Siziliens Hauptstadt: Palermo

Seien Sie vorsichtig. Nicht wegen der Mafia. Sondern weil Sie dieser Stadt rettungslos verfallen könnten.

Im Olivell-Viertel: Tagsüber laden kleine Lokale zum Mittagstisch ein. Der Blick auf die Chiesa di Sant'Ignazio ist inklusive. Später ziehen hier die Nachtschwärmer von Bar zu Bar.

"Also, was muss man denn eigentlich in Palermo sehen?", fragte mich meine Freundin A. streng am Telefon. Sie klang überdrüssig, unter Zeitdruck stehend und zugleich von ihrer eigenen Heldenhaftigkeit überzeugt.

"Tja", sagte ich.

Ich könnte ihr vorschlagen, nach Monreale zu fahren. Der Dom von Monreale mit seinem berühmten Kreuzgang würde sie bestimmt interessieren. Die Fahrt nach Monreale würde allerdings lange dauern. Sie dauert so lange, weil Verkehr für die Straßen Palermos eine einzige nicht enden wollende Zumutung ist. Ein Ernstfall, der von morgens neun bis Mitternacht dauert. Straßen werden erst fünfspurig befahren und enden plötzlich im Nichts. Immerhin bietet der Stau Gelegenheit, Palermo vom Auto aus zu beobachten.

Mondello, der Hausstrand der Palermitaner, liegt eine halbe Autostunde von der Stadt entfernt.

Ich könnte auch sagen: Der Normannendom. Oder die Cappella Palatina, die Palastkapelle Rogers II. Ich hätte sagen können: Du darfst da die Kuppel nicht verpassen, denn die hierartische Darstellung des Pantokrators in der Presbyteriumskuppel entspricht byzantinischer Tradition. So steht es im Reiseführer. Ich hätte sagen können: San Cataldo an der Piazza Bellini. Klar gegliederter Kubusbau mit drei Kuppeln. Aber es ging mir einfach nicht über die Lippen. Ich könnte ihr auch etwas von der Wiedergeburt Palermos erzählen. Vierzig Jahre mafiose Stadtverwaltung hatten den Exitus der Altstadt herbeigeführt. Heute sind die Barockpaläste der Altstadt frisch verputzt auferstanden. Ich könnte sagen: Geh den Lungomare entlang. Versuche dir vorzustellen, dass dort keine Palmblätter wehten, sondern Müllberge vor sich hinfaulten. Ich könnte ihr sagen, dass es des Todes der beiden Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino bedurfte, um Palermo aus seiner selbst verordneten Erstarrung zu erlösen.

Draußen vor der Tür: Nachbarn plaudern bei einem Glas Wein oder Bier.

Für Touristen ist Palermo sicherer als Neapel. Die Mafia ist wieder unsichtbar geworden. Adelig unter den Adeligen. Kleinbürgerlich unter Kleinbürgern. Intellektuell unter Intellektuellen. Sizilien hat sich wie trunken in die Arme des Traumverkäufers Berlusconi geworfen.

Dann hätte ich sie von der Piazza Magione zum Spasimo schicken können, zu Palermos ungewöhnlichem Konzertsaal, und ihr geraten, Karten für ein Konzert zu besorgen. Wo auf der Welt hast du Gelegenheit, in einer gotischen Kirchenruine die Jazz-Sängerin Cheryl Porter zu hören?

Ein Zeichen der neuen Zeit: Das Teatro Massimo stand über 20 Jahre lang verrottet leer. Jetzt ist die Staatsoper renoviert worden, und internationale Künstler treten hier auf.

Vielleicht wäre Kunst eher nach dem Geschmack von meiner Freundin A. Ich könnte ihr den sizilianischen Barock einer Straßenkreuzung empfehlen, Quattro Canti, welche Palermo in seine vier Stadtviertel teilt, über die je eine Schutzheilige die Hand hält. Ich könnte die arabische Strenge des Castello della Zisa rühmen und die byzantinischen Mosaiken mit den hartherzig blickenden Engeln in der Kirche Santa Maria dell’Ammiraglio preisen. Oder besser das Micro-Museum? Das kleinste Museum der Welt für experimentelle Kunst. 18,7 Quadratmeter groß. Auch das ist Palermo. Ich hätte zu meiner Freundin gern gesagt: Du musst nachts durch Palermo laufen. Nachts, wenn das Pflaster glänzt wie im Schlaf nassgeschwitzt, nachts, wenn die Stadt nach Jasmin riecht. Vielleicht würdest du in so einer Nacht plötzlich wieder spüren, dass du noch lebst.

