Sonnengruß in der Wüste

Yoga-Reisen sind an sich schon besonders, in der Sahara verspricht eine Yoga-Reise die doppelte Dosis Magie. Meike Dinklage erlebte sie in den Sanddünen Marokkos.

Jimi ist mehr der dunkle Typ. Kurzes, krauses Haar, leicht ironischer Zug um den Mund. Er gefällt mir. Obwohl er klein gewachsen ist, aber das ist okay, je kleiner das Kamel, desto weniger tief der Sturz aus dem Sattel. Auch wenn man auf Sand fällt. Man weiß ja nie. Ich wähle Jimi. Jimi Hendrix. Ich bin in Süd-Marokko, am Rande der Sahara, vor mir liegt eine Bilderbuchwüste: Dünen, wie in den Sand gepustet, je nach Licht mal gelb, mal rot, mal feuerrot gefärbt, ein riesiges Sandbecken, in dem es nichts gibt, was der Wind zum Rascheln bringen könnte.

Sinnendiät. Das wollte ich. Es mal nicht mit einer ganzen Welt, sondern nur mit einem einzigen Element zu tun haben: Sand. Und mit einer einzigen Aufgabe: morgens und abends mit viel Zeit Yoga machen. Ich finde, dass der Ort, an dem man übt, die Intensität des Übens beeinflusst, und vielleicht ist Yoga an einem besonderen Ort ja auch ein besonderes Yoga. Auf jeden Fall wird das Gefühl anders sein als bei meinem Montag-18-Uhr-Kurs, zu dem ich nach der Arbeit meistens renne und die ersten zehn Minuten auf der Matte dazu brauche, mir einzuschärfen, dass jetzt die Entspannung beginnt.

OMM...

An Jimis Sattel baumelt meine pinkfarbene Yoga-Matte, er ignoriert sie tapfer. Er trägt die Lasten, die man ihm aufbürdet, mit Würde, auch wenn sie rosa sind. Ich hatte "Yoga" und "Wüste" gegoogelt und M'barek Oussidi gefunden, einen Deutschmarokkaner aus Kiel, der Krankenpfleger ist, Yoga liebt, so oft es geht Yoga-Reisen in seine Heimat organisiert und sie begeistert selbst begleitet. Seine Reisen versorgen seine ganze Familie: Berber, die vor 60 Jahren sesshaft wurden und die Oase Merzouga gründeten, einen grünen Flecken mit heute 4000 Einwohnern nahe der Grenze zu Algerien. M'bareks Bruder Hassan hat Kamele, Bruder Ibrahim eine Tourguide-Lizenz, Neffe Mohammed ist ein guter Koch und Musiker, M'bareks Mutter eine liebenswerte Gastgeberin, die alle Reisenden, die ihr Sohn nach Merzouga bringt, in ihrem Haus mit Datteln und anderen Naschereien versorgt, und M'barek selbst ein Charmeur und Problemlöser, womit alles abgedeckt ist, was man für eine Wüstentour braucht.

Marokko also, weit im Süden. Gleich hinter Merzouga beginnt die Wüste. Schon der Anblick ist spektakulär, überall parken Wohnmobile, deren Fahrer ihren Urlaub vor allem damit verbringen, vom Rand aus auf den Sand zu starren. Wir aber wollen hinein. M'barek hat unserer Gruppe ein Camp gemietet, einen Ort mitten im Nichts mit festen Zelten, von dem aus wir jeden Tag Ausflüge machen. Unsere Kamele warten am Straßenrand.

In einem Camp mitten im Nichts

Warmturnen am Rande der Dünen: Trainerin Inga (vorn) heizt den Teilnehmerinnen ein.

