Zu Fuß durch Tasmanien

Riesiger Urwald, jede Menge Tiere - und ein Strand wie ein Kunstwerk: Jan Jepsen erkundete zu Fuß die Insel Tasmanien.

Tasmanien. Gibt es da nicht Regenwald mit Riesenfarnen und seltsamen Tieren drin? Diesen tasmanischen Rüpel oder Teufel? Und die Hauptstadt, wie heißt die doch gleich noch mal? Herbert? Hubert? Robert? Setzen, sechs, dachte ich.

Es ist Anfang März, als ich in Hobart (nicht Hubert) lande. Der kleine Hafen wirkt, als habe ihn jemand in Schottland oder vielleicht Norwegen geklaut. Am Pier liegen Kutter, ein paar Weltumsegler und schwimmende Fischbuden. Das Exotischste, was man auf den ersten Metern sieht, sind jedoch frittierte Jakobsmuscheln mit Pommes frites und Majo. Andere Länder, andere Fritten.

Doch wegen Edel-Pommes bin ich nicht gekommen. Was man in Tasmanien sucht, ist Natur: Wiesen, Weiden und Moore. Akazien und Eukalyptusbäume. Urwälder, die noch kein Mensch betreten hat. 40 Prozent der Insel südlich von Melbourne sind von Nationalparks bedeckt. Einer davon liegt im Nordosten, es ist der Mount William National Park. Dort kann man vier Tage lang eine der schönsten Küsten der Welt entlangwandern, die Bay of Fires.

In der Nähe von Launceston, der zweitgrößten Stadt Tasmaniens, trifft sich unsere Truppe im Landsitz Pleasant Banks. Hier residiert der Architekt Ken Latona, der die Tour konzipiert hat. Herzstück der Wanderung ist seine preisgekrönte Luxus-Lodge, das einzige Gebäude weit und breit; es liegt 40 Meter über dem Meer auf halber Strecke. Wir sind zehn Gäste, die meisten aus Sydney, ein Paar aus London, eines aus Deutschland. Und dann sind da noch Matt und Joane, Studenten und im Sommersemester Guides. Ein kleiner Bus bringt uns zum Boulder Point am nördlichen Ende des Mount William National Park: Ab hier wird gewandert, vier Tage am Strand entlang, insgesamt gut 30 Kilometer. Doch was heißt schon Strand? Das klingt so ordinär. Nicht nur, dass der Sand unter unseren Füßen quietscht - er ist derart weiß, dass man spontan mitquietschen möchte.

Vor Staunen kommen wir mit dem Gehen und Fotografieren kaum hinterher. Außerdem muss ich mich ständig bücken, weil exotische Muscheln und Korallenstücke herumliegen. Algen auch, ein paar Quallen, aber: kein Plastik, kein Teerklümpchen, keine Flasche. Der einzige Müll, der hier zu finden sei, meint Matt, sei der da: Er deutet auf einen Haufen Muschelkalk. "Diese Berge sind etwa 30 000 Jahre alt und stammen von den Ureinwohnern, den Aborigines." Die seien auch verantwortlich für den Namen der Bay of Fires: weil Seeleute einst vom Wasser aus ihre Feuer am Ufer gesehen hätten.

Der Pazifik zur Linken ist so blau, dass man sich fragt, ob das noch Wasser ist oder schon Kunst. Der Maler Yves Klein hat ziemlich genau dieses Blau für seine Bilder patentieren lassen, als IKB, International- Klein-Blue. Und die Bucht vor mir wirkt endlos - auch nach sieben Kilometern sind ein paar Wrackteile die einzigen Zivilisationsspuren, die ich gesehen habe: Reste einer klassischen Yacht aus Mahagoni, die über eines der Korallenriffe da draußen gestolpert sein muss. Wenn schon stranden, dann hier.

Auf einmal biegt unser Guide-Pärchen rechts ab in die Büsche, in den Weg zum Forester Beach Camp: eine kleine Zeltstadt mit Holzveranda, Solarzellen und Bio-Klo. Matt und Joane springen vorm Dinner in den eiskalten Pazifik, dann gibt es Lammkoteletts. Am nächsten Morgen ist das Wasser überall. Es nieselt. Tendenz steigend. Der Sand quietscht nicht mehr; und gegen Mittag müssen wir beim Leuchtturm am Eddystone Point Unterschlupf suchen: Das ist kein Regen mehr, das ist schon schottisch. Plötzlich reißt der Himmel wieder auf: "Four seasons a day" nennt man diese ständigen Wetterwechsel hier. Egal, die warme Dusche ist nah.

