Moskau: Metropole der Kontraste

Die russische Metropole glitzert, protzt und stylt sich jeden Tag neu. Eine Boomtown voller Kontraste. Vier Frauen in Moskau erzählen vom neuen Leben.

"Was für ein ungwohnter Luxus, ins Café zu gehen"

Tatjana Jonina, 70, Professorin

Tosender Applaus für Gidon Kremer im großen Konzertsaal des Moskauer Konservatoriums. "Ich liebe diesen Saal mit der exzellenten Akustik", freut sich Tatjana Jonina. "Was für ein Glück, dass hier endlich auch die größten internationalen Stars gastieren."

Die zierliche Frau stammt aus einer alten Moskauer Intelligenzija-Familie und wäre am liebsten Musikerin geworden. Geigerin, wie ihre Schwester, die ihr heute auch die Konzertbesuche ermöglicht. 40 Euro pro Karte könnte sich die 70-Jährige niemals leisten. Ihre Pension ist klein. Deshalb arbeitet sie immer noch als Professorin am Moskauer Institut für Flugzeugbau.

Finanziell geht es ihr deutlich schlechter als in der Sowjetzeit: "Wir Wissenschaftler sind heutzutage nicht nur ärmer als junge Manager, wir werden auch weniger anerkannt." Trotzdem genießt die agile alte Dame das neue Lebensgefühl in ihrer Stadt. Raus aus der Wohnung und zum Treffen mit den Freundinnen ins Café. "Für uns ist es ein ungewohnter Luxus, Espresso, Cappuccino oder Latte macchiato zu trinken. Vor ein paar Jahren kannte ich die Wörter nur aus der Literatur", lacht sie. Ihr Favorit: das "Kofemania" direkt neben dem Konservatorium. Der große Raum, der wie ein alter Bahnhofswartesaal wirkt, ist mittlerweile so etwas wie ihr zweites Zuhause.

Tatjana nimmt einen Zug aus ihrer Zigarette: "Im Grunde hatte ich ein schönes Leben", sagt sie. "Nur reisen konnten wir nicht. Sogar das sozialistische Ausland war verboten, weil unser Institut der Geheimhaltung unterlag." Aber das hole sie mit ihrem Mann Wolodja jetzt nach. Sie habe gespart. "Für mich ist es ein Traum, dass wir die Reisefreiheit noch gemeinsam erleben dürfen." Die meiste Zeit ihrer 48 Ehejahre haben sie auf engstem Raum zusammengelebt: anfangs in einer alten Holzvilla, zu fünft in einem Zimmer ohne Bad und mit nur einer Küche für 14 Familien. Erst 1967 bekamen sie eine Dreizimmerwohnung nicht weit vom Zentrum. Die bewohnen sie heute noch - momentan mit den Söhnen ihrer Nichte.

Foto-Show Moskau

Nicht alles ist besser geworden. Wehmütig stimmt sie vor allem das kulinarische Angebot: "Die Welt ist größer geworden, aber unser Brot schmeckt nicht mehr. Früher gab es auf der Twerskaja den Bäckerladen Filippow mit einem saftigen Schwarzbrot. Das duftete nach Kardamom und Kümmel." Sie könnte es theoretisch im goldverzierten Vorzeige-Feinkostladen Jelissejew bekommen, dem funkelnden Einkaufsparadies aus der Zarenzeit, mitten auf der Twerskaja-Straße. Da gibt es das alte Brot noch - zu horrenden Preisen. Unerschwinglich für sie. "So ist das eben", lächelt Tatjana, "früher träumten wir vom Reisen, heute von echtem Brot ..."

"Die Straßen in Moskau sind für Männer gemacht"

Larissa Iwanowa, 41, Taxifaherin

Kurz vor zwölf Uhr an einem Mittwochmittag auf der großen Steinbrücke über die Moskwa, die zum Kreml hinüberführt. Der Verkehr steht still, gut 30 Minuten geht nichts mehr. Am Steuer eines gelben Taxis sitzt Larissa Iwanowa. Völlig gelassen. Sie klappt den Spiegel runter, korrigiert den Lippenstift und schüttelt ihre blonden Haare. In Russland sind die meisten Taxifahrer Männer. Larissa ist eine der wenigen weiblichen Ausnahmen.

Bis vor zehn Jahren lebte Larissa als Lehrerin in Kirgisien. Sie hat gern unterrichtet, sagt sie, aber in der Schule verdiente sie nur 200 Euro im Monat. Taxifahren bringt das Sechsfache. Sie fährt Touristen oder Moskaus neue Mittelklasse. Auf breiten verstopften Straßen, an deren Rändern es strahlend hell funkelt.

