Provence

Sieben Tage lang mit dem Auto durch die Provence: Durch Platanenalleen fahren, abends einkehren und festlich tafeln und dann wieder weiter durch das Land mit den "tausend Gesichtern, tausend Aspekten und tausend Eigenschaften" (Jean Giono).

Zwölf Uhr mittags irgendwo in der Provence. Mit dem letzten Glockenschlag vom schmiedeeisernen Campanile treten die Bäckersfrau und ihr Mann aus dem Kramladen vor die Tür. Madame trägt weiße Schürze, Monsieur blauen Kittel. Letzte Kunden werden mit einem Baguette im Korb und einem "Bon appétit!" verabschiedet. Kastenwagen und Traktoren rappeln von den Weinbergen ins Dorf. Vor der Bar "Café de France" kommt die Blechlawine zum Stehen. Drinnen diskutieren Männer über ihren Pastisgläsern. Sie munkeln im rollenden Akzent des Midi über Trüffelspionage in britischen Labors, wettern lauthals gegen die Eurokraten in Brüssel.

Sehnsuchtsziel vieler Aussteiger

Das Dorf heißt Lacoste und hat Steilwandlage. Lacoste bedeutet stille Tage in der Provence. Henry Miller griff im "Café de France" zum Stift. Viel später siedelte sich Jane Birkin auf dem Bergrücken an, kürzlich Marius Müller-Westernhagen. Provinziell ist die Provence schon lange nicht mehr - der Lubéron wird auch das 21. Arrondissement von Paris genannt. Seit die Côte d'Azur out ist, weicht "tout Paris" ins Hinterland aus. Aussteiger mit dem Traum von Lavendelanbau und Schafzucht waren schon vorher da; Briten, Niederländer und Deutsche mit der Sucht nach Sonne zogen nach.

Hier malte Van Gogh seine Sonnenblumen

Als Reiseziel mit dem besonderen Licht hat die Provence Tradition. Van Gogh mietete sich an einem lausig kalten Februartag 1888 in Arles ein und packte gleich am nächsten Morgen im Mistral bibbernd die Staffel aus, "um ein anderes Licht zu sehen". Er fand es über den Sonnenblumenfeldern des Rhônetals, so wie Cézanne an der Montagne Ste-Victoire oder Picasso in den Hügeln von Mougins: Tintenblau bricht für Cézanne der Morgen am blitzblanken Himmel an: Nachmittage färben Picassos Hafenquais ockergelb und altrosa; van Goghs Abende kommen blutrot über die Rhône daher.

Zwischen der Mittelmeerküste und den Alpen liegen so unterschiedliche Landschaften wie das Hochgebirgspanorama des Queyras, die antiken Kulturlandschaften wie Vaison-la-Romaine und Les Baux, die tischtuchflachen Reisfelder der Camargue oder die spektakulären Canyons wie Gorges du Verdon.

Alle Wege führen irgendwann durch ein Spalier kathedralhoher Platanenalleen, das auf einem Dorfplatz mit Markt, Kirche und Boulebahn endet. Irgendwo bleiben möchte man, in einem Hotel mit weichen Matratzen und hervorragendem Restaurant. Schönwetter-Blick von den Seealpen bis zum Mittelmeer, inklusive Pinien am blauen Horizont. In der Luft der Duft von dunkelgrünem Thymian und ab Mai schon das beste Wetter für Fähnchenkleider und hochgekrempelte Hemdsärmel.

Reiseführer

"Provence" aus der Reihe Merian XL und "Provence" von ArteLimes. Nützlich für Rundreisende: "Auberges de Provence" von Droemer Knaur. Schöner Bildband: "Provence" (Stürtz/Look). Angenehm leichte Urlaubslektüre: "Mein Jahr in der Provence" von Peter Mayle (Knaur).

Streckenbeschreibung

1. Tag: Avignon Unterkunft zum Beispiel im Hotel "Cloître Saint-Louis", ehemaliges Kloster mit ultramoderner Einrichtung (20, Rue du Portail Boquier, Tel. 0490275555). Zentral gelegen das "Hotel Bristol" (44, Cours Jean Jaurès, Tel. 0490822121,). Die Privatzimmer "L'Anastasie" von Mme. Olga Manguin liegen etwas außerhalb in einem ehemaligen Bauernhof am anderen Rhôneufer (bei der erforderlichen Reservierung den Weg erklären lassen, Tel. 0490855594, Fax 0490825940). Recht preiswert das "Hotel Saint Roch" mit einem hübschen Blumengarten (9, Rue Paul Mérindol, Tel. 0490821863). Vor dem Abendessen noch ein kleiner Spaziergang zur berühmten Bénézet Brücke. In der Ausstellungshalle "Espace St. Bénézet" gibt die gezeigte Multivisionsschau einen geschichtlichen Überblick über die Stadt.

