Luis, die Fische und ich

Was passiert, wenn man Urlaub mit "Leih"-Kind macht? Tinka Dippel und Patensohn Luis, 11, fuhren nach Schweden. Und erlebten ganz besondere Ferien.

"Du hast versprochen, dass wir springen!", sagt mein Begleiter und lenkt sein Fahrrad Richtung Steg. Der See liegt ruhig da, spiegelt die Friedlichkeit aus dichtem Wald, Schilffeldern, Felsnasen und Himmel. "Du zuerst!" Ich stehe auf dem Dreimeterbrett, versuche, mich auf das kalte Wasser da unten einzustellen. "Los!" Ich lasse mich fallen, breche ein in die Ruhe und Kälte. Als ich wieder auftauche, sehe ich das Sprungbrett leer, rufe "Luis, du bist dran". Er stupst aber nur mit den Zehen ins seichte Wasser, schlägt die Augen nieder und sagt: "Nö, ich geh lieber hier rein - ist cooler."

Luis ist mein Neffe, der Sohn meiner Schwester, elf Jahre alt, auf der Kippe zwischen Kind und coolem Teenager. Er lebt in München, ich seit Jahren in Hamburg. Mit dieser Reise will ich meine vielleicht letzte Gelegenheit auf Exklusivzeit mit ihm nutzen. Ich habe noch keine eigenen Kinder, er ist der Einzige, auf den ich schon aufgepasst habe, als er noch ein Säugling war, dessen erste Schritte ich miterlebt habe - und dem ich vertraut genug bin, dass er eine Woche mit mir verreisen will.

Aber wie vertraut sind wir wirklich? Was weiß ich von ihm, außer dass er sich vornehmlich für Fische interessiert? Ich lebe und reise seit Jahren weitgehend selbstbestimmt, ich weiß nicht, wie gut ich darin bin, mich zurückzunehmen. Und ich weiß auch nicht, wie viel Zurücknehmen gut ist. Auf jeden Fall habe ich mir einiges vorgenommen: dass es viel, aber nicht nur nach seiner Nase gehen soll, dass ich ihn besser kennen lerne und dass ich nicht die Tante sein werde, die ihn auf ihren Schoß zieht, wenn er nicht von selbst kommt. Ich ließ ihm die Wahl, wohin wir reisen, er sagte: "Neuseeland, da kann man toll angeln", ich schränkte Flugstunden und Kosten ein. Dann blätterten wir gemeinsam in einem Katalog, er zeigte auf ein Foto, auf dem zweierlei zu sehen war: Wasser und ein Fischernetz. Schweden. Die Wettervorhersage sei gemischt, sagte ich, als wir im Flugzeug nach Göteborg saßen. "Macht nichts", antwortete er. "Wolken und Regen sind gut für Hechte, Sonne ist gut für Barsche."

Vom Vergnügungspark wird Luis begeistert sein, denke ich ...

Göteborgs Vergnügungspark Liseberg scheint mir ein sicherer Spaß-Garant für den Anfang, wir spazieren durch die Welt aus Pappmaché, Zuckerwatte und Wasserrutschen. "Und, was machen wir als Erstes?", frage ich, suche Begeisterung in seinem Gesicht und sehe: Überforderung. Wir laufen ziellos hin und her, stolpern durch ein Spiegelkabinett und eine Geisterbahn, akute Reizüberflutung, und mit jedem "Guck mal hier", "Schau mal da" komme ich mir blöder vor. So viele Möglichkeiten, und mir fällt nichts ein, um aus dem Geblinke einen lustigen Nachmittag zu machen. Endlich, ein schwaches Leuchten in seinen Augen, ich folge ihm zum Bingo-Stand, er tippt wortlos auf eine Zahl, nimmt seinen Gewinn entgegen, eine Toblerone-Packung, die beinahe so groß ist wie er selbst, und sagt: "Wir können gehen."

Tapfer springen: Immerhin ist der Södra-Bullaresjön-See gerade mal 18 Grad "warm".

Wir sind beide froh, als wir am nächsten Tag zwei Autostunden weiter nördlich in der Provinz Bohuslän eine holprige Auffahrt hinaufrumpeln zum "Tingvall", dem Bed & Breakfast, in dem wir die nächsten Tage wohnen werden. Dort empfangen uns die beiden Deutschen Elke und Ingo, die das Haus seit drei Jahren bewirtschaften - und denen man ansieht, dass sie die meiste Zeit draußen verbringen. Sie hatten eine Druckerei in Wuppertal, und als sie vor der Wahl standen, alle Geräte auf den neuesten technischen Stand zu bringen oder noch mal etwas ganz anderes zu machen, entschieden sie sich für Letzteres und fanden diesen Fleck, wo sie von nichts als Wald und Wiesen umgeben sind. Hier können sie Sommer wie Winter von morgens bis abends in Bewegung sein, ihr Schuppen ist voll mit Kanus, Schlittschuhen und Fahrrädern. Das Haus ist ein langgestreckter Bau mit Panoramafenstern, Holzveranda und Sonnenkollektoren auf dem Dach, gelegen auf einer Anhöhe mit Panoramablick auf einen schwedischen Bilderbuch-See, den Södra Bullaresjön.