Kamelführer Hassan polstert Jimis Höcker mit einem weichen Ring aus Decken, legt den Sattel darüber und packt meine Yoga-Matte und eine Wolldecke drauf. Dann bedeutet er Jimi aufzustehen, was dieser unerwarteterweise zuerst mit den Hinterbeinen tut, weshalb ich fast über den Sattelgriff nach vorn fliege. Was Jimi wiederum mit einem Blick quittiert, den nur draufhat, wer seinen Hals um 180 Grad nach hinten drehen kann. Er trabt gemächlich los, ich habe trotzdem damit zu tun, mich festzuhalten und einen Sitz zu finden, der nicht schon nach zehn Minuten weh tut. Jimi nimmt jede Steigung langsam, und ich merke, dass es besser ist, mit seinen Bewegungen mitzugehen, als aufrecht und steif im Rücken zu bleiben. Allmählich wird es still um uns, die Hufe der Kamele versinken lautlos im Sand, ich bekomme ein vages Gefühl von Weite und Wärme und Ausgebrochensein, selbst meine Gedanken werden langsam leiser. Wir sind sieben Frauen; alle haben Yoga-Erfahrung, die meisten seit mehreren Jahren, alle sind handfest und wissen eine ordentliche Sonnenaufgangsmedititon auf dem Grat einer Sanddüne ebenso zu schätzen wie ein schön anstrengendes Yoga und gute Gespräche.

In gemächtlichem Tempo von Düne zu Düne.

Alle wollen die Wüste nicht nur im Geist erleben, sondern ihre Körper darin bewegen. Dafür ist das Iyengar-Yoga ideal, das Inga, die Lehrerin, die mit uns reist, unterrichtet: ein besonders präziser, langsamer Stil, der jede Stellung, jede muskuläre Anspannung genau auslotet und bei dem es darum geht, jedes einzelne Gelenk in die für die jeweilige Übung optimale Position zu bringen.

Kamele sind anhänglich, Jimi geht besonders gern auf Tuchfühlung

Es hat genau die richtige Dosis Spiritualität, erfordert Konzentration und wirkt nach einem Kamelritt Wunder. Weshalb Streckübungen dann auch das Erste sind, das wir tun, als wir nach ein paar Stunden schließlich unser Camp erreichen. Wir legen die Yoga-Matten aus, dehnen Körperteil für Körperteil und kneten uns gegenseitig mit den Füßen den müden Reiterrücken durch. Danach beziehen wir die Zelte, sie sind überraschend luxuriös. Solarstrom treibt jeden Abend für ein paar Stunden eine Glühbirne an, es gibt sogar ein Chemieklo. M'barek und seine Crew legen Wert auf Ambiente, die Klappstühle um den Tisch im Innenhof sind mit weißen Hussen bezogen. Und ihnen ist gutes Essen wichtig. Es gibt Couscous und leckeres, mit Kardamom, Curry und Paprika gewürztes Gemüse. Wir trinken Minztee dazu und klönen, während die Sonne untergeht und die Temperaturen langsam von Mitte 20 auf 8, 9 Grad fallen. Die Berber heizen Feuer mit dem Gestrüpp an, das in den Senken wächst. Wir rücken unsere Stühle heran und sehen zu, wie das Teewasser langsam aufkocht. Es gibt nur noch die Glut und den Himmel, die Sterne so hell wie im Planetarium, wir sitzen in unseren Daunenjacken am Feuer, den Kopf in den Nacken gelegt. Später holen Hassan und die anderen ihre Trommeln und Flöten. Einer beginnt, die anderen hören zu, nicken und fallen mit ein, manchmal chaotisch und laut, manchmal melancholisch leise, nie unharmonisch und immer sehr aufeinander bezogen. Irgendwann tanzen wir dazu, weil die Musik schön ist, und gegen die Kälte. Dann ist es fast Mitternacht.

Nachts tanzen wir gegen die Kälte an

M'Barek mit seiner Mutter, die all seine Gäste begrüßt

Die Trommeln liegen wie ein sanfter Teppich über der Stille der Erde, sie helfen uns, das Camp wiederzufinden, als wir in der Dunkelheit mit Zahnbürste und Wasserflasche ein paar Dünen zu weit laufen. Ich schlafe in allem, was ich am Leib trage, auf mir drei bleischwere Kamelhaardecken, und warte dennoch sehnsüchtig auf den Morgen, wenn die Sonne ab sieben Uhr früh einen ersten warmen Strahl durch ein Loch ins Zelt wirft.

Meditation und bewusstes Atmen gehören zum Yoga.

