Zu Gast beim Landadel

Bed & Breakfast auf die feine Art: Zimmer mit Himmelbetten und stilvolle Diners - das ist Urlaub mit dem gewissen Etwas. Stefanie Hentschel (Text) und Thomas Dorn (Fotos) haben es genossen.

Ein Schloss in Frankreich

Ein feudales Anwesen mit Türmen, Bibliothek und Salon: Chateau "La Flocellière".

Wir sind zu Gast auf Schloss La Flocellière, nahe der Loire. Wie bezahlen für die prächtigen Zimmer mit den schweren Vorhängen und den Himmelbetten und auch für das viergängige Menü mit Vicomte Patrice Vignial und seiner Gattin, Vicomtesse Erika. Aber trotzdem fühlen wir uns wie liebe, gern gesehene Gäste. "Bienvenue au Château" ("Willkommen im Schloss") heißt der Verein, in dem sich Privateigentümer von Schlössern und Herrensitzen zusammengetan haben, die in ihren Anwesen Zimmer mit Frühstück vermieten. Allein in Westfrankreich, wozu auch das in der Vendée gelegene La Flocellière gehört, öffnen rund 150 Schlösser ihre Pforten.

Als die Vignials 1980 das Gebäude mit den mittelalterlichen Ruinen, der filigranen neugotischen Galerie und den 15 Hektar Grün drum herum kauften, war es völlig unbewohnbar. Heute bewohnen die Vignials das Hauptgebäude und vermieten die sechs Zimmer in den beiden Seitentürmen. Alle Möbel, Holzdecken, Vorhänge und Teppiche hat Patrice Vignial auf Antikmessen zusammengesucht. La Flocellière liegt unmittelbar bei der gleichnamigen Ortschaft, aus der jeden Morgen die knusprigsten, buttrigsten Croissants der Welt geholt werden. Eine Autostunde dauert die Fahrt Richtung Norden nach Nantes, genauso weit ist es nach Westen an die Atlantikküste.

Im Speisezimmer ist eingedeckt: weißes Linnen, schweres Tafelsilber, und von der Holzdecke hängt ein imposanter Kronleuchter. Es gibt Kürbissuppe, Petersfisch in Basilikumsahne, Entenbrust mit einer Soße aus Himbeeressig und ein himmlisches Tiramisu nach dem Rezept der italienischen Oma von Erika Vignial. Für das Diner war um "formelle Kleidung" gebeten worden; die Vicomtesse trägt ein Designer-Kostüm mit kunterbunter Jacke und Goldschmuck, ihr Mann einen Anzug mit Einstecktuch. Nach dem Essen holt er im Salon eine Magnumflasche Armagnac von 1979 aus einem Schränkchen und schenkt ein. Auf Ihr Wohl, Patrice!

Info:

Château de la Flocellière, 85700 La Flocellière (Vendée), Tel. 0033/251/57 22 03, Fax 57 75 21, Swimmingpool im Garten, Fahrradverleih; DZ/Frühstück ab 135 Euro, Wehrturm (fünf Schlafzimmer) 1525 Euro/Woche. Die Gastgeber sprechen auch Englisch und ein wenig Deutsch. Prospekte von "Bienvenue au Château" für Nordwestfrankreich bei: Maison de la France, Westendstraße 47, 60325 Frankfurt/Main, Tel. 0900/57 00 25, Fax 59 90 61 (0,49 Euro/Minute), www.franceguide.com.

Noch zwei Schlösser in der Loire-Gegend

Palais Briau. Der Eisenbahn-Ingenieur François Briau baute sich 1854 hoch am Flussufer dieses freundliche Herrenhaus, das einer italienischen Villa ähnelt. Großer Park mit Terrassen und Fischweiher (Palais Briau, Thérèse und François Devouge, Rue de la Madeleine, 44370 Varades, Tel. 0033/240/ 83 45 00, Fax 834930, http://welcome.to/palais-briau; drei Zimmer, eine Suite, DZ/ Frühstück ab 100 Euro). Château de Salvert. Vor den Toren von Saumur, rundum mit Steinskulpturen verziert. Die Pracht haben Gäste ganz exklusiv - es ist nur eine Suite zu vermieten, mit Bibliothek und Wohnzimmer (160 Euro; Château de Salvert, 49680 Neuillé, Tel. 0033/241/52 55 89, Fax 52 56 14, www.salvert.com).

Ein Palazzo in Italien

Der Name "I Bossi" stammt von den Buchsbäumen im großen Garten der Villa.

