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Myanmar: Im goldenen Käfig


Myanmar - ein Land voller Wunder. Prächtige Tempel. Überwältigende Natur. Und ein brutales Militärregime. Soll man da überhaupt hinreisen? Wir meinen, ja, und sagen, warum.

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Später werde ich von Pagoden mit goldenen Kuppeln erzählen. Von kahlköpfigen Mönchen in safranroten Gewändern. Von grünen Reisfeldern und schwimmenden Gärten. Werde erzählen von Frauen mit Sandelholzpaste auf den Wangen und Männern in Wickelröcken. Und von Kindern, die lachend auf Wasserbüffeln reiten. Denn auch das ist Myanmar, das früher Birma hieß. Vieles aber, was hier seit vierzig Jahren unter dem brutalen Militärregime geschieht, wollen die Generäle vor den Touristen verbergen. Wer um diese zweite Wirklichkeit Myanmars weiß, reist mit einem anderen Blick durch das Land.

Deshalb beginnt diese Geschichte in einer staubigen Seitenstraße der Stadt Mandalay. Dort leben die "Moustache Brothers": drei Komödianten und ihre Familien. Sie haben der Diktatur die Stirn geboten und dafür einen hohen Preis gezahlt. Ihre Zivilcourage hat sie aber auch zu Volkshelden gemacht. In der Garage haben sich die Schauspieler eine einfache Heimbühne eingerichtet. Bis zum 4. Januar 1996 reisten die "Moustache Brothers" durchs Land. Die Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi hatte sie für ein Fest zum Unabhängigkeitstag engagiert. Sie hatten viele politische Witze im Programm, das Publikum lachte. Die Generäle lachten nicht und verhafteten die Truppe.

Nach sieben Jahren Haft sind Par Par Lay und sein Cousin wieder frei. Doch das Regime hat den "Moustache Brothers" öffentliche Auftritte verboten. Nur in ihrer kleinen Garage dürfen sie weiterspielen. Inoffiziell. Ausländer sind zur einzigen Einnahmequelle für die Schauspieler geworden. Denn Touristen rührt der Geheimdienst nicht an. Landsleute aber kommen nur selten. Aus Angst vor Spitzeln.

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Mit zwiespältigen Gefühlen reisen Fotografin Cordula Kropke und ich nach diesem Treffen durch Myanmar. Bagan! Für dieses Architektur-Wunder lässt sich kein Vergleich finden. Und doch versucht es mein Gehirn. Kommt mit ungenügenden Umschreibungen: wie riesige Raumschiffe einer fernen Sternenzivilisation. Oder: als hätte man alle mittelalterlichen Kathedralen Europas auf kleinstem Raum erbaut. Mehr als 2200 Pagoden und Tempel ragen aus der rötlichen Erde dem Himmel entgegen, nicht mitgerechnet hunderte von namenlosen Ruinen - und das alles auf nur 25 Quadratkilometern. Weltkulturerbe.

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Drängen und Schieben, Hufescharren, Schreie. Staub wirbelt durch die Luft. Markttag im Örtchen Nampan, am Ufer des Inle-Sees. Die Pa'O, eine Volksgruppe aus den Bergen, sind mit Ochsenkarren ins Tal gekommen. Verkaufen Bambusstämme an die Intha, die Bewohner des Sees, die das Holz für ihre Pfahlbauten brauchen. Später treiben wir in einem Boot über das ruhige schwarze Wasser. Vorbei an Pfahlhäusern und schwimmenden Tomatenbeeten. 17 Dörfer stehen im See. Jedes hat sich auf ein Handwerk spezialisiert. Wir schauen zu, wie Sonnenschirme aus handgeschöpftem Papier gefertigt und wie die flachen Fischerboote gebaut werden. In einer Manufaktur zieht eine junge Frau Pflanzenfasern aus Lotusstängeln. Was nicht nur viel Geschick, sondern auch unendlich viel Geduld erfordert. Die Fasern spinnt sie zu einem Faden, der zum Weben benutzt wird. 200 Dollar kostet so ein Schal aus Lotusfaser. Um sich den leisten zu können, müsste eine birmanische Arbeiterin 200 Tage lang Zigarren rollen.

