Lille - die Verträumte

Verwinkelte Gassen, nostalgische Patisserien, dazu ein bisschen Akkordeon - versuchen Sie mal Frankreich auf Flämisch. Aber vergessen Sie den Regenschirm nicht.

Die alte Patisserie Méert sieht aus wie ein Schlösschen. "Wer hier nicht war, war nicht in Lille", sagt Marie-Michèle Cadart. Als Schülerin drückte sie sich am Schaufenster die Nase platt. Jetzt steht sie selbst zwischen Schokoladenpyramiden und raffinierten Kuchenkreationen. Drum herum Lüster. Spiegel. Glas. Marmor. Holzvertäfelungen. Geschmiedetes Eisen. Metalldosen, adrett in die Regale gereiht. Schachteln aufeinander getürmt. Kleine Bonbonbeutel aus Stoff in Pastellfarben. Méert, so hieß der Laden nach seinem Gründer schon 1761.

Lilles alte Gassen erinnern an die flämische Vergangenheit und verführen die Augen. Gelb und rot leuchten die Mauern, manche auch rosa, andere sind aus grobem grauem Stein. Medaillons, Gesichter, Tierköpfe, Rosetten, Erker und immer wieder die roten Backsteine des Nordens. Hinter den barocken Fassaden: der pure Luxus, plissierte Abendkleider von Issey Miyake, Taschen aus feinstem Leder. Ganz in der Nähe: Fisch in Art déco. Die Huitrière aus den 30er Jahren ist ein Gesamtkunstwerk. Drinnen ist alles blau. An den Wänden formen Mosaiksteinchen Fische, Krebse und Fantasievögel. Unten, im echten Aquarium, zappeln die Hummer.

Am anderen Ende der Stadt dann eine ganz andere Welt: So luxuriös die Altstadt, so schlicht ist Wazemmes. Das Herz dieses Arbeiterviertels schlägt auf dem Markt: Hier wird dreimal in der Woche alles verkauft, was Käufer findet. Lebensmittel, Blumen, alte Möbel, Plunder. Wazemmes, das ist so, wie der Montmartre in Paris einst war, sagt der junge Schriftsteller und Verleger Dimitri. Als Hommage an sein Viertel hat er sich selbst einen Nachnamen erfunden: Vazemsky. Früher war Wazemmes ein zwielichtiges Viertel, wo sich nicht hintraute, wer etwas auf sich hielt. Ein Ort, wo sich die einfachen Leute festtags zum Akkordeon drehten. Dimitri schimpft auf die Immobilienspekulanten: "Sie kaufen, weil es billig ist, und verkaufen, wenn die Preise steigen." In Wazemmes gibt es keine Sehenswürdigkeiten. Hier findet sich wenig von der Schönheit und Schnörkeligkeit der Altstadt oder den stattlichen Boulevards rund um den berühmten Palast der Schönen Künste, nicht weit von hier. Wazemmes Charme ist anders. Man entdeckt ihn, wenn man dem Zufall folgt.

Trends & Tipps

Anreise:Mit der Air France z.B. von Frankfurt nach Paris ab ca. 360 Euro (www.airfrance.de). Mit dem TGV-Zug weiter, eine Stunde bis Lille, ca. 33 Euro.

Übernachten:Hôtel Brueghel: winzige, liebevoll gestaltete Zimmer. Ein schmiedeeiserner Aufzug aus den 20er Jahren rattert in die Etagen. DZ/F ab 65 Euro (3–5, Parvis Saint-Maurice, Tel. 060669, Fax 632527, hotel-brueghel.com).Hôtel de la Paix: renoviertes Haus aus dem 18. Jahrhundert, eindrucksvolle Holztreppe. DZ ab 70 Euro (46, rue de Paris,Tel. 546393, Fax 639897). Hôtel Carlton: gegenüber der Oper. Elegante Louis-XV.-Möbel und luxuriöse Badezimmer. DZ/F 160 Euro (3, rue de Paris,Tel. 133313, Fax 514817, www.carltonlille.com).

Essen und Trinken:Patisserie Méert: unbedingt die Waffeln mit Madagaskar-Vanille probieren (27, rue Esquermoise).Coq Hardi: Fleisch, Fritten und Bier im pittoresken mehrstöckigen Altstadthaus (Grande Place).Les Compagnons de la Grappe: historisches Gemäuer mit Garten im Innenhof. Flämische Küche, junges Publikum, gute Weinauswahl. Im Winter brennt der offene Kamin (26, rue Lepelletier, Tel. 210279).La Part des Anges: Ein Sommelier aus Burgund will beweisen, dass Lille nicht nur eine Stadt des Biers ist. Zu ausgewählten Weinen aus aller Welt gibt es raffinierte französische Küche. Restaurant und Bar (50, rue de la Monnaie).Brasserie André: die berühmteste Brasserie Lilles (71, rue de Béthune).L'Huitrière: exzellente Fischgerichte. Reservierung erforderlich, Tel. 554341 (3, rue des Chats-Bossus).

Einkaufen:Série Noire: ausgefallenes und Sportliches von Markenherstellern. Im Obergeschoss Theateratmosphäre, von einer Künstlerin gestaltet, mit Boudoir, riesigem Rundsofa und Lüstern mit Pailettenoberteilen (14, rue Lepelletier).Vieille Bourse: nachmittags Bücherflohmarkt im Innenhof, montags geschlossen (Grande Place).La Marbrerie: Antiquitäten rund um ein malerisches Gärtchen in der Altstadt (61–63, rue Léonard Danel).

Märkte:Sonntag, Dienstag und Donnerstag von 7 bis 14 Uhr in Wazemmes (Place de la Nouvelle Aventure); Sonntag, Mittwoch und Freitag von 7 bis 14 Uhr in der Altstadt (Place du Concert).

Nicht versäumen:Palais des Beaux Arts Lille: alte Meister wie Goya, Rubens und van Dyk sowie eine große Bildhauer-Abteilung mit Werken von Rodin und Bartholdi. Dienstags geschlossen (Place de la République).La Piscine de Roubaix: restauriertes Artdéco-Bad als Museum; mit Zeugnissen des verlorenen Reichtums der Textilstadt Roubaix und einem Café der Patisserie Méert im Foyer. Montags geschlossen (23, rue de l’Espérance).

Info:Fremdenverkehrsamt im Palais Rihour (Place Rihour, Tel. 219421, Fax 219420, www.lilletourism.com).

Telefon:Vorwahl für Frankreich 0033, danach die 320 für Lille. Achtung: die Vorwahl 0320 auch innerhalb der Stadt wählen!

Extra-Tipp:Jedes erste Wochenende im September findet in Lille der größte europäische Flohmarkt statt. Auf 100 Gehsteigkilometern wird zwei Tage lang rund um die Uhr verkauft.

Sigrid Scherer
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