Wien genießen

Tafelspitz und Nockerln, Käsekrainer und Schlagobers: Die Küche der österreichischen Hauptstadt hat's in sich.

Der Wiener, wenn er ein echter Wiener ist, sucht im Kaffeehaus Ungestörtheit, wie diese Geschichte des Wiener Literaten Friedrich Torberg deutlich macht, und er hasst nichts mehr als blasiertes Getue wegen einer Lappalie, er hasst die Unruhe und jede Art von Wichtigtuerei. Anderswo stören ihn diese Eigenschaften weniger, er besitzt sie ja selber alle. Nur - wie gesagt - im Kaffeehaus mag er sie nicht. Dort geht man hin, um Pause zu machen, Zeitung zu lesen, um sich allenfalls leise mit Freunden zu unterhalten.

Ort der Erholung: Das Kaffeehaus

Der Fremde, wenn er nach Wien kommt, latscht naturgemäß mehr als der Einheimische über Asphalt, schließlich will er was sehen von der ehemaligen K.-u.-k.-Residenz. Und wenn ihm dann irgendwann Beine und Bandscheiben schmerzen, braucht auch er womöglich schon am Vormittag einen Ort der Erholung. Also ein Kaffeehaus. Und weil es gerade in der Innenstadt die prächtigsten und traditionsreichsten gibt, mit den köstlichsten Mehlspeisen und dem erlesensten Kaffee, wird er wahrscheinlich Wien für immer in guter Erinnerung behalten.

Ein Wiener schlendert. Wie überhaupt südlich der Alpen die Menschen in einem gemächlicheren Rhythmus leben als im nördlichen Europa. Touristen auf dem Jungfernstieg in Hamburg? Kann ihnen passieren, dass sie umgerannt werden von geschäftigen Kaufleuten. In Wien ist so etwas eher unwahrscheinlich. "Ich schlenderte durch die Stadt", erzählte neulich der Direktor der Wiener Staatsoper, "als ich plötzlich an einer Ecke diese Stimme hörte." Eine Straßensängerin jubilierte da, und der Operndirektor engagierte die 31jährige Belgierin von der Stelle weg für die Partie der "Königin der Nacht" in Mozarts "Zauberflöte". Wäre der Herr vorübergehastet, wer weiß, ob sich dieses moderne Märchen überhaupt zugetragen hätte.

Kollektive Genusssucht

Der Österreicher (nicht nur der Wiener) redet langsamer, geht langsamer, isst langsamer, was nichts weiter bedeutet als: Er genießt. Auch wenn in diesem kleinen Land genauso wie anderswo in Europa der Gürtel enger geschnallt werden muss, die Österreicher würden, laut neuester Umfrage, auf eines als allerletztes verzichten: aufs gute Essen. Diese "kollektive Genusssucht", die auch der deutsche Gourmet-Kritiker Wolfram Siebeck konstatierte, ist ansteckend, aber was gibt es Schöneres, als auf einer Urlaubsreise von diesem Virus befallen zu werden?

Die Wiener Küche hat kein schlechtes Renommee, jedenfalls ein besseres als die englische oder gar amerikanische. Friedrich Torberg, der während der Nazizeit nach Amerika emigrieren musste, litt dort dementsprechend: "Auf amerikanische Art wird überhaupt nichts zubereitet, was Menschen hinterher essen", schrieb er. "Die Amerikaner essen ja auch nicht, sondern sie verrichten ihre Essdurft." Und das kann man dem Wiener nun wirklich nicht nachsagen. Gerade in der Innenstadt wimmelt es nur so von sogenannten Beiseln, kleinen, einfachen Restaurants. Urgemütlich kann es in ihnen sein mit halbhoher Holzverkleidung und Geweihen an der Wand. Oder vornehm-kühl mit Jugendstilmalerei oder gar höfisch mit barockem gold- und silberverziertem Stuck an der Decke. Und man ist hier keineswegs nur unter Touristen. Im Gegenteil. Wenn man sieht, wie viele Wiener mittags (und abends sowieso) essen gehen, liegt die Vermutung nahe, dass sich eigentlich nur eine Handvoll von ihnen am heimischen Esstisch einfindet.

Burenhäutl mit Pfiff

Ein bisserl deftig ist sie, die Wiener Küche. Aber die jüngere Generation der Köche hat ihr die Schwere genommen, und nun auf einmal hat sie einen Touch von Eleganz. Ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei, denn Fett ist ein wichtiger Geschmacksträger, wie alle böhmischen, ungarischen und Wiener Urgroßmütter wussten. Schon Johann Nestroy beobachtete: "Die feinsten Fasan- und Austernesser gehen dann und wann wohin, auf Knödel und a G'selchtes". Also geht der Wiener, selbst der Herr Sektionschef aus einem Ministerium rund um die Wiener Hofburg, hin und wieder zum Würstelstand, natürlich nur zu "seinem", wo es angeblich die besten Käsekrainer und Burenhäutln der Welt gibt (legendär sind der Stand am Hohen Markt und der vor der Oper). Oder auf ein paar köstlich belegte Brote und einen "Pfiff" (0,1 l) Bier zu "Trzesniewski" in der Innenstadt. Einen herrlichen Imbiss hat auch das Restaurant "Zum schwarzen Kameel".

