Türkei: Wandern in Kappadokien

Die Türkei kann mehr als Strand und Meer - sie ist auch perfekt zum Wandern. In den surrealen Felsen und Schluchten Kappadokiens führt jeder Schritt durch märchenhafte Landschaften.

Erosion: Warum die bizarre Landschaft bei Göreme wohl ausgerechnet "Tal der Liebe" heißt?

Nicht alle Eremiten sind von gestern - mit Cargohose und Basecap wirkt Aydin jedenfalls sehr zeitgemäß. Seit fünf Jahren lebt der junge Türke schon allein im schluchtenschmalen Meskendir-Tal, wo er Wanderern Wegzehrung verkauft: Sonnenenergie in Form von sonnengereiften und -getrockneten Aprikosen, Walnüssen, Mandeln. Fotografin Stephanie und ich rasten vor seinem selbstgezimmerten "Natural Café" und trinken Mokka aus feinen Porzellantassen mit Füßchen - "die sind von meiner Großmutter", sagt Aydin lächelnd und setzt sich zu uns. Warum er hier unten lebt? "Ich mag die Einsamkeit", antwortet er und steckt sich eine Selbstgedrehte an. Anders als seine Vorfahren schläft er nicht in einer Höhlenwohnung, sondern im Zelt; ab und zu fährt er hoch zu seiner Mutter nach Ortahisar, um Mails zu checken. Aydin, 30, ist Eremit 2.0.

Mit seinem weichen Gestein ist Kappadokien in Zentralanatolien seit jeher ein Einsiedler-Dorado. Die Vulkane Hasan und Erciyes bedeckten die anatolische Hochebene vor Urzeiten mit einer dicken Ascheschicht, die sich zu Tuff und Basalt verfestigte. Seitdem erodiert das Plateau, in den Tälern bleiben "Feenkamine" stehen - wundersame Felskegel, modelliert von Wind, Regen und Schnee. Schon im ersten Jahrhundert bewohnten Eremiten und Asketen diese Fertighäuser der Natur, später gruben sie Kirchen und Klöster aus dem Tuff. Während es den Rest der Menschheit ans Licht zog, zog es die Kappadokier in Höhlen und Täler. Verkehrte Welt.

Verkehrte Welt - ideal zum Wandern

Eine verkehrte Welt ist ideal zum Wandern, entschied ich zu Hause: Statt schweißtreibende Berge zu bezwingen, steigt man in Kappadokien hinab in Schluchten voller zauberhafter Felsenwesen, bemalter Felsenkirchen und Stille. Und schläft in wunderschönen Hotels statt in überlaufenen Berghütten.

Unsere Wanderwoche beginnen wir mit einem gemütlichen Frühstück im Städtchen Avanos inmitten der kappadokischen Hochebene. Umrankt von Rosen und Jasmintrompeten stärken wir uns im Innenhof unseres Altstadthotels mit Wabenhonig, Wassermelone und kleinen Kunstwerken aus Blätterteig, gefüllt mit Zimt und Ziegenkäse. Nebenbei studieren wir die Unterlagen für unsere erste Tour: Von Pasabag wandern wir heute ins neun Kilometer entfernte Städtchen Göreme.

Gastlichkeit: Emine serviert Tee, Mokka und Säfte im "Tal der Liebe". Wenn gerade mal nichts los ist, strickt oder raucht sie.

Als Fahrer Gürsan uns in Pasabag, dem "Tal der Mönche", absetzt, sind wir ernüchtert - die Tuffsäulen, in denen einst Asketen hausten, werden von Reisebus-Touristen belagert. Doch nur wenige Schritte über den Bergrücken in die nackte Felslandschaft hinein dreht die Welt sich still und leise.

Auf schmalen Pfaden kraxeln wir zwischen zuckerhutartigen Felsen hindurch, hören nur noch unseren Atem. Wegmarkierungen gibt es kaum, aber der Veranstalter hat uns mit Karten und Wegbeschreibungen ausgestattet: Am Stein, der aussieht wie ein Seelöwe, rechts vorbei. An der Pappel links. Auf den Felsen mit den drei Löchern geradeaus zugehen. Alles klar. Das wird spannend. Wir fühlen uns wie Kinder auf Schnitzeljagd, während wir die Felslandschaft nach Steinen und Bäumen abscannen.

