke: Ich habe es gefunden. Was Sehnsucht war, ist wirklich. Und wie einfach es ist, hier zu sein. In einem Kloster im Ladakh, in diesem Land, in das ich immer wollte. Ich weiß nicht, warum, es war mein halbes Leben so, ich hatte Herzklopfen, wenn ich davon hörte oder daran dachte.

Das Kloster Thagchockling

Aber nun ist die Suche zu einem Ende gekommen, und das Ende ist ein Nachmittag am Fenster und ist doch wieder ein Anfang. Ich drehe die Schale mit Pfefferminztee in meiner Hand. Der Tee schwappt lautlos an die Ränder. Es ist ganz still. Wenn mich Sehnsucht hierher brachte, was bringt mich je wieder fort?

Ladakh heißt "Land der hohen Pässe". Es liegt am nordwestlichen Rand des Himalaya, 4000 Meter hoch. Die Region ist nahezu unbewohnbar, nicht mal ein Prozent der Fläche ist besiedelt. Die Sommer sind kurz, die Ladakhis ernten dann, was für den Winter reichen muss, Gemüse, Gerste und Weizen, die sie rösten und stampfen und in ihre Eintöpfe rühren. Im Winter, wenn alle Wege verschneit sind und die Menschen in den Dörfern ihre Häuser nichtverlassen können, fällt das Land in die weltvergessene Ruhe zurück, in der es jahrhundertelang lag, als es ein buddhistisches Königreich war - Maryul, "Rotland", genannt, wegen der roten Roben der Mönche. Der Buddhismus kam im 8. Jahrhundert ins Ladakh, noch heute ist er die Hauptreligion der 160 000 Ladakhis, und ihre Klosterkultur ist noch intakt. Die Klöster sind in die Berge halten sie und bringen sie hervor, Berge und Buddhismus sind Stein und Geist, der Geist füllt den Stein, der Stein hält den Geist, sie durchdringen sich gegenseitig.

Im Kloster Thagchokling legt der Mönch Wangyal seine Stirn in Falten, wie er es immer tut, wenn er versucht, die Grundprinzipien des tibetischen Buddhismus zu erklären. Er rückt die randlose Brille zurecht, wirft den roten Kaschmirschal über die Schulter, hunderte Mal am Tag tut er das. "Look, your cup", sagt er, "deine Tasse mit Tee. Du glaubst, was du siehst, für dich ist sie eine Tasse. Für mich aber ist sie nur ein Symptom, nur eine Ansammlung von Molekülen. Wohin geht sie, wenn sie zerbricht? Was ist sie dann? Die Schale ist nichts. Sie existiert nicht aus sich selbst heraus. Nichts ist absolut. Wir nennen es die Leerheit." Drei Tage leben wir schon im Kloster. Eine Woche im Ladakh.

Als wir ankamen, morgens um sechs mit dem Flugzeug aus Delhi, war es kalt, die Luft klar und so dünn, dass wir vorsichtig atmeten, weil wir nicht sicher waren, ob der Sauerstoff reichen würde. Wir schliefen ein paar Stunden in einem sehr kalten Hotelzimmer, dann hatte sich der Körper gewöhnt. Wir gingen los, durch die Straßen von Leh, der Hauptstadt mit 15 000 Menschen, 3500 Meter hoch. Modern auf eine Art, der man anmerkt, dass sie eben noch ein Dorf war. Es gab Restaurants und Internet- Cafés, die jungen Ladakhis hatten Gel im schwarzen Haar, ein paar Mädchen trugen enge Shirts und Jeans. Auf einem Parkplatz spielten junge Mönche Kricket, der kleinste von ihnen verlor beim Laufen seine Schuhe, sie waren zu groß und nicht geschnürt. Wir gingen durch die Straßen, Kühe liefen umher, stahlen sich ihr Futter bei den Marktfrauen, die auf dem Bürgersteig saßen und ihr Gemüse anboten, Spinat, Kohlrabi. Die Frauen drehten ihre Gebetstrommeln und lachten über den Diebstahl. In den Läden gab es Silberschmuck, Handschuhe, Schals, in jedem hing ein Bild des Dalai Lama.

