Usbekistan - Land im Aufbruch

Auf der Seidenstraße von Buchara nach Samarkand: Moscheen und Paläste, ein Land in Bewegung.

1966 wurde Taschkent bei einem Erdbeben fast völlig zerstört und im sozialistischen Stil neu aufgebaut: breite Prachtstraßen, Protzbauten. Auf dem zentralen Platz Taschkents stand früher Lenin, so groß in Erz gegossen wie nirgendwo sonst in der Sowjetunion. Jetzt sieht man hier eine bronzene Weltkugel, auf der nur ein Staat eingezeichnet ist - Usbekistan.

Eine Glocke schrillt. "Eshikla yopiladi", Türen schließen. Die Taschkenter U-Bahn ist schön: Hölzerne Rolltreppen führen in den Untergrund, die Wände der Station "Navoi" sind geschmückt mit Malereien und Mosaiken. Im Waggon sitzen sie wie die Hühner auf der Stange: eine wasserstoffblonde Russin, eine junge Koreanerin mit Plateauschuhen, ein Mann mit einem Turban auf dem Kopf, eine Frau mit mongolischen Augen und langen schwarzen Zöpfen, ein Mädchen im leuchtendbunt gemusterten Seidenkleid, darunter trägt sie Pluderhosen. Alle Völker Asiens leben in Usbekistan zusammen. Nur zwei Drittel der Bevölkerung sind echte Usbeken. Der Rest: vor allem Russen, außerdem Kirgisen, Kasachen und Tadschiken aus den Nachbarrepubliken. Aber auch andere Gruppen, die Stalin im Zweiten Weltkrieg hierher deportieren ließ: Krim-Tataren, Koreaner, Wolgadeutsche, Juden.

Auf den Spuren der Karawanen

Es regnet. Das Wasser vermischt sich mit dem Lehm der Straße zu einer klebrig-grauen Masse. Marco Polo muss hier entlanggeritten sein und die Händler mit ihren Karawanen. Bis zu acht Jahre brauchten sie für die Strecke Europa-China. Mit Tausenden Kamelen zogen sie vorbei an den usbekischen Städten Chiwa, Buchara und Samarkand, damals wichtige Handelsknotenpunkte an der Seidenstraße. Der Bus holpert durch Schlaglöcher. Ein Trabbi fährt vorbei, ein kleiner Hund sucht in einem Müllhaufen am Straßenrand nach etwas Fressbarem. Kein Morgenland, nirgends.

Im Reich des Khans von Chiwa

Doch dann Chiwa: Mächtige Mauern hat die Stadt, und wer hindurchschreitet, ist nicht mehr in der Republik Usbekistan, sondern im Reich des Khans von Chiwa. Bemalte Minarette, türkise Kuppeln und lehmfarbene Moscheen, darunter die Dschuma-Moschee, in der man sich fühlt, als stünde man im Wald: 222 geschnitzte Holzsäulen tragen die Kassettendecke. Hier könnte jederzeit Sindbad um die Ecke kommen oder Aladin, ein fliegender Teppich würde auch nicht weiter auffallen. Tag und Nacht arbeiten die Denkmalpfleger, damit Chiwa so aussieht wie Disneyland, orientalische Abteilung.

In den Zimmern der Haremsdamen gibt es nur ein kleines Fenster an der Decke, das Licht fällt in den Raum wie in einen Schacht. Bis zu 40 Frauen lebten im Harem - für einen Khan. Und je mehr Bedienstete er hatte, desto wichtiger fühlte er sich: Für die Tafel war der Tischtuchausbreiter zuständig, der Desturchandschi. Zur Seite stand ihm der Kumgandschi, der Kannenhalter. Außerdem der Sertarasch, der Kopfrasierer, und der Ternaktschi, der Nägelabschneider, und schließlich der Töschektschi, der Bettbereiter. An der Spitze des ganzen Dienstboten-Trosses schritt der Dschgadschi, der Federbuschhalter.

Durch die Wüste Kisilkum

Die Wüste blüht. Überall wuchern Grasbüschel. Noch ein paar Wochen, dann wird die Kisilkum im Norden Usbekistans wieder braun sein. Fingerlange Libellen schwirren durch die warme Luft. Die Sandakazie, eine Pflanze mit gelben Blütendolden, blüht nur eine Woche im Jahr. Und sie stinkt! Endlose Schotterpiste. Am Straßenrand grast ein Kamel. Etwa alle hundert Kilometer steht ein Kontrollposten, der die vielen Laster durchsucht. Sie transportieren immer noch Seide, vor allem aber Baumwolle, manchmal auch Drogen, Opium und Heroin aus Kirgistan. Die Sonne geht unter, so schnell, als hinge sie an einem Faden, den jemand plötzlich den Horizont herabzieht.

