Reiten in Andalusien

Schmale Wege, Naturparks, Fincas und weiße Dörfer: Sechs Pferdeverrückte erleben ein Reitabenteuer in Andalusien.

Dieser Morgen ist ein Traum. Nebel steigt von den Wiesen auf, und die Sonne taucht die Landschaft in ein märchenhaftes Licht, als wolle sie sich für jeden Regentropfen des Vortages entschuldigen. Ich stapfe auf den umzäunten Paddock, den Sandplatz, um Seda einzufangen. Glitschiger Lehm bleibt unter meinen Stiefeln kleben. Als ich fast bei ihr bin, dreht sie mir ihren Hintern zu und trabt davon. Beim dritten Anlauf gelingt es mir endlich, sie am Halfter zu packen.

Seda ist klein und graubraun. Zugegeben, ich hatte von schneeweißen Rössern mit wehender Mähne geträumt, die mich leichtfüßig die 240 Kilometer von den Bergen bis an den Atlantik tragen würden - wenn die Götter sich in Pferde verwandelten, würden sie Andalusier heißen, hatte mal jemand geschrieben. Wenn Seda sich in einen Menschen verwandeln würde, wäre sie eher eines von den Mädels, die gerade mal ein kurzes "Hi" über die Lippen bringen, sich eine Zigarette anzünden und einen anschließend komplett ignorieren. Allerdings sind wir eine Woche lang mindestens acht Stunden täglich zusammen. Deswegen kraule ich sie am Ohr und klopfe auf ihren Hals.

Eine halbe Stunde später sitze ich auf ihrem Rücken. Auf einem brettharten andalusischen Wanderreitsattel. Ein rotbrauner Sandweg schlängelt sich vor uns über grüne Hügel, hier und da ein kleiner Bauernhof, als hätte jemand weiße Legosteine in die Landschaft gestreut.

In Cortes, einem der berühmten weißen Dörfer, passieren wir eine Tankstelle. "Hóla! Buenos días", rufen die Jungs, die sich hier allabendlich treffen, Ulli, der Trailführerin zu. Schließlich kommt sie fast jede Woche. Auch Carlota freut sich, dass wir da sind. Sie hat die einzigen Apartments im Ort und räumt zur Not auch noch ihr Kinderzimmer aus für die caballeros, die Reiter. In einem Restaurant trinken wir Vino tinto, essen gegrillte Sardinen und lernen uns näher kennen. Sechs Leute zwischen 30 und 65, alle pferdeverrückt, keine Frage.

Am nächsten Tag regnet es nicht - es schüttet. Das Wasser läuft mir in den Kragen der Wachsjacke. Nach einer Stunde zittere ich am ganzen Körper. Meine Hände können die Zügel nicht mehr halten. Nach zwei Stunden gebe ich auf. Ich fühle mich wie eine Memme, aber schließlich habe ich Andalusien im Frühjahr gebucht, nicht Irland im Herbst.

Auf dem lehmigen Paddock legt Seda mal wieder die Ohren an, als ich am nächsten Morgen den Sattelgurt anziehe. Zicke! Den Naturpark Aljibe haben wir hinter uns gelassen, jetzt geht`s durch den "Parque de Alcornocales" und von dort auf den Pico del Montero. "Pferderücken entlasten", ruft Ulli uns zu. Auf gut Deutsch: Hintern aus dem Sattel, leicht vornüber beugen. Das letzte Stück ist steil und steinig, wir müssen die Pferde führen. Seda drängelt so, dass sie mir auf den Fuß tritt. Bernhardts Pferd reißt sich los und stürmt ohne ihn aufwärts, aber schließlich kommen wir alle heil oben an. Die Belohnung: ein atemberaubender Blick über die Meerenge von Gibraltar auf das Atlasgebirge an Marokkos Küste.

Ich bin froh, als ich am frühen Nachmittag Carlos` Bus hinter einer Kurve entdecke, denn das bedeutet Picknick. Carlos hat Klapptische aufgestellt, serviert Salat mit Tunfisch, Oliven, Käse und Schinken, den er frisch von einem Schweineschenkel abhobelt. Wir lockern unsere Muskeln, plaudern. Unsere Tagesetappen sind lang. Ich sehne mich nach dem Meer. Wie wird es sein, mit Seda endlich am Strand entlangzugaloppieren? Wir sind uns zwar nicht richtig nahe gekommen in den letzten Tagen, aber wahrscheinlich ist sie einfach Profi - freundliche Geschäftsbeziehungen, mehr ist nicht drin. Die harten Bergetappen haben wir hinter uns, wir reiten an Getreidefeldern, Olivenplantagen und einer Traum-Finca vorbei.

Das Land ist jetzt eben, das Wasser nicht mehr weit weg. Salziger Wind wiegt langes Gras. Ein Glitzern am Horizont: endlich - das Meer. Grünblaue wilde Atlantikbrandung schlägt an den Strand, der sich scheinbar unendlich vor uns ausbreitet. Die Pferde werden unruhig. Tagelange Bergetappen haben an ihren Kräften gezehrt, aber jetzt wollen sie losrennen. Ulli hebt den Arm, Sand spritzt auf, wir galoppieren, nein, wir fliegen, die Zügel in einer Hand, unsere Gesichter im Wind. Wir haben richtig Spaß - auch Seda.

INFO Diese Reise (für erfahrene Reiter) wird vom Schweizer Veranstalter Pegasus angeboten (gebührenfreies Tel. in Deutschland: 08 00/785 18 40). Sechs Reittage, sieben Übernachtungen im DZ, inkl. Vollpension von/bis Malaga, ab 840 Euro. Flug von Deutschland ab ca. 325 Euro.

Text: Nikola Haaks
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.