Oslo - ein Wintermärchen

Oslo ist cool! Weil es hier monatelang Schnee gibt. Und jede Menge Loipen, Rodelstrecken, Eisbahnen zum Austoben. Weil die Nächte so schön lang sind in den Szene-Bars und Trend-Vierteln.

Oslo? Lange galt die norwegische Hauptstadt als teuer, langweilig und hinterwäldlerisch, wurde als "großes Dorf" verniedlicht, wo man dicke Pullis kaufen kann und lächerliche Plastiktrolle. Eine Relais-Station auf der Fahrt ins Land der Fjorde und Fjelle. Dann kam der 25. August 2001 - und 300 Millionen Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt sahen die Hauptstadt einer modernen Monarchie in Feierlaune, sahen die Märchenhochzeit des stattlichen Prinzen Haakon und der blonden Bürgerlichen Mette-Marit, die Drogenerfahrung hat und und einen unehelichen Sohn. Oslo? Da ist was los!

Altstadt und Skulpturengarten

Wahrzeichen: Elch "Oskar", Trophäe am Hotel "Holmenkollen".

In den Läden der "Kaffebrenneriet", einer Coffee-Shop-Kette, trifft sich das junge Oslo, Frauen und Männer wie aus der 70er-Jahre-Werbung. Kreischend fährt eine blaue Straßenbahn am Schaufenster vorbei. In der rumpeln wir wenig später durch die Altbauviertel. Verspielte Fassaden, Erker, schmiedeeiserne Balkone, Treppenhäuser wie Theater-Entrees. Drei Haltestellen weiter ist die Stadt nach kurzem Gestapfe durch knöcheltiefen Schnee nur mehr Kulisse. Wir stehen in einem gewaltigen Park, in seinem Zentrum der Vigelandsparken, ein ausgedehnter Skulpturengarten mit rund 200 lebens- und überlebensgroßen Figuren. Ich sitze neben einer älteren Frau auf einem Sockel, als Unterlage teilen wir uns den Sportteil ihrer "aftenposten". Drei Männer auf Langlaufskiern keuchen vorbei.

Die Holmenkollen-Schanze

Natürlich ist auch meine Nachbarin begeisterte Langläuferin. "Das Beste an Oslo ist die Nordmarka", sagt sie und tippt mit der Glut ihrer Zigarette in Richtung der Berge mit der Holmenkollen-Schanze. Elegant steht sie über der Stadt, zum Himmel aufragend, ein auf den Kopf gestelltes Beton-Ypsilon. Hinauf zur Schanze geht es mit der S-Bahn. Der Andrang ist groß, und am Samstagmittag braucht viel Geduld, wer überhaupt einen Stehplatz im Zug bekommen will.

Die Bahn windet sich durch Kiefernwald, vorbei an großartig gelegenen Wohnhäusern, die Bergflanke hinauf. Angekommen in Frognerseteren, der Endstation hoch über der Holmenkollen-Schanze, kriegen wir kaum den Mund zu vor lauter Ahs und Ohs, so schön liegt die Stadt uns zu Füßen - Bahnlinien, Straßen, Häuser, Grün, der Hafen, die Schiffe der Colorline, der Fjord, Ferne, Weite. Wer hier steht, träumt davon, täglich diesen Blick aus dem Badezimmerfenster zu haben.

Wir sehen den Skiläufern bei ihren Vorbereitungen zu, wie sie ihre Stutzen über Schuhe und Hosen stülpen, Hände durch Schlaufen stecken, Kinder in Rückentragen fixieren und sich auf den Weg machen. Jemand erzählt uns von der Rodelbahn. Rund 2,5 Kilometer lang ist die Bahn des Schlitten-Clubs von Oslo. In den 50er Jahren, als Rennrodler noch nicht wie 130-km/h-Rohrpostsendungen durch Eiskanäle gejagt wurden, kämpfte man auf der Naturstrecke um olympisches Gold. Vor zehn Jahren begann der Club, rote Rennschlitten zu verleihen; anfangs ein Dutzend, inzwischen sind es mehr als 200 - und am Samstagnachmittag fast alle weg. Eltern und Kinder, kichernde Teenager und Jungs mit Helmen stürzen sich auf die Abfahrt zur S-Bahn-Station Midstuen. Mit dem Zug geht es wieder hinauf. Manche spielen einen ganzen Tag Menschen-Jojo.