"Hallo? Bist du noch dran?", sagte A. ungeduldig. Also was denn jetzt? Was muss man sehen hier in Palermo?

Ich sah aus dem Fenster. "Och", sagte ich. "Eigentlich nichts."

Reise-Infos Palermo

Telefon Vorwahl für Italien: 0039. Ortsvorwahl Palermo: 091. Achtung, die Null der Ortsvorwahl in Italien nie weglassen! Von Deutschland aus wird also 0039/091 für Palermo gewählt. Die Vorwahl gilt auch innerhalb der Orte, also beginnen alle Nummern in Palermo mit 091.

Geld

Geldautomaten gibt es auch. Kreditkarten werden überall akzeptiert, in einfachen Restaurants kommt es allerdings oft vor, dass die Kellner nur Bares verlangen.

Unterwegs

Im Stadtzentrum lässt sich vieles erlaufen. Wer aber Herausforderungen liebt, kommt als Autofahrer in Palermos Straßengewirr voll auf seine Kosten, da Wegweiser praktisch unbekannt sind. Der Busbahnhof befindet sich an der Piazza Indipendenza. Von hier aus fahren auch Busse nach Mondello, Bagheria oder zum Dom von Monreale. Bei Fahrten mit dem Taxi empfiehlt es sich, darauf zu achten, dass der Taxameter eingestellt ist. Ein großer Taxistand befindet sich am Teatro Massimo, ein anderer an der Piazza Politeama.

Hotels

Excelsior Palace

Centrale Palace Hotel: Dieser ehemalige Adelspalast wurde in ein elegantes Hotel verwandelt. Es liegt in der Altstadt unweit des Doms und der Quattro Canti. Allein der Dachgarten mit Restaurant ist eine Reise wert. (Corso Vittorio Emanuele 327, Tel. 091/336666, Fax 091/334881, www.bestwestern.it). Letizia: preiswertes kleines Hotel in der Altstadt an der Piazza Marina. (Via dei Bottai 30, Tel./ Fax 091/589110, www.hotelletizia.com). Principe di Villafranca: modernes, gepflegtes Hotel in einer der Seitenstraßen der Via Libertà. Schalldichte Zimmer! Nebenan liegt das sehr gute Restaurant "Il Firriato" - wenn man abends keine Lust mehr hat, wieder aufzubrechen. (Via G. Turrisi Colonna 4, Tel. 091/6118523, Fax 091/588705, www. thecharminghotels.com).

Café

Pasticceria Alba: die beste und traditionsreichste Konditorei Palermos. Feigen aus Marzipan und die besten Cannoli Palermos: Wer sich zu Hause nach den berühmten sizilianischen Quarkröllchen sehnt, kann sie auch per Internet bestellen (Piazza Don Bosco 7, Tel. 091/309016, www.baralba.it).

Museum

Micro-Museum: das kleinste Kunstmuseum der Welt. Im November stellt hier der italienische Avantgarde-Künstler Luca Vitone aus (Via Torrearsa 15/A., Tel. 091/580644, montags geschlossen). Das dazugehörige Café heißt: "L’Acantó Blu the Living Space of Micromuseum" und ist Treffpunkt von Palermos junger Kunstszene. Palazzo Mirto: Wer wissen will, wie der sizilianische Adel gelebt hat, sollte sich den Besuch dieses Palazzos nicht entgehen lassen (Via Merlo 2, Palermo, täglich von 9 bis 12.30 Uhr geöffnet, dienstags und donnerstags auch nachmittags von 15 bis 17.30 Uhr).

