Urlaub mit dem E-Bike: Von Basel zum Lago Maggiore

Von Basel über die Alpen bis zum Lago Maggiore - mit dem Fahrrad? BRIGITTE-Redakteurin Nikola Haaks machte Urlaub mit dem E-Bike und kam ziemlich schnell in den Flow.

Über alle Berge: Ein E-Bike sieht zwar nicht sexy aus, ist bei Steigungen aber der Hit.

Die Schweizer und ich, das wird nichts mehr in diesem Leben. Immer wenn ich in ihre Nähe komme, zeigen sie sich von ihrer befindlichen Seite. Dieses Mal peitscht mir das Wasser von vorn ins Gesicht. Sturzbäche verwandeln die Straße in einen Fluss. Das wäre alles halb so schlimm, wenn es nicht die Straße hinauf zum 2108 Meter hohen Gotthard-Pass wäre und ich nicht auf einem Fahrrad sitzen würde. An mir vorbei zischen große, schnelle Geländewagen, deren Fahrer sich wahrscheinlich fragen, wie bekloppt man sein muss, um bei diesem Wetter hier Fahrrad zu fahren. Gischt spritzt, das Wasser sammelt sich in der Unterhose, jeder Tritt ist eine Qual - trotz Elektromotor am Fahrrad. Denn: Ja, es hat einen Akku. Und: Nein, es fährt nicht von allein. Ganz und gar nicht.

Oben angekommen bietet sich eine Aussicht, die an Island im November erinnert. Scheiß Alpen!

Ohne Giovanni wären wir jetzt wahrscheinlich tot, die Fotografin Christina und ich. Giovanni, unser italienischer Retter, kommt mit seinem Kleinbus auf den Pass gefahren, nachdem wir verzweifelt herumtelefoniert hatten. Er ist der Fahrradverleiher auf der italienischsprachigen Seite des Gotthard, in Airolo. Um zu demonstrieren, dass es kompletter Wahnsinn gewesen wäre, mit dem Rad noch die Abfahrt zu wagen, fährt Giovanni mit uns ein Stück der alten KopfsteinpflasterStraße, die wir hätten nehmen müssen. Krawumm, krawumm, KRAWUMM. Danke, wir haben's verstanden. "Si, va bene!", Giovanni lacht dreckig und kutschiert uns endlich ins Tal.

Die türkisblauen Alpenseen sind der Hammer - ich möchte sofort reinspringen

In Locarno Wasser, Berge, Palmen am Lago Maggiore: Was will man mehr?

Unsere E-Bike-Tour hat eigentlich ganz gemütlich in Basel begonnen. Einmal quer durch die Schweiz soll es gehen, auf der so genannten Nord-Süd-Route. Der "Flyer", das Urmodell aller E-Bikes, ist unser Fortbewegungsmittel, das Gepäck wird vom Veranstalter zu den jeweiligen Hotels transportiert. Der Strom erleichtert zwar das Treten, aber sportlich sind die Räder trotzdem. Man kann nämlich selbst entscheiden, wie sehr man sich verausgaben möchte, und zwischen drei Einstellungen wählen: Eco (spart Strom), Standard (unterstützt ein bisschen) und High (gibt Schub für die Berg-Etappen). Ein typischer E-Bikerinnen-Dialog geht daher so: "Bist du schon High?" - "Nee, noch Standard." - "Mist, wie machst du das?" Und ein typisches E-Bikerinnen-Accessoire sind die zwei mattsilbernen Akkus, die jeden Abend mit ins Hotelzimmer geschleppt und über Nacht ans Netz gehängt werden müssen.

Schwyzer Charme Luzerns schöne alte Häuserfronten.

Wir freuen uns schon bald nach dem Start über die 30 Kilometer pro Stunde, die wir mit den Rädern auf flachen Strecken ohne Mühe erreichen. Bei Steigungen schalten wir fröhlich auf „High“, müssen aber doch feststellen, dass diese Einstellung ordentlich am Akku lutscht. Also lieber ein bisschen im „Standard“ quälen - vorbei an glücklichen Kühen, knallgrünen Bergwiesen und historischen Holzschobern.

Und dann kommt das Wasser. Das erste Mal sehe ich es auf dem Weg nach Luzern. Wir radeln am Sempachersee entlang, und ich sauge ihn mit meinen Augen aus. Dieses Blau, verdammt! Ich bin ein absolutes Nordlicht. Ich liebe die graublaue Nordsee und habe nichts dagegen, wenn man durch trübes Meerwasser hindurch nicht den Boden sehen kann. Aber ich muss zugeben: Diese türkisblauen, kristallklaren Alpenseen sind einfach der Hammer. Man möchte sofort hineinspringen!

