Vom Baskenland bis nach Galicien

Bauernland mit Tradition: wo der berühmte Rioja wächst und das Gemüse von Hand geerntet wird. Und mittendrin die Picos de Europa. Eine Autoreise.

Das soll Spanien sein? Betrug! Falscher Film! So etwa hatten meine verschlafenen Gehirnzellen reagiert, als ich zum ersten Mal, im Morgengrauen, per Auto die spanische Grenze bei Irún überquerte. Natürlich regnete es, und natürlich hatte das Landschaftsspektakel nichts, aber auch nichts mit meiner Vorstellung von Spanien zu tun.

Dudelsäcke, Elfen und Bären

Saftig-spinatig-grün und so bergig wie das Allgäu, abwechselnd feucht wie Hamburg an Schmuddeltagen und mild-warm wie ein irischer Sommer. Das Baskenland, La Rioja, Kantabrien, Asturien und Galicien - der Nordwesten Spaniens strotzt vor allem mit Natur, Natur, Natur.

Und mit einigen Besonderheiten: zwei Sprachen extra, Baskisch und Galizisch, neben der Amtssprache, dem kastilischen Spanisch; statt Flamenco-Gitarren schnarren Dudelsäcke und schmeicheln Flöten; Bohneneintöpfe und Meeresspezialitäten anstelle von Paella-, Olivenöl- und Knoblauch-Gerichten; keine maurischen Märchenpaläste, sondern romanische Kirchen und prähistorische Höhlen; statt wilder Kampfstiere grasen unzählige Milchkühe auf den Weiden. Und in den entlegenen Bergregionen leben Wölfe und Bären. Ein ideales Revier auch für "Xanos", jene spanische Elfenart: Scheu, aber wohlwollend den Menschen gegenüber, leben sie friedlich mit Bächen und Bären in ihren Zauberwäldern - so die Legende.

Leben zwischen Bergen und Meer

Die Menschen leben nach dem Rhythmus ihrer beiden Horizonte: den Bergen und dem Meer. Ebbe und Flut, Frühling und Sommer, Herbst und Winter bestimmen die Arbeit auf den Fischerbooten, in den Wäldern und auf den Höfen, den Speiseplan und die großen und kleinen Feste. Unzählige Einsiedlerhöfe ducken sich in die grünen Hügel, mit Mauern aus Steinblöcken und schrägen Schindeldächern, wehrhaft, trutzig, uniform auf den ersten Blick und auf den zweiten verspielt und bunt, wegen der bemalten Holzgalerien und der unzähligen Blumenkübel vor den Türen.

Ein Besuch in der Kneipe offenbart noch heute in vielen Orten die Abgeschiedenheit dieser Siedlungen. Die Minidörfer wie Barcena Mayor oder Bergara - Hauptplatz, eine Kirche, ein Rathaus und eine Dorfschenke - waren nie als Ausflugsziel für Städter und andere Freunde gedacht. Die Häuser werden wie eh und je weiß getüncht, die Straßen gekehrt, die schweren Holzbalken in den Giebeln ersetzt und gepflegt. Besucher sind hier immer noch die Ausnahme, werden oft neugierig, offen und erstaunt beäugt und immer freundlich aufgenommen, und sei es nur für einen Kaffee auf dem Weg.

Das Pilgerziel: Santiago de Compostela

Und am Ende der Tour: Santiago de Compostela, früher ein Zentrum der Christenheit, heute immer noch ein wichtiges Pilgerziel. Besonders schön ist dieses mittelalterliche Freilichtmuseum in den Morgenstunden, bevor die Geschäfte und Läden mit ihrem kirchlichen Krimskrams für weltlichen Kommerz öffnen. In den vielen engen Gassen lassen Kopfsteinpflaster und Mauern die eigenen Schritte widerhallen.

Wehrhaft, abweisend geben sich die Häuser, denn sie sind nicht aus Ziegeln gemauert, sondern aus Granitblöcken gesetzt. Dazwischen aber gibt es immer wieder luftige Arkaden - besonders hübsch in der Rua Nueva, Rua Villar und do Franco -, große Tore aus Schmiedeeisen oder wuchtigem Holz und fein behauene Fenster- und Türstöcke, die vom Wohlstand und Ansehen dieser Stadt in Galizien erzählen. Dass die Santiagoer Altstadt wie golden schimmert, hat allerdings einen anderen Grund als irdischen Reichtum: Dahinter steckt ganz profan die hohe Luftfeuchtigkeit und eine gelbe Flechte, die darin besonders gut gedeiht. Aber das tut dem magischen Ambiente Santiagos keinen Abbruch.

