Landpartie ins Latium

Italiens bestgehütetes Geheimnis ist die verwunschene Provinz im Hinterland von Rom.

Fronleichnam in Bolsena, einem kleinen Städtchen am gleichnamigen See, keine zwei Autostunden nördlich von Rom: Kilometerlang windet sich der Blumenteppich steile Straßen und sogar Treppen hinauf, durch Gässchen und Torbögen. Engel mit Hanfhaaren. Teufel mit Vogelfutterbeinen. Margeritentauben flattern über Nelkenflamingos. Rautenmuster betören mit Rosmarin und Oregano. Und das alles, damit als Einziger der Bischof unterm Baldachin um 18 Uhr mal eben drüberschreitet, gefolgt von Trägern des heiligen Steines.

Das Wunder

Dieser Marmorstein birgt das Wunder von Bolsena. Einen Tropfen Blut, das im Jahr 1263 auf mysteriöse Weise aus einer Hostie quoll, als ein arg an Gott zweifelnder böhmischer Priester auf der Durchreise in der Basilika eine Messe hielt. Dies Ereignis war dem Papst einen Feiertag wert: Fronleichnam eben. Und die 4000 Bolsenesen feiern dieses Fest schon seit Jahrhunderten.

Um acht Uhr ist alles vorbei. Die Schwiegermutter setzt den Besen an. "Tonnen von Blumen", seufzt sie, "einfach in die Gosse." Wirklich ein Jammer, sinnieren wir nach der Prozession. Daraus könnte man doch ein Wunderparfüm machen, ein heiliges Wässerchen, spinnen wir weiter und blicken in den tiefblauen Bolsena-See. Vulkanische Kräfte erschufen ihn fast rund, setzten zwei Inseln hinein und modellierten eine Hügellandschaft drum herum. Die paar Surfer und Enten, zwei Ausflugsbötchen und die Handvoll Segler stören seine ländliche Ruhe nicht. Eine Weide umsäuselt uns. Im Schilf quaken Frösche.

Hier könnten wir eine Weile bleiben. Aber dann treibt doch die Entdeckerlust. Keine halbe Autostunde später stehen wir mit offenem Mund vor einer 300 Meter langen, in der Luft hängenden Brücke, der einzigen Verbindung von Civita di Bagnoreggio zur Welt: Von Felsschluchten umgeben, krallt sich dieser mittelalterliche Ort an einem aufragenden rotgolden schimmernden Tuffsteinriff fest. Stein und Fels sind untrennbar miteinander verwoben. Abgrund droht allerdings auf allen Seiten. Langsam dämmert's uns: Rom zieht alles an sich. Und die Latiner waren nie so geschäftssüchtig, mit den berühmten Nachbarn um die Touristen zu buhlen. Römer, natürlich, haben sich längst auch in Bagnoreggio etliche der schönen verlassenen Häuser als Feriendomizile hergerichtet.

Schätze im Norden

Meerblick: Die Gassen von Sperlonga

Wir weiter fahren in Latiums Norden durch saftiges Bauernland. Durch Orte, wo der Müllmann pfeifend seinen Reisigbesen schwingt, die Braut mit Ave Maria, langem Schleier, viel Tränen und Jubel heiratet, der Friseur Männerbärte einschäumt. Im verschlafenen Nest Caprarola verlieren wir uns in den 200 Gemächern des Farnese-Palastes. Zimmer vom Boden bis zur Decke, von Meisterschulen leuchtend bemalt. Türen und Durchgänge bloß schöner Schein. Die Wendeltreppe so bemessen, dass man geradewegs ins Schlafzimmer reiten könnte. Den Prunkbau leistete sich ein zum Kardinal aufgestiegener Spross der berühmten Fürstenfamilie.

Keine 20 Kilometer weiter, über den ausgebleichten Dächern von Bagnaia, schickt ein geflügeltes Pferd Fontänen in die Luft, rast Wasser immer schneller wie eine kristallene Kette einen eingefassten Hang hinunter. Der schwerreiche Hausherr der Villa Lante, wieder ein Kardinal, stand auf Wasserspiele. Gambara hieß er, Krebs, und war ein selbstverliebter Geck. Sein Krebs-Emblem prangt überall in seinem Lustpark. Schätze, all das. Und so nah beieinander! Nur wenig später bummeln wir durch Viterbos stillen Stadtteil San Pellegrino. Mittelalterliche Strenge kriecht noch immer durch das graue Häusergewirr. Restlos geschlagen geben wir uns nach dem Essen in einem lichten umgebauten Kloster.

Strandbäder

Und jetzt ans Meer. Nach Sperlonga. Zwei Stunden Fahrt vom Etruskerland, an Rom vorbei, Richtung Süden. Ein schneeweißes Felsennest, eine Bucht wie ein Halbmond, pudriger Sand und das Lido la Nave von Patrizia und Filippo. Das Strandbad, wo die Schönen und die Reichen brutzeln. Nur hier stehen die Liegen zweireihig und schön weit auseinander, nur hier tragen die beige-blau gestreiften Sonnenschirme außer langen Fransen auch noch Minitische. Abends schlendern wir treppauf, treppab durch das Dorf mit seinen Wohntürmen, schulterbreiten Gassen, lauschigen Plätzen und Ausblicken zum Meer.

