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Reisechaos Wie wär's mal mit Boxsäcken an der Autobahn?

Urlaubskolumne: Frau ist gernervt im Auto
© Petri Oeschger / Getty Images
Mit etwas Fantasie kann man sogar im dicksten Reisechaos schöne Momente erleben – zum Beispiel im Bahnabteil für Fans hart gekochter Eier.

Am Ende des Urlaubs gibt es für mich immer einen besonderen Nostalgiemoment, und das ist der letzte Halt an einer italienischen Autobahnraststätte. Ein letztes Mal guten Kaffee trinken, ein Panino mit Parmaschinken und Rucola, vielleicht noch letzte Souvenireinkäufe am Bunte-Pasta- und Bunte-Gewürzmischungen-Regal.

Im Grunde erkennt man an der durchschnittlichen Autobahnraststätte die grundlegenden Unterschiede zwischen Deutschland und Italien: Italien ist ein genussorientiertes Land. Und deshalb stehen auch an der Autobahn Menschen ein paar Minuten an der Theke und warten, bis das Panino warm und der Kaffee durch die Siebträgermaschine in eine anständige Tasse und nicht in einen Pappbecher gelaufen ist. Deutschland ist ein effizienzorientiertes Land, weshalb Autobahnraststätten so gestaltet sind, dass man möglichst wenig Zeit in ihnen verbringen mag. Schnell aufs Klo, schnell Pappbecherkaffee, schnell Pommes auf die Hand und dann wieder zurück auf die weltberühmte Autobahn, wo man dann ganz ohne Tempolimit im Stau steht.

Deutschland ist gar kein effizientes Reiseland

Ich glaube, der Frust, der in Deutschland so oft mit dem Reisen in Verbindung gebracht wird, liegt an dieser Dissonanz zwischen Image und Realität. Wir sind ja in Wahrheit überhaupt kein effizientes Reiseland. Endlose Staus, Odysseen in verspäteten und überfüllten Zügen und speziell in diesem Jahr Flughafenschlangen, die bis auf den Busparkplatz vor dem Terminal reichen.

Dafür gibt es Gründe: miese Personalpolitik und miese Infrastrukturpolitik zum Beispiel. Aber weil wir alle irgendwann mal gelernt haben, dass Pünktlichkeit und Effizienz typisch deutsch sind, fühlt sich Reisechaos besonders schrecklich an.

Sich dem Chaos hinzugeben, ist besser, als dagegen anzukämpfen

Vielleicht müssen wir uns endlich eingestehen, dass die Deutschen in Selbstbetrug mindestens so gut sind wie im Bierbrauen; wenn man im ICE-Bordrestaurant ein Mikrowellengericht bestellt, wird daraus ja auch keine Sterneküche, nur weil angeblich Alfons Schuhbeck das Rezept entwickelt hat.

Im Grunde können wir nur zwei Dinge tun: bessere Verkehrspolitiker:innen wählen, die langfristig denken, planen und handeln. Und uns bis dahin eine große innere Reisegelassenheit zulegen. Ein "Der Weg ist das Ziel"-Mindset, einen unerschütterlichen Optimismus, dass man am Ende schon irgendwie ankommen wird. Sich dem Chaos ausliefern, anstatt verbissen dagegen anzukämpfen.

Was dabei helfen könnte, wäre eine den tatsächlichen deutschen Gegebenheiten angepasste Reisebegleitindustrie. In jedem Flughafen gibt es einen Raum der Stille, an der Autobahn stehen Autobahnkirchen, aber gäbe es nicht mindestens genauso viel Bedarf an einem Raum, in dem man laut schreiend mit einem Vorschlaghammer Schrott zertrümmern kann? Oder einen Boxsack verdreschen?

Die Zukunft liegt im entspannten Reisen

Deutsche Autobahnraststätten werden vielleicht keine Feinkost-Eldorados so wie in Italien, aber ein paar Massagesessel wären doch sicherlich hilfreich, um die vom Stop-and-go-Verkehr verspannten Glieder zu lockern und die gestresste Seele zu entspannen. Und die Deutsche Bahn könnte relativ problemlos ihre Zugabteile weiter diversifizieren, so dass es nicht nur ein Ruhe- und ein Kleinkindabteil gibt, sondern auch ein Hart-gekochte-Eier-Abteil, ein Schuhe-auszieh-Abteil, ein Kegelklub-Ausflugsparty-Abteil und ein Ich-liebe-es-vor-viel-Publikum-laut-zu-telefonieren-Abteil, sodass die Reisenden unter ihresgleichen sein können, wenn sie schon stundenlang auf freier Strecke stehen. Die Wiederbelebung alter Postkutschen-Verbindungen könnte ein heißer Retro-Reisetrend für die nahe Zukunft werden, viel CO2 ließe sich einsparen.

Überhaupt: Die Entdeckung der Langsamkeit, Slow Travel, da liegt doch ohnehin die Zukunft. Mein persönlicher Lieblingstrick ist folgender: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder Ort in Deutschland von jedem anderen Ort durchschnittlich eine Tagesreise entfernt ist. Damit liege ich immer richtig, und ich liebe es, recht zu haben. Und ab und zu werde ich sogar positiv überrascht, weil es dann doch schneller geht.

Unsere Kolumnistin Alena Schröder teilt hier im Wechsel mit Anja Rützel ihren Blick aufs Leben

Brigitte

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