Theater

Teatro dei Pupi Santa Rosalia: ein Klassiker Palermos. Der Marionettenspieler Mimmo Cuticchio beschränkt sich allerdings keineswegs auf das klassische sizilianische Repertoire, sondern interpretiert auch moderne Stücke (Associazione Figli d’Arte Mimmo Cuticchio, Via Bara all’Olivella 95, Tel. 091/323400, Fax 091/335922).

Restaurants

Focacceria San Francesco

Trattoria Il Cambusone: modern eingerichtetes (Seltenheit in Palermo!) Restaurant hinter dem Teatro Massimo mit leichter sizilianischer Küche. Menü ab ca. 40 Euro (Piazza Giuseppe Verdi 25–27, Tel. 091/335597, täglich außer montags). Vecchia Trattoria da Totò: Traditionslokal am Vucciria-Markt. Gute sizilianische Hausmannskost. Menü um 15 Euro (Via Cortellieri 5, a’ Vucciria, Tel. 0039/ 33343833399, nur mittags geöffnet, sonntags geschlossen). I Grilli: in einem ehemaligen Adelspalast hinter der Kirche San Domenico. Moderne sizilianische Küche. Zum Restaurant gehört die ebenerdig gelegene Bar "I Grilli giù", beliebter Treffpunkt der Palermitanischen Nacht. Menü um 40 Euro (Largo Cavalieri di Malta 2, Tel. 091/584747, montags geschlossen). Cambio Cavalli: Hier wurden einst die Pferde getränkt. Schönes Lokal mit fackelbeleuchtetem Innenhof und Bar. Spezialitäten: Schwertfischrouladen mit Minze. Menü um 45 Euro (Via Patania 58. Kein Telefon!). Sant’ Andrea: ein Restaurant mit einem jungen Team, das sich Mühe gibt, die oft schwere sizilianische Küche zu erleichtern. Eine Seltenheit in Palermo: Im Restaurant darf nicht geraucht werden! Menü um 50 Euro (Piazza Sant’Andrea 4, Tel. 091/334999, montags geschlossen). Antica Focacceria San Francesco: eine palermitanische Institution. Sizilianische Volksküche von Panella (Fladenbrot) bis Pizza, und das auf einem wunderschönen Platz vor der Kirche San Francesco. Menü ab 20 Euro (Via A. Paternostro 58, Tel. 091/320264, montags geschlossen).

Nightlife

Berlin Café: In dieser Stadt verheißt der Name "Berlin" preußische Nüchternheit. Ungewöhnlich coole Bar für Palermo (Via Isidoro La Lumia 21. Täglich außer sonntags bis 3 Uhr). La Cuba: der In-Treff Palermos! Eine moscheeähnliche Location mit Garten und einer riesigen Terrasse. Am Wochenende ist hier die Hölle los. Wer es lieber ruhiger mag, sollte hier besser zu Mittag essen: wunderbares Salatbüfett! (Francesco Scaduto, Villa Sperlinga, Via F. Caduto, Tel. 091/309201). Al Viale: modernes Straßencafé, in dem man mittags Kleinigkeiten wie Salat und liebevoll angerichtete Panini essen kann (Via Archimede 189, Tel. 091/6090133).

Ausflüge

Zum Badeort Mondello: Besonders hübsch ist hier das Restaurant Charleston, das aussieht wie ein russischer Bahnhof aus der Zarenzeit, der auf dem Weg nach Petersburg am Strand von Mondello landete. Zahlreiche Fischlokale am Lungomare. Monte Pellegrino: Hier ist die Schutzheilige Palermos Santa Rosalia in einer Grotte begraben. Die Fahrt lohnt sich schon wegen des fantastischen Blicks auf die Conca d’Oro, die goldene Halbmuschel der Bucht von Palermo.

Info

AAPIT, Piazza Castelnuovo 34, Tel. 091/ 583847 und 091/6058351, Fax 091/586338, www.palermotourism.com. Hier gibt es auch das Veranstaltungsheft mit Adressen und aktuellen Terminen in Palermo.

Text: Petra Reski Fotos: Raffaele Celentano Stand: Oktober 2002
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