Reise-Infos Latium

Sanfte Hügel, stille Dörfer, tolle Strände - ein starkes Stück Italien.

TELEFON Vorwahl für Italien: 0039, danach die Rufnummer mit Ortsvorwahl, auch die Null mitwählen. Innerhalb der Ortsnetze die Vorwahlnummern mitwählen.

BESTE REISEZEIT Mitte März bis Ende Juni und September bis Mitte November. Während Sperlonga und die Küste im Hochsommer überlaufen sind, herrscht am Bolsena-See selbst dann kein Gedränge.

ANREISE Mit dem Flugzeug: z. B. von Frankfurt nach Rom. Dann weiter mit dem Leihwagen.

Im Norden

UNTERKOMMEN La Gabelletta in Montefiascone: Ferienanlage mit zweckmäßig eingerichteten Häuschen am Ufer des Bolsena-Sees, von Olivenbäumen umgeben, ideal für junge Familien, buchbar über die Agenzia Ombrellone von Eleonore und Bernd Gasser. Die Agentur hat außerdem etliche Hotels im Programm, organisiert Genuss- und Erlebnisreisen mit Trüffelsuche, Festbesuchen, Koch-, Wein- und Olivenöl-Seminaren oder Tuffstein-Bildhauerei (Scharfenberger Straße 2, 13505 Berlin, Tel. 030/43671417, Fax 43671419, www.bolsena.info).

Agriturismo Poderaccio bei Bolsena: Anwesen aus dem 18. Jahrhundert, eingebettet in Hügel, Weinreben, Wälder und Felder, rustikal-edle Ferienwohnungen im renovierten Gutshaus, kleine Apartments in neuen Steinhäuschen; (S. S Cassia km 116, Bolsena, an der Kapelle Richtung Hügel abbiegen, Tel./Fax 0761/ 799594).www.agriturismovero.com

La Tana dell' Istrice in Civitella d'Agliano: mittelalterliches Herrenhaus im mediterranen Landhausstil mitten im verschlafenen Weinort, (Piazza Unità d'Italia 12, Tel. 0761/914501, Fax 914815, www.motturasergio.it).

Villa Antonelli bei Caprarola: Neubau mit Antiquitäten und Kitsch aus aller Welt, großem Garten, Pool und Sauna in der Nähe des stillen Vico-Sees; (Loc. Vignacce snc, Tel./Fax 0761/ 612461, www.villantonelli.com).

Im Süden

<Unterkommen> Hotel la Nave di Sperlonga: aufwachen mit Meeresrauschen, der elfenbeinfarbene Sand reicht bis vors Fenster. Eintritt in den exklusiven Lido ist inbegriffen; unbedingt frühzeitig reservieren; (Via Saletta 24, Tel. 0771/557198, Fax 557022, www.hotellanave.it).

SEHENSWERT Villa Adriano Tivoli: Kaiser Hadrian ließ sich hier im zweiten Jahrhundert n. Chr. diese gigantische Sommerresidenz bauen mit Tempeln, Thermen, Wasserbecken und Bibliotheken.

Villa d'Este in Tivoli: Weltberühmt sind ihre Wasserspiele im Garten.

Gärten von Ninfa: zauberhafter englischer Garten, der sich um eine alte Ruinenstadt rankt, Naturschutzgebiet (7 Kilometer südwestlich von Norma, geöffnet am ersten Samstag und Sonntag des Monats von April bis Oktober und am dritten Sonntag bis Juni; von der Via Appia aus zwischen Latina und Cisterna in die Berge abbiegen, dabei lohnt ein Abstecher in das mittelalterliche Felsennest Sermoneta).

Circeo: Hier umgarnte die mythische Zauberin einst Odysseus, herrliche Weitsicht über die Küste, reizendes Dorf mit blumengeschmückten Balkonen und Boutiquen.

Fondi: besonders schön am Abend, wenn ganz Fondi auf der neu angelegten Fußgängerzone promeniert (10 km landeinwärts von Sperlonga).

STRÄNDE Die Strände am Bolsena-See sind schwarz. Viele "wilde" Stellen zum Baden, aber auch Lidos mit Liegen und Sonnenschirmen auf dem Rasen, z. B. Riva Verde, mit Restaurant, Spielplatz, Tretbooten (Via Cassia Nord, km 115,5), oder Tre Gradini, ruhig, klein, gepflegt (bei San Magno, gleich neben dem Restaurant Purgatori am Westufer).

Am Meer ist es zwischen Sperlonga und Formia am schönsten. Herrlich, die Küstenstraße entlangzufahren, ab und zu anhalten an einem langen, familienfreundlichen Strand, an einer sanften Bucht, z. B. Lido Ariana, bewacht von einem alten Leuchtturm, oder an Badeplätzen hinter schroffen Felsen versteckt wie z. B. Torre Scissura. Aber nicht am Wochenende im Juli und im August! Dann ist es proppenvoll, genauso wie am Strand von Sperlonga.

Text: Nicole Schmidt Fotos: Sabine Steputat
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.