Rast: Frischen Orangensaft und Mokka gibt es in den bizarrsten Schluchten

Kurz vor der Ortschaft Çavusin thront eine Couchgarnitur auf einem platten Hügel, als erwarte er hohen Besuch. Verzückt lassen wir uns in die Polster plumpsen, da ruft von unten eine Frau: "Come in, come in!" Wir folgen der Einladung und werden herzlich begrüßt. Zehra, so heißt die Frau in Pumphosen, führt uns in den Bauch des Hügels, durch ihr "Kavi Café" voller bunter Teppiche hindurch auf eine kleine Terrasse. Tochter Melis presst Orangen für uns und stellt eine Platte ofenwarmen Kuchen auf den Tisch. Wie gastfreundlich es in den kappadokischen Hügeln zugeht! Zehra erzählt, dass das Café einst die Höhlenwohnung ihrer Eltern gewesen sei. "Es war ein mühsames Leben", ergänzt die 15-jährige Tochter, "Oma musste das ganze Wasser herschleppen, und im Winter war es eisig." Die Familie ist froh, heute in einem richtigen Haus zu leben. Erst neuerdings seien Höhlenwohnungen wieder gefragt, vor allem bei Ausländern, die sie luxuriös ausstatten.

In Kappadokien spüre ich zum ersten Mal, dass ich auf einem steinernen Planeten lebe

Ein Bad in Pastell: Wer vorm Frühstück im Hotelpool in Göreme schwimmt, wandert gleich doppelt fröhlich los

In den nächsten Tagen werden die Begegnungen seltener, als wir in die Schluchten rund um Göreme hinabsteigen. In den Falten der Erde herrscht Stille. Nur das Knirschen unserer Schritte auf den weißen Sandpfaden ist zu hören, oft synchron, ein meditativer Marsch à deux. Die Welt hier unten ist zart, eine Illusion endlosen Frühlings: Mal erledigen Bienen summend ihre Arbeit, mal raschelt eine Brise durch die Blätter der Pappeln, die Zypressen Kappadokiens. Im Liebestal ragen sagenhafte Steinphalli in den blauen Himmel, im Weißen Tal wölben sich Felswände wie Mandelbaiser mit Sahne, im Roten Tal ziehen sich verschiedene pinkfarbene Schichten durch die Steintorte. In Kappadokien spüre ich zum ersten Mal, dass ich auf einem steinernen Planeten lebe.

Doch so zauberhaft diese Felsen auch sind - einen Stein schließe ich besonders ins Herz: den Nabelstein im Hamam in Göreme, ein Steinpodest in der Mitte des Raumes, auf dem ich mir am Tag drei eine Seifenschaummassage gönne. Der warme Marmor ist glatt und glänzend, ganz anders als seine kariösen Tuffkollegen da draußen. Trotz seiner Härte fühlt er sich an wie ein edles Bett, während Masseurin Zinar mich mit ihrem Peeling-Handschuh abschrubbt wie einen verstaubten Gaul - so fühle ich mich jedenfalls nach der Wanderei im ewig erodierenden Tuffsteinland. Zinar hüllt mich in eine duftende Schaumwolke, massiert meinen Gliedern neues Leben ein und wickelt mich in ein Badetuch wie eine Mutter ihr Kind. Auf Wolke sieben schwebe ich zurück in mein Hotelzimmer, das wie der Hamam aus der Felswand am Hang von Göreme geschlagen wurde. Es ist eine behagliche Version der Steinzeithöhle: antike Möbel, ein Whirlpool im Badezimmer, ein Sofa auf der Terrasse - wer hier sitzt, dem liegt das mit Tuffsteinkegeln gespickte Städtchen in friedlicher Abendstimmung zu Füßen.

