Türkei: Birding am Bafa-See

Vogelbeobachtung ist für Engländer Volkssport, für Deutsche ein Minderheiten-Hobby. Zu Unrecht, meint Johanna Romberg, "Birder" aus Leidenschaft. Sie fand am Bafa-See, wonach sie 30 Jahre suchte.

Da sitzt sie nun, 100 Meter Luftlinie entfernt, auf einem Telegrafendraht. Ihr Gefieder leuchtet türkis. Ihr Kopf dreht sich hin und her. Ihre dunklen Augen glänzen wie feuchte, schwarze Kiesel - kein Zweifel, eine Blauracke. Mein Puls schlägt schneller. Ich bin aufgeregt wie bei meinem ersten Kuss.

Das mag lächerlich klingen. Doch müssen Sie wissen, dass ich der Blauracke seit 30 Jahren nachstelle. So lange schon ist ihr Feld in meinem Vogelbestimmungsbuch leer. Während die anderen Abbildungen nach und nach mit Bleistiftnotizen der Erstbeobachtung versehen und damit zur Beute wurden - Buntspecht: Duisburger Stadtwald 1966; Grünspecht: Neuklostersee 1967; Eisvogel: Lippe-Niederung 1974 -, blieb das Feld der Blauracke ohne Eintrag. Bis heute. Jetzt wird jeder verstehen, warum meine Hände feucht sind und meine Finger zittern. Man kann nicht ruhig bleiben, wenn man etwas sieht, worauf man so lange gewartet hat. 30 Jahre.

Der Natur auflauern

Dabei ist es, um ehrlich zu sein, keine Sensation, die Blauracke hier zu entdecken. In Deutschland eine "Rarität", lebt sie hier als angestammter Brutvogel. Obendrein hat man diesen Ort extra für die Vogelbeobachtung geschaffen: Der "Club Natura Oliva" ist ein kleines, unauffällig in die Landschaft integriertes Hotel am Ufer des Bafa-Sees, etwa 30 Kilometer von der ägäischen Küste entfernt. Wer herkommt, hat nichts anderes im Sinn, als der Natur aufzulauern, ein Ort für Orchideenfreunde und Ornithologen. Der Club liegt in einem Olivenhain. Schon morgens, wenn man noch verschlafen auf die Terrasse tritt, tummeln sich in den silbriggrünen Baumkronen Gartenrotschwänze und Grauammern, an den Stämmen turnen Kleiber. Über den Frühstückstischen füttern Rauchschwalben ihre Brut, und auf dem Weg zum Büfett muss man aufpassen, keine weißen Spritzer abzubekommen. Auf den umliegenden Hügeln und am Seeufer kann man 256 heimischen oder durchreisenden Arten begegnen - Wiedehopf, Kappenammer, Rosapelikan. Vor der Anreise kriegt jeder Hotelgast eine Vogelliste zugeschickt.

Birding - ein unkompliziertes Hobby

Der Bafa-See

In Deutschland gibt es kaum Vogelgucker, während in England ein seltener Vogel Wallfahrten teleskopbewehrter "Birder" auslösen kann. Dabei ist "Birding" ein unkompliziertes Hobby: Man braucht nur ein Fernglas, ein Vogelbuch und ein Paar Gummistiefel. Für mich hat alles angefangen, als ich sechs war. Da kauften sich meine Eltern ein Fernglas und ein Vogelbuch. Beide waren begeisterte Wanderer, aber immer bloß einen Fuß vor den anderen setzen und schöne Aussichten bewundern - das kann auf Dauer auch öde sein. Außerdem sind schöne Aussichten rar. Vögel aber gibt es überall.

Wir merkten bald, dass wir nur einen Bruchteil dessen benennen konnten, was im Sichtkreis unseres Fernglases auftauchte. Unser Vogelbuch hieß "Was fliegt denn da?" und verzeichnete knapp 600 heimische Arten. Wir lernten, dass Drossel, Fink oder Möwe nur Über-Namen sind für ganze Vogelfamilien. Wir stöhnten über Seiten voll unscheinbarer Laubsänger, die nur an Farbabstufungen auf den Schwanzinnenseiten oder "Überaugenstreifen" zu unterscheiden sind. Wir amüsierten uns über Namen wie Klappergrasmücke, Trottellumme, Doppelschnepfe und Ziegenmelker... Und wir staunten über exotisch anmutende Arten, die wir nie in der gedämpften Farbwelt Mitteleuropas vermutet hätten, etwa den schillernden Eisvogel, den Karmingimpel, den Zitronenzeisig. Oder die Blauracke, die jetzt von ihrem Draht auffliegt. Und mir diesen Tag zum Ostersonntag gemacht hat.

Jagdfieber fürs Leben

Ich habe oft versucht zu beschreiben, wie das ist - diese Erregung, wenn man einen lang ersehnten Vogel zum ersten Mal in natura erblickt. Vergeblich. Selbst meine Freunde lächeln betont sanftmütig, wenn ich davon schwärme. Sie fragen sich: Was hat die bloß mit ihren Racken, Reihern und Klappergrasdingsdas? Man muss sich in die Kindheit zurückversetzen: Ostersonntagmorgen. Gleich wird die Tür zum Garten geöffnet. Gespannte Erwartung. Wo werden die Eier versteckt sein? Wie viele wird es geben? Wird Krokant dabei sein? Dieses Jagdfieber kann man sich bis ins hohe Alter bewahren.

Meine Eltern, inzwischen Pensionäre, haben bereits einige ornithologische Exkursionen unternommen, in den Oderbruch, in die Türkei. Stundenlange Pirschgänge durch moskitoverseuchte Sumpfgebiete. Zelt-Übernachtungen bei Bodenfrost. Gemeinschaftsklos für Männer und Frauen. Wenn ich frage, ob das für Herrschaften von über 70 nicht etwas strapaziös sei, kontert meine Mutter triumphierend mit ihren Erstbeobachtungen: Blauwangenspint! Goliathreiher! Weißbartseeschwalbe! Und Blauracken - ach, da gucken wir schon gar nicht mehr hin!

Reisezeit:

Im März und April kommen die Sommervögel, im Oktober, November und Dezember die Zugvögel, und dann gibt es noch viele so genannte "Jahresvogelarten", die immer zu beobachten sind.

Preise:

Acht Tage Ferienanlage Bafa-See kosten rund 1390 Euro pro Person im DZ, inkl. Flug und Vollpension. Dr. Koch Studienreisen, Waldprechtstr. 67, 76316 Malsch, Tel. 07246/920 92, Fax 92 09 76, www.dr-koch-reisen.de.

Text: Johanna Romberg Fotos: Dr. Koch Studienreisen
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Türkei: Birding am Bafa-See

Vogelbeobachtung ist für Engländer Volkssport, für Deutsche ein Minderheiten-Hobby. Zu Unrecht, meint Johanna Romberg, "Birder" aus Leidenschaft. Sie fand am Bafa-See, wonach sie 30 Jahre suchte.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden