"Ich liebe das Gefühl von Erschöpfung, Stolz und Freiheit"

Als Heike Niemöller sich vor sechs Jahren entschied, wandern zu gehen, wurde sie dafür belächelt: Öde sei das und nur Spazierengehen schlimmer, oder? Hier erklärt sie, warum sie es trotzdem toll fand - und mit der Meinung nun längst nicht mehr allein ist.

Als ich 2008 anfing zu wandern, wurde ich von Freunden und Kollegen seltsam belächelt. Ich glaube, unter Wandern stellten sich die Leute eine romantische Bergkulisse vor, auf deren befestigten Sandwegen Wanderer mit strammen Waden und kurzen Lederhosen daher schlenderten. Kommentare wie "Ja, das macht meine Oma auch" oder "Hast Du kein Geld für ein richtiges Hobby?" hörte ich in diesem Sommer ziemlich oft. Wandern hatte ein ziemlich angestaubtes Image und konnte nur noch durch "Spazierengehen" getoppt werden. Denn das war wohl der Inbegriff der Spießig- und Unsportlichkeit. Völlig zu Unrecht, wie ich finde!

Ich ließ mich von den kleinen Späßen auf meine Kosten nicht entmutigen. Eigentlich hatte ich auch keine andere Wahl, denn mein plötzliches Interesse am Wandern hatte einen Grund. In diesem Sommer wollte ich mit Freunden an die Westküste der USA fliegen. Doch wenn man mit vier Fotografie-Begeisterten Urlaub macht, stehen besondere Fotospots natürlich im Fokus der Reise. Die meisten schönen Fleckchen Erde, die es zu fotografieren galt, waren aber nicht mit dem Auto oder einem Shuttle zu erreichen. Sondern nur zu Fuß!

Die Reiseplanung überließ ich voller Vertrauen einer Freundin, die eine ganz fantastische Tour zusammenstellte. Sie mailte mir Links von atemberaubenden Fotos, gefolgt von Tourenbeschreibungen, die es in sich hatten. Diese machten mir schlagartig klar, dass der Urlaub mit meiner nicht vorhandenen Kondition kein Zuckerschlecken würde.

Nun hatte ich ein Ziel: in drei Monaten meine Kondition von Null auf Hundert bringen. Also ab zum nächsten Outdoorspezialisten und erstmal schick einkaufen. Schuhe, Jacke, Hose, Wandersocken, Rucksack mit Trinksystem und eine Kopfbedeckung gegen die heiße Wüstensonne. Typisch deutsch: erstmal hochwertiges Equipment kaufen und dann einstauben lassen. So wie meine Laufklamotten, Yogamatten und, na ja, lassen wir das.

Diesmal ist es mir aber gelungen, meinen inneren Schweinehund zu überwinden, denn ich wollte meinen Freunden den Urlaub oder, noch viel schlimmer, das perfekte Foto nicht vermiesen, nur weil ich nicht von der Stelle kam. Also wanderte ich jedes oder jedes zweite Wochenende durch die Gegend. Manchmal kam ich mir dabei schon etwas seltsam vor, wenn ich samstagmorgens auf dem Wanderparkplatz aus dem Auto stieg, in meine Wanderstiefel schlüpfte und mir meinen knapp zehn Kilo schweren Rucksack auf den Rücken schnallte, um durch die Eifel zu laufen. Teilweise wurde ich von den Einheimischen skeptisch beäugt, wie ich, perfekt für eine Alpenüberquerung ausgerüstet, gerade mal fünfzehn Kilometer am Stausee entlang lief.

Nach einigen Monaten war es soweit und meine Wanderstiefel betraten das erste Mal amerikanischen Boden. Hier fühlte ich mich als Wanderer plötzlich nicht mehr angestaubt und deplatziert. Denn hier wurde von Trailhead und Hiking gesprochen, im Supermarkt gab es Trailmix und von den Tourenbeschreibungen lächelten mich vergnügt junge Hiker an.

Mit meinem Wander-Equipment perfekt ausstaffiert, konnte mich jeder Ranger zwar schon aus Entfernung als Deutsche erkennen, aber das war mir völlig egal. Denn hier hatte ich mein persönliches Wandermekka gefunden. Seit diesem Urlaub zieht es mich immer wieder an die Westküste zum Wandern und Fotografieren. Hier ist die Landschaft einfach so unbeschreiblich schön und vielseitig. Die tiefe Schlucht des Grand Canyons, die kissenartigen, weiß-roten Felsformationen von White Pocket im Grand Staircaise Escalante, die Arches in Moab oder das Amphitheater des Bryce Canyon haben mich verzaubert und meinen Muskelkater schnell vergessen lassen.

... arbeitet als Software Engineer in Hessen und hat 2008 ihre Leidenschaft fürs Wandern entdeckt, fährt aber auch gern Snowboard, fotografiert gern und kümmert sich um ihren Garten. Auf "Rellomein" bloggt sie über ein weiteres Hobby, das Backen und Kochen.

Seit diesem grandiosen Urlaub bin ich infiziert und ich glaube, dass ich einigen Kollegen und Bekannte auf den Geschmack gebracht habe. Nachdem ich meine Urlaubsfotos herumgezeigt und über die aufregenden Touren berichtet hatte, fanden viele Wandern gar nicht mehr so langweilig.

Ich glaube, Wandern hat einen Imagewandel durchgemacht und wird langsam zur Trendsportart. Denn in den letzten Jahren treffe ich immer mehr Wanderer in meinem Alter auf deutschen Wanderwegen. Auch in meinem Freundeskreis werden mehr Wandertouren und Ausflüge unternommen.

Für mich jedenfalls gibt es kaum ein besseres Mittel, um das Gedankenkarussell abzuschalten, als auf einen Berg zu steigen. Dieses Gefühl von Erschöpfung, Stolz und Freiheit macht mich einfach glücklich!

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