Nach 14 Kilometern und sieben Wanderstunden ist sie zu sehen, die Bay of Fires Lodge. Ein kurzer Aufstieg, dann stockt der Atem: Wie ein Luxusliner liegt die Lodge zwischen Pinien und Eukalyptusbäumen. Hier würden Götter wohnen! Die Zimmer sind japanisch schlicht, halb Herberge, halb Zenkloster. Alles ist aus Holz und Glas. Geduscht wird mit Regenwasser, aufgeheizt von Solarzellen. Das Beste ist die Veranda: 180 Grad Panoramablick. Links eine Bucht, rechts eine Bucht, geradeaus der Horizont. Und dieser Sonnenuntergang: Solche Farben sieht man höchstens noch auf LSD. Oberorange! Eine Alge soll die Steine am Strand so zum Glühen bringen.

Unwirklich ist das und doch wahr. Wie so vieles hier: Nach dem Dinner gehen wir Teufel jagen. Tasmanische Teufel. Oder Wombats, Wallabys und Beutelratten - mal sehen, was die Scheinwerfer unserer Taschenlampen einfangen. Allerdings traut man auch ohne seinen Augen nicht: Da stehen phosphoreszierende Pilze! So genannte "glowing mushrooms". Ein kleiner Trost dafür, dass wir von der Tierwelt heute leider nur ein Rascheln im Gebüsch hören.

Am nächsten Tag habe ich mehr Glück. Ich leihe mir eine Taucherausrüstung, und von der Veranda aus zeigt mir Matt eine kleine Felsformation, die bei Ebbe rausguckt. Dort seien jede Menge Fische. "Obacht vor dem Blue Ring Octopus", sagt er noch: "Sein Biss geht durch den Neoprenanzug und lähmt die Atmung. Aber keine Bange, das kommt recht selten vor." Nach dieser Information geht mein Atem auch ohne Octopus flach und hektisch. Dafür sehe ich tatsächlich ein paar Fische. Und am Nachmittag, beim Kanufahren auf dem Ansons River, in den Bäumen exotische Vögel.

Meine heimliche Hoffnung allerdings gilt dem Schnabeltier. Schließlich ist es das einzige Eier legende Säugetier der Welt! Doch Matt belehrt mich mal wieder: Schnabeltiere seien sehr scheu und kämen nur abends aus ihren Verstecken. Er hat recht.

Was soll's. Man kann nicht alles auf einmal haben. Grund genug, mal wiederzukommen. Auf Studienreise in Sachen Schönheit: Für die Bay of Fires könnte man glatt zum Streber werden.

Reise-Infos Tasmanien

Anreise: Zum Beispiel mit Qantas von Frankfurt über Sydney nach Hobart und zurück ab ca. 1250 Euro (www.qantas.com).

Unterkunft

Bay of Fires Lodge Hier übernachten Teilnehmer des Bay of Fires Walk (siehe "Aktiv"). Individuelle Buchung für Gruppen von 6 bis 20 Personen von Mai bis September möglich, 225 Euro (www.bayoffireslodge.com.au).

Henry Jones Art Hotel Erstes Design-Hotel Australiens, am Hafen von Hobart. Teils rohe Backsteinwände, moderne Bäder, viel Holz, Bilder und Skulpturen tasmanischer Künstler. DZ/F ab 130 Euro (25 Hunter Street, Hobart TAS 7000, Tel. 03/62 10 77 00, www.thehenryjones. com).

Twofourtwo Apartments Im Herzen von Launceston: Alles ist hier ziemlich stylish, vom Kaffeekocher bis zum CD-Player. Ab 100 Euro (242 Charles Street, Launceston TAS 7250, Tel. 03/63 31 92 42, www.twofourtwo.com.au).

