Rimini ist zurück! Und wir haben die besten Urlaubstipps

So war es früher: Strandliegen bis zum Horizont, Menschenmassen und Hotelburgen. Doch die Zeiten des "Teutonengrills" sind zum Glück vorbei! Rimini an der Adria erfindet sich neu, entdeckt seine historischen Wurzeln und entwickelt ungeahnten Charme.

Auf Rimini ist Verlass

Auf manches im Leben ist eben doch Verlass. Flirtende Italiener zum Beispiel. Das Exemplar mit dem weißen Sonnenkäppi, das mir an der Strandpromenade von Rimini entgegenradelt, hat sein charmantestes Lächeln aufgesetzt, deutet eine Verbeugung an und gurrt ein routiniertes "Guten Tag, Signorina. Wie geht es Ihnen?" Augenzwinkern, fehlerloses Deutsch, im Hintergrund flattern bunte Sonnenschirme. Ich grüße erfreut zurück.

Der rüstige Herr dürfte die 70 längst überschritten haben. Aber gelernt ist gelernt. Und in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, als der "Teutonengrill" noch auf höchster Flamme loderte, gehörten nicht nur die deutschen Fräuleins zum Inventar, sondern eben auch die schmachtenden Papagalli, die sich zu ihnen aufs Badetuch gesellten. Und wer will schon von lieben Gewohnheiten lassen, nur weil das Pensionsalter erreicht ist? Oder weil die Badestadt Rimini gerade dabei ist, eine ganz andere zu werden, wie zurzeit überall behauptet wird?

Vorurteile über Bord! Hier ist allerfeinstes Italien: Jasmin-Duft statt Sonnenöl, Renaissance-Fassaden statt Teutonengrill

Über 50 Jahre lang galt dieser Ort an der italienischen Adria als Inbegriff des organisierten Massensommertourismus: 15 Kilometer breiter Sandstrand, 240 Strandbäder und 200 000 mit dem Lineal ausgerichtete Liegestühle, dahinter drei bis vier Reihen Hotels und Pensionen. Brutzeln am Strand, Vollpension, man spricht Deutsch, und geht abends in die Glitzer-Disco - das war Rimini. Eine Stadt, über die man als Liebhaber des wahren Italiens die Nase rümpfen durfte, ohne jemals dort gewesen zu sein.

Diese Arroganz ist mir jetzt peinlich, seit ich bei meiner Anreise, noch aus dem Auto heraus, einen perfekt erhaltenen römischen Ehrenbogen aus Marmor zu sehen bekam. Der Bogen ist 2000 Jahre alt, gehört zur Stadtmauer und führt in eine Altstadt, die sich anfühlt wie allerschönstes Italien. Und es ist tatsächlich alles da: schmale Gassen, in denen sich kleine Boutiquen mit altmodischen Posamenten-Lädchen abwechseln und in denen Italienerinnen, das Handy ans Ohr gedrückt, souverän über buckliges Kopfsteinpflaster stöckeln.

Mit dem Rad kurve ich an römischen Ausgrabungen vorbei, an der steinernen Pracht mittelalterlicher Palazzi und an eleganten Renaissance-Fassaden. Es gibt verschwiegene Plätze mit Schirmpinien, meinen Lieblingsbäumen, und alten Herren, die in ihrem Schatten friedlich eingenickt sind. Schwalben katapultieren sich zwitschernd durch die Luft. Und als ich glaube, es könne gar nicht schöner werden, holpere ich über eine uralte Steinbrücke ins Viertel Borgo San Giuliano hinüber, ein ehemaliges Fischerdorf, vor dessen bunt gestrichenen Häuschen Jasmin duftet und wo sogar die Wäsche so hinreißend flattert, als hätte sie ein Filmaustatter dort aufgehängt.

Autorin Annette Rübesamen erkundet Rimini mit dem Rad und lernt: Der Augustusbogen gehört zu den römischen Überresten der Stadt

Rimini hat zwei Gesichter: Altstadt und Badestadt - der Bürgermeister will sie zusammenbringen

Auf der Terrasse des "Nud e Crud" haben sich bereits ein paar schicke italie­nische Sonnenbrillenträger zum Mittag­essen niedergelassen und beißen in ihre Piadina. Die klassischen adriatischen Teigfladen sind hier so üppig gefüllt, dass man sie mit beiden Händen festhalten muss, damit der weiche Squacque­rone-­Käse und die dicken Salsiccia-Stücke nicht herausrutschen. Der lieb­liche Lambrusco wird in beschlagenen Gläsern serviert, und im ersten Stock lehnt eine rauchende Frau mit Küchen­schürze neugierig aus dem Fenster. Es riecht nach Rosmarinkartoffeln und kein bisschen nach Sonnenöl.