Wenn Marchese Francesco Albergotti morgens aufwacht, öffnet er das Schlafzimmerfenster unter dem Dach seiner Villa und ruft seiner Gemahlin ein lautes "Buon giorno, amore!" herunter. Meistens sitzt sie dann schon am Frühstückstisch auf der Terrasse. Auch wir kommen an diesem Morgen in den Genuss frischer und duftender Kirschkuchen. Schöner kann ein Ferientag gar nicht beginnen. Die Villa "I Bossi" – das Wort kommt von den "Bossi", den Buchsbaumhecken im barocken Garten – hat mehrere tausend Quadratmeter Wohnfläche. Zahllose Türen und Treppen führen in Keller und Säle, Zimmer und Rumpelkammern. Ein verlockendes Wohnlabyrinth, das alle Drei-Zimmer-Küche-Bad-Balkon-Gewöhnten begeistert.

Die Marchesa in ihrer Küche.

Im 9. Jahrhundert kamen die Herzöge von Albergotti mit den deutschen Ottonen nach Italien, ließen sich in der Toskana nieder und wurden zu einer der mächtigsten und reichsten Familien des Landes. Als sich die Studentin Francesca in den jungen Marchese verliebte, waren von der alten Pracht nur noch zwei Villen und ein Stadthaus in Arezzo übrig geblieben. Und als sie in die Villa "I Bossi" zogen, erklärten Familie und Freunde sie für verrückt: Der Bau war vollkommen heruntergekommen. "Hunderte von Fledermäusen hingen an den Decken der Zimmer und Säle", sagt Francesca. Nach dem Umzug folgten jahrelange Restaurierungsarbeiten. Aber inzischen sind sechs Zimmer auf "I Bossi" für Bed & Breakfast eingerichtet.

Info:

Villa I Bossi, Arezzo, Tel. 0039/05 75/36 56 42, Fax 96 49 00, www.villaibossi.it; DZ/Frühstück 125 Euro. Die Marchesa spricht auch Englisch.

Fürstliche Adressen in der Toskana

Borgo Argenina

Borgo Argenina. Elena Nappa war Model, später Modemacherin in Mailand und träumte vom Leben auf dem Land. Zusammen mit ihrer Tochter Fiorenza schuf sie in den Weinfeldern des Chianti, 20 Minuten nördlich von Siena, ein Paradies. Ihr uraltes Steinhaus renovierte sie genauso, wie Bauernhäuser vor 150 Jahren außen und innen aussahen. Sechs Zimmer (Borgo Argenina, Gaiole in Chianti, Argenina-Monti, Tel. 0039/05 77/74 71 17, Fax 74 72 28, www.borgoargenina.it; DZ/ Frühstück 150 Euro). Fattoria Solaio. Renaissance-Residenz in absoluter Stille, südwestlich von Siena. Graf Vitaliano Visconti kocht leidenschaftlich gern, und wer will, kann abends bei ihm essen. Zehn Zimmer und drei Ferienwohnungen; Pool (Fattoria Solaio, Radicondoli, Siena, Tel. 0039/05 77/79 10 29, Fax 79 10 15, www. fattoriasolaio.it; DZ/Frühstück 90 Euro). Villa Rucellai di Canneto. Die Familie Rucellai-Piqué ist eine der ältesten Adelsfamilien von Florenz. Große Landvilla aus dem 16. Jahrhundert 15 Minuten westlich von Florenz, Park, Pool, einfache Zimmer, prächtige Aufenthaltsräume mit alten Möbeln . Elf Zimmer, besonders schön die beiden, die direkt bei den Salons liegen (Villa Rucellai di Canneto, Via di Canneto 16, Prato/ Florenz, Tel./Fax 0039/05 74/46 03 92; www.villarucellai.it, DZ/Frühstück 90 Euro).

Ein Gutshaus in England

Erst vor 50 Jahren erbaut: das Haupthaus von Broxwood Court.