Für den wir erst mal keine Zeit haben, denn ich habe bereits einen Ausflug organisiert: zum Fischerdorf Grebbestad und dann mit einem Makrelenfischer hinaus aufs Meer, bei Traumwetter mit Bullerbü-Kulisse. Wir tuckern an bunt gestrichenen Holzhäuschen vorbei und an winzigen namenlosen Fels-Eilanden. Luis wartet geduldig auf die drei Makrelen, die in den drei Stunden anbeißen. Er begutachtet interessiert die Riesenkrabben, die wir in Käfigen nach oben ziehen, und die dicken schwarzen Hummer, die wir wieder zurück ins Wasser werfen und die er anscheinend nur gekocht kennt: "Hey, die sind doch eigentlich rot!" Er schält routiniert einen großen Berg Krabben, den es dann zum Mittagessen gibt, schlürft eine Auster hinterher und dann ein Mango-Eis an der Mole. Er wirkt zufrieden - aber nicht so weltvergessen glücklich, wie ich ihn schon gesehen habe.

Wir wandern ein Stück an der Küste entlang in ein Naturreservat, Baumwollgras wiegt im Wind, vor uns liegt ein Feld aus zerfurchten Steinbuckeln, manche mit Spuren grünlicher Flechten überzogen, davor träges graublaues Meer. Ich setze mich auf einen der Buckel, genieße den Blick auf diese auf wenige Urzeit-Schönheiten reduzierte Landschaft und hänge meinen Gedanken nach. Vergnügungspark, Göteborg, Bootstour: Das war vielleicht ein bisschen viel für zwei Tage. Warum habe ich mir so einen Stress gemacht, die Zeit zu füllen? Wo ich doch genau das nicht sein wollte: die Tante, die sich mit einem Unterhaltungsprogramm zur Super-Tante aufplustert. Es ist wohl meine Sorge gewesen, er könnte sich langweilen, Heimweh kriegen, und das schon am Anfang.

Blindschleichen, Mini-Garnelen: Ich sehe vieles, was mir ohne Luis entgangen wäre

Mein Blick wandert über die Buckel, seit einer guten halben Stunde kein Lebenszeichen, "Luis!", rufe ich von meinem felsigen Hochsitz. Einer der Buckel streckt sich zu einem Rücken, Luis’ blonder Schopf taucht auf, er ruft gegen den Wind "Hier" und "Ganz viele", dann ist er wieder abgetaucht. Ich hüpfe hinüber, finde ihn kniend, vornübergebeugt, konzentriert auf ein Gezeitenbecken, das aus meiner Höhe nach stehendem totem Wasser aussieht. "Boa, shit, jetzt hätte ich sie beinahe gehabt! Kannst du ihr mal da den Weg versperren?" Es dauert eine Weile, bis ich die winzigen, fast durchsichtigen Tierchen zwischen Algenschlieren überhaupt erkenne: Mini-Schollen und -Garnelen. Luis' Hände wühlen im Schlick, seine Ärmel triefen, seine Haare kleben an der Stirn, seine Augen sind auf dem Wasser, seine Gedanken irgendwo. Die Welt um ihn herum ist vergessen. Später wandern wir mit einer Garnele in einer Plastikflasche zurück zum Auto, schweigend, glücklich. Die größten Attraktionen sind nicht planbar, ich hätte sie glatt übersehen.

Beutezug im Skagerrak vor dem Fischerdorf Grebbestad - Riesenkrabben fängt man ja nicht alle Tage.

Ab da lassen wir uns mehr treiben - zum Beispiel stundenlang mit dem Paddelboot über den See. Wir suchen nach Barschen im Schilf, Elchen auf Feldern, Würmern in Ritzen. Wir liegen im Gras und lesen "Drei Fragezeichen" oder blättern in seinem Lego-Katalog und überlegen, welche Figuren die coolsten sind. Ich entdecke vieles, was mir ohne ihn verborgen geblieben wäre, etwa die Blindschleiche, die im Garten unter der Betonplatte haust, die ich mehrmals für ihn anheben muss.