Tibet ist von jeher das geistige Zentrum des Ladakh, in den tibetischen Klöstern wurden die spirituellen Führer, die Lamas, ausgebildet, bis vor einem halben Jahrhundert die Chinesen das Land besetzten. Heute schirmen 60 000 indische Soldaten die Grenzen ab, die teilweise entlang den bis zu 6000 Meter hohen Pässen verlaufen; die geopolitische Lage des Ladakh zwischen dem muslimischen Teil Kaschmirs, Pakistan, Tibet und China ist brisant. Die ladakhischen Mönche studieren heute in den großen tibetischen Zentren Indiens.

Mönch Wangyal bei einer Klangmeditation

Das Kloster Thagchokling liegt oberhalb des Dorfes Ney, 60 Kilometer hinter Leh. Das letzte Stück Straße ist Geröll, dann taucht im Tal das Dorf auf, die Felder leuchten grün herauf, sie liegen da wie auf Kante eingepasste Teppiche zwischen den Berghängen. Das Kloster ist offen für Fremde, Nichtbuddhisten, Westler, das macht es besonders. Sie sind willkommen, sie stören nicht den Ablauf, die Mönche kommen und gehen, aber es gibt keine Extras für Besucher, nur den Alltag. Der Andachtraum unterm Dach mit seinem kleinen Altar, den Rollbildern an den Wänden und den Rezitationstexten steht allen offen.

Es gibt keine Heizung und kein elektrisches Licht. Strom kommt nur an wenigen Abenden. Am Eingang, auf dem Regal für die Schuhe, steht eine Kerze. Als der Abend kommt und es kühl wird, bringt Tashi, der Koch, Suppe, Nudeln und Kohl und mehr Kräutertee. Er hat die blaue Wollmütze tief über die Ohren gezogen. Auf dem Klosterdach sind die Sterne nah, und es sind so viele, dass es aussieht, als leuchteten sie die Berge aus. Meine Hände sind rissig von der Kälte, ich strecke sie aus, es ist, als krieche das Licht in die Haut. Es ist wie ein Schauer. Es geht kein Wind, kein Geräusch dringt herauf, das Dorf liegt dunkel. Die Stille in der Nacht ist sonderbar in diesem Land. Mit dem Tageslicht erlöschen die Koordinaten, auch die inneren, die Dunkelheit hebt alle Muster auf. Es ist die reinste Form der Stille.

Maskenfest im Hof des Klosters Hemis

In meinem Zimmer fülle ich die Alu- Trinkflasche mit heißem Wasser, lege sie mir zum Wärmen auf den Bauch und schlafe ein, bevor sie abgekühlt ist.

Am Morgen stehen Wangyals Turnschuhe schon vor dem Andachtraum.

Er schiebt den roten Ärmel zurück, hebt die Klangschale auf seine Hand, fährt mit einem Holzstab die Außenseite entlang, seine Aufmerksamkeit ist ernst und folgt seiner Bewegung, der Ton wächst zwischen Holz und Metall, wird voller, füllt den Raum ganz aus. Er stellt die Schale ab, der Ton verklingt, aber er füllt den Kopf. Er legt die linke in die rechte Hand, sein Blick ruht. "Lasst die Gedanken gehen", sagt er. "Atmet und denkt an nichts."

Mit Wangyal ist es ganz einfach. Die Stille hat eine andere Seite, die, die unruhig macht, sich Bewegung wünscht und Ablenkung. Wir packen unsere Rucksäcke und gehen für drei Tage in die Berge. Gelbe Berge, auf die sich die Schatten der Wolken wie schwarze Tatzen legen. Einem Ziegenhirten begegnen wir und einer alten Frau mit einer Kiepe voll Heu auf dem Rücken und einer Steinschleuder am Gürtel, mit der sie ihr Vieh zusammenhält. Aus der Tasche ihres Umhangs holt sie gedörrte Aprikosen. Sie schmecken nach Winter und Rauch, es ist der Rauch eines Feuers aus getrocknetem Kuhfladen, damit heizen die Ladakhis, weil sie kein Holz haben.

Wo die Straße endet, ebnen Bauarbeiter aus Nepal den Weg, sie arbeiten ohne Geräte, wuchten Felsbrocken mit den Händen zur Seite. Sonst treffen wir niemanden.

