Marbellas Doppelleben

Partys ohne Ende, Promis beim Golfen: So kennt man den Jetset-Treff aus den Klatschspalten. Doch es gibt hier auch das spanische Alltagsleben, ganz spannend, ganz urig. Zwei Freundinnen erkundeten das Städtchen an der Costa del Sol - die eine bei Tag, die andere bei Nacht.

Über Marbella am Tag ist eigentlich nichts bekannt. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Stadt auf den ersten Blick wie Miami aussieht. Leider nicht wie Miami-Beach, sondern wie Miami-City. Nur mit erheblich mehr Baustellen.

Bei Nacht: Um 4 Uhr geht's los!

Heiße Nächte an der Sonnenküste: Partys fangen erst nach Mitternacht an - wie im "Oh Marbella!"

In Marbella wacht man nicht vor neun Uhr abends auf, duscht um zehn und nimmt um elf mit Freunden einen Apéritif zu sich, der den Magen für das Abendessen um Mitternacht vorsichtig öffnen soll. Wer einigermaßen bei Trost ist, taucht nicht vor vier Uhr morgens in einem der Clubs auf, um bis acht Uhr morgens zu tanzen. Nur ich war bereits um zwei Uhr gekommen, weshalb der Barmann mich anblickte, als sei ich eine All-you-can-eat-Bustouristin. Als ich bereits gegen sechs ins Hotel zurückfuhr, war der Himmel violett und die Berge schwarz wie Schattenrisse. Die Apartmenthausschachteln lagen da wie gestrandete Ozeandampfer, und einen Wimpernschlag lang wirkten sogar die marmornen Marbella-Triumphbögen, mit denen Bürgermeister Jésus Gil y Gil die Stadt verunstaltet hat, nicht mehr beklemmend. Es lebe die Nacht!

Bei Tag: Promenaden & Gärten

In Marbella gibt es schöne Ecken. Der Paseo-Marítimo zum Beispiel! Eine Strandpromenade mit Palmen, Fahnen und Marmorbänken. Morgens um neun Uhr trifft man hier jede Menge Einheimische: Jogger, Kinder auf Kickboards, Hotelangestellte, die auf ihren Schultern Stapel wabernder Matratzen zum Strand balancieren. Stadtauswärts, Richtung Yachthafen, werden die Hotels und Privat-Villen immer palastähnlicher. Links glitzert das Meer in der Morgensonne, rechts ziehen sich riesige Gärten mit Jacaranda-Bäumen, Kronpinien, Oleander und Dattelpalmen den Hang hinauf. Eine heitere Stimmung liegt in der Luft - fast kann man nachvollziehen, was auch Leute wie Edmund Stoiber dazu treibt, ausgerechnet hier ihren Urlaub zu verbringen.

Bei Nacht: Wo ist der Jetset?

Die Nächte hier kosten mich Jahre meines Lebens. Habe mich soeben an den Pool geschleppt, wo ich mit einer gewissen Verachtung für die Tagaktiven versuchte, zur Musik der Wassergymnastik weiterzudämmern.

Ich habe gestern Nacht wirklich jeden Stein umgedreht, unter dem sich ein Jetsetter hätte verbergen können, aber nix. Ich höre immer nur, dass Rod Stewart tags zuvor das "Olivia Valére" habe erzittern lassen und Antonio Banderas mit Melanie Griffith kürzlich um Mitternacht die Promenade von Puerto Banús zum Beben brachte. Heute morgen um fünf, als ich in der "Sinatra-Bar" wieder mal in einer Wolke von Menschen steckte, die alle irgendwie bedeutsam, aber nicht wirklich prominent aussahen, hätte ich mich schon mit Herrn Stoiber zufrieden gegeben, es muss ja nicht gleich Bruce Willis sein.

Das mondäne Marbella findet fast nur noch privat statt, sagte Conde Rudi, bislang das einzige Exemplar in meiner Prominentensammlung: Graf Rudolf von Schönburg-Glauchau, verwandt mit dem kompletten europäischen Hochadel, verheiratet mit einer Prinzessin von Preußen. Er lebt seit den 50er Jahren in Marbella, die meiste Zeit davon als Chef des legendären "Marbella Club-Hotel".

Bei Tag: Bonsais in der Altstadt

Ich habe jetzt auch meinen Lieblingsort in Marbella gefunden: das Bonsai-Museum am Rande der Altstadt. Hauptsache klein! In einer Stadt, in der die Großspurigkeit zum Stilmittel erhoben wurde, empfinde ich den Anblick einer 60 Zentimeter hohen Ulme als Wohltat. Ob das eine ganz bewusste Entscheidung war? Die Natur in Miniaturformat - als Kontrast zu dem bulligen und grobschlächtigen Bürgermeister, der inzwischen mehr als fünfzig Klagen wegen Bauverstößen, Verleumdung, Korruption und Veruntreuung öffentlicher Gelder an der Backe hat... Die Altstadt ist übrigens kaum größer als der Garten von Conde Rudis "Marbella Club". Aber wenigstens hat man in den verwinkelten Gassen des "Casco antiguo" das Gefühl, dass Marbella nach wie vor zu Spanien gehört.

Bei Nacht: Wild gemischt

Das wirklich Bemerkenswerte an Marbellas Clubs ist ihre gewisse Alterslosigkeit. Nirgendwo hat man das Gefühl, zu alt oder zu jung zu sein, was angenehm ist, wenn man älter ist als zwanzig. Selbst im "Oh Marbella!", dem Beach-Club des Hotels "Don Carlos", wo gestern Nacht eine Rave-Party mit der Inbrunst einer heidnischen Zeremonie gefeiert wurde, sah ich noch um halb fünf morgens vergnügte Familien mit den Kindern auf Schultern auftauchen. Wie sagte doch Olivia Valére: Man muss die Leute mischen.