Ich höre mich Dinge sagen, die mir in der Häufigkeit noch nie über die Lippen gekommen sind: "Es geht hier nicht nur nach deiner Nase", "Putz dir gescheit die Zähne", "Nicht mehr vor dem Essen", "Iss doch mal einen Apfel" und "Ab ins Bett". Bei Letzterem gibt es immer Protest - es sei doch noch hell draußen -, aber irgendwann sieht er ein, dass es hier, kurz vor der Grenze zu Norwegen, im Sommer gar nicht richtig dunkel wird.

Mit der Zeit gestehe ich mir auch zu, gelegentlich genervt zu sein - etwa, als ich den ganzen Tag hin und her kom­mandiert werde, das Paddelboot zu diesem oder jenem Steg oder doch lieber in das Schilf zu lenken, ich gestehe mir sogar zu zu denken: Noch einmal das Wort "Barsch", und du gehst morgen allein an den See.

Und dann gibt es Momente, in denen mir mein Vorhaben, ihn nicht ungefragt in den Arm zu nehmen, schwerfällt. Als er, nachdem er stundenlang durchs Gebüsch getobt ist, mit zurückgehaltenen Tränen in den Wimpern vor mir steht, schluckend - und nach Zitrone duftend wie ein Klostein. "Was ist?" Er habe sich nur gewehrt, sagt er. "Wogegen?" - "Die Wespen." - "Womit?" - "Mückenspray." Hätte ich besser aufpassen müssen? Aber wer kommt denn auf die Idee, Mückenspray im Nahkampf mit Wespen einzusetzen? "Ich hab's eingeatmet." Er hält mir eine quietschgrüne Flasche hin. Erleichtert lese ich die Aufschrift "bio" und dann das unbedenkliche Kleingedruckte.

Wann war ich zuletzt so viel draußen, so viel in Bewegung?

Wir machen eine lange Radtour, einmal um den halben See herum und dann in die Wälder, oft steil hinauf, Luis hält tapfer durch, und als ich ihm beim Berg­ anschieben das Fahrrad aus der Hand nehme, sagt er: "Kannst du bitte beide Räder schie­ben?" Und als ich nicke: "Ich muss ja auch meinen Helm auf dem Kopf tragen."

Lange aufbleiben: Stockbrot und Gruselgeschichten am Lagerfeuer.

Angekommen in einem Camp aus kleinen Holzhütten mitten in der Wildnis, dampft schon das Saunahäuschen an einem ver­wunschenen Teich. "Mir ist heiß", sagt Luis nach einer Minute darin. "Das ist der Sinn einer Sauna", antworte ich. "Dass man so schwitzt?" Pause. "Boah, so heiß war mir noch nie. Das kann nicht gesund sein." Pause. "Kommst du mit raus?" Wir rennen über den Steg, ich falle dampfend ins kalte Wasser, tauche auf, gucke hoch, sehe ihn, grinsend, er hat im letzten Moment abge­bremst. Nicht schon wieder! Ich klettere raus, pirsche mich heran, schubse ihn, wir landen beide samt Handtüchern im Teich.

Wann war ich zuletzt so viel draußen, in Bewegung? Wann habe ich zuletzt stundenlang dagesessen und habe Bäumen, Wasser und Licht zugesehen? Hier sitze ich ständig auf Felsen, Stegen oder Booten und tue nichts außer gucken - jeder Bildausschnitt eine Komposition aus rot gestrichenen Holzhütten, grünem Wuchs und Himmelsblau. Und meistens haben wir den ganzen Bildausschnitt für uns, meistens höre ich nur die Vögel.

Wann habe ich zuletzt so viele Momente so genommen, wie sie kamen, wann habe ich zuletzt so vielen ziellosen Gedanken nachgehangen? Mit jedem Tag geht diese Reise weiter zurück in eine lange nicht mehr dagewesene Unverkopftheit. Und mit jedem Tag steigt meine Erleichterung, dass Luis keine Heimweh-Attacken hat.

Am letzten Tag ist mir alles egal, da kriegt er im Supermarkt Chips und Drachen-Tattoos, so viele er will, und da darf er aufbleiben, so lange er will. Wir sitzen mit Elke und Ingo am Lagerfeuer, halten Würstchen und Marshmallows, Stockbrot und Toblerone in die Flammen. Und einen winzigen Barsch, Luis’ stolze Beute. Der Himmel wird pastellrosa, Luis erzählt Gruselgeschichten, von Monstern, von Zombies. Und wir sollen auch welche erzählen, bis ihm im Morgengrauen die Augen zufallen, er an mich heranrückt, zur Seite schaut und fragt: "Darf ich heute bei dir schlafen?"

Fotos: Stefan Volk
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