Mongolei: Bei den Wächtern des Herzens

Vom Nomadenvolk der Tuwa sagt man, sie hätten die größten Schamanen. Und dass, wer mit ihnen lebt, seine Seele findet. Deshalb reiste Beatrix Gerstberger dorthin: in das Altai-Gebirge der Mongolei. Und fand etwas völlig anderes als das, was sie gesucht hatte.

Die Gipfel des Tawan-Bogd-Massivs sind Teil des Hochaltai im äußersten Westen der Mongolei. Sie gelten als der Sitz der Geister

Manchmal war es auf dieser Reise so, als ginge ich über das schlafende Herz eines Ungeheuers. In dem Moment, als eine von uns von ihrem galoppierenden Pferd fiel, im Steigbügel hängend, der Kopf gegen Steine schlagend, ich dachte, er sei zerplatzt, aber sie stand wieder auf. Und dann war da der Moment, als wir auf der Rückfahrt alle zusammengedrängt auf der Ladefläche eines alten Lastwagens saßen. Er fuhr einen hohen, steilen Berg hinauf. Dann blieb er stehen. Und rollte rückwärts. Ich sah den Fahrer verzweifelt an der Handbremse reißen, ohne Wirkung, und Galbe, die Schamanin, schrie und weinte und flehte die Berge an. Das Ungeheuer ist aber letztendlich jedes Mal liegen geblieben. Hat nur kurz den Kopf erhoben und weitergeschlafen, und deshalb überschneiden sich die Bilder, die berührenden und die zerreißenden, jetzt, Wochen nach der Reise, und das Ich setzt sich immer noch neu zusammen.

Es gibt eine Stelle im Innern, wo wir das ablegen, was uns durcheinandergewirbelt und ungeordnet zurückgelassen hat. Von dieser Stelle aus werde ich über die Mongolei berichten. Notgedrungen, denn alles, was ich an Büchern, an eigenen Notizen mitbrachte aus dem Altai- Gebirge, ist mir drei Wochen nach der Reise gestohlen worden. Es bleiben nur die Erinnerung, der um Wahrhaftigkeit bemühte Verstand und das Land meiner Seele, um zu erzählen. Ob in diesem Verlust auch ein Sinn liegt, lässt sich nicht wirklich beantworten. Wenn man aus der Mongolei zurückkehrt, dann sieht man in vielem ein Zeichen.

Warum wollte ich dahin? Sicher, weil es weit genug weg war. Von meiner Welt. Und wir die Erkenntnis über uns und was uns eigentlich ausmacht gern am jeweils anderen Ende der Welt suchen. Zum Beispiel in einer Gebirgskette, die fünf Staaten durchläuft, allein in der Mongolei 3000 Kilometer lang ist und Altai heißt. Altai bedeutet auf Tuwa "bunte Berge", und es waren die Tuwa, Bergnomaden und Meister des Kehlkopfgesangs, zu denen ich wollte. In diesen äußersten Winkel der Mongolei, wo sie leben, so weit im Westen des Landes, dass die Grenze zu China, Russland und Kasachstan sichtbar ist, wenn man auf einen der Gipfel klettert. Warum? Ich habe mich das oft gefragt. Als ich schon da war, als es zu spät war umzukehren und ich diesen Ort aushalten musste, zu dem ich so unbedingt gewollt hatte, weil die Tuwa wissen, wie man sich auch in der unsichtbaren Welt bewegt. Und weil sie stets große Schamanen hatten, die in diese für uns unsichtbare Welt wechseln können, die einem die Träume erklären, den Körper heilen, die Seele zurückrufen können, die man manchmal im Leben verlieren kann.

Ungefähr 300 000 Tuwa gibt es noch, die meisten leben mittlerweile in der autonomen Republik Tuwa auf russischem Gebiet. Die Tuwa-Nomaden der Mongolei sind nur noch rund 4000 Menschen. Sie leben im Hochaltai. Das sind fünf große Flüsse, 33 Schneegipfel, drei große Seen, die sie Meere nennen, und die Steppe. Es ist das Ende der bewohnten Welt und jener Ort, wo die Wirklichkeit der Lebenden und der Toten, das Gestern und das Morgen zusammenfallen. Es ist eine Welt, in der ich unerwartet größere Angst haben sollte als je zuvor in meinem Leben.