Ein Land, in dem Kürbisse wie Bowlingkugeln auf den Feldern liegen

Gluckerndes Glück: Susanne Arndt genießt die Kühle der Ilhara-Schlucht.

Der Morgen weckt mich fauchend. Als ich auf meine Terrasse trete, hängt die Mondsichel wie kalter Goldschmuck am noch nachtschwarzen Himmel. Nur am Horizont über dem Tafelberg schimmert schon ein erster Streifen Orange, der fauchende, flackernde Kugeln in die Lüfte entlässt: Heißluftballons, es müssen an die hundert sein. Kurz erwäge ich eine Ballonfahrt, spüre aber schnell: Ich will nicht abheben, nicht in die Höhe, ich will wieder hinunter in die tiefen Furchen der Erde. In die Stille. Zur Einkehr.

Umso schöner, dass Fahrer Mustafa uns nach dem Frühstück zur Ihlara-Schlucht bringt. Wir fahren über die Hochebene durch weites, strohfarbenes Land, in dem Kürbisse wie gelbe Bowlingkugeln auf den Feldern liegen, Schafe in Staubwolken grasen, Familien Kartoffeln ernten. Hier oben versorgt die Erde die Menschen mit Fleisch und Gemüse; in den Tälern mit Tuffhäusern und Früchten. Auf fast jeder Wanderung konnten wir uns an zuckersüßen Trauben und rotwangigen Pfirsichen satt essen.

Mustafa entlässt uns in eine brachiale Welt. In der schroffen Schlucht hat die Natur nicht modelliert, sie hat gewütet. Trotzdem bettet uns die Erde weich: Nachdem wir dem Fluss ein paar Kilometer gefolgt sind und uns einige der Felsenkirchen angesehen haben, die verfolgte Christen vor mehr als tausend Jahren in die Felsen geschlagen haben, legen wir uns unter eine Weide ins Gras und lassen die Gedanken frei. Aydin kommt mir in den Sinn. Der junge Einsiedler, der nicht wie der ganze irre Rest der Menschheit hoch hinaus will - und im besten Wortsinn heruntergekommen ist in seiner Schlucht: zufrieden, in sich ruhend, so wirkte er jedenfalls. Ich bin froh, dass auch ich nicht hoch hinaus wollte, auf die Berge mit ihrem nicht enden wollenden Höher, Weiter, Steiler. Kappadokien hat mich in stillen Schluchten geerdet, mich in behaglichen Felsen beherbergt, genährt und gehegt.

Die Tour

Die einwöchige, ohne Guide zu machende Wanderreise "The Two Faces of Cappadocia" führt von Avanos über Göreme und Güzelyurt bis nach Mustafapa?a - jeweils maximal 15 Kilometer/Tag. Die Wegbeschreibungen, die Sie vor der Abreise erhalten, sind auf Englisch. Das Gepäck wird transportiert, Transfers überbrücken größere Distanzen. Ab 740 Euro pro Person/DZ, inkl. Frühstück und zwei Abendessen. Der Flug nach Kayseri ist nicht im Preis enthalten (Inntravel, Whitwell Grange, York YO60 7JU, England, Tel. 00 44/16 53/61 70 01, www.inntravel.co.uk).

Reisezeit

Die Reise wird von Mitte September bis Ende Oktober angeboten (und zu weiteren Terminen 2014). Geführte Wanderreisen in Kappadokien können Sie zum Beispiel bei www.wikinger-reisen.de, www.eberhardt-travel.de oder auch www.seb-tours.de in Deutschland buchen.

Mehr erfahren

Kappadokien. Ein Reiseführer durch das Land der Feenkamine und Felsenburgen. Susanne Oberheu und Michael Wadenpohl kennen Kappadokien gut (336 Seiten, 24,95 Euro, Books on Demand). Merian Kappadokien. Schön zum Gucken! (138 Seiten, 7,95 Euro, Travel House Media).

Fotos: Stephanie Füssenich Illustration: Anne Quadflieg BRIGITTE 20/2013

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