Landpartie durch Umbrien

Hügelig. Mystisch. Einfach traumhaft: das grüne Herz Italiens.

Kitschfaktor zehn: Sonnenuntergang auf der Piazza Italia in Perugia. Daneben das Hotel Brufani, erbaut 1884. Wir fahren vor, divenhaft schäle ich mich aus dem Beifahrersitz. Perfekt. Leider kann die Realität mit dem Traum nicht konkurrieren: Vom Zimmer aus sehe ich vor allem ausgedehnte Neubauviertel der 151.000-Einwohner-Stadt, einen Sportplatz, Industrie.

"Vare le vasche" - flanieren und anbaggern

Perugia enttäuscht trotzdem nicht. Bis acht Uhr abends ist der Corso Vannucci gedrängt voll, Perugias Flaniermeile zwischen Dom und Piazza Italia. Hin und her, hin und her. "Fare le vasche" nennen die Peruginer das, Bahnen ziehen. Da wird angebaggert, was geht. Um acht leert sich die Straße. Essenszeit. Zwei Stunden später geht es weiter. Auf und ab, auf und ab.

Weiter nach Orvieto. Hier treffen wir einen Bekannten, Antonio da Sangallo den Jüngeren. Nicht ihn, genaugenommen, aber ein Werk des durchgeknallten Architekten der Renaissance. Senkrecht grub sich der Maulwurf in die Erde. Der Brunnen Pozzo di San Patrizio war zur Versorgung während Kriegszeiten gedacht. Ein in die Erde gestülpter Campanile mit zwei genial gegenläufigen Treppenaufgängen. Auf dem einen tappte die Eselskarawane hinunter, auf dem anderen hinauf. 248 Stufen, als wenn die Städte Umbriens, fast allesamt auf Hügel gebaut, nicht schon genug Treppen hätten.

Ein Bett in der Klosterzelle

Im benachbarten Todi dagegen gebärdete sich Sangallo nicht so verrückt, da baute er nur an einer Kirche mit: Santa Maria della Consolazione. Und genau die sehe ich vom Fenster meiner Zelle. Denn unser nächstes Hotel, San Valentino, ist ein Kloster, und ich schlafe in der Zelle des Fra Jacopone da Todi. Abends ziehen wir Bahnen in Todi, essen Trüffel wie bald alle Tage. Als wir nachts ins Hotel zurückkommen, ist der Portier verschwunden, wir sind die einzigen Gäste. Eine Fledermaus flattert durch die dunklen Gänge. Wir dringen verstohlen in die Klosterkirche ein - denn dort ist jetzt die Bar. Der beste Ramazzotti meines Lebens.

Matt lese ich noch ein Gebet von Jacopone, meinem Zellenbruder: "Ach, ganz verlor ich Herz und Kopf und Wille Und Wünsche, Freuden, Hoffnung und Begehren; Ein Baum der Liebe voller Frucht und Fülle, ward in mein Herz gepflanzt." Ein Nachtgebet aus dem 13. Jahrhundert. Kein Liebesgedicht, jedenfalls kein weltliches.

Wo sogar der Himmel katholisch ist

"Italien hat ein grünes Herz", wirbt Umbrien. Aber im Sommer ist es gelb. Auf den Hügeln ginstergelb, in der weiten Ebene des Tibertals sonnenblumengelb. Manchmal drehen sie dir den Rücken zu, ein ganzes Feld voll Riesenblumen, das sieht dann beleidigt aus. Aber wenn du auf einer kleinen Landstraße vor ihnen vorbeifährst und sie dir groß und gelb ins Auto lachen, das ist der Sommer.

Assisi fängt mich mit Mystik. Ich schleiche mich in einen Gottesdienst in der Basilika. Bei dem schrecklichen Erdbeben Ende September 1997 waren in Umbrien zehn Menschen ums Leben gekommen. In der beschädigten Franziskus-Basilika blieb die Unterkirche mit den mittelalterlichen Fresken des italienischen Malers Giotto fast unversehrt. Chorgesang und Weihrauch. Eine Kombination aus Inbrunst und zur Schau gestellter Innerlichkeit. Zum Abend wird der Himmel katholisch. Mit dramatischen Wolkengebilden wie auf den Heiligenbildchen, die wir als Kinder im Religionsunterricht bekamen.

Trüffel: stinkende Bodenschätze

"Meine Trüffelplätze verrate ich niemandem", erklärt Valentino aus Pompagnano, einem kleinen Dorf. Tagsüber ist er Koch in Spoleto, frühmorgens Trüffelsucher. Unwirsch empfängt er uns, schweigsam packt er uns auf den Rücksitz seines Allrad-Fiats, zwei schwarz-weiße Hunde in den Kofferraum. Ehefrau Emma sitzt neben ihm. Im Wald lässt er die Hunde frei, sie schnüffeln los, aufgeregt wie Jagdhunde. Vespa buddelt einen faustgroßen braunen Pilz aus, schnappt ihn mit der Schnauze, bringt ihn Valentino. Trüffel stinkt. Trüffel passt zu allem, sagt Emma. Reis, Nudeln, Salat. Vor allem zu "strangozzi", der umbrischen Pasta-Spezialität mit quadratischem Querschnitt.