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Auf einmal waren die Kamele da: Morgenkaffee vor der Jurte

Die Tuwa sind ein Volk, das bald aus der Geschichte gehen wird, weil die Erde in ein Ungleichgewicht geraten ist, wie ihre Schamanin Galbe sagt. Und das ist mindestens ein weiterer guter Grund für eine Reise: dass ich noch sehen will, was diesen Planeten bald verlassen wird.

Die Welten zu wechseln scheint zunächst einfach. Da gibt es die Ethnologin aus Deutschland, Amelie Schenk, die seit Jahren mit den Tuwa lebt. Ich kannte ihre Bücher über Schamanen, Nomaden und die Mongolei, und sie will uns Suchende - einige Frauen, zwei Männer, die sie auf ihren Seminaren kennen lernten - zu ihnen führen.

Das Flugzeug fliegt nach Ölgij, in das Land der Tuwa, in dem die Enkelin der großen Tuwa-Schamanin Pürwü lebt. Die 33-jährige Galbe gilt einigen Tuwa aber als keine würdige Nachfolgerin. Denn Galbe ist plump und untersetzt. Schamlos. Ungestüm. Unplanbar. Meist trägt sie ein verwaschenes T-Shirt und eine enge rote Trainingshose, die zu kurz ist. Sie ist launisch, sie liebt Süßigkeiten und Alkohol. Sie ist haltlos, weil sie zu schnell zur Schamanin geworden ist, sagen manche. Sie hatte keinen Lehrer, niemanden, der ihr den Weg zeigt, denn wo sollte einer herkommen, wo doch so viele unter den Kommunisten weggesperrt und verfolgt wurden. Sie war knapp 20, als der Fluss ihres Lebens durcheinandergeriet, sie plötzlich 18 Tage lang nicht mehr aß und schlief, kaum trank, sie sang und schamante mit der brüchig alten Stimme der zwei Jahre zuvor gestorbenen Großmutter.

Der Schamanen-Geist, sagt man, überspringt meistens eine Generation.Aber wer kann schon sagen, ob Galbe eine große Schamanin ist. Sagen die Tuwa nicht auch, der gute Geist wohnt in einem schlechten Menschenexemplar?

Galbe und ihr Mann und eine Übersetzerin reisen mit uns in den Hochaltai. Galbe freut sich, das runde Gesicht strahlt. Sie hat ihre Tochter an ihrer Seite, sieben Jahre alt, ein Zufallskind mit wachem Gesicht, empfangen, als es sie wie so oft übers Land trieb, unruhig, von Jurte zu Jurte, im Rausch, im urplötzlichen Wahnsinn, der jederzeit und unvermittelt über sie kommen kann.

Unser Wagen schwankt durch die Nacht, von links nach rechts, viel zu schnell, dann plötzlich fliegt er durch die Luft und landet in einem See. Es ist still. Wir ertrinken, schreit eine. Ich sehe das Wasser, das bis zu den Fenstern reicht, ich weiß, dass wir hier nicht herauskommen. Wir sind zu sechst, eingeklemmt zwischen Gepäck und Kisten, zu viele in einem Auto, dessen Türen sich nur von außen öffnen lassen, weil sie dort mit Draht festgehalten werden. Bewegt euch nicht, sagt eine. Der Fahrer schaut auf den See. Unbewegt, mit der Starre eines Stück Holzes.

Ich weiß, dass unser Auto das letzte in der Kolonne war. Niemand wird unser Fehlen bemerken. Es ist der Moment, in dem ich denke, dass es sich seltsam anfühlt, so zu gehen.

Da merken wir, dass das Wasser nicht steigt. Wir atmen flach, warten. Bis die anderen uns suchen. Und aus dem Wasser ziehen. Niemand sagt etwas. Dies ist der Moment, wo mein Ich auf Notstrom schaltet. Nichts an dieser Reise scheint zu dem zu führen, was ich suchte. Bin nur noch Erschöpfung und meine Nerven ein loses flatterndes Bündel.