Reise-Infos Baskenland

Beste Reisezeit Von April bis September. Nur im Juli und August sind die Wassertemperaturen angenehm. Im Frühjahr und Herbst oft heftige Stürme.

Richtig verbunden

Alle Telefonverbindungen innerhalb Spaniens haben neun Ziffern. Vor die Telefonnummer wird immer die Provinzvorwahl gestellt, die mit einer 9 beginnt. Von Deutschland aus muss man nach der Ländervorwahl 00 34 erst noch die 9 und dann die entsprechende weitere Vorwahl und Anschlussnummer wählen.

Übernachten

Vor allem in ländlichen Gegenden ist der spanischsprachige Führer "Pequeños Hoteles con Encanto" (kleine bezaubernde Hotels) aus dem Verlag El Pais-Aguilar sehr nützlich. Auch ohne großartige Sprachkenntnisse gut zu verstehen und zu benutzen. Die Tipps sind zuverlässig, aktuell, individuell. Erhältlich in Buchhandlungen.

In Haro: "Los Agustinos" (San Agustin, 2, Tel. 00 34/41/31 13 08). In diesem ehemaligen Kloster war zeitweise ein Gefängnis untergebracht, wovon noch einige Wandkritzeleien der Häftlinge zeugen. Die Zimmer sind komfortabel und gemütlich.

Saja/Altamira-Höhlen: Hotel "La Punvieja" in Los Tojos (Tel. 00 34/42/74 12 56). Ein schöner Standort für mindestens zwei Nächte.

Pravia/Nationalpark Picos de Europa: Hotel "Casa del Busto" (Tel. 0034/8/58 22 771). Ein ehemaliger Palast mit 19 Zimmern, ein echtes Kleinod.

Barbadas bei Ourense: fürstliches Ambiente im Hotel "Palacio Bentraces" (Tel. 00 34/88/ 38 33 55) in der gleichnamigen Straße: neun Zimmer in 500 Jahre alten Mauern.

Essen und Trinken

An den Küsten vor allem Fisch und Meeresfrüchte. Man kann im grünen Spanien bedenkenlos in jeder Dorfkneipe, jedem Fischerort und jeder Stadt Fisch essen, frischer geht es nicht! Im Binnenland unzählige Tavernen und kleine Landrestaurants. Die Basken sind große Spezialisten in Sachen Fisch, hauptsächlich Lubina (Seebarsch), Besugo (Brasse) oder Merluza (Seehecht). An Fleisch wird hier vor allem Rind gegessen, besonders "Chuletas a la Brasa" (eine Art T-Bone-Steak).Kantabrien, Asturien und Galizien sind bekannt für "Bonito del Norte", eine besondere Thunfischart mit fast weißem, sehr festem Fleisch. Sehr gut schmeckt dazu der Weißwein aus der Region, der aus kleinen weißen Porzellanschalen getrunken wird. Galiziens Nationalgericht ist außerdem "Pulpo a la Gallega", Tintenfisch, der in Scheiben auf großen Holztellern serviert wird. Unübertroffen sind außerdem die Langusten und Königskrabben (Langostinos y Carabinos).

Asturien und Kantabrien bieten auch Bohneneintöpfe (Fabada Asturiana, Cocido Montañes) und neben Rindfleisch wundervolles Lamm und Zicklein (Cordero bzw. Lechal und Cabrito). Der asturische Käse "Cabrales" stinkt wie die Hölle und schmeckt einfach himmlisch - in Gläsern fest verschraubt ein originelles Mitbringsel. Dazu ein roter Rioja-Wein - einfach wunderbar!

Adressen

In Haro das "Beethoven"(Santo Tomás, 5, Tel. 941/311181): gefüllte Seezunge vom Allerfeinsten!

In Naranco bei Oviedo (nach dem Besuch Santa María del Naranco): "Lobato" mit Traumblick und asturischer Hausmannskost (Avenida de los Monumentos s/n, Tel. 941/52 97 745).

Ourense: "San Miguel" (Rua San Miguel 6, Tel. 988/22 12 45); die "Lubina con Salsa de Cangrejo" (Seebarsch mit Krebssoße) unbedingt probieren.

Arce (13 km von Santander Richtung Torrelavega): "El Molino" (Carretera Nacional, Tel. 942/57 50 55), sehr romantisch in einer ehemaligen Mühle am Fluss.

Die genaue Reise-Route

Von San Sebastian/Donostia in Richtung Bilbao über die A 8 bis Eibar, dann der Beschilderung Vitoria/Gasteiz folgen. Der Weg führt an dem Örtchen Bergara vorbei, so richtig verloren-verschlafen im baskischen Hügelland und Miranda del Ebro (ausgeschildert), ein Städtchen im Dreiländereck Baskenland/Kastilien/La Rioja. Weiter über die N-232, zwischen Tirgo und Miranda de Ebro liegt die Burg "Castillo de Sajazarra" im gleichnamigen Dorf. Zurück auf der N-232 weiter nach Haro.