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Am Abend, die Shwedagon-Pagode. 60 Tonnen soll das Gold wiegen, das die Kuppel verziert. Aufbewahrungsort für acht Haare des Buddha. Am Fuß des Komplexes bleibt Zaw Myint, unser Führer, stehen und sagt: "Hier hat Aung San Suu Kyi 1988 ihre erste große Rede gehalten." Vor einer halben Million Zuhörern sprach die Akademikerin mit Oxford-Schliff, von einer Demokratie, die nur durch Einheit und Disziplin entstehen könne. Im Inneren umrunden Gläubige die Anlage im Uhrzeigersinn. Opfern Blumen vor Buddha-Statuen. Beten kniend. Zünden Kerzen an. Trinken heiliges Wasser, von dem sie sich Glück, Gesundheit und Schutz vor Gefahren versprechen.

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Kaum ein anderes Land ist so von Religion durchdrungen wie Myanmar. 87 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten, darunter fast eine halbe Million Mönche und mehr als zweihunderttausend Nonnen. Alle hoffen, wenigstens einmal im Leben die Shwedagon-Pagode zu besuchen, das spirituelle Zentrum und größte Heiligtum Birmas. Wir setzen uns auf Stufen. Die untergehende Sonne lässt die Kuppel goldrot aufleuchten. Aus den Lautsprechern klingt ruhiger Singsang - Heilslehren des Buddha. Und für einen Augenblick ist die Welt im Gleichgewicht.

Reise-Infos Myanmar

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BIRMA, BURMA, MYANMAR

Fürher hieß das Land Birma auf Deutsch, Burma auf Englisch. 1989 änderte die Junta den offiziellen englischen Namen "Union of Burma" in "Union of Myanmar". Da diese Änderung nie durch ein demokratisch gewähltes Parlament bestätigt wurde, verwenden Teile der Opposition in der englischen Sprache weiterhin den Namen Burma. Das Land ist doppelt so groß wie Deutschland und hat etwa 50 Millionen Einwohner. Birmanen machen 65 Prozent der Bevölkerung aus; neben ihnen gibt es mehr als 100 unterschiedliche ethnische Gruppen im Land. Die Hauptstadt Yangon (Rangun) hat ungefähr fünf Millionen Einwohner.

SOLL ICH ÜBERHAUPT NACH MYANMAR REISEN?

  • Gegen eine Reise spricht:
  • Wegen der unannehmbaren Menschenrechtssituation hat die Führerin der Opposition, Aung San Suu Kyi, Touristen aufgefordert, ihr Land
  • zu boykottieren. Informationen zur Menschenrechtslage zum Beispiel über Amnesty International (www.amnesty.org).
  • Reisen ins Land können als Zustimmung zur Regierung und ihrer Politik gewertet werden. Und die Junta bemüht sich, genau diesen Eindruck zu erwecken.
  • In irgendeiner Form verdient die Diktatur an jedem Touristen:
  • etwa durch Eintrittsgelder, staatliche Transportmittel und Beteiligungen an privaten Unternehmen. Individualreisende müssen bei Ankunft 200 US-$ zwangsumtauschen. Von Pauschalreisen kommt der Regierung meist ein bestimmter Prozentsatz zugute.
  • Das Regime beschränkt die Reiseziele und hält Touristen gezielt von den Gegenden ab, wo es ethnische Minderheiten massiv unterdrückt.
  • Auch für Teile der touristischen Infrastruktur - Straßen, Eisenbahnen - hat das Regime Zwangsarbeiter eingesetzt.
  • Für eine Reise spricht:
  • Der Tourismus ist einer der wenigen wirtschaftlichen Bereiche, zu denen das Volk Zugang hat. Die Besitzer privater Hotels und Restaurants, Handwerksbetriebe und Andenkenverkäufer, Fahrer und Kofferträger, sie alle profitieren vom Tourismus. Die "Moustache Brothers", die auf einer schwarzen Liste der Regierung stehen, sind vollkommen von ausländischen Besuchern abhängig. Ein Boykott würde diese Menschen finanziell mehr treffen als die Generäle.
  • Auch Birmanen argumentieren, dass ein Tourismus-Boykott die Isolation des Landes nur verstärken würde. Der Kontakt zu informierten Touristen aber könne den Einwohnern Einsichten über die "Außenwelt" vermitteln, die über die Nachrichten von BBC und "Voice of America" hinausgingen.
  • Massaker an der Bevölkerung, wie die von 1988, werden weniger wahrscheinlich, wenn Touristen vor Ort sind.