Freycinet Lodge Luxus-Herberge im gleichnamigen Nationalpark: gemütliche Holzhütten, gutes Essen und eine super Aussicht auf Strand, Meer oder Wald. Hütte/ F ab 95 Euro (Freycinet National Park, Coles Bay, Tel. 03/ 62 57 01 01, www.freycinetlodge.com.au).

Genießen

Fish Frenzy Austern und Fisch in vielen Variationen, ganz frisch, und die Portion kostet nur acht Euro: rustikaler Laden am Hafen von Hobart mit Tischen im Freien (Elizabeth Street Pier, Sullivans Cove, Tel. 03/62 31 21 34).

Smolt Café, Bar, Restaurant in Hobart, auch für den kleinen Hunger. Modern mit offener Küche. Spezialitäten: Lachs (15 Euro) und "small plates", eine Art Tapas, z.B. gegrillter Spargel, gratinierter Ziegenkäse, Muscheln mit Chorizo (2 Salamanca Square, Tel. 03/62 24 25 54).

Marque IV Fein speisen an der Waterfront von Hobart. Gerichte mit einheimischen Produkten, z. B. gebratene Gans mit Süßkartoffeln, Pastinakenmus und Aprikosenpesto. Zwei-Gänge- Menü 28 Euro (Elizabeth Street Pier, Tel. 03/62 24 44 28).

Still Water Angesagtes Restaurant in Launceston, in einer alten Mühle am ruhigen Tamar-Fluss gelegen. Morgens Frühstück auf der Terrasse, mittags leichte Speisen, abends Fusion- Küche, z. B. Entenbrust mit Koriander- und Ingwerfüllung, dazu Tortellini mit Krabben. Zwei-Gänge-Menü 35 Euro (Ritchies Mill, Paterson Street, Launceston, Tel. 03/63 31 41 53).

Aktiv

Bay of Fires Walk Die beschriebene Wanderung (leicht!) im Mount William National Park führt fast ausschließlich am Strand entlang. Erste Nacht im Beachcamp; zweite und dritte in der "Bay of Fires Lodge" (siehe "Unterkommen"). Am dritten Tag optional Kajak-Tour, am vierten Wanderung durch Eukalyptuswälder. Vier Tage inkl. Transport, Ausrüstung und Ü/VP ca. 1000 Euro (www.bayoffires.com.au).

Wildlife- Safari Achttägige Tour auf geheimen Pfaden durch den Regenwald, den Busch und zu Gewässern, an deren Ufern Schnabeltiere leben. Höhepunkt: eine Nacht im "King's Run" am Rande des Southern Ocean mit der Chance, den tasmanischen Teufel zu hören - zu Gesicht bekommt man die scheuen Tiere fast nie. Deutsch geführte Safari mit Übernachtung in teils luxuriösen Unterkünften 2970 Euro, Tagestour für zwei Personen 480 Euro (Premier Travel Tasmania, GPO Box 1753, Hobart Tas. 7001, Tel. 03/ 62 27 13 88, www.premiertraveltasmania.com.au).

Baumwipfel-Hüpfen Auf dem Hochseil- Parcours einer alten Plantage nahe Launceston in die Wipfel von Baumriesen schauen: Man schwebt gut gesichert an Stahlseilen durch den Wald, während tief unten der Pipers River braust. Nichts für Höhenängstliche. Drei Stunden mit Führer 60 Euro (Treetops Adventure, 66 Hollybank Road, nordöstlich von Launceston, Tel. 03/63 95 13 90, www.treetopsadventure.com.au).

Lesen

In Tasmanien Der britische Romancier Nicholas Shakespeare reist auf den Spuren eines Vorfahren durch Tasmanien, begegnet skurrilen Charakteren und erzählt von der Geschichte der Insel (Marebuchverlag, 24,90 Euro).

Sturm Vom gleichen Autor, eine bisweilen düstere Liebes- und Familiengeschichte, die in einer Sturmnacht an der tasmanischen Küste beginnt (Marebuchverlag, 24,90 Euro).

Info

Tourism Tasmania Discover Tasmania, Level 2, 22 Elizabeth Street, Hobart, Tasmania, Australia 7000, Tel. 03/62 30 82 35, Fax 62 30 83 53, www.discovertasmania.de

Ein Artikel aus der BRIGITTE 02/09, Fotos: iStockphoto.com(2), Fotolia.com(1)
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