Beim Heurigen (so nennt man nicht nur den frischen Wein, sondern auch die Schankwirtschaft) rottet sich der Wiener gern mit anderen Wienern zusammen. Man kennt die gemütliche Stimmung aus Filmen mit Hans Moser und könnte glauben, sie seien süßlicher Kitsch, der mit der Realität nichts gemeinsam hat. Wieder falsch. Es ist so wie im Film. Natürlich darf man nicht nach Grinzing fahren, das heißt, eigentlich muss man nach Grinzing fahren, allerdings am besten tagsüber, um diesen zauberhaften Wiener Randbezirk mitden niedrigen Häusern und den wunderschönen Gärten zu besichtigen. Aber abends sollte man wieder fort sein. Dann quetschen sich Dutzende von Bussen durch die engen Gassen, und man spricht allerorts nur noch Japanisch.

Reiseservice

Vorwahl von Wien: 00431-

Wien-Infos in Deutschland rund um die Uhr zum Nulltarif: Tel. 0103-2544. Vor Ort: Tourist Information, Kärtnerstr.38 (tägl. 9 - 19 Uhr, Tel. 5 13 88 92). Nützliche Wien-Infos in Internet: www.info.wien.at; www.evolver.at; www.tiscover.com.

Unterkommen

Zimmervermittlung direkt vor Ort über die Tourist Information oder von Deutschland aus über Tel. 21 11 44 44, Fax 2 16 84 92, (.) Zentral und günstig: Hotelpension Haydn (Mariahilferst.57-59. Tel. 587 44 14, Fax 586 19 50). Ibis Hotel, (1060 Wien, Mariahilfer Gürtel 22-24, Tel. 599 98, Fax 597 90 90). Hinter dem Stephansdom: Wandl (Petersplatz 9, Tel. 53 45 50, Fax 534 55 77).

Rundgänge

Jugendstil und Jahrhundertwende: vom Loos-Haus zur Postsparkasse Otto Wagners. Jugendstil, Secession und Moderne: Architektur, Kunst und Malerei entlang der Wien. Literat(o)ur-Schauplatz Altstadt: Salons, Kaffeehäuser, Etablissements: von Schnitzler und Hoffmannsthal zu den Kaffehausliteraten, von Karl Kraus zu Thomas Bernhard und Elias Canetti. Der Dritte Mann: auf den Spuren eines Filmklassikers: mit Einblicken in das Kanalsystem. Wau! Auf der Fährte von Kommissar Rex durch die Stadt: lustig unterwegs zu verschiedenen Drehplätzen.

Shoppen und Schauen

Galerie Ambiente mit Möbel-Miniaturen von Otto Wagner, Josef Hoffmann, Koloman Moser u. a. (Lugeck 1, Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-17 Uhr). Galerie an der Albertina mit großer Austellung über Keramik von Künstlerinnen der Wiener Werkstätten (Lobkowitzplatz 1, Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-17 Uhr, www.galerie-albertina.at).

Märkte

Flohmarkt an der Wienzeile (U 4 Kettenbrückengasse, Sa 6.30 - 18 Uhr; im Winter witterungs- und dunkelheitsbedingt kürzer). Kunst- und Handwerksmarkt im Heiligenkreuzer Hof (U 1 Stephansplatz, April-Nov jedes 1. Wochenenende im Monat, im Dez. jedes Wochende). Naschmarkt: Obst, Gemüse, Lebensmittel, leckere Balkan- und viele Bioprodukte (Linke Wienzeile, U 4 Kettenbrückengasse, Mi-Do 6-12, Fr 6-15, Sa 6-17 Uhr).

Traditionscafés

Café Central, früher Stammkaffeehaus von Literaten und Prominenten (Herrengasse 14). Café Griensteidl, umfangreiches Angebot an Speisen und Zeitungen (Michaeler Platz 2). Café Hawelka, urig, Spezialität: Buchteln mit Vanillesoße (Dorotheergasse 6).

Szene-Cafés

Café Stein, Treffpunkt der Jeunesse dorée von Wien. Ein DJ serviert abends Musik (Währingerstr.6). Blue Box, außer montags täglich umfangreiche Frühstücksvarianten von 10-17 (!) Uhr (Richtergasse 8).

Bars, Clubs, Discos

Loos-Bar: kühles, elegantes Jugendstilambiente (Kärtner Str.8-10, 17-5 Uhr). Enrico Panigl: nette Steh-Bar mit gutem Rioja (Schönlaterngasse 11, 17 - 4 Uhr). Planter`s Club: gute Cocktails, exotische Snacks, koloniales Flair (Zelinkagasse 4, 17 - 4 Uhr). Sky-Bar: im oberen Stockwerk des Nobelkaufhauses Steffl, wunderbarer Blick, gute Cocktails (Kärtner Str.19). Meierei im Stadtpark: zwei Dancefloors, House und Hip Hop, manchmal Live-Acts (Fr u. Sa 22-6 Uhr, Mi 22-2 Uhr). P 1: City Disco mit allen aktuellen Musikrichtungen (Rotgasse 9, Mo-Do 22-4 Uhr, Fr u. Sa - 6 Uhr).

Wiener Literatur

"Die Strudelhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre" - Klassiker von Heimito von Doderer (15 Euro, dtv). "Jugend in Wien" - Autobiografisches von Arthur Schnitzler (9,95 Euro, Fischer). "Opernball" - Politthriller von Josef Haslinger (9 Euro, Fischer).

Text: Christa Rußmann
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