Dann ist Inga schon unterwegs, sucht den für den Tag besten Ort fürs Yoga. Wir rollen die Matten wieder aus und wechseln nach den Dehnübungen, die die Restkälte aus den Knochen holen, langsam in die Standpositionen und versuchen dabei, wegen des sandigen Untergrunds nicht von der Matte zu kippen. So sind von nun an all unsere Tage: reiten, im Sand laufen, Sonnenauf- und -untergänge bestaunen, Couscous essen. Unter unserer Dattelpalme im Camp liegen und lesen. Yoga machen. Reden. Lachen. Vor allem viel lachen. Manchmal verpassen wir beim Erzählen, wie die Sonne spektakulär versinkt. Es ist die anregendste, ausgelassenste Form von Herumtrödeln, die ich kenne, ohne Schläfrigkeit, wie man sie am Strand hat. Wenn wir ausreiten, einfach, um die nächste Düne zu sehen, dann in der Gruppe, schon wegen der Kamele. Die sind konsequente Herdentiere und untröstlich, wenn sie getrennt werden. Jimi berührt, wenn er hinter seinem Freund ScoobyDoo trabt, gern mit der Schnauze dessen Bauch, und manchmal leckt Scooby-Doo Jimis Lippen. Als ich einmal für eine halbe Stunde allein mit Jimi losziehen will, blökt er so herzzerreißend, dass sein ganzer Körper bebt.

Blick über den Wüstenort Merzouga mit seinen Lehmbauten

Hassan folgt uns schnell mit Scooby-Doo nach. Manchmal klettern wir auf die große Düne hinter dem Camp, die Berber haben ein Snowboard dabei, auf dem man heruntersurfen kann, aber ich sitze lieber auf dem höchsten Punkt und schaue mich um, während meine Füße langsam im Sand einsinken, der dabei in Rinnen abwärtsfließt wie klares Wasser. Ich kann fast bis Merzouga sehen, M'bareks Konzept ist Wüste light, wir können in einem halben Tag hinausreiten oder, wenn wir Hunger haben, eine Stunde zu Fuß gehen, zum Haus eines Berbers, der in den Kohlen seines Feuers Brot mit Gemüsefüllung backt, das wie warme Pizza mit Zimt schmeckt.

Reiseleiter M'Barek lässt den Sand spritzen.

Wir sind gerade so tief im Nichts, dass es uns hilft abzuschalten, uns aber nicht aus der Bahn wirft. So ist auch unser Yoga: präsent, nicht entrückt, der Blick immer klar. Aber es geht dennoch von Tag zu Tag tiefer. Einmal sagt Inga, während wir auf der Matte liegen und den abendwarmen Sand unter uns spüren: "Das bist du", und diese drei Worte, die so banal klingen, reichen, um zu sagen, was wir alle in dem Moment fühlen. Einmal bitten wir sie, uns die Stellung "Das Kamel" zu zeigen, weil wir wissen wollen, was die Yoga-Übersetzung dafür ist. Wir gehen auf die Knie, umfassen die Füße mit den Händen, heben das Becken, drücken das Brustbein nach oben. Die Übung streckt die Wirbelsäule und öffnet das Herz. Jimi schaut herüber und ist davon ungefähr so beeindruckt wie von den Fliegen auf seinen Wimpern.

Reise-Infos: Yoga-Reisen in der Sahara

Wir haben die Reise bei "Sahara Yoga" gebucht. Inhaber M'barek Oussidi bietet ganzjährig 8- bis 13-tägige Marokko-Reisen an und kombiniert die Wüstentour mit Trips nach Marrakesch oder Essaouira. Reisen ab 6 Personen, Kosten ab 990 Euro pro Person (Sahara Yoga, Tel. 04 31/310 34 86, www.sahara-yoga.com).

Hinkommen: Mit dem Flugzeug nach Ouarzazate, z. B. über München mit Iberia ab 493 Euro. Ab Ouarzazate organisiert die Familie Oussidi den Transport nach Merzouga.

Hätte ich vorher gewusst, dass Wüstennächte so kalt sind, hätte ich eine Winterjacke mitgenommen, und zwar nicht nur eine - natürlich leichter zu verstauende - Sommerdaune. Auch wenn die Temperaturen nur auf 10 Grad fallen: Es fühlt sich wirklich eisig an.

Lesetipp Lutz Redecker: "Südmarokko". Viel praktisches Wissen über die Region von Marrakesch bis jenseits des Atlasgebirges. (263 S., 15,90 Euro, Michael Müller Verlag)

Text: Meike Dinklage, Brigitte 25/2014

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