Restaurant-Tipps: "Le Bain Marie" (5, Rue Pétramale), schöner Innenhof. Afrikanische Spezialitäten im In-Lokal "Le Woolloomooloo" in der Rue des Teinturiers Nr. 16 serviert. Unbedingt probieren: "Les Papalines d'Avignon", Pralinen aus Schokolade, Zucker und einem Kräuterlikör, der angeblich 1884 in Avignon wirksam gegen die Cholera eingesetzt wurde. Die besten in der Patisserie "Saresani" (19, Place Louis Pasteur).

2. Tag

Avignon - Moustiers, ca.165 km Vor der Abfahrt Besichtigung des Papstpalastes, besonders sehenswert sind die Fresken in den Kapelle St. Jean und St. Martial, die Audienzsäle und das Arbeitszimmer von Clemens VI. mit den Wandgemälden, die vor allem Jagdszenen darstellen. Vielleicht noch ein Besuch im ältesten Pfandhaus von Frankreich (Musée Mont de Piété, 6, Rue Saulces, beherbergt auch ein Seidenmuseum). Im Sommer besonders witzig: das Gegenfestival "Off" während der Theaterfestspiele (Amateurgruppen, Pantomimen und Gaukler in allen Straßen).

Auf der N 100 Richtung Apt. Bei Coustellet evtl. Abstecher über die D 2 nach Gordes zum Vasarely-Museum und der Zisterzienserabtei von Sénanque. Ansonsten auf der D 106 nach Lacoste, wo der zum Tode verurteilte Marquis de Sade in das Schloss seiner Verwandten geflüchtet war (Schlossbesichtigung). Über die D 109 nach Bonnieux (schöne Bürgerhäuser im alten Ortskern und Bäckerei-Museum in der Rue de la République). Weiter auf der D 943 durch das Lubéron-Gebirge. Einkehren im "La Récréation" in Lourmarin, Restaurant und kleine Gerichte im Teesalon. Weiter auf der D 973 und der N 96 bis Manosque, wo der Schriftsteller Jean Giono lebte. In der Bibliothek Erinnerungen an den Autoren vieler Provencebücher. Samstags lohnt ein schöner Obst- und Gemüsemarkt,Verkauf von Lavendel und provenzalischen Kräutern. Weiter auf der D 6 nach Valensole und Riez (Lavendelfelder, Blütezeit Juli). Anschließend über die D 952 nach Moustiers-St.Marie, viele Kunsthandwerker und Töpfereien,sowie ein Fayencen-Museum. Unterkunft im Hotel "La Bonne Auberge", einfaches, angenehmes Haus (Route de Castellane, Tel. 0492746618.

3. Tag

Moustiers - Vence ca. 133 km Auf der D 957 bis zum See von Ste. Croix. Stopp zum Baden, gutes Windsurfrevier. Über die D 19 und die D 71 durch die Verdonschluchten. Anstrengende Kurvenfahrerei, atemberaubende Ausblicke. Eine Einkehr im Hotel-Restaurant "Du Grand Canyon" lohnt allein schon wegen des Panoramablicks (Falaise des Cavaliers, Tel. 04 94769131). Weiter über die D 21 bis zur Route Napoléon (N 85) und den Faye-Pass nach Grasse. Internationales Parfummuseum (8, Place du Cours). Besuch der Parfümerien Molinard und Fragonard mit Museum, Verkauf von Nachstellungen bekannter Parfummarken. In der Altstadt schöner Arkadenplätz. Auf der D 2210 nach Tourrettes-sur-Loup, typisches Provencedörfchen mit Kunsthandwerkerläden. Weiter nach Vence.

Übernachtung im Hotel "La Roseraie", dt.-franz. Leitung, eine Belle-Epoque-Villa mit Garten und Schwimmbad (Avenue Henri Giraud, Tel. 0493580220) oder in St. Paul de Vence (3,5 km): "Hotel Le Saint Paul", im Zentrum des mittelalterlichen Ortes, sehr gepflegte Landhausatmosphäre (Tel. 0493326525, Fax 0493325294). Abendessen in der Auberge des Seigneurs, Place du Frêne mit provenzalischen Spezialitäten.