Die Stille in den Bergen verstärkt erst die Gedanken, macht sie laut und unausweichlich. Dann zerschlägt sie sie, löst sie auf wie Pulver in Wasser, das leert den Kopf. Es gibt nur Weg und Steine, Staub, Himmel, Schnee. Der Weg ist frei und der Blick weit, die Schneeberge sind die einzige Begrenzung. Wolkenfetzen hängen darüber, es sieht aus, als reiche ihre Kraft nicht, sich ganz über die Kuppe zu heben. Die Ladakhis geben ihren Bergen keine Namen, sie haben so viele davon. Sie wissen oft die Höhe nicht. Sie gehen einfach auf ihren Plastikschuhen hinauf.

Abends kommt wieder die Kälte. Die klare Kälte, die die Haut aufreißt, weicht der dunklen Kälte, wenn die Luft die Kraft der Sonne nicht mehr halten kann. Dann werden die Decken im Zelt feucht, die kriechende Kälte steigt vom Boden auf und überfällt den Körper im Schlaf. Die Kälte im Ladakh ist allumfassend. Am Morgen gibt es warmen Tee mit Milch, Tashi, der Koch aus dem Kloster, der uns auf dem Weg versorgt, hat seinen Campingkocher angestellt.

Der Pass hinter dem Dorf Hemischuckpachan ist ein karger Riese, 5000 Meter hoch, der Weg hinauf sieht aus der Ferne aus wie ein dünner, mit Bleistift gezogener Strich. Ein Schritt zur Seite, und jeder Halt ist verloren. Wir gehen, holen Luft, stehen, gehen weiter. Wir atmen mit offenem Mund, manchmal atme ich so tief aus, dass ich glaube, die Kraft reicht nicht fürs neue Einatmen. Das ist eine Sekunde heilloser Angst.

In dem Zelt schlafen Straßenbauarbeiter aus Nepal

Oben, auf dem höchsten Punkt, wehen Gebetsfahnen. Sie hängen dick wie ein Vorhang, sie tragen die Wünsche der Menschen in den Himmel. Wenn der Wind sie bewegt, sehen sie aus wie eine Skulptur, ein Mann mit zerrissenen Kleidern, ein Wächter. Wortlos wickeln wir uns in unsere Jacken und legen uns auf den blanken Felsen, die Beine beben noch vom Aufstieg. Die Steine sind warm. Die Gebetsfahnen klacken im Wind. Über mir fliegt eine Hummel. Vielleicht wächst in diesem Moment eine Ahnung.

Wangyal, in Thagchokling, sagt: "Die Leere zu verstehen braucht viele Jahre."

Wangyal ging mit zehn ins Kloster, es war sein eigener Wunsch. Er durchlief die Rituale zur Reinigung, sie dauerten fünf Monate: Er warf sich 3000 Mal am Tag vor Buddha nieder. Er sagte das Mantra eine Million Mal, betete die Mala, die Gebetskette, jede ihrer 108 Perlen steht für ein Buch des tibetischen Buddhismus. Dann meditierte er über die Leerheit, den ewigen Zyklus des Seins. Jetzt, mit 25, ist er noch immer nicht voll ordiniert, ihm fehlt der Retreat, die Jahre des spirituellen Rückzugs, allein in einer Höhle oder einem Kloster. Was dort passiert, sagt Wangyal, "darüber dürfen wir nicht sprechen". Sein Lama wird ihm sagen, wann es so weit ist. Er wartet. Seine Freunde ziehen ihn schon auf damit, dass er so spät dran ist.

An einem Tag in Thagchokling kommt eine Gruppe Mönche aus einem benachbarten Kloster mit ihren Instrumenten, Hörnern und Trommeln, den Berg hinauf. Sie wollen Thagchokling segnen, das machen sie mehrmals im Monat. Im Andachtraum sind die Rollbilder enthüllt, er ist nun nicht mehr ein einfacher Meditationsraum, offen für jeden, sondern Ort einer jahrhundertealten spirituellen Praxis mit festen Regeln. Alle Elemente, jede Bewegung, jeder Trommelschlag hat seine Bedeutung.