Das fromme Buchara

Früher trugen alle Frauen den Parandscha, einen Mantel aus Pferdehaaren, der die Frau von Kopf bis Fuß verdeckt. Ein Leben ohne Gesicht. Bis 1929 die Usbekinnen bei großen Demonstrationen ihre Schleier verbrannten. Seit dem Ende der Sowjetunion tragen einige Frauen wieder Kopftücher und lange, weite Gewänder. Vor allem in Buchara, das schon immer die frommste Stadt Usbekistans war. Fast 500 Moscheen und Medresen - Koranschulen - gab es in Buchara, bevor 1920 die Bolschewiki einmarschierten. Jetzt tönt wieder der Ruf des Muezzin durch die Straßen. Am Stadtrand von Buchara liegt die erste Koranschule für Mädchen. "Streben nach Wissen ist Pflicht jedes Mannes und jeder Frau" steht an der Pforte. In einem hohen weißgekalkten Raum sagen 14 Schülerinnen im Chor: "Assalom - guten Tag, verehrte Frau Lehrerin", dann setzen sie sich. Eine fängt an, im Koran zu lesen, dann fallen die anderen ein. Nebenan sticken Mädchen den Satz "Allah ist ewig" in lila Samt.

Land des weißen Goldes

Baumwolle, Berge von Baumwolle. Weiße, flauschige Haufen liegen hinter der Fabrik im Dorf Kasan, etwa eine Stunde von Buchara. Vor 70 Jahren kamen die Regierenden in Moskau auf die Idee, überall Baumwolle anzubauen. Der Fluss Amu-Darja, der Gletscherwasser vom Pamir-Gebirge zum Aralsee brachte, wurde umgeleitet, um die Plantagen zu bewässern. Heute kann der Amu-Darja den Durst der Felder nicht mehr stillen. Der Aralsee, einst das "Meer Mittelasiens", trocknet aus, bald wird er verschwunden sein. Die Baumwolle nimmt dem Boden das Wasser und läßt ihm nur das Salz: Die Erde ist fast weiß hier.

Sagenhaftes Samarkand

Die Stadt war der Liebling der Dichter. Und der Tyrannen. Auf seinen Feldzügen durch Asien verwüstete der Mongolenherrscher Timur alle Städte und tötete ihre Bewohner - aber die besten Architekten, die klügsten Mathematiker und die begabtesten Schriftsteller ließ er leben und holte sie als Sklaven in seine Hauptstadt Samarkand. Die galt bald als die schönste der Welt, der Rigestan als prachtvollster Platz seiner Zeit. Der grausame Timur liegt im Mausoleum Gur-Emir begraben. Ein Gang führt in die Gruft zu den Sarkophagen. Timurs Sarg ist kurz: Der Mongolenherrscher war klein und hinkte.

Schachodat singt. Sie ist eine Frau aus Schachrisjabs, der Geburtsstadt Timurs. Eine einfache Frau in einem langen schwarzen Mantel und mit müden Augen. Von ihren Schuhen lösen sich die Sohlen. Schachodat hat eine kleine Tochter, in den drei Jahren Babypause hat sie die Koranschule besucht. Jeden Abend hat sie gebüffelt, bis sie perfekt Arabisch konnte. Ihr Mann hat ihr die teuren Einzelstunden bezahlt, er sah, wie wichtig ihr der Unterricht war. Dafür hat sie an den Schuhen gespart. Jetzt steht sie im Mausoleum Schamseddin Kulal in Schachrisjabs, liest in schönem Singsang die Koransuren auf den Grabsteinen vor, und die mit Sonnen und Granatapfelbäumen bemalten Fliesen leuchten. So muss es gewesen sein, als Scheherezade von grausamen Khanen und wunderhübschen Prinzessinnen erzählte.

Politik und Geschichte

1924 wurde Usbekistan, das damals Teil Russisch-Turkestans war, in die neugegründete Sowjetunion eingegliedert. Die Funktionäre aus Moskau sorgten für eine gute Ausbildung der Bevölkerung: 1924 waren 99 Prozent der Usbeken Analphabeten, heute sind es nur noch ein Prozent. Außerdem wurden Frauen ermutigt, einen Beruf zu ergreifen. Doch die Kommunisten nahmen dem Volk auch seine Religion, seine Kultur: Marx statt Mohammed, Fabriken statt Moscheen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde Usbekistan unabhängig. Das Land ist Mitglied der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) und wird vom ehemaligen Kommunisten Islam Karimow mit diktatorischer Härte regiert. Karimow stilisiert sich zum Nachfolger Timurs, auch Tamerlan genannt, der von 1370 bis 1405 im Gebiet des heutigen Usbekistans herrschte und jetzt als Nationalheld verehrt wird.

Beste Reisezeit

Frühjahr und Herbst.

Essen

Extra-Tipp: In Usbekistan kochen meist die Männer - und zwar sehr gut. Familien laden auch Touristen ein. Vermittlung über die großen Hotels und die "Uzbektourism"-Büros in Usbekistan oder direkt beim Reiseveranstalter.

Kleidung

Kleidung: Usbekistan ist ein islamisches Land. Frauen sollten nicht in Shorts oder tief ausgeschnittenen Tops reisen.

Buchtipps

Kunstreiseführer "Zentralasien" vom DuMont Verlag (25,90 Euro) und der Band "Central Asia" aus der englischsprachigen Reihe Lonely Planet (ca. 26 Euro).

Infos

Joint Venture Hotel Usbekistan Albusstrasse 20 60313 Frankfurt (Main) Tel. 069/91398077 Fax 069/91398079www.centralasia.de

Text: Nikola Sellmair
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.