Tea-Time in Broxwood Court, Herefordshire: Anne Allen, Herrin des Landgutes mit 600 Hektar Ackerland, mehreren Bauernhöfen, Seen, Wäldern und 26500 Apfelbäumen - schlicht allem, was das Auge bis zum Horizont erfasst -, serviert Tee und selbst gebackenen Zitronenkuchen auf der Terrasse ihres Herrenhauses. Anne trägt Jeans und Strickjacke. Ihr Mann Mike mäht irgendwo in der Ferne den Rasen. Aber lassen wir uns nicht irreführen: Wir sind zu Besuch bei der britischen Upper-class, die unsereins sonst nur in der "After Eight"-Reklame begegnet. Seit 400 Jahren befindet sich Broxwood Court im Besitz der Familie Snead-Cox - Annes Mädchenname. Seit 1993 öffnen Anne und Mike ihr Haus für Gäste - als eine von 190 "Wolsey Lodges". Das sind über ganz Großbritannien verstreute Gutshäuser, deren Gäste für ein paar Tage am komfortablen Countryhouse-Leben teilhaben dürfen. Heute gehört dazu das Abendessen im Kreise der Familie, oder eher: die Dinnerparty am antiken Esstisch, Lamm mit Pfefferminzsoße unter dem strengen Blick der versammelten Ahnengalerie. Doch dazu müssen die Gäste erst einmal ihren Weg nach Broxwood Court finden. Drei Stunden Fahrt von London in Richtung Nordwesten, über identisch idyllische Landstraßen, um dann am richtigen Rindergitter links abzubiegen und im alten Kutschhof des Guts anzukommen.

Mein sonniges Zimmer im ersten Stock mit Balkon und eigenem Bad ist der Inbegriff britischer blassrosa Gemütlichkeit: antiker Kleiderschrank, Toilettentisch mit alten Flakons und Puderquasten, geblümte Gardinen. Dahinter Blick auf Rosengarten und Badehaus, auf Forellenteich, Tennisplatz und Hauswald. Ganz in der Nähe liegt Hay-on-Wye mit seinen unzähligen Buchläden und einem berühmten Literaturfest. Spätabends, beim Kaffee in der Bibliothek, hören wir die Eulen rufen. Deckenhohe Regale, Kaminfeuer, dunkelgrüne Tapeten und auf dem Schreibtisch das kiloschwere englische Adelsregister - genauso haben wir uns das Country-Leben vorgestellt. Ob die Allens wohl ein Schächtelchen "After Eight" zum Port servieren? Aber davon haben Anne und Mike noch nie gehört.

Info:

Broxwood Court, Broxwood, Leominster, Herefordshire HR6 9JJ, Tel. 0044/15 44/ 34 02 45, Fax 34 05 73, www.broxwoodcourt.co.uk; DZ/Frühstück ab ca. 111 Euro, Dinner ca. 40 Euro/Person. Rund 190 Wolsey Lodges gibt es in ganz Großbritannien: Wolsey Lodges Ltd, 9 Market Place, Hadleigh, Ipswich, Suffolk IP7 5DL, Tel. 0044/14 73/82 20 58, Fax 82 74 44, www.wolsey-lodges.co.uk. Weil es Privathäuser sind und die Atmosphäre dementsprechend unterschiedlich sein kann, nimmt man am besten schon vorweg Kontakt auf, um herauszufinden, welches das richtige ist: In einigen Häusern steigen vor allem Gartenliebhaber ab, in anderen Jagdgesellschaften. Es gibt Lodges, die für ihren musealen Charakter bekannt und beliebt sind. Aber nur bei kinderlosen Ehepaaren!

Andere Wolsey Lodges im Westen Englands:

Winstone Glebe. Die Gegend gilt als "Area of Outstanding Natural Beauty". Sanfte Hügel, verwitterte Bruchsteinhäuser, alte Kirchen. Das Leben von Profiköchin Susanna Parsons, ihrem Mann Shaun, einem ehemaligen Banker, und den Dackeln Tonic und Tulip ist dementsprechend gelassen. Gern bringt Susanna ihren Gästen Bridge bei, während Shaun auf dem Flügel im Salon spielt (Winstone Glebe, Winstone, Cirencester, Glostershire GL7 7JN, Tel./Fax 0044/12 85/82 14 51, www.winstonegebe.com; DZ/Frühstück ca. 62 Euro pro Person, Dinner ca 37 Euro pro Person). Rectory Farm. In den nördlichen Cotswolds, auf halbem Weg zwischen Stratford-upon-Avon und Oxford; 200 Jahre altes Gut mit weinüberwachsenem Bauernhaus, gediegen und gemütlich. Hier wohnen Nigel und Elizabeth Colston und in den Schulferien ihre drei Teenager. Kinderfreundlich (Rectory Farm, Salford, Chipping Norton, Oxfordshire OX7 5YZ, Tel./Fax 0044/16 08/64 32 09, www.rectoryfarm.info , DZ/Frühstück ab 60 Euro pro Person, Dinner 37 Euro pro Person).

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.