Die älteren Lamas nehmen in einer Reihe hinter niedrigen Bänken Platz, außen sitzen die jungen Mönche, vor sich die Petscha, einen Stapel mit losen Seiten, die sie beim Singen unablässig blättern. Ein Lama schlägt mit einem gebogenen Stab die Trommel, der murmelnde Gesang beginnt, er besteht nur aus zwei Tönen, dann halten sie inne, beten, einer der Älteren schnipst mit den Fingern, und die Mönche ergreifen erneut singend und betend ihre Instrumente, am lautesten sind die Hörner, manchmal werden die Töne scheinbar chaotisch, ebben dann wieder ab. Einer der jungen Mönche schließt die Augen beim Singen, dann kippt er nach vorn, sein Nachbar stößt ihn an und zeigt ihm die richtige Seite im Petscha-Stapel. Die Mönche singen lächelnd weiter. Der Koch Tashi bringt Tee, Zimtröllchen und Bananen herauf. Der Klang der Instrumente kann heilen und reinigen. Er kann auch die Geister vertreiben. Die, die vom Menschen Besitz ergreifen und ihn blockieren: Ehrgeiz, Verbissenheit, Zorn. Jähzorn. Manchmal reicht es nicht, was die Mönche tun können. Dann gehen die Ladakhis zu ihren Schamanen, zu denen, die noch in der Tradition des Bön, der Ur-Religion der Tibeter, stehen und in Trance Kontakt zu den Göttern aufnehmen.

Der Buddhismus im Ladakh ist ein Volksbuddhismus, die Menschen tragen Amulette, die sie vor Dämonen schützen sollen, in jedem Dorf findet sich eine dreistufige Steinskulptur zur Abwehr böser Geister, und fast jedes Dorf im Ladakh hat ein Orakel, es ist hoch geachtet.

Leh bei Nacht - eine Hauptstadt, die eben noch Dorf war

Sonam Sangmo, das Orakel von Sabu, einem Dorf bei Leh, ist eine freundliche Witwe, klein, sehr alt und im ganzen Land berühmt für ihre Fähigkeiten, Krankheiten zu heilen und bei Alltagsfragen Rat zu geben. Es heißt, sie könne eine große Gottheit zu sich rufen.

Wir betreten ihr Haus, Sonam Sangmo kommt auf uns zu, deutet auf eine Matte am Boden in ihrer Wohnküche, die sich schnell mit Menschen füllt. Sonam Sangmo ruft die Geister nur an einem Tag in der Woche, öfter verkraftet sie die Trance nicht. Wer eine dringende Frage hat, muss an diesem Tag zu ihr kommen.

Auf einem niedrigen Holzbänkchen, ihrem Hausaltar, füllt sie Opferschalen mit Mehl und Getreide, Reis und Wasser, kniet sich davor, beginnt einen murmelnden Gesang, der lauter wird und hemmungsloser. Dann kreischt sie auf, schlägt sich das Wasser ins Gesicht, reibt es ein, gurgelt damit. Sie nimmt eine Glocke vom Altar, schlägt sie immer wilder, setzt ihre Krone auf, die Krone mit den fünf Inkarnationen des Buddha, die außer dem Orakel nur Lamas tragen dürfen. Dann greift sie nach einer Tüte auf dem Fenstersims. Holt einen Umhang heraus, verbindet sich mit einem rosa Tuch das Gesicht, lässt nur die Augen frei.

Ein Bauer aus dem Ort erhebt sich, sagt, der Lama habe ihn geschickt, in seiner Tochter wohne ein böser Geist, er mache sie aggressiv, wütend, das Kind schlage die Mutter. Das Mädchen, 16 vielleicht, wirft sich weinend zu Boden, die Hände bittend geöffnet. Das Orakel schlägt die Glocke, dann greift es das Diamantzepter, es soll die Dunkelheit vertreiben, schlägt dem Mädchen auf den Rücken, den Arm, immer wieder. Manche Zuschauer murmeln ein Mantra, es sind auch Kinder da, sie schauen zu, ohne Erschrecken. Das Ritual beginnt von neuem, die Schläge, die Beschwörungen, und wieder von neuem. Dann hebt das Mädchen den Kopf. Ihr Blick ist klar.

Mönch Wangyal im Speiseraum von Thagchokling

An der Tür füllt Sonam Sangmo Asche aus ihrem Herd auf ein Stück Papier, faltet es fest zusammen und gibt es uns.

"Liebe und Mitgefühl", sagt Wangyal.

"Das Mitgefühl ist der Wunsch der Buddhisten, andere Menschen aus dem Kreislauf des Daseins zu befreien."