WENN SIE SICH FÜR EINE REISE NACH MYANMAR ENTSCHEIDEN

  • Vermeiden Sie touristische Einrichtungen, von denen nur der Staat profitiert, wie z. B. staatliche Hotels (Hinweise z. B. im Reiseführer von Lonely Planet); buchen Sie im Land keine Touren, die mit der staatlichen Tourismusagentur MTT zu tun haben; benutzen Sie keine staatlichen Transportmittel wie die Yangon-Mandalay Expresszüge, die MTT-Fähre von Mandalay nach Bagan und Myanma Airways (MA). Die Fluglinie hat überdies einen mangelhaften Sicherheitsstandard. Private Fluglinien: Air Mandalay und Yangon Airways.
  • Kaufen Sie Andenken lieber von den Herstellern und von Handwerkern und nicht aus Regierungsläden.
  • Bringen Sie einige (englische) Bücher und Magazine für die Birmanen mit; solcher Lesestoff ist im Land schwer zu bekommen. Der
  • Inhalt sollte nicht politisch sein!
  • Lenken Sie im Land Gespräche von sich aus nicht auf die Politik. Sie könnten Birmanen damit in unangenehme oder gar in gefährliche Situationen bringen.

SO KOMMEN SIE GUT DURCHS LAND

Beste Reisezeit ist von November bis Februar; dann regnet es kaum, die Temperaturen sind angenehm, und die Sicht ist sehr klar und gut fürs Fotografieren.

Zwei Wochen: Buchen Sie am besten im Voraus. Das spart Zeit vor Ort. Mittlerweile haben viele Veranstalter Myanmar in ihr Programm aufgenommen. Der Asien-Spezialist "East Asia Tours" (EAT) zum Beispiel organisiert Reisen schon ab zwei Teilnehmern und reagiert flexibel auf individuelle Routen- und Hotelwünsche. Unterkünfte sind je nach Komfortwunsch wählbar - vom Mittelklasse- bis zum Luxushotel (East Asia Tours, Kurfürstendamm 206, 10719 Berlin, Tel. 030/885 22 44, Fax 885 22 66, www.eatberlin.de).

Mehr als zwei Wochen: Eine Reise auf eigene Faust mit Buchungen vor Ort erfordert mehr Zeit. Denn die Straßen sind sehr schlecht, die Züge haben oft horrende Verspätungen. Und die Flugverbindungen sind gerade in der Hauptsaison schnell ausgebucht. Bus- und Zugfahrkarten müssen mindestens zwei Tage im Voraus gekauft werden. Dazu ein paar Hoteltipps für die touristischen Hauptziele. Die mit * gekennzeichneten Hotels können Sie auch über EAT buchen.

Achtung: Telefonnummern können sich innerhalb kürzester Zeit ändern. Das Netz ist unzureichend. Viele Hotelangestellte sprechen wenig Englisch.