4. Tag

Vence - Grimaud, ca. 144 km Ein Muss für Kunstfreunde: Besuch der Fondation Maeght, Ausstellungshaus auf dem Hügel Gardettes u.a. mit Werken von Braque, Giacometti, Mirò und Calder. Über die D 36 zur Küste und anschließend nach Antibes. Der Besuch des Picassomuseums ist lohnenswert, zahlreiche Werke und eine interessante Dokumentation über das Leben des Malers.Sehenswert ist auch der Blumenmarkt im Zentrum des Ortes. Anschließend Rundfahrt über Cap d'Antibes, kleiner Strand und viele Prachtvillen. Danach auf der N 7 bis Cannes, Einkaufsbummel durch die Rue d'Antibes und Rast in der Konditorei Rohr, wo schon in den 30ern ein illustres Publikum seinen Tee trank, vorzügliche Kuchen. Ab der Croisette in Cannes auf der N 98 an der Küste unterhalb des Estérel-Gebirges bis St. Raphael und weiter nach St. Tropez. Bummel durch den Hafen, wo man sieht und gesehen wird. Interessant ist auch das Annonciade-Museum mit Werken von Künstlern, die hier den Jet-Set-Ort gemalt haben.

Zum Übernachten jedoch lieber bis in die etwas ruhigere Bucht von Cavalaire (D 93) weiterfahren, "Hotel Moulins de Paillas" (bis Mai geschlossen), provenzalischer Stil, Privatstrand und Schwimmbad (Plage de Gigaro, La Croix-Valmer, Tel. 0494797111). In Cavalaire (6km) kleine Restaurants, Ausflugsboote zu den Inseln Port Cros, Levant und Porquerolles (schöne Strände, teilweise FKK möglich, autofreie Inseln).

5. Tag

La Croix-Valmer - La Cadière, ca.163 km Abfahrt in das Maures-Massiv über die D 559 und D 61 bis Grimaud. Der Besuch in einer Weinkellerei lohnt sich, z.B. Domaine Prignon oder Cave Les Vignerons de Grimaud, sehenswert auch die Burg aus dem 11. Jhd., mit schönem Blick auf die Bucht von St. Tropez. In La Garde-Freinet Spaziergang zur Ruine einer mittelalterlichen Burg. Weiter auf der D 558 und der D 17 zur Abtei von Thoronet, einem Meisterwerk der Romanik aus dem 12. Jhd. Über die D 13 und die D 12 zurück zur Küste bei Hyères. Die besten Windsurfspots der Provence: auf der Halbinsel von Giens.

Auf der D 559 bis Toulon. Sehenswert im Stadtzentrum: Place de la Liberté mit Platanen, die Fontaine de la Féderation und das Jugendstilhaus Maison des Citrons. Vormittags auf dem Cours Lafayette (außer montags) ein provenzalischer Markt. Weiter nach Sanary-sur-Mer, in den 30er Jahren Exilort für viele Künstler (Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel oder Joseph Roth). Durch die Weinberge hinter Bandol (sehr gehaltvoller Rotwein) auf der D 559a nach le Castellet, typisches provenzalisches, mittelalterliches Dorf. Gleich daneben liegt die bekannte Rennstrecke Paul Ricard. Ebenfalls hübsch, aber wesentlich ruhiger ist La Cadière.

Übernachtung: in der Hostellerie "Bérard", Schwimmbad, provenzalische Küche im Terrassenrestaurant mit schöner Aussicht (Tel. 0494901143).