Bei Tag: Oliven & Golfbälle

Man gewinnt den Eindruck, dass diese Stadt eine einzige boomende Spaßzone ist. Zugegeben: Ernsthafte und ernstzunehmende Menschen sind in Marbella in der Minderzahl. Aber es gibt sie doch. Zum Beispiel in der "Ceuta-Bar": eine Stehkneipe mit Neonlicht, surrendem Ventilator und Stierkampf-Fotos an der Wand, in der die Ladenbesitzer der Altstadt nach Geschäftsschluss auf eine Copa - einen Drink - und eine Tapa - ein Appetithäppchen - zusammenkommen. In der Schänke ist nichts herausgeputzt, im Gegenteil: Olivenkerne und Servietten werden mit größter Selbstverständlichkeit auf den Boden geworfen und mit dem Schuh beiseite geschoben.

Bei rund 20 Golfplätzen allein rund um Marbella ist klar, wo die Zukunft liegt. Im August seien hier nur Gastspieler anzutreffen, erklärte Ramiro Oregui, Finanzmanager des Clubs. Die Club-Mitglieder hingegen, zumeist Briten, seien von Mai bis September auf Heimat-Urlaub. Mit der Regelmäßigkeit von Staren kämen sie zurück, sobald in England und Schottland die Herbststürme losgingen, um den Rest des Jahres hier auf dem Golfplatz zu verbringen. Morgens um neun eine Partie, dann Lunch im Clubhaus, um 18 Uhr noch ein Spiel. Alles in allem ein ziemlich gesundes Leben, von gelegentlichen Kopfbällen abgesehen...

Reiseservice

Vorwahl für Spanien: 0034

Unterkommen

Marbella Club: Hotel, das von Alfonso von Hohenlohe gegründet wurde und den Grundstein zum legendären Ruf Marbellas legte. DZ ab ca. 325 Euro (Bulevar Príncipe Alfonso von Hohenlohe, Tel. 952 82 22 11, Fax 952 82 98 84, www.marbellaclub.com).

Puente Romano: luxuriöse Anlage im Stil eines andalusischen Dorfes. DZ ab ca. 208 Euro (Ctra. De Cádiz, Km 177, Tel. 952 82 09 00, Fax 952 86 61 64, www.puenteromano.com).

Incosol: Die besten Zeiten liegen zwar hinter ihm, aber inzwischen ist das einstige Luxushotel, das noch von Franco eingeweiht wurde, zumindest innen restauriert. Umgeben von einem Park und spezialisiert auf Abmagerungskuren und Golfleiden. DZ ab 141 Euro (Urbanización Golf Río Real, Tel. 952 86 09 09, Fax 952 82 30 53, www.incosol.com).

Refugio de Juanar: Berggasthof im Wald, 20 km von der Küste. Wildspezialitäten. DZ ab 62 Euro (Sierra Blanca s.n., 29610 Ojén, Tel. 952 88 10 00) www.juanar.com.

Essen & Trinken

Santiago: elegantes Fischrestaurant an der Strandpromenade, Spezialität Dorade im Salzmantel (Paseo Marítimo 5, Tel. 952 77 00 78).

"Amberes": La Taberna del Puerto: Fischrestaurant am Hafen, alles andere als mondän, trotzdem teuer (Puerto Pesquero, Local 6, Tel. 952 82 83 25).

La Navilla: bestes Restaurant für Fleischgerichte, vernünftige Preise (Avenida del Mar, Tel. 952 86 20 85).

Café del Mar: romantisches Strandrestaurant (Ctra. de Cádiz, Km. 177, Tel. 952 82 09 00).

Bar Ceuta: beliebte Tapa-Kneipe in der Altstadt (Calle Butrago).

El Estrecho: eine der ältesten Tapa-Bars von Marbella (Calle San Lázaro 12).

Nachtleben

Olivia Valére: Institution des Nachtlebens, außer einer Diskothek noch das Restaurant "Babilonia", das Bistro "Al Tarik" und eine Piano-Bar. Täglich von 21 bis 6 Uhr (Ctra. de Istán, Tel. 952 82 88 61; Eintritt 30 Euro mit Drink).

Buddha-Bar: tanzen und essen (arabisch angehaucht), täglich von 21 bis 6 Uhr (Edificio Cristamar-Jardines, Zona Norte Puerto Banús, Tel. 952 81 78 20; Tischreservierungen: 636 71 53 06).

Oh Marbella! Beach-Club des Hotels "Don Carlos", Marbellas größte Diskothek. Mittwochs legen die berühmtesten DJs Europas auf. Eintritt 30 Euro mit Drink. Juli bis September täglich von 22 bis 7 Uhr (Ctra. de Cadiz, Km. 192, Tel. 616 91 40 04). La Notte: Piano-Bar und Diskothek der Happy few. Geöffnet ab 23 Uhr (Camino de la Cruz, Tel. 952 86 69 96). Angeschlossen ist das beste und teuerste Restaurant Marbellas: "La Meridiana" (ab 20.30 Uhr geöffnet).

Info

Fremdenverkehrsamt, Plaza de los Naranjos, E-29600 Marbella, Tel. 952 82 35 50, Fax 952 77 36 21, www.Marbella 2000.com

Text: Perta Reski und Christiane Röhrbein Fotos: Andre Heeger
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.