Ökotourismus: Im Dschungel von Costa Rica

Das grüne Paradies ist in Gefahr. Ein Stückchen davon zu schützen ist allerdings eine ganz einfache Sache. Man muss nur mittendrin Urlaub machen.

"Wartet", flüstert Simon und stoppt uns mit verschwörerischer Handbewegung, "wartet, bis der Traktor weg ist." Langsam verwischt das Motorrumpeln im dunklen Grün des Waldes. "Jetzt hört euch in diese fremde Welt ein." Da stehen wir - John und Pam aus New York, Maduka aus Tokio, Roman und ich aus Hamburg - und lauschen dem Tropfen und Flöten, dem Rascheln und Wispern des tropischen Regenwaldes. So klingt Rara Avis, ein privates Reservat in Costa Rica.

Wer hier Urlaub macht, der wird nicht nur mit allen Sinnen neue Erfahrungen sammeln, sondern auch einen Teil zum Bewahren dieser fremden Welt beitragen. Mit den Einnahmen werden Aufforstungen finanziert, Forschungsprojekte und wissenschaftliche Mitarbeiter. Herzukommen ist nicht ganz unbeschwerlich. Wir wurden auf der Ladefläche eines Anhängers durchgeschüttelt, während ein kleiner Trecker unser Gefährt über einen schlammigen Weg zerrte. Bis zur "Waterfall-Lodge" braucht der Traktor aus dem Dorf Las Horquetas normalerweise drei Stunden. Für 15 Kilometer. Falls es nicht regnet und der Traktor durchhält.

Dieser Hoteltransfer hat Härten. Aber das weiß man vorher und bezahlt trotzdem. Rara Avis ist nichts für Leute, die mal eben eine Sightseeing-Tour im Regenwald abhaken und hinterher über nasse Füße jammern. Wer dieses Projekt besucht, sollte ein paar Tage Zeit mitbringen und sich spätestens in Las Horquetas ein Paar Gummistiefel besorgen.

Der Boden ist weich und tief. Er verströmt den schweren Fäulnisgeruch besonderer Fruchtbarkeit. Im Gänsemarsch tapsen wir durch die samtgrüne Wildnis, sacken bis an die Knie im Matsch ein, glitschen über Wurzeln. Schon schlittern meine Gummistiefel über den Boden. Ich greife nach einer Liane, denke kurz an Simons Worte: Der kanadische Biologe hatte uns gemahnt, genau hinzusehen, woran wir uns festhalten wollen. "Jeder Ast könnte eine Schlange sein." Dem Himmel sei Dank ist diese armdicke Liane wahrhaftig eine Liane. Der Pfad schlängelt sich zwischen Baumriesen hindurch, an Luftwurzeln und Palmen vorbei. Orchideen, Efeu und Farne wuchern an den mächtigen Stämmen. Ein farbenfrohes, verschwenderisches Drüber und Drunter, in dem nichts zufällig wächst und alles dem Licht entgegenstrebt.

Costa Rica - kleines, friedliches Land in Mittelamerika, das gern "grünes Paradies" genannt wird. Nicht zu Unrecht. Mit einer Fläche von rund 51 000 Quadratkilometern zählt Costa Rica zu den Zwergstaaten der Erde, was aber die Artenvielfalt angeht, ist das winzige Land ein Riese auf dem blauen Planeten - mit fünf Prozent aller weltweit vorkommenden Pflanzen- und Tierarten, wovon obendrein mehr als ein Viertel unter Naturschutz steht. Wie in einem riesigen Freiluft-Ökomuseum kann man in den verschiedenen Nationalparks sämtliche mittelamerikanischen Landschaften besichtigen: Vulkankrater, Sumpfgebiete, Nebelwälder.

Doch außerhalb der Schutzgebiete ist Costa Rica längst nicht mehr paradiesisch. Immer mehr Bananenplantagen und Rinderweiden verdrängen den Regenwald, rund 75 Prozent sind bereits abgeholzt. Und trotz der mittlerweile rigiden Forstgesetze befürchten Naturschützer noch mehr Kahlschlag. Dem Staat Costa Rica fehlt das Geld, um weitere Reservate auszuweisen. Private Initiative ist nötig. Dafür ist Rara Avis ein Vorbild.

Der amerikanische Biologe Amos Bien ist der Gründer von Rara Avis: Er kaufte dieses Stück Regenwald im Herzen Costa Ricas, eine unberührte Welt im Norden des Dorfes Horquetas. Bis nach San José, der Hauptstadt Costa Ricas, ist es nur eine anderthalbstündige Busfahrt. So nah liegen Zivilisation und Urwald beieinander.

Regen im Regenwald

Was kostet ein Wald? Über den Preis wird nicht geredet. Dafür um so lieber über die Mission - den Wald zu schützen und zu beweisen, dass man damit Geld verdienen kann: 157 Orchideenarten blühen hier, einige werden gezüchtet, man kann Patenschaften für die zum Teil nur wenig bekannten Blumen übernehmen; für den Verkauf bestimmt sind die Keimlinge einer seltenen Palmenart oder die bis zu handtellergroßen Schmetterlinge, deren Larven in botanische Gärten der USA und Europas exportiert werden.

Vor allem die "Waterfall-Lodge" finanziert das Projekt, ein doppelstöckiges Gästehaus aus Holz auf einem lichten Hügel im Wald: acht rustikale Zimmer, mit Moskitonetzen statt Glas in den Fensterrahmen; ohne Strom, aber mit dem Licht von Petroleumlampen, das zwar ein wenig matt glimmt, doch so ein wohliges "Ach-die-Welt-ist-doch-gut-Gefühl" verströmt. Allerdings gibt es auch Komfort an der richtigen Stelle: eine eigene Dusche im gefliesten Bad. Dabei ist man ohnehin fast immer nass. Weil man ständig schwitzt in der tropischen Hitze oder weil es mal wieder regnet - im Regenwald.

Am nächsten Morgen erwachen wir nicht mit dem ersten Sonnenlicht, sondern vom ohrenbetäubenden Radau der rund 360 verschiedenen Vogelarten, die hier leben. Sie liefern den Soundtrack zu einer zehnminütigen Kletterpartie bis zu einem Wasserfall, der in ein steinernes Becken donnert. Morgendusche. Einfach eintunken und aufwachen.

Später stehen wir unter einem Urwaldriesen. Seile hängen herab aus 30 Metern Höhe. Wir ziehen Hüftgurte an, Simon befestigt Klemmen an den Seilen. Meter für Meter ziehen wir uns hinauf und klettern in ein Baumhaus. Vor uns ein Stück vom "grünen Paradies". Kein Land in Sicht. Über uns nur der Himmel.

Reise-Infos Costa Rica

Reisezeit: "Verano", Sommer, heißt die Zeit von Dezember bis April, es ist um 25 Grad warm und kaum regnerisch. Der regennasse Rest des Jahres heißt "Invierno", Winter, durchbrochen nur von zwei kurzen Schönwetterphasen im Juli/August und September/ Oktober, die "Veranillo" heißen - kleiner Sommer.

Kontakt: Buchung im Reisebüro oder direkt bei Rara Avis, P.O. Box 8105-1000, San José, Costa Rica, Tel. 005 06/764-31 31, Fax 764-41 87, www.rara-avis.com

Text und Fotos: Kirsten Wulf
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