6. Tag

La Cadière - Marseille, ca. 50 km Vor der Weiterfahrt noch einige Flaschen Bandolwein einkaufen, die sich gut lagern lassen, z.B. Domaine du Paternel oder Château de Fontcreuse, beide Route de la Ciotat. Fahrt über die D 66 zur Küste Les Lecques, la Ciotat und die D 559 bis Cassis, vom Hafen aus Bootsfahrt zu den Calanques, den fjordähnlichen Buchten. (Man kann sich auch zum Baden absetzen lassen und mit dem nächsten Boot zurückfahren). Immer noch auf der D 559 über den Gineste-Pass nach Marseille. Restauriertes Altstadtviertel Le Panier, das sich am alten Hafen anschließt. Sehenswert La Charité, ehemaliges Armenheim und Hospiz aus dem 17. Jhd. ist jetzt ein Kulturzentrum mit einem der bedeutendsten Museen für Mittelmeer-Archäologie sowie Kollektionen afrikanischer, ozeanischer und indianischer Kunst. Interessant ist auch die Basilika Saint-Victor, auf der gegenüberliegenden Seite des Alten Hafens, Krypta mit Zeugnissen der frühen Christenheit. Katakomben und Grotten aus dem 5. Jhd. Unerlässlich nach der Besichtigung der Basilika ist ein Besuch in der nebenanliegenden Bäckerei "Le Four des Navettes" (136, rue Sainte). Dort werden nach einem 200 Jahre alten Rezept die "Navettes", ein Gebäck mit feinem Orangenblütenaroma hergestellt. Neuester Lieblingstreffpunkt der Marseiller ist der Cours d'Estienne-d'Orves (Restaurants und kleine Bars). Eine der ehemaligen Lagerhallen, Les Arsenaulx, ist zu einer beliebten Buchhandlung mit Café und Restaurant umgewandelt worden, die auch sonntags geöffnet ist.

Im Restaurant "Le Rhul" (269, Corniche Kennedy, Tel. 0491520177) Bouillabaisse probieren. Meerblick gratis. Netter Treffpunkt am Hafen: "Bar de la Marine". Kommentierte Rundfahrten zu günstigen Preisen bieten einige Taxiunternehmen (Dauer 1 1/2 bis 4 Std.), die Tickets im Verkehrsamt (4, La Canebière, Tel. 0491519111).

Übernachtung: "Tonic-Hotel", direkt am Fischmarkt (43, Quai des Belges, Tel. 0491556746, der Zimmerpreis wird nach der Breite der Betten kalkuliert) oder besonders preisgünstig das "Hotel Paris" (11-15, Rue Colbert, Tel. 0491900645).

7. Tag

Marseille - Avignon, ca.155 km Über die N 8 nach Aix-en-Provence, Bummel über den Cours Mirabeau, Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jhd., Brunnen, Buchhandlungen und viele Cafés, dienstags, donnerstags und samstags Blumenmarkt am Rathausplatz in der Altstadt, Besichtigung des Ateliers von Paul Cézanne, der in Aix geboren ist. In den Konfiserien der Stadt verlocken die "Calisson d'Aix", eine Mischung aus Marzipan, kandierten Melonen und Honig. Wie diese Pralinen hergestellt werden, wird während einer Besichtigung der Zuckerbäckerei Cygne d'Or (25, Rue Bedarrides) gezeigt. Provenzalische Spezialitäten im Laden "La Taste" (59, Rue des Cordeliers).

Auf der N 7 und der D 572 bis Salonde-Provence (Geburtshaus des Nostradamus mit Museum, 7, Rue de Nostradamus). Auf der N 113 bis Arles (Arenen und Antikes Theater). Reproduktionen des Malers van Gogh, der in der Stadt einige Zeit lebte und arbeitete, sind in der Galerie La Rose des Vents (Rue Diderot) zu erstehen. Die lukullische Spezialität der Stadt ist eine Wurst nach einem Rezept aus dem Jahre 1655 (Saucisson d'Arles). Im Zentrum platanenbestandener Platz mit kleinen Restaurants. Feiner speist man etwas außerhalb im "Mas de la Chapelle" (Petite Route de Tarascon), Restaurant in einer Kapelle aus dem 16. Jhd.

Für Literaturfreunde: über die D 17 nach Fontvieille zur Mühle des Schriftstellers Alphonse Daudet. Bodenständiger ist dagegen das feine, kaltgepresste Olivenöl, das Henri Bellon in seiner Ölmühle (Moulin Bedarrides)in Fontvieille verkauft. Die D 17 und D 5 führen in die Alpilles, ein kleiner Gebirgszug im Rhône-Delta. Olivenhaine und Grüneichenwälder prägen die südliche Landschaft. Auf halber Strecke: Les Baux-de-Provence, das Schloss war früher Treffpunkt der Troubadoure der gesamten Provence. Sehenswert sind das alte Rathaus, die Kirche St. Vincent. Rückfahrt nach Avignon über die D 571.

Text: Klaus Simon
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