"Die Straßen in Moskau sind eigentlich für Männer gemacht", grinst sie, "genau wie die russischen Autos! Allein wie ich hier sitze..." Breitbeinig. Wenn sie auch wie ein Mann pinkeln könnte, hätte sie es leichter, denn in Moskau gibt es nur wenige öffentliche Toiletten. Noch eine Eigenheit der Stadt ist, dass sie statt eines Hauptbahnhofs mehrere pompöse Bahnhöfe hat; sie wurden im Kommunismus als Paläste des Volkes gebaut.

Den Pawelezker Bahnhof steuert Larissa oft an, denn hier kommen viele Touristen mit dem Expresszug vom Flughafen Domodjedowo an. Gepäckträger schieben Karren voller Koffer zu den Taxischlangen. Schon kann Larissa ihre Lieblingsstrecke fahren: an der Uferstraße der Moskwa entlang. Ihr Blick streift über den Roten Platz und das illuminierte Jugendstil-Kaufhaus Gum. Im Vordergrund die Basiliuskathedrale mit den bunten Zuckerhüten. Hinter den Kremlmauern die goldenen Kuppeln der Kremlkirchen.

60 Stunden die Woche fährt Larissa Taxi. Muss sie, sagt sie. Sie lebt in einer der teuersten Städte der Welt. Wer den Rhythmus nicht mitmacht, schafft es nicht.

"Von uns träumt keiner mehr vom Westen"

Lanna Kamilina, 37, Friseurin

Wenn Lanna Kamilina beim Frühstück aus dem Fenster schaut, sieht sie auf das Denkmal von Jurij Gagarin. Russlands erster Mann im Weltraum ziert in Überlebensgröße den Leninprospekt.

Vor fünf Jahren kaufte Lanna diese Wohnung aus der Stalinzeit. Für sie als Joggerin liegt sie ideal, denn es sind nur wenige Schritte zu den Sperlingsbergen, Moskaus schönstem Aussichtsplatz. Wenn sie hier steht, weiß sie, warum sie ihre Stadt liebt: die Moskwa zu Füßen, die goldenen Kuppeln des Neujungfrauenklosters dahinter und drüben die moderne Skyline dieser Weltmetropole.

Lanna Kamilina weiß, dass sie es geschafft hat. Vor 15 Jahren kam sie aus Sibirien nach Moskau zu einem Friseurwettbewerb. Gewann den ersten Preis und bekam prompt einen Job in der Hauptstadt. "Es war wie im Märchen. Ich wusste sofort: Hier will ich leben! Die Dynamik der Stadt faszinierte mich." Dann ging sie aber doch weg. Nach Paris. Zum Lernen. Für ein Jahr. Zurück in Moskau begann eine ganz besondere Erfolgsstory. Heute residiert sie in ihrem Salon in Samoskworetsche, dem alten Kaufmannsviertel mit engen Gassen und idyllischen Plätzen, direkt gegenüber der Tretjakow-Galerie. Das Geschäft in bester Lage ist modern und eher schlicht. Auf zwei Etagen arbeiten 50 Angestellte von 10 bis 22 Uhr, die immer zu tun haben. Rund zwölf Prozent ihres Gehalts legt eine Moskauerin monatlich für Körperpflege an. Und Lannas Klientel ist jung und verdient gut.

"Lanna Kamilina" steht über der Tür, nicht mehr. Ein klares Statement: Die Chefin diktiert den Trend. Zur Zeit sind Blondinen bevorzugt. Lanna à la Monroe ist ihre beste Werbung. Wer ihr Reich betritt, verspürt Lust, die Schönheit zu feiern. Und zwar von Kopf bis Fuß. Moskaus Frauen verbringen Stunden in diesen Beauty-Tempeln. Schließlich verteidigt die Stadt den Ruf als dekadenteste Metropole der Welt.

Mit klimpernden Wimpern und einem strahlenden Lächeln balanciert Lanna selbst bei minus 20 Grad auf hohen Absätzen zu den angesagten Events. Denn sie stylt auch Stars und Sternchen für Film und Fernsehen. "Ich liebe diese Stadt", sagt Lanna mit Siegerlächeln, "weil sie wie keine andere zwischen den Extremen pendelt. Es gibt nichts, was es in Moskau nicht gibt." Zumindest nicht für Geld.