Über die N-232 bis zur Abzweigung Corconte, Richtung Reinosa, von dort der Beschilderung nach Barcena Mayor/Los Tojos folgen. Die Strecke ist relativ lang (ca. 200 km), führt aber durch abwechslungsreiche Landschaften. Ausflüge in die Saja-Naturreserve, die Höhlen von Altamira und den Nationalpark Picos de Europa. Über N-625 bis Cangas de Onis, Richtung Oviedo, dann abbiegen auf die N-632 über Villaviciosa und Gijon (schöner Ort zum Rasten) nach Pravia. Über die AS-235 nach Grado, dort auf die N-634 Richtung Soto und die AS-228 nach Proaza ("Casa del Oso", eine Wildbahn mit Bären). Auf dem Weg schöne Wandermöglichkeit (einen Tag einplanen und Übernachtung in Villanueva): die "Schlucht der Feen", der "Desfiladero de las Xanas", beginnt in Villanueva am Ortseingang Richtung Pedroya. Weiterfahrt über die AS-228 Richtung Caldas, dann nach Ponferrada. Von dort ist Ourense angezeigt (N-120). In Monforte de Lemos, auf halbem Weg, eine Pause einplanen. Herrlicher Blick auf das Tal des Sil-Flusses. Von Ponferrada über die N-120 nach Ourense, dann nach Barbadás zum Traumhotel "Palacio Bentraces" (über die N-540 Richtung Portugal); 7 km hinter Ourense liegt der Ort Bentraces, dort der Hauptstraße folgen. Über Ourense nach Santiago de Compostela, ganz gemütlich über die N-525. Karten: Euro-Regionalkarte Spanien 1/2/3 (RV-Verlag).

Sehenswert

An der N-232, zwischen Tirgo und Miranda del Ebro, liegt die Burg "Castillo de Sajazarra". Das gleichnamige Dorf ist ein gut erhaltenes Stück Mittelalter mit seinen Steinhäuschen und der romanischen Kirche Santa Maria de la Asuncion, umgeben von Weinbergen.

Haro ist einer der wichtigsten Weinorte in La Rioja und hat neben einer verwinkelten, im Herbst nach frisch gepresstem Most riechenden Altstadt unzählige Weinlokale und ein Weinmuseum zu bieten: Estación Enologica (Avda. Breton de los Herreros, geöffnet 9-14 Uhr).

Saja-Naturreserve: 180 000 Hektar Wald, der sich besonders im Frühherbst dramatisch verfärbt und zu Spaziergängen einlädt. Hier leben Wildschweine, Hirsche und Rehe. Die Höhlen von Altamirazwei km von Santillana) mit ihren weltberühmten prähistorischen Wandmalereien. Sie wurden 1879 zufällig entdeckt. Die über 15 000 Jahre alten Gemälde sind heute der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, nur wer sich mindestens drei Monate vorher anmeldet, hat eine Chance (Tel. 00 34/ 942/818 102). Aber im Forschungszentrum gleich daneben kann man Repliken der 23 Malereien besichtigen.

Der Nationalpark Picos de Europa (die Gipfel Europas) wurde vor drei Jahren von 16.000 auf 65.000 Hektar erweitert. Hier leben im Gegensatz zu anderen spanischen Nationalparks noch 1600 Menschen in zehn Dörfern, vor allem von Weidewirtschaft. Das riesige Kalksteinmassiv birgt mehrere ganz unterschiedliche Ökosysteme und Klimazonen: Im Informationszentrum Cangas de Onis kann man sich über Routen und Aktivitäten erkundigen.

Santa Maria del Naranco und San Miguel del Lillo (von Oviedo 3,5 km Richtung Naranco, beschildert) sind zwei wundervolle Beispiele der frühromanischen Kirchen-Architektur Asturiens. Sonntags geschlossen.

Buchtipps

Ein nützlicher Reisebegleiter: "Richtig Reisen: Nordwestspanien" (DuMont-Verlag). Zur literarischen Einstimmung: Cees Nooteboom hat sich auf den "Umweg nach Santiago" begeben (Suhrkamp).

Info

Oficinas de información turística in Santander (Kantabrien): Plaza de Velarde, 5, Tel. 00 34/42/31 07 08; in Oviedo (Asturien): Plaza de Alfonso II El Casto, 6, Tel. 00 34/8/521 33 85; in Santiago de Compostela (Galizien): Rua del Villar, 43, Tel. 00 34/81 58 40 81.

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