Jedes Kloster im Ladakh feiert sein Maskenfest. Das Fest in Hemis ist eines der prächtigsten. Es dauert mehrere Tage. Hemis mit seinen fast 500 Mönchen ist das reichste Kloster im Ladakh, es besitzt fast ein Viertel der Ackerflächen im Land.

Die Mönche und Angestellten in Thagchokling packen ihre Sachen, Wangyal verstaut alles, was er hat, in einer einzigen weißen Umhängetasche aus Leinen, der Koch packt die Zelte ein, wir die Schlafsäcke. Dann fahren wir nach Hemis.

Weiße Landrover-Taxis schieben sich in langer Schlange den Berg hinauf. Es ist früh am Morgen, Händler bauen ihre Stände auf, es gibt Schmuck, Tee und Suppe. Mönche verkaufen am Eingang die Eintrittskarten, die besten Plätze auf der Galerie, die, von denen aus man den Innenhof des Klosters gut einsehen kann, sind hochrangigen Militärs vorbehalten.

Im Inneren des Klosters sitzen die Mönche an niedrigen Bänken über ihre Schriften gebeugt, es ist dunkel, ihre roten Roben fangen das wenige Licht. Sie beten, ihre Hände drehen sich dazu und streichen durch die Luft, sie formen die Mudras, sie wecken den erleuchteten Geist. Hemis feiert den Yogi und Lehrer Padmasambhava, Begründer des Buddhismus im Ladakh.

Das Horn verkündet mit einem einzigen langen Ton die Eröffnung des Festes, die ersten Mönche treten in Verkleidungen in den Innenhof, ihre Masken sind großflächig, naiv. Jede zeigt einen anderen Aspekt des Wesens Padmasambhavas; der Yogi erscheint als weiße Gestalt, blaugesichtig, in Lumpen, dann als Knochenmann, als Riese. Nach und nach erwacht jede Figur zum Leben, sie schüttelt sich, streckt den Bauch vor. Die Mönche tanzen schreitend, langsam, sie hüpfen und drehen sich auf einem Fuß, treten im Kreis, es sind wenige, immer wiederkehrende Schritte. Wangyal, der jede Bewegung deuten kann, sagt, der Tanz weihe den Boden und halte böse Mächte fern.

Ich stehe den ganzen Tag dabei und schaue ihnen zu, ich stelle mir vor, wie die Mönche die Erde reinigen, indem sie darauf tanzen, ihre Füße berühren den Boden und ihr Geist den Himmel.

Tashi, der Koch, hat seinen Bruder getroffen und fährt mit ihm nach Leh, um ihre Mutter zu besuchen. Wangyal trifft seinen besten Freund Sangyas, der jetzt in Estland lebt, um in Tallinn eine kleine buddhistische Gemeinde aufzubauen, sein Lama hat es so bestimmt.

Sangyas sagt: "Für euch im Westen ist es schwer. Ihr habt sehr viel Ego, immer kämpft ihr mit euch. Wie könnt ihr leer werden, wenn ihr erfüllt seid von euch selbst?" Er sagt: "Für uns ist es ganz einfach. Wir haben den Winter und den Sommer, die Berge und die Felder, sie bestimmen unser Leben. Leerheit heißt: Wir nehmen uns nicht so wichtig."

Als die Dunkelheit wieder über Thagchokling kommt, am letzten Abend, verschwinden darin seine Menschen. Der Koch räumt die Küche auf und schließt langsam die Tür. Gute Nacht, sagt Wangyal und geht in seine Kammer unterm Dach.

Aber ich sitze noch da, im Speiseraum, am Fenster, beim Licht einer Kerze, fröstelnd, in Decken, eine Tasse Tee in der Hand. Schaue zu, wie sich mit dem letzten Licht die Zeit auflöst. Kein Geräusch von draußen. Ich denke an mein Zimmer, ein Bett, ein Tisch, ein Regal, eine Kerze und eine Kanne heißes Wasser. Ich denke an morgen, an das Flugzeug. Wie es sich hineinschieben wird in die Wolken und die Spuren verwischt.

Ich sitze noch da, allein. Und die Sehnsucht ist wie das Fortgehen, nur ein langer Augenblick am Fenster.

Reise-Infos Ladakh

Reisezeit Das beste und wärmste Wetter hat man zwischen Juni und August, das Ladakh ist aber auch schon im Mai und bis Ende September gut zu bereisen - wenn man sich mit der Ausrüstung auf Kälte einstellt.

