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Volles Pfund in den großen Ferien


Ausgerechnet in den Wochen, in denen Familien verreisen können, werden vom Benzin bis zum Hotel die höchsten Preise verlangt. BRIGITTE-Redakteurin Doris Ehrhardt fragt sich: Müssen wir uns das eigentlich gefallen lassen?

Eine Frau, die zu Beginn der Sommerferien für viel Geld den Wagen voll getankt hat, in einem 60-Kilometer-Stau steckt, vom Rücksitz ihre beiden Kinder maulen/streiten/heulen hört, ist gelassen wie ein Buddhist während der Meditation. Sie hat das Nervigste ja längst hinter sich: den Preisvergleich vorm Buchen einer Reise.

Wenn ich Kataloge durchblättere, bin ich immer ganz gerührt, was sich Veranstalter und Hoteliers alles ausdenken, um Familien das Gefühl zu geben, bevorteilt zu werden. Kinderfestpreis! Superkinderfestpreis! Kinderermäßigung! Frühbucher-Rabatt!

Niedlich finde ich das, im wahren Wortsinn niedlich. Denn unterm Strich sind die Preisvorteile ungefähr so mini wie das Kleingedruckte, in dem die kniffligen Bedingungen für die Kindernachlässe stehen. Beispiel Kinderfestpreis: Gilt oft nur für Kinder bis maximal elf Jahre und schließt diverse Zuschläge nicht aus. Beispiel Kinderermäßigung: Bekommt man meist nur, wenn zwei Erwachsene voll zahlen. Beispiel Frühbucher-Rabatt: Fällt gern flach, wenn man zum Kinderfestpreis bucht.
 

Aber ich will nicht so kleinlich sein wie die Cleverles, die sich Verpflegungszuschläge für Dreijährige, Gebühren für Pre-Boarding (drei Euro) und Platzreservierung im Flugzeug (zehn Euro) ausgedacht haben. Immerhin gibt es überhaupt Ermäßigungen für Kinder, und es existieren Angebote, bei denen die Reise für ein Kind (selten für zwei!) weniger kostet als für einen Erwachsenen. Aber: Unterm Strich zahlt eine Familie pro Nase, viel, viel mehr als die Glücklichen, die zu anderen Terminen reisen können als während der Schulferien. Wer schulpflichtige Kinder hat, muss grundsätzlich mehr ausgeben als der Rest.

Warum ist das so? Weil Hochsaison-Urlauber mehr von allem haben - mehr Lärm im Hotel, mehr Gedränge am Strand, mehr Staus, längere Warteschlangen, ob am Check-In-Schalter oder vorm Buffet? Oder ist das so, weil Familien mit schulpflichtigen Kindern die höheren Preise akzeptieren müssen, wenn sie ihre Kinder nicht mit Zuhause-Bleiben enttäuschen möchten?

Haupt- und Nebensaison-Gäste erhalten weitgehend dieselben Leistungen, doch die Preise für Flug und Zimmer klaffen weit auseinander. Ist das fair? Jetzt soll mir bitte keiner erzählen, es regle nun mal die Nachfrage die Preise, die Kalkulation sei nicht anders machbar. Würden kinderlose Paare, Singles und Familien mit nicht-schulpflichtigen Kindern etwa das Reisen einstellen, wenn sie nicht mehr die billigeren Nebensaison-Tarife bekämen? Ich sehe ein, dass Veranstalter Anreize schaffen müssen, damit genügend Leute zum Beispiel im Februar ans Mittelmeer fahren. Und ich plädiere bestimmt nicht für Einheitspreise auf hohem Niveau. Aber mich regt auf, wenn so getan wird, als seien die Schulferien-Tarife eine großherzige Wohltat ohne Spendenquittung.
 

Und wenn ich als Nicht-Mutter schon dabei bin, mich auf die Seite von Familien zu schlagen, dann will ich mich auch gleich mal als Kinder-Lobbyistin aufspielen: Hallo, Flughafenbetreiber, richtet bitte mehr Spielplätze ein und beim Sicherheitscheck eine eigene Spur für Familien ein! Hallo, Autobahnbauer, habt ihr schon mal an einem Rastplatz versucht, bei Regen Windeln zu wechseln? Hallo, Deutsche Bahn, bitte setz doch in der Ferienzeit mindestens einen Familien-Wagon pro Zug ein! Liebe Hoteliers, könnt ihr bitte stundenweise Betreuung auch für unter Dreijährige und Animation für Kids über 14 anbieten? Hallo an alle, wer hat eine Idee, wie Berufstätige mit 30 Tagen Urlaub ihre Kinder während der jährlich rund zwölf schulfreien Wochen locker unterbringen/beschäftigen?

Aus den USA kam gerade die Nachricht, dass den US-Fluggesellschaften in den letzten zwölf Monaten neun Milliarden Dollar Gewinn entgangen seien, weil die Amerikaner weniger fliegen - die Flugverweigerer sind schlichtweg genervt von Verspätungen und umständlichen Sicherheitskontrollen. Da frage ich mich, was wäre, wenn deutsche Familien in den großen Ferien einmal klar machen würden, dass sie bessere Bedingungen für ihre Auto-, Bahn- oder Pauschalreise haben möchten.

Marktforschern zufolge sind es die Frauen, die bei der Wahl, wo und wie die Familie Urlaub macht, die entscheidende Rolle spielen. Maulende Kinder auf dem Rücksitz können nerven. Kritische Verbraucherinnen auch. Wollen wir es einfach mal ausprobieren?

Text: Doris Ehrhardt Foto: F1online

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