Turin - die Spröde

Auf den ersten Blick keine Schönheit. Aber im Innern hinreißend elegant - Italiens Autostadt will erobert werden.

Diese Stadt lässt keinen gleichgültig. Der Reisende mag sich ohne große Erwartungen hinbegeben, aber Turin wird in ihm Gefühle wecken, die er nicht erwartet hätte – jedenfalls nicht, was Städte betrifft. Heiße, zutiefst empfundene Liebe oder eiskalte Ablehnung. Wer sich in Turin verliebt, beweist Sensibilität und Sinn für Zwischentöne, für den Reiz ungelöster Widersprüche.

Turin ist eine Arbeiterstadt, Synonym für das Fiat-Imperium und von einem unschönen Industriegürtel umgeben. Doch im Inneren ist es die feierliche Residenzstadt geblieben, zu der es das Königshaus der Savoyer im 17. Jahrhundert machte: mit Platanenalleen und Plätzen, in deren Mitte fast immer ein Schlachtenheld thront.

Während in den Vororten Wohnsilos von den Wachstumszeiten der Autoindustrie erzählen, stehen im Zentrum barocke Meisterwerke wie die Piazza San Carlo, der Palazzo Carignano oder die Kirche San Lorenzo. In den 18 Kilometer Arkadengängen liegen unter verblassenden Jugendstil-Schriftzügen Buchläden, Schokoladengeschäfte, Antiquitätenhandlungen und altmodische Cafés. Am Politecnico lernen Studenten Ingenieurwesen und Architektur auf höchstem Niveau, doch unter den Arkaden der Via Po müssen Kartenleser und Astrologen nie lange auf Kunden warten. Statik und Übersinnlichkeit existieren gleichberechtigt nebeneinander.

ist magisch, mystisch, schwer zu begreifen. Die Zukunft ist unsicher: Mamma Fiat, die die Stadt im letzten Jahrhundert großgezogen und durchgefüttert hat, leidet an galoppierender Schwindsucht. So schlecht aber sind die Zeiten nicht, dass man nicht trotzdem seinen Aperitif mit kleinen Häppchen genießen würde - eine turinerische Tradition. Oder dass man dem Verfall preisgegebene Stadtquartiere nicht zu schicken Ausgehvierteln aufmöbelte: das Quadrilatero romano rund um die Via San Agostino etwa, in dessen engen Gassen immer neue Bars und Ethno-Restaurants aufmachen. Oder die Murazzi, die Kaimauern des Po: Wo früher vor allem die alternative Szene in Reggae-Lokalen herumlungerte, haben sich jetzt auch ein paar Designbars etabliert, in denen sich in warmen Sommernächten die jungen, gestylten Besserverdiener drängen.

Trends & Tipps

Übernachten:Victoria: das charmanteste Hotel Turins. Fantasievoll eingerichtete Zimmer, üppiges Frühstück mit Blick auf den grünen Innenhof und ein Foyer, das an ein englisches Landhaus erinnert. DZ/F ab 140 Euro (V. Nino Costa 4, Tel. 5611909, Fax 5611806, www.hotelvictoria-torino.com).Liberty: Künstler-Pension mit gemütlichen Zimmern, nur ein paar Schritte von der zentralen Piazza Castello entfernt; DZ/F ab 93 Euro (V. Pietro Micca 15, Tel. 5628801, Fax 5628163, www.hotelliberty-torino.it).Due Mondi: ordentlich geführtes Drei-Sterne-Haus in der Nähe des Bahnhofs Porta Nuova; DZ/F ab 75 Euro (V. Saluzzo 3, Tel. 6698981, Fax 6699383, www.hotelduemondi.it).

Essen und Trinken:Premiata Osteria dell' Hermada: gemütliches Lokal mit üppig grünem Innengarten. Abends großes Vorspeisenbüfett und gute, günstige Landweine. Menü ab 22 Euro (PiazzaHermada 10, Tel. 8190541).Tre Galline: Trattoria in historischen Mauern, typisch piemontesische Küche. Menü ab ca. 28 Euro (V. Bellezia 37,Tel. 4366553).Antiche Sere: gemütliches Wirtshaus, das Ambiente ist einfach, die Karte ebenfalls: Tajarin (Tagliatelle) mit Hühnerleber, Schweinshaxe aus dem Ofen. Gekocht wird auf hohem Niveau! Menü ca. 25 Euro (V. Cenischia 9, Tel. 3854347).L'Agrifoglio: Hier bekommt man auch noch um elf Uhr abends Entenbrust in Barolo und Arneis, den piemontesischen Weißwein. Menü ca. 30 Euro. Nur abends geöffnet(V. Accademia Albertina 38/d, Tel. 837064).Mulassano: winzige Bar mit Kassettendecke, Spiegeln und Messing. Und den besten Tramezzini Turins. So. geschlossen (Piazza Castello 9).Al Bicerin: historische Bar mit ächzendem Parkettboden und Marmortischen. Hier wurde 1840 das Lokalgetränk Bicerin erfunden (Piazza della Consolata 5).Cafetteria Gabetti: tagsüber eine gut geführte Bar, zwischen 18.30 und 20 Uhr die Adresse für den Aperitif, dann biegen sich die Tische unter Platten und Schüsseln voller Häppchen. So. geschlossen (Corso Gabetti 6).

Einkaufen:Stratta: Bonbons in allen Formen und Farben– und traumhaften Geschenkverpackungen. Außerdem Gianduiotti, die typischen Turiner Nougatstückchen in Goldpapier (Piazza San Carlo 191).Poncif: Mode mit klaren Schnitten, überraschenden Details und reizvollen Farbkombinationen (Piazza Vittorio Veneto 5).Il Grifone: Kollektionsverkäufe und Sonderposten italienischer und internationaler Designer von Armani bis DKNY. Meistens tolle Auswahl und günstige Preise. Drei Geschäfte weiter links gibt’s die passenden Schuhe dazu (Corso Turati 15/b).

Nicht versäumen:Museo Nazionale del Cinema: Das neue Kinomuseum breitet sich aus in den fünf Stockwerken der Mole Antonelliana, einem seltsamen Kuppel-Turm, dem Wahrzeichen Turins. Laterne magiche, uralte Filmkameras, Kulissen und 9000 Accessoires erinnern an die goldenen Zeiten, in denen Turin die Wiege des italienischen Films war (V. Montebello 20).Museo Egizio: Das zweitwichtigste ägyptische Museum der Welt (gleich nach dem von Kairo). 30000 Exponate, darunter jede Menge Mumien und die älteste Landkarte der Welt(V. Accademia delle Scienze 6).

Info:Turismo Torino, Piazza castello 161, Tel. 535181, Fax 530070, www.turismotorino.org.

Telefon:Vorwahl für Italien 0039, danach die 011 für Turin. Achtung: die Ortsvorwahl auch innerhalb der Stadt wählen!

Extra-Tipp:Jeden ersten Sonntag des Monats (außer August) verwandelt sich das romantische Zentrum von Moncalieri in ein riesiges Antiquitätengeschäft unter freiem Himmel. Profis und Amateure bieten von Bauernschränken über Artdéco-Lampen alles an, was Sammler und Stöberer erfreuen könnte (südlich von Turin, etwa 15 Autominuten vom Zentrum entfernt).

Annette Rübesamen Stand: März 2003
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