An der "waterfront"

Es wäre ein Fehler, die Stadt und ihre Menschen auf die archaische Lust an der winterlichen Leibesertüchtigung zu reduzieren (auch wenn die Langläufer sogar unter dem Schlafzimmerfenster des Prinzenpaars im Schlosspark entlanggleiten). Wie kaum eine andere Hafenstadt hat Oslo den Siegeszug des Containers nicht als Katastrophe begriffen, die durch das enorme Tempo des Warenumschlags Arbeitslosigkeit bringt. Die Verödung des Hafens wurde als Chance verstanden, die "waterfront" wieder in belebte Stadt zu verwandeln. Mit Akerbrygge entstand ein neuer Stadtteil direkt am Hafenbecken, mit Cafés, Restaurants, Bars. In der Abenddämmerung glitzern die Lichter auf dem Wasser.

Spaß an der Vergangenheit und Lust auf die Zukunft: Nach Jahrzehnten des Abgeschottetseins öffnet sich Oslo den Menschen und Einflüssen des "Kontinents", wie Europa hier heißt. Und der Kontinent schaut fasziniert gen Norden. Oslo ist zum kalten Pendant Sydneys geworden, voller Lebensqualität und Innovationsfreude: "Netavisen" ist hier entstanden, die erste nur im Internet veröffentlichte Zeitung (in Deutschland "Netzeitung"). Und die internationalen Gourmet-Jurys prämieren die Restaurants Oslos mit Sternen und Hauben.

Nachtleben

Der Stadtteil Grünerløkka, in dessen Kneipen Prinz Haakon als Junggeselle häufig gesichtet wurde, erinnert an Berlin-Mitte, manche behaupten sogar an Greenwich Village. Wer hier nicht Künstler ist - oder Prinzessin in spe -, ist Wirt. Die Cafés tragen ihre Geschäftsidee im Namen, wie "Bagel & Juice", "Tea Lounge" und "Suppebar". Zwei miteinander verbundene Lokale heißen "Sult" und "Tørst"; während man auf einen Tisch im "Hunger" wartet, zischt man im "Durst" ein Bier. Am Samstagabend ist es in beiden proppevoll. Auf solche Erfolge reagiert das Szene-Volk der Stadt wie überall: mit Abwanderung.

Die Straßenbahn fährt die Thorwald Meyers Gate hinab, verlässt den Osten Oslos, jault durch das Zentrum und zurück in den Westen nach Major-Stua, den Stadtteil mit der größten Night-life-Tradition in Oslo. Es ist weit nach Mitternacht. Mit fast exzessiver Hingabe feiern die Osloer die Nacht, obwohl in den Diskotheken ein Bier zehn Mark kostet, ein Gin-Tonic 16 Mark. Ein Uhr morgens im "Odeon", aus den Lautsprechern dröhnt Abba, von der Bar sehen wir nichts, nur ekstatische Gesichter. Im benachbarten "Millennium", das früher mal eine Metzgerei war, tanzen Frauen und Männer auf den Tischen und auf der Theke. Um vier Uhr morgens, wieder draußen in der bitteren Kälte, bin ich fast ein wenig traurig, dass der Samstag vorbei ist.

Info

Telefon Vorwahl für Norwegen: 0047, danach die achtstellige Rufnummer ohne Ortsvorwahl.

EC-Automaten (Bankkortet) gibt es reichlich, Kreditkarten werden überall akzeptiert. Norwegen ist kein Euro-Land: 200 DM/ca. 100 Euro = 794 Kronen; 100 Kronen = 12,60 Euro (Stand: November 2001).

Fähre: Mit Colorline (Tel. 04 31/730 00, www.colorline.com) z. B. Kiel - Oslo, einfache Fahrt im Liegesessel 64 Euro pro Person; hin und zurück mit und bis zu fünf Personen in der Innenkabine 568,55 Euro. - Flugzeug: Lufthansa und SAS fliegen direkt, KLM über Amsterdam, z. B. Frankfurt - Oslo ab 317 Euro.

Wer mit dem eigenen Auto anreist, begeht einen großen Fehler: Parken und Falschparken kosten in Oslo ein Vermögen. Ein dichtes Nahverkehrsnetz aus Bussen, Straßen- und S-Bahnen erschließt sogar die Skigebiete. Mit der Oslo-Kortet (in allen Tourist-Informationen) kann man alle Verkehrsmittel benutzen, hat Eintritt in die meisten Museen und weitere Vergünstigungen (180 Kronen pro Person für die Tageskarte, 390 Kronen für die Wochenend-Karte, 395 Kronen pro Tag für die Familienkarte).