Es ist zwei Uhr morgens, als wir in unserem Jurtenlager ankommen. Am nächsten Morgen öffnet sich die Tür, ein Mann tritt ein, tritt nah an uns heran und schaut jeder ins Gesicht. Deutet stolz auf die Tücher, die die Wände bespannen. Rosen. Ich bin angekommen. Auf 2500 Meter am Ende der Welt, in einer mit Rosenlaken geschmückten Jurte, inmitten eines Flusstals, durch das das weiße Wasser des Gletschers rauscht. In einer Welt unter einem unwirklich hohen blauen Himmel, die leer, wild und sauber ist. Die nur aus den Farben Weiß, Blau und Grün besteht. Die Yaks hat und Ziegen, Schafe, Pferde, Kamele. In der mit Dung geheizt wird, weil kein Tuwa einen Baum fällen würde. Den Seelenbruder. So wie er auch keinen Stein bewegen würde. Weil der dann drei Jahre weint.

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Angekommen: In einer Jurte auf 2500 Meter Höhe, die innen von einem stolzen Nomaden mit Rosenlaken geschmückt wurde

Als ich zum Fluss gehe, kommt einer der Männer auf mich zu. Er befühlt meinen Oberarm und riecht kurz an mir. Die Tuwa nehmen den Menschen zunächst durch die Nase wahr, heißt es. Ab diesem Moment bin ich die Freundin von Papisan, dem Obertonsänger. Der mich auch weiterhin mag, als ich nach einigen Tagen nur noch nach Deo, Sonnencreme und Hammelfett rieche. Manchmal auch nach Wodka. Ungewaschen, weil ich mich nicht im Fluss waschen darf. Denn der ist heilig - wie alles hier. Papisan in seinem traditionellen, dick wattiertem Mantel, einem zerschlissenen Deel, steigt jeden Morgen, bevor die Sonne aufgeht, auf den Hügel hinter meiner Jurte. Er nimmt ein Fernglas mit, schaut bis zum Ende des Tals, sieht die Tiere, sieht, wer heranreitet, wie die Frauen, die für uns kochen, das Wasser für den Tee aus dem Fluss holen. Und wenn er absteigt, kommt er zur Jurte und überreicht etwas. Eine Feder, einen Bergkristall.

Und einmal, als wir Wildzwiebeln, Johannisbeeren und Kräuter sammeln gehen, bleibt er plötzlich stehen und ritzt etwas in den Schiefer, aus dem der halbe Altai besteht. Zwei Schwäne auf einem See, die ihre Hälse zu einem Herz verknoten, im Hintergrund eine Jurte, aus der Rauch aufsteigt. Dann deutet er auf sich und auf mich. Der Nomade lebt die Poesie angeblich im Alltäglichen. Dies ist ein Moment, in dem ich definitiv zu europäisch bin. Es ist mir peinlich.

Die Tage hier oben am weißen Fluss haben ein Gleichmaß. Besucher kommen und gehen, Alte, Junge, Kinder, die die Menschen aus dem fernen Europa sehen wollen, manche, die hoffen, uns etwas zu verkaufen, was sie aus Filz und Leder genäht haben. Einige haben dafür einen Tagesritt auf sich genommen. Abends singen wir mit ihnen Lieder über Kamele, die über die Steppe schaukeln, und wenn es feucht und klamm wird, kommt immer irgendwer, der den Ofen anzündet, Wacholder verbrennt. Dann kommt manchmal auch Galbe in unsere Jurte, rollt sich wie ein Hund in meinen Schlafsack und lacht und befühlt meine Nachtcreme, ist ganz Kind und doch wieder eine ganz andere am nächsten Tag, streng, grußlos. Sie zeigt nicht die Weisheit, die ich insgeheim erhofft hatte, ist unberechenbar wie so vieles hier, und das ist nur schwer zu ertragen.