Designerboutiquen machen die ehemalige Hauptstadt der Weltrevolution zu einem Mekka der Maßlosigkeit. "Die Wirklichkeit hat unsere kühnsten Träume überholt. In keiner anderen Stadt konzentriert sich das neue russische Selbstbewusstsein so wie in Moskau. Vom Westen träumt von der russischen Elite keiner mehr."

Mittagessen im "Baltschug Kempinski". Das Luxushotel ist eine Insel des Westens, auch die "neuen Russen" zieht es hierher. Das Café "Kranzler" ist ein Meeting-Point und Präsentierteller für schöne Damen: Oligarchen haben gern zerbrechliche Schönheiten um sich. Das Menü kostet ab 30 Euro. Lanna zuckt mit den Schultern: "Im Gegensatz zu unseren Müttern leisten wir uns Luxus ohne schlechtes Gewissen."

"In meiner Generation sind die Frauen viel souveräner als die Männer"

Irina Scherbakowa, 57, Historikerin

Bevor sie um neun Uhr mit ihrem Hund rausgeht, beantwortet Irina Scherbakowa ihre E-Mails. Ehemann und Töchter schlafen noch. Die Fünf-Zimmer-Wohnung liegt im Moskauer Norden. Das vierstöckige Haus ist ein Neubau aus den sechziger Jahren in einer gesichtslosen Siedlung. Doch es gibt gleich nebenan den Park. Sie trinkt ihren Tee im Stehen. Dann läuft sie zehn Minuten im Berufstätigen-Trab zur nächsten Metro. Wie an allen Stationen warten auch hier rund um den U-Bahn-Eingang kleine Buden auf Menschen, die eine Kleinigkeit kaufen wollen. Irina wirft einen kurzen Blick auf das Angebot, holt ein 50-Rubel-Stück aus der Tasche und gibt es "ihrer" Babuschka, die jeden Morgen hier steht und mit dem Verkauf von kleinen Blumensträußen ihre Rente aufbessert.

Die promovierte Historikerin arbeitet in einer alten Villa bei der Gesellschaft Memorial, ihr Schwerpunkt: der Stalinismus. Seit 1991 forscht sie in den Archiven des KGB und lehrt Oral History an der Moskauer Afanassjew-Universität. "In meiner Generation sind die Frauen aktiver als die Männer. Das sowjetische System hat die Männer nur zur Passivität erzogen. Wir Frauen haben uns viel besser in die neuen Zeiten eingelebt", sagt sie und lächelt.

Mittagspause. Irina trifft sich mit ausländischen Kollegen zum Lunch im Café "Puschkin". Das Szene-Restaurant liegt in einem Palast im Empirestil - der allerdings erst wenige Jahre alt ist. Das ganze Ensemble, von den Tischen über die Biedermeierstühlchen bis zur Holztheke, ist eine groß angelegte Kopie. Ein Potemkinsches Dorf der neuen Zeit, nur wenige Schritte vom Puschkin-Denkmal entfernt.

Abends tankt Irina oft Kraft im Arbat, dem alten Adelsviertel, in dem ihre Eltern noch leben. Irina kennt hier jede Gasse, jeden Winkel. Viele Botschaften und Behörden befinden sich in diesem Stadtteil. Der benachbarte Kreml war ihr Spielplatz, im Alexandergarten an der Kremlmauer rodelte sie im Winter. Auf den ersten Blick ist es im Arbat heute noch wie in alten Zeiten. Doch die Wohnungen in den Jugendstilhäusern wurden aufs Feinste renoviert. "Überhaupt verändert sich das Bild der Stadt dramatisch", sagt Irina. Neben restaurierten Palästen und Kirchen ragen heute postmoderne Prunkbauten in den Himmel. Wolkenkratzer, 20 bis 30 Stockwerke hoch, Appartements für den aufstrebenden Mittelstand. Chrom und Glas als Spiegel des neuen Wohlstands.

Und auch das Lebenstempo der Stadt ist dynamischer geworden. Fast jeden Abend hat Irina Verpflichtungen. Hier ein Empfang, da eine Einladung ins Konzert, dort eine Ausstellungseröffnung. "Meine Töchter sind auch ständig unterwegs - entweder sie diskutieren in Coffeeshops, oder sie tanzen in Clubs. Die Restaurants, Bars und Cafés geben der Stadt ein offenes, pulsierendes Flair", sagt sie. Das sei - bei aller Hektik - das Positive an der neuen Zeit!

Text: Eva Gerberding Fotos: Bernd Uhlig und Andreas Herzau Artikel aus der Brigitte Woman 10/08
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