Der König aller Seen Der Vierwaldstättersee ist riesig und traumschön. Einen ganzen Tag radeln wir an seinem Ufer entlang, von Luzern bis Flüelen, insgesamt 49 Kilometer. Immer sieht er anders toll aus - und am Ende springen wir natürlich rein

Und wenn der Sempachersee die Pflicht war, ist der Vierwaldstättersee die Kür. Wir erhaschen einen ersten Blick auf das Kronjuwel bei der Einfahrt nach Luzern. Kopfsteinpflaster, alte Häuschen, die überdachte Spreuerbrücke und überall dieses blaue Wasser. Ich war vor vielen Jahren schon mal hier, aber ich hatte vergessen, wie schön es ist. Gut, dass wir hier einen ganzen Abend Zeit haben. Programmpunkt 1: Shoppen! An Kilometer 141, ungefähr bei Beckenried, wird klar: Ich will da rein! Wir brauchen ein Badi! So heißen hier die öffentlichen Freibäder am Ufer der Seen. Meistens gibt es eine Umkleide, eine Restauration, eine Liegewiese und einen abgesteckten Schwimmbereich. Wir nehmen uns jedoch vor, noch die verkehrsreichen neun Kilometer zwischen Gersau und Brunnen hinter uns zu bringen und uns erst dann mit einem Badi zu belohnen. Die so genannte Axenstraße, die 1864 erbaut und weitestgehend in den Fels geschlagen wurde, ist das einzige nicht so schöne Stück der Strecke. Meistens windet sich hier eine Autokolonne, und den Radfahrern steht nur ein sehr schmaler Fußweg (wenn überhaupt) zur Verfügung.

Unser Badi heißt schließlich "Strandbad Flüelen", und Joel, der an der Kasse steht und außerdem die kalte Schorle serviert, sucht uns den Wetterbericht für den nächsten Tag raus: die Gotthard-Überquerung. Aber das, was Joel da vorhersagt, will man gar nicht so genau wissen. Regen, Wind - Gegenwind. Er hält unser Vorhaben für verrückt. Und ich bin gut in der Kunst des kurzfristigen Verdrängens. Rein in den Bikini, das Handtuch ausgebreitet und erst mal schön gesonnt. Dann einenSprung ins blaue Wasser und zur Badeplattform rausgeschwommen. Es ist später Nachmittag, und dass der Himmel und dementsprechend auch der See schon nicht mehr ganz so knallblau sind und dazu ein föhniger Wind aufkommt, kann auch ich nicht mehr ignorieren. "Fahrt bloß morgen früh los, wenn ihr das noch bei halbwegs gutem Wetter packen wollt", sagt Joel zum Abschied.

Schönes Tessin Am Ende der Tour machen wir dann noch einen kleinen Abstecher nach Ascona, um einen Aperó am Hafen zu nehmen

Wir fahren früh los, aber in Andermatt sind unsere Klamotten längst vollkommen durchnässt. Dennoch wagen wir den "Aufstieg": zwölf Kilometer Passstraße, die wir mit den Autos teilen werden. Warum wir nicht umgekehrt sind und die Bahn durch den Tunnel genommen haben? Weil wir preußisch-diszipliniert sind? Weil Sportler keinen Schmerz kennen? Oder weil wir einmal im Leben über den Gotthard radeln wollten? Ich weiß es im Nachhinein ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Aber für alle, die in eine ähnliche Verlegenheit kommen sollten, hier ein wichtiger Hinweis aus der Routenbeschreibung: Falls die Wetterbedingungen eine Gipfelüberquerung nicht zulassen - Fahrplan und Tarife findet man unter www.sbb.ch.

Auf dem E-Bike schlürfen sich die Kilometer so weg. 40 am Tag? Ein Witz!