Meist wissen wir nicht genau, welche Pläne Amelie für den Tag hat. Wo sind die anderen Jurtensiedlungen? Kannst du uns übersetzen, was die Männer singen? Kannst du die Köchin fragen, wie viele Kinder sie hat? Nicht fragen, sagt Amelie, du bist zu europäisch, wir sind in der Mongolei, hier fragt man nicht so viel. Nicht fragen, nicht Antworten erwarten: Hast du nicht meine Bücher gelesen? Du sollst schauen. - Ich will wissen. - So funktioniert das nicht. - Das ist Willkür. - Steig auf dein Pferd. Wie war dies? Wann war das? Warum war das? Wie alt ist diese Felszeichnung in der abgelegenen Senke mit den Pferden, den Reitern, den Schneeleoparden - 2000, 3000 Jahre? Was bedeutet dieser Steinhaufen mitten auf der Steppe, markiert er eine Grabstätte? Warum liegen hier überall so viele Pferdeschädel? Warum tauche ich den Ringfinger in die Schale mit Wodka, bevor ich trinke?

Trink einen Schnaps, sagt Amelie. Unsere Fragen werden nie beantwortet. Irgendwann fragt niemand mehr. Sollen wir lernen, dass Worte nicht genügen, dass man Auge, Ohr und Nase sein muss, dass man aus diesem Land, von diesen Menschen nur das mitnehmen kann, was direkt durch einen durchfließt? Jeden Tag treiben die Tuwa die Pferde in unser Tal und fordern uns auf, mit ihnen zu reiten, stundenlang. Meist durch den Fluss, das wilde Wasser, das besonders am Nachmittag schäumt, wenn es der Gletscher ins Tal presst. Ein mongolisches Pferd ist unabhängig. Trotzdem schaue ich nach unten. Spüre, das Pferd treibt ab, ich werde springen müssen, denke ich, vielleicht schaffe ich es, dass der Fluss mich nicht unter seine Oberfläche spült. Schau nur aufs Ufer, sagt einer der Nomaden. Es ist alles eine Sinnestäuschung, lerne ich.

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Dung suchen, Feuer machen, kochen. Und niemals einen Stein bewegen - weil der dann drei Jahre weint

Die Mongolen galoppieren voraus. Sie singen. Und dann taucht vor dem Weiß der Gipfel eine Wiese voller Edelweiß auf, in ihrer Mitte ein Bergsee, das Wasser so grün wie mein Pfefferminzbadeöl zu Hause, und mein Herz stolpert inmitten dieser unwirklichen Schönheit. Ständig ist mein Herz heftig in Bewegung, seitdem ich hier bin, und ich weiß, es ist nicht allein die Höhenluft. Ich möchte es beruhigen, ich fürchte es zu verlieren. Häufig besuchen wir auf diesen Touren die Familien, die ihre Sommerlager in diesem Teil des Altai haben. Wir reiten ihre Pferde, ihre Männer versorgen uns, bewachen uns, führen uns. Und wenn wir die Jurten der großen Familien betreten, dann türmen sich die Milchspeisen, Trockenquark, Butter in unterschiedlichen cremigen Ausführungen und Geschmacksrichtungen. Die Frauen bedienen, und die Männer liegen am Boden, und wenn die Frauen überhaupt sitzen, dann auf der linken Seite vom Eingang, im Osten, und die Männer auf der rechten, wo die Sonne untergeht.

Sie reichen mir die Schüssel mit der Hammelsuppe mit Nudeln. Ich strecke meine rechte Hand aus, stütze den Ellbogen mit der linken. Ich weiß mittlerweile, dass es unhöflich ist, etwas mit entblößtem Unterarm entgegenzunehmen, dass es Unglück bringt, auf die Türschwelle zu treten, und dass man niemals die Jurte unterhalb der gekreuzten Dachstangen durchqueren sollte.

Ich schlürfe höflich, als die Frauen Milchtee ausschenken, frisch gekocht. Sie rühren mit dem Schöpflöffel durch die Milch und nehmen den Rahm ab. Hinterher liegt die helle, durch Tücher gepresste Masse draußen auf dem Felsen zum Trocknen. Weiß auf Schwarz. Das sind hier die Farben, das Weiß der Milch, das Schwarz des Schnapses, das Weiß des Flusses, das Schwarz der Felsen. Und spricht einer böse, so nennen sie dies mit schwarzer Zunge reden und reichen ihm schnell weißen Trockenquark, um das Böse aufzuweichen.