Das Finale: Gubbio. Unser Hotel: ein Renaissance-Palast. Mit marmorner Freitreppe und roten Läufern. Mein Zimmerfenster liegt über einer Treppengasse. Weit nach Mitternacht, eine italienische Schulklasse streift durch die Stadt. Unter dem Fenster diskutieren sie den Weg. Knatternde Fahrzeuge düsen durch die Gasse. Nachtschwärmer palavern. Das Gefühl zu stören kommt Italienern kaum in den Sinn. Man spricht laut. Im Restaurant, vom Balkon herunter, zu allen Uhrzeiten auf der Straße. Zumal in einer heißen Sommernacht wie dieser.

Über die Hügel weht eine Brise. Sie pustet in die bodenlangen weißen Vorhänge des Hotelzimmers. Mehr als ein Leintuch als Bettzeug ist nicht zu ertragen. Nach ein paar Stunden Schlaf beginnt der Morgenlärm. Müllabfuhr, Kirchenglocken. Und ein Schwalbenschwarm. Er stürzt sich mit lautem Zwitschern an dem Fenster vorbei in die Tiefe, fliegt eine Runde, kehrt flügelschlagend wieder, genau in diese Gasse, vor dieses Fenster.

Reiseservice

Beste Reisezeit: Mai, Juni und September, Oktober

Hinkommen

Mit der Bahn bis Perugia oder Orvieto. Dann weiter mit dem Mietwagen.

Unterkommen

"Hotel Convento San Valentino" (Via Tiberina 79, 06059 Todi, Tel. 00 39/75/894 41 03). Klosterhotel auf einem Hügel außerhalb der Stadtmauern. Die Zimmer sind mit alten Möbeln eingerichtet, die Hotelbar ist in der ehemaligen Klosterkirche.

"Castel San Gregorio" (Frazione San Gregorio, 06081 Assisi, Tel. 00 39/75/803 80 09). Traumhaft gelegene Burg aus dem 13. Jahrhundert, nördlich von Assisi. "Brufani Palace Hotel" (Piazza Italia 12, 06100 Perugia, Tel. 00 39/75/573 25 41, Fax 572 02 10). Altes Nobelhotel im Zentrum, traumhafte Lage, aber überteuert. "Vecchio Molino, Residenza d'Epoca" (Via del Tempio, Loc. Pissignano, Campello sul Clitunno, Tel. 00 39/743/52 11 22, Fax 27 50 97). Alte Mühle am Flüsschen Clitunno. Geschmackvoll renoviert, jedes Zimmer anders. Schöner Garten. Ein Traum! "Livio dalla Ragione San Lorenzo-Lerchi" (06012 Città di Castello, Tel. 00 39/75/855 38 67). Umgebauter Heustadel mit antiken Landmöbeln. Zum Dableiben!

Ferienhäuser in Umbrien vermitteln auch Porta Sole, Dahlienweg 9, 88085 Langenargen, Tel. 075 43/91 28 55, Fax 91 28 56, und Solemar, Hunsrückweg 1, 65439 Flörsheim, Tel. 061 45/60 11, Fax 536 05. Urlaubsadressen auf dem Bauernhof stehen im Führer "Italien", herausgegeben von der Zentrale für den Landurlaub (Heerstr. 73, 53111 Bonn, Tel. 02 28/96 30 20).

Essen und Trinken

In Gubbio "Taverna del Lupo" (Via Ansidei 21, Tel. 075/927 43 68). Stilvolles Restaurant, eines der besten in Umbrien, mit einigen Plätzen im Freien, umbrischer Wildküche und Trüffel. In Spoleto "Ristorante Sabatini" (Corso Mazzini 52, Tel. 07 43/22 18 31). Besonders reizvoll die schattigen Gartenplätze. Spezialität: Risotto direkt aus dem Parmesan-Laib geschöpft. In Assisi "Ristorante Medioevo" (Via Arco dei Priori 4/B, Tel. 075/81 30 68). in kühlen Gewölben feine umbrische Küche.

Buchtipps

Kunstvoll der Umbrien-Führer aus dem Artemis Verlag. Ebenso der Bildband "Assisi", in dem noch die unzerstörten Deckenfresken der Oberkirche von S. Francesco dokumentiert sind (Hirmer-Verlag). Informativ der Dumont-Reiseführer "Umbrien" mit schönen Touren. Genussvoll "Umbrien - Das grüne Herz Italiens" mit aktuellen Restaurant- und Einkaufstipps (edition spangenberg/Droemer).

Infos

In Orvieto: Piazza del Duomo 24, Tel. 00 39/763/34 17 72, Fax 34 44 33; in Spoleto: Piazza Libertà 7, Tel. 00 39/743/22 03 11, Fax 462 41; in Perugia: Piazza 4 Novembre 3, Tel. 00 39/75/57233 27, Fax 573 93 86.

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