Massarbeit Die Axenstraße am Vierwaldstättersee Richtung Flüelen ist oft sehr schmal, der Blick dafür spektakulär

Gefühlte Lichtjahre später, aber eigentlich nur einen Tag danach, bei der Abfahrt Richtung Lago Maggiore, haben wir fast alle Qualen vergessen. Unser Ziel ist das mondäne Locarno, und zunächst geht es 44 Kilometer nur bergab. Die Landschaft hat sich massiv verändert, verwunschene Dörfer mit sehr alten Häuschen, zerklüftete Schluchten, romantische Szenen wie auf alten Ölgemälden. Von Biasca nach Bellinzona steigen wir in die Bahn, da die Route hier nur entlang der Verbindungsstraße verläuft und wir die 87 Kilometer, die eigentlich für zwei Tage vorgesehen sind, an einem Tag schaffen wollen. Größenwahn? Nein, uns hat einfach der Kilometerfresser-Ehrgeiz gepackt! Was mit einem normalen Rad undenkbar scheint, ist mit dem E-Bike leicht zu bewältigen: Die Kilometer schlürfen sich so weg.

Ziel erreicht Nachmittagsstimmung am herrlichen Lago Maggiore. Ich bin fast ein bisschen wehmütig, dass die Reise morgen schon zu Ende ist - und ich mich von meinem Leihrad verabschieden muss

Und genau das macht diese Tour so charmant. 40 Kilometer am Tag? Ein Witz. Lass uns mindestens über 60 reden! Während wir in entspanntem E-Bike-Flachland-Tempo auf Locarno zugleiten, sehen wir uns schon im Hotel "Esplanade" unter Palmen am Pool liegen, die Sportlerbeine in Ruhestellung, neben uns ein kühler Drink. Nur einmal tut es noch weh: als wir die Räder, unsere treuen und robusten Begleiter der letzten Tage, am Fahrradverleih am Bahnhof abgeben. Ich mache schnell noch ein Handyfoto von "meinem" Flyer und klopfe ihm zum Abschied liebevoll auf den Sattel.

Reise-Infos

Die E-Bike-Tour durch die Schweiz

Die Nord-Süd-Route: Die von Swiss Trails veranstaltete Tour dauert sechs Tage und ist 312 Kilometer lang: Basel - Aarau (60 km); Aarau - Luzern (53 km); Luzern - Flüelen (49 km); Flüelen - Airolo (63 km, mit Passüberquerung!); Airolo - Biasca (44 km); Biasca - Locarno (43 km). Das Besondere: Gepäcktransport von Hotel zu Hotel; Reise-Termine frei wählbar; individuelle Ausgestaltung der Tour bezüglich Strecke und Unterkünften möglich. Preis: Ab ca. 640 Euro bei Übernachtung in Standard-Hotels (ohne Flug), günstiger wird's mit Übernachtungen in Jugendherbergen. Für weitere Infos und Buchung: Tel. 00 41/44/450 24 34, www.swisstrails.ch

Unterwegs essen, trinken, rasten

Aarau. Bar "Garage": alternativ, szenig, Studenten-Ambiente (Kirchgasse 6, www.garasche.ch). - Bar und Restaurant "Platzhirsch": angesagtester Aperó-Ort, z. B. Spritz mit Zitrone (Rathausgasse 9, www.derplatzhirsch.ch).

Sempach. "TCS Camping Seeland": toller Campingplatz für einen Zwischenstopp, mit Restaurant und Sitzgelegenheiten am See (Seelandstraße, www.campingtcs.ch/sempach).

Luzern. "Wirtshaus Taube": nettes Lokal mit Schweizer Spezialitäten und vielen Außenplätzen am Wasser; Hauptgerichte wie z. B. Röschti ab 21 Euro (Burgerstraße 3, www.taube-luzern.ch). - Restaurant im "Hotel des Balances": traumhaftes 4-Sterne-Hotel mit Terrasse am See; 5-Gang-Menü 85 Euro; große Steak-Auswahl ab 38 Euro. Reservieren! (Weinmarkt, Tel. 041/418 28 28, www.balances.ch).

Flüelen. Strandbad Flüelen: BeachclubAtmosphäre, auch für abends nett (Seestraße 19, geöffnet 10 bis 22 Uhr, Fr/Sa bis 23 Uhr, Getränke, Snacks, Eis, www.badi-info.ch).

Airolo. Restaurant im "Hotel Forni": eher edel als rustikal, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, Vorspeisen wie z. B. Auberginenterrine mit Wiesenpesto ab 18 Euro, Hauptgerichte wie z. B. Lachsfilet mit Zitronengras ab 31 Euro (Via della Stazione 19, www.forni.ch).

Rundum informieren

Schweiz Touristik, Postfach 23, 60311 Frankfurt, Tel. 008 00/10 02 00 29, www.myswitzerland.com

Fotos: Christina Körte
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