Reisegepäck Unverzichtbar sind Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, Hausschuhe für den Aufenthalt im Kloster, Bergschuhe, Schlafsack, Taschenlampe.

Thagchokling Das Kloster wurde 2001 als Begegnungsstätte der Weltreligionen erbaut. Es hat sechs Gästezimmer mit insgesamt 13 Betten; sie sind einfach, aber alles, was man braucht, ist vorhanden: Bett, Tisch, Schrank. Es gibt vier Bäder mit Duschen/WC. Das Essen ist vegetarisch, die Zutaten stammen überwiegend aus dem Klostergarten. Elektrische Geräte, Zigaretten und Alkohol sind unerwünscht. Am besten, man verbringt zuvor ein paar Tage in der Hauptstadt Leh und besucht von dort aus die sehr eindrucksvollen Klöster Hemis, Shey, Tikse. Dann hat man einen Eindruck vom Land und der Klosterkultur und kann sich langsam auf den Umzug in die Stille vorbereiten.

Hemis-Festival In diesem Jahr am 6. und 7. Juli.

Trekking Gehört in der grandiosen Himalaya- Landschaft unbedingt dazu. Man geht nicht mit Trägern, sondern mit Eseln, Pferden oder mietet einen Jeep, mit dem dann das Trekking- Team (Koch, Helfer, Fahrer) bis zum Lagerplatz vorausfährt. Unsere Tour ging von Yangthang zum Kloster Rizong, dann weiter nach Hemischuckpachan bis zur Siedlung Ang. Die Trekking-Routen im Ladakh sind großartig, die Eindrücke einmalig intensiv - wer kann, sollte Touren nicht unter sechs Tagen machen. Es gibt auch spezielle Soft-Trekking-Routen.

Impfungen Das Ladakh gehört zu Indien, und dafür gibt es keine Pflicht-Impfungen. Zu empfehlen sind aber auf jeden Fall Impfungen gegen Hepatitis A und Typhus und ein ausreichender Impfschutz gegen Diphtherie, Polio und Tetanus. Das Gute an der Höhe: Es gibt kaum Ungeziefer und Insekten.

Hinkommen Das Kloster Thagchokling ist über den Münchner Asien-Spezialisten Lotus Travel buchbar. Acht Nächte mit Vollverpflegung im Kloster kosten inklusive Linienflug von Deutschland nach Delhi und Inlandsflug nach Leh pro Person im Doppelzimmer 1419 Euro, die Verlängerungswoche 411 Euro. Lotus Travel bietet zudem ausgesuchte Rundreisen und Trekking-Touren ab Leh an, zum Beispiel eine zehntägige Jeep-Tour, u. a. zum Kloster Hemis und zu traumhaften Hochseen südlich des Indus (zwei Übernachtungen in Leh, sieben im Zelt oder Camp, bei zwei Personen im Doppelzimmer pro Person 840 Euro). Lotus Travel Service, Baaderstraße 3, 80469 München, Tel. 089/201 12 88, Fax 201 35 93, www.lotus-travel.com.

Lesen Ladakh und Zanskar von Jutta Mattausch, kompetent, ausführlich, sehr brauchbar (23,50 Euro, Reise Know-How).

Faszination Ladakh von Helena Norberg- Hodge, gute Beschreibung des Alltags und der Traditionen im Ladakh (9,90 Euro, Herder).

Tibetischer Buddhismus. Karin Brucker und Christian Sohns erklären Geschichte, Lehre und Praxis für Westler (22,90 Euro, O.W. Barth).

Tibet - Die Geschichte meines Landes. Mythen und Historie Tibets aus der Sicht des Dalai Lama (22,90 Euro, Scherz).

Gucken und schwärmen: Der Bildband Himalaya, für den sich Fotograf Dieter Glogowski auf die Suche nach der Goldenen Tara machte (39,90 Euro, Bruckmann).

Gucken und lernen: Tibet - Klöster öffnen ihre Schatzkammern. Wertvoller Katalog zur Ausstellung in der Villa Hügel über Höhepunkte der tibetischen Klosterkunst (30 Euro, www.villahuegel.de).

Text: Meike Dinklage Fotos: Hauke Dressler Karte: Gabi Wilhelmi BRIGITTE Heft 07/2007
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