Yangon: Kandawgyi Palace Hotel*, ganz aus Teakholz, am gleichnamigen See gelegen, mit einem tropischen Garten, zwei Kilometer von der Shwedagon-Pagode entfernt. (Kan Yeik St., Tel. 00 95/1/24 92 55). Mandalay: Emerald Land Inn*, kleines hübsches Hotel im Nordwesten der Stadt mit sehr freundlichem Personal und guter birmanischer Küche. (No. 9, 14th Street, between 87th & 88th Street, Tel. 00 95/2/ 269 90, Fax 356 45). Kalaw: Die ehemalige britische Bergstation eignet sich gut als Zwischenstopp auf einer Überlandreise von Mandalay oder Bagan zum Inle-See. Hill Top Villa Resort Hotel*, 16 Holzbungalows in ruhiger Lage, etwas oberhalb des Orts, mit schönem Ausblick. Das Restaurant serviert birmanische, chinesische und lokale Shan-Küche. (3rd Quarter, Kalaw, Southern Shan State, Tel. 00 95/81/ 503 46, Fax 81/503 47). Inle-See: Paradise Inle Resort, die einzelnen Bambus- und Teakholz-Bungalows stehen auf Pfählen im Wasser und sind durch Brücken miteinander verbunden. (Reservierung über Yangon-Büro, Tel./Fax 00 95/1/29 43 28).

DAS SOLLTEN SIE NICHT VERPASSEN

Yangon: die Shwedagon-Pagode und der kolossale liegende Buddha von Chaukhtatgyi (Shwegondaing Rd.). Die Statue erreichen Sie am besten per Taxi.

Mandalay: eine Vorführung der "Moustache Brothers"; einfach abends gegen 20 Uhr vorbeischauen! (39th Street, between 80th & 81st Street; die Schauspieler freuen sich sehr über kleine Geschenke wie Shampoo, Moskito-Spray und Kosmetikprodukte für die Frauen). Der Zeigyo, der zentrale Markt am Uhrenturm, der sich über zwei dreistöckige Gebäude verteilt. Hier gibt es Waren aus ganz Myanmar.

Sagaing und Amarapura: die alten Königsstädte im Süden und Südwesten von Mandalay. Sagaing vor allem wegen der vielen prächtigen Pagoden und (Nonnen-) Klöster. Amarapura wegen der U-Bein's-Brücke, der längsten Teakholzbrücke der Welt (1,2 Kilometer); am schönsten bei Sonnenauf- oder -untergang.

Bagan: mit dem Fahrrad über die Ebene der 2200 Pagoden und Tempel. Besonders sehenswert: Ananda-Tempel, die Shwesandaw-Paya als Aussichtsterrasse und die Shwezigon Paya.

Inle-See: die schwimmenden Gärten, die Märkte von Maing Thauk und Nampan am Ufer, ein Paddelboot-Ausflug durch die Wasserstraßen der Pfahldörfer, ein Besuch bei verschiedenen Handwerkern. Besonders schön anzusehen: wie Sonnenschirme aus Bambus, Papier und Blumen hergestellt werden.

Literatur Burma: ein Bildband mit vielen Informationen zum Alltagsleben, zur Geschichte, Kultur und Religion (Gerard Saitner u. Bettina Winterfeld, Bucher, 30 Euro). - Myanmar (Burma): bewährter und sehr detaillierter Reiseführer aus der Reihe "Lonely Planet" (Steve Martin u. a., 26,80 Euro). - Birma: ansprechender und informativer Reiseführer vom Polyglott-Verlag (APA Guide, 19,95 Euro). - Living Silence. Burma under Military Rule: leider nur auf Englisch! Dafür die neueste und beeindruckendste Schilderung, wie die Militärdiktatur alle Bereiche des Lebens in Birma bestimmt (Christina Fink, Zed Books, über amazon.de; ca. 20 Euro). - Der Glaspalast: Epos über die Geschichte Birmas, von der Kolonialzeit bis in die Gegenwart (Amitav Gosh, btb, 12 Euro).

Text: Bernhard Lill Fotos: Cordula Kropke

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