Hotels

Rica Hotel Bygdøy Allé: schöner, charmanter Altbau, der an einer Seite an eine tagsüber laute Straße grenzt; ein attraktives Stadtviertel, frisch renovierte Zimmer, sympathisches junges Team (Bygdøy Allé 53, Tel. 23 08 58 00, Fax 23 08 58 08, www.rica.no; DZ ab 135 Euro). - Holmenkollen Park Hotel: historisches Haus auf dem Berg mit eher zweckmäßigen Erweiterungsbauten, in denen die meisten Zimmer liegen; fantastischer Blick auf die Stadt oder die Holmenkollen-Schanze (Kongeveien 26, Tel. 22 92 20 00, Fax 22 14 61 92, www.holmenkollenparkhotel.no; DZ 150 Euro). - First Hotel Millennium: unscheinbarer Neubaukasten mitten in der City, besonders empfehlenswert die Räume im achten Stock, denn sie haben eine Dachterrasse und atemberaubenden Ausblick (Tollbugaten 25, Tel. 21 02 28 00, Fax 21 02 28 30, www.firsthotels.no; DZ ab 130 Euro).

Magma: Im angesagtesten Restaurant der Stadt zelebrieren Sonja Lee und ihr Team aus englischen, französischen, schwedischen und deutschen Köchen kulinarischen Purismus. Menü ab rund 32 Euro (Bygdøy Alle 53, Oslo-Frogner, Tel. 23 08 58 10). - Aqua: ein Gesamtkunstwerk, am "H2O" auf der schweren Edelstahltür zu erkennen; das Essen ist sehr modern und übersichtlich, ab rund 17 Euro (Filipstadkaia 2, Aker Brygge, Tel. 22 83 92 99). - Punjab Tandoori: kein schönes Lokal, eher ein schlichter Imbiss; aber gute indische Küche ab rund 5 Euro (Grønland 24, Oslo-Grønland). - Sult & Torst: im "Durst" am Leuchttresen ein Bier trinken und dann im "Hunger" im Fenster sitzend ein paar Nudeln mit Lachs, schwarzen Trüffeln und Lauchzwiebeln essen; für rund 12 Euro (Thorvald Meyers Gate 26, Oslo-Grünerløkka, Tel. 22 87 04 67).

Cafés

Kaffebrenneriet: Die Coffee-Shop-Kette hat Läden überall in der Stadt (z.B. Frogner-/Ecke Elisenbergveien, direkt an der Straßenbahn, Linie 12 und 15). - The Broker: cooles Café, schön zum Leute-Gucken (Bogstadveien 27, Oslo-Majorstua). - Thorvald Meyers Gate (TMG) im Stadtteil Grünerløkka ist die Szene-Straße in Oslo mit In-Lokalen wie Fru Hagen (Hausnummer 40), Tea Lounge (Nachmittagstee, Hausnummer 33) oder Suppebar (frisch zubereitete Suppen, fein gestyltes Ambiente, Hausnummer 48).



The Nomad Café: "etnisk musikkbar" mit Live-Konzerten (Bernt Anker Gate 17, Oslo-Grønland). - Millennium: Disco in einer ehemaligen Fleischerei, hier wird getanzt bis in den Morgen (Josefines gate 23, Tel. 22 69 24 99). - Blaa: einstige Fabrik, in der DJs mit schrillen Sounds den Jazz erneuern (Brennerveien 9c, Grünerløkka). - Odeon: beliebte Disco mit riesiger Kristallkugel und 70er-Jahre-Hits, bei "Take A Chance" von Abba ist der Teufel los (Hegdehaugsveien 34, Tel. 22 69 05 35).

Tatler Shopping Mall: eine der schönsten Einkaufspassagen Europas, stilvoll, mit Aquarien als Raumteiler, Holz und Stahl, offenem Mauerwerk, teuren Läden (Hedgehaugsveien, Oslo-Hegdehaugen). - Aker Brygge: Hafenerweiterung mit vielen Cafés, Restaurants, Discos und Geschäften (Oslo-Akerbrygge).

"Das achte Gebot", neuer Krimi von Anne Holt, der ehemaligen stellvertretenden Polizeichefin Oslos und kurzzeitigen Justizministerin (Piper, 39,80 DM/20,35 Euro).

Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Postfach 113317, 20433 Hamburg, Tel. 040/229 41 50, Fax 040/22 71 08 15, Materialversand unter Tel. 01805/00 15 48 (ärgerlich: 0,12 Euro/ Min.), www.visitnorway.com, etwas umständliche Website mit sympathischen Rechtschreibfehlern. - In der Stadt: Oslo Promotion, Grev Wedels plass 4, Tel. 23 10 62 00, Fax 23 10 62 01, www.oslopro.no, Unterlagen über Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Stadtplan usw. in Englisch.

Text: Dirk Lehmann Fotos: Marion Beckhäuser Stand Dezember 2001
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