Wir trinken vergorene Stutenmilch, und es wird ein Rausch, der einige von uns zwei Tage in die Knie und über das Loch im Boden zwängen wird, das unsere Gemeinschaftstoilette ist. Ich gehe hinaus. Hinter der Jurte sitzt eine Alte, die Schneegipfel im Blick, sitzt zwischen einer alten Nähmaschine und einer riesigen Satellitenschüssel, und als ich versuche, so vor ihr zu kauern, wie die Tuwa es können, die Füße flach am Boden, da legt sie plötzlich und wie nebenbei ihre Hand auf mein Herz, und einen kurzen Moment kann ich mich in ihren Augen spiegeln.

Wenn man krank ist, sagen die Schamanen, dass einem die Seele abhanden gekommen ist. Eine Schamanin ruft die Seele zurück. Galbe sagt, sie will nun schamanen. Es ist ein guter Tag, der Mond steht richtig. Der Dachfilz wird zugezogen. Ihr Mann legt Dung nach in den Ofen. Seit Stunden hat sie die Jurte vorbereitet, ein Feuer entfacht, Wacholder verbrannt auf dem Deckel, Schnaps getrunken. Sie trägt auf dem Kopf die Schamanenmütze mit den Uhufedern, den Steinmarderbälgen und den Kaurimuscheln, da liegt ihr Messingspiegel, eine Schamanin ohne Spiegel ist ein Nichts, ihrer kommt von der Großmutter, der berühmten Schamanin Pürwü.

Sie sitzt mit dem Gesicht zur Tür, sie beginnt zu singen, auf den Himmel, die Erde, den Altai, singt die festgelegten Lieder, spritzt Milch und Schnaps den Geistern zum Opfer, und dann fallen Worte in sie von irgendwoher und fliegen wie Vögel aus ihr heraus. Sie ist plötzlich über eine Linie in ein unsichtbares Land gegangen. Jeder von uns durfte ihr zuvor eine Frage aufschreiben. Sie ruft mich zu sich. Sie ist Übersetzerin der Geister, und was sie zu mir sagt von Tod und Wasser, versetzt die Nomaden in der Jurte in eine Aufregung, die mich misstrauisch macht. Ich weiß, die Schamanin ist die Sprecherin der Toten, soll den Weg weisen. Nur bruchstückhaft, scheint mir, gibt die Übersetzerin ihre Worte an mich weiter, und doch fallen sie hart durch mich, langsam, und ich kann nicht zurückweichen.

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Erst an der Frau riechen, dann sie zur Freundin machen: der entschlossene Sänger Papisan

Galbe sagt, ich soll zum Berg beten, um das abzuwenden, was sie sieht. Aber ich soll den Berg nicht beim Namen nennen. Erhabene und gefährliche Dinge werden nicht direkt genannt. Sie singt wieder, aber die Tuwiner schwatzen, und sie bricht ab. "Amelie hinter mir ist betrunken", ruft sie, "und ihr lacht zu viel, die Unruhe ist zu groß." Sie will keine Fragen mehr beantworten.

Ich liege in meinem Schlafsack, und in mir pochen die Gedanken, was, wenn sie Recht hat, schließlich hat sie auch das gesehen, was sie unmöglich wissen konnte. Die Angst ist diffus und groß und nicht zu bändigen, kämpft gegen die Vernunft, steckt fest wie ein Kopf, festgefroren unter einer Eisdecke, vielleicht, weil das dem nah kommt, was sie gesehen hat. Nur weg von hier, denke ich, nimm morgen ein Pferd, wilde Pläne, und dann sinke ich doch weg, tief, bis ich Schreie höre, nichts kann ich einordnen, bin ich überhaupt wach? Es klingt von allen Seiten an mein Ohr, Stimmen voller Angst, und ich denke, es ist ein Traum, und spüre nur noch, wie sich auf der anderen Seite der Jurte, in meinem Rücken, jemand wimmernd zusammenrollt.

Am Morgen erzählt Papisan, dass Galbe außer sich gewesen sei, nicht wirklich zurückgekehrt aus der unsichtbaren Welt. Sie habe versucht, mit einem Küchenmesser ihren Mann zu töten. Jemand hat sie festhalten können. Ich fühle, dass diese Nacht mich hauchdünn gemacht hat. Amelie schlägt vor, dass wir zu den fünf heiligen Bergen reiten. Es fängt an zu schneien, als wir losreiten, meine Hände können die Zügel nicht mehr halten, immer wieder peitscht Schneeregen ins Gesicht. Die Tuwa sagen, man ist immer ein Teil dessen, wo man sich gerade befindet.

Ein Berg, ein Fluss, eine Grasmulde, die nach Wermut, Salbei und Beifuß riecht. Man ist hart oder fließt oder man merkt, wie man wächst und wieder verdorrt, wenn es an der Zeit ist. Ich reite durch sumpfiges Land. Bin weich, formlos. Stundenlang geht es bergauf. Die Pferde stolpern durch Wasserrinnen. Ich will endlich oben sein. Himmelnah und erdenschwer zugleich sein. Und dann tauchen die Gipfel auf, das Gletschereis. Ich stehe auf Eis, das Jahrmillionen alt ist und schmutzig von der Zeit. Hier oben ist der ewige Geistersitz.

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Durch reißende Flüsse, auf steile Berge - und das in einem alten klapprigen Lkw

Die Nächte bei den heiligen Gipfeln, dem 4374 Meter hohen Chuiten Orgil im vergletscherten Tawan-Bogd-Massiv, sind sehr kalt. Wir haben nur Zelte mitgenommen, das Wasser in der Trinkflasche gefriert, und als ich in der Nacht hinausgehe, liegt ein Kamel vor dem Ausgang. Ich hocke mich in das tiefgefrorene Gras, ein Hund taucht auf, setzt sich neben mich und schaut mit mir auf die Gletscher. Die Milchstraße über uns so nah, dass man meint, den Kopf einziehen zu müssen. Und auch wenn ich sie nicht sehe, weiß ich, dass um uns Schneeleoparden, wilde Bergziegen, Wölfe, Murmeltiere, aber auch Adler, Schwäne leben. Und die Geister, die Ahnen. Es ist ein Moment, der nie wieder verschwinden wird.

Und plötzlich ist da dieser Gedanke: Wie wäre es, wenn ich doch für längere Zeit die Welten wechsele? Ich habe mich doch schon an so vieles gewöhnt. Sogar daran, aus einer einzigen Schüssel zu trinken und zu essen. Alles schmeckt nach Hammel, das Wasser, der Tee. Wieso habe ich zu Hause eigentlich so viele unterschiedliche Gläser, denke ich. Für Wein, Grappa, Likör, Wasser, Latte macchiato. Der Gedanke ist nur kurz. Ich weiß, ich werde wieder in meine Welt fahren.

Jemanden, an dem auch in den besten Stunden der Zweifel nagt - wer bin ich, bin ich die, für die ich mich halte -, nennen die Tuwa "Blutherz", han dshürek: dem Leiden, der Schwere der Erdexistenz ausgesetzt. Vier Menschen haben dort oben im Altai ihre Hand auf mein Herz gelegt und Dinge gesagt, die ich nicht verstanden habe, weil ich ihre Sprache nicht spreche. Das Herz ist für die Tuwa der Ort, wo die Angst und der Mut eng beieinanderhocken. Zum Abschied schlang Papisan mir einen roten Faden mit einem kleinen Knochen, dem Kniegelenk eines Wolfes, um den Hals. Mit den Nomaden zu gehen heißt, etwas zu empfangen, ohne danach zu suchen, sagt man.

Der Altai hat nun eine Felszeichnung, die von mir und einem kleinen Obertonsänger erzählt, und vielleicht steht in tausend Jahren jemand davor und denkt sich seine ganz eigene Geschichte dazu. Und ich besitze keine Bücher mehr, keine Notizen, nur noch den Bergkristall, die Federn, den Wolfsknochen und eine Weisheit der Tuwa-Nomaden:

Fürchtest du dich, wenn der Wolf kommt, dann kannst du sterben.

Fühlst du dich beehrt, wenn der Wolf kommt, dann wächst du.

Tötest du den Wolf und isst von ihm, dann wirst du geheilt, du wirst wolfsgleich.

BRIGITTE Heft 09/08 Text: Beatrix Gerstberger Fotos: Beatrix Gerstberger
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