Riminis centro storico - vom Strandgetümmel nur einen Kilometer Luftlinie entfernt - ist eine Welt für sich. Man könnte fast sagen, es gibt zwei Rimini: Altstadt und Bade­stadt. Und die will Andrea Gnassi zusammenbringen. Der jungenhafte Typ mit dem ange­deuteten Kinnbart ist seit 2011 Bürgermeister von Rimini, trägt kobalt­blaue Ringelsocken zum offenen Hemd und hat nicht viel Zeit. "Wir wollen mit der Trennung zwischen Hochkultur und Badeleben aufräumen", ruft er mir zu, als wir uns vor dem Rathaus treffen. Dann drückt er mir einen gelben Helm auf den Kopf und sprintet die Freitreppe zum "Teatro A. Galli" hoch. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Theater wurde unter Gnassis Ägide endlich wieder aufgebaut.

50 Jahre lang herrschte in Rimini Stillstand - das ist nun vorbei

Zwischen dem Theater und dem Renaissance-Schloss dahinter wird eine grüne Freifläche entstehen, für Open­-Air-­Konzerte und andere lässige Events. Das Cinema Fulgor gleich um die Ecke, in dem einst ein Gymnasiast namens Federico Fellini die Karten abriss, wurde saniert und gerade wiedereröffnet - dem berühmten Regisseur und Sohn der Stadt zu Ehren. Die römische Brücke über den Marecchia soll für den Verkehr gesperrt werden. Und das Ufer des Flusses, so der Plan, wird mit Hilfe von Wegen und Terrassen zu einem neuen Treffpunkt für Einheimische und Gäste werden. Ein ehrgeiziges Programm; tatsächlich hinkt Gnassi dem Zeitplan jedoch hinterher. "Tiè botta!", ruft ihm ein Punk hinterher, als er die Theatertreppe wieder herunterjagt, "Halte durch" auf romagno­lisch. Der Politiker der linken Partito Democratico, der Demokratischen Partei, winkt zurück. "50 Jahre lang hat in Rimini Stillstand geherrscht", resümiert er. "Das hier ist unsere Renaissance. Das Gute ist, wir müssen nichts erfinden. Es reicht, wenn wir unsere Wurzeln neu beleben. Auch am Strand."

Schau an! Die Altstadt mit ihren engen Gassen und bunten Fassaden ist ein Stück allerfeinstes Italien

Wie Kalifornien am Mittelmeer: So soll das neue Rimini aussehen

Entlang der Uferpromenade reihen sich allerdings die typischen Hotelschachteln der Adriaküste aneinander wie eh und je. Sie tragen glanzvolle Namen wie "Di­plomat Palace“ und "Bristol". Doch über 1,5 Kilometer wurde der Lungomare (die alte Promenade) neu angelegt und ist mit seinen Pflanzen, Brunnen und Bänken ausschließlich Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehalten, Strand und Meer gleich dahinter.

Die "Ponte di Tiberio" führt über den Fluss Marecchia und soll schon bald für den Autoverkehr gesperrt werden

 

Am liebsten würde ich jetzt schon mal buchen. Das liegt aber auch am Strand. Herr­lich breit ist er und endlos lang. Erst zig Kilometer weiter im Süden, unwirklich verschwommen über einer dünnen Dunstschicht, baut sich ein grünes Vor­gebirge auf, das den Weg zu versperren scheint. Ich laufe los. Glitzerndes Meer zu meiner Linken, Salzluft in den Lungen, knirschende Muschelschalen unter meinen nackten Füßen. Diese unglaubliche Weite, dieser Himmel, diese Freiheit! Ewig könnte ich so weiterwandern. Das Meer hat keine Grenzen, niemand kann es zubauen, ganz gleich, wie Rimini sich in Zukunft entwickeln wird.

Banales Sonnenbaden gehört der Vergangenheit an

"Gibt es etwas Schöneres als aufs Meer zu schauen?", fragt Gabriele Pagliarani vom "Bagno 26", klappt mir in vorderster Reihe einen Liegestuhl auf - elegantes Grau­-Beige unter naturweißem Schirm - und beantwortet die Frage gleich selbst: "Natürlich nicht!" Für alle Fälle ent­wickelt der schwarz gelockte Bagnino (Bademeister), Herr über 15 Mitarbeiter und 1000 Liegen, trotzdem unermüdlich alternative Angebote für Badegäste: Bar, Restaurant und Chiringuito, eine dieser typischen Strandbuden, hier mit DJ­-Set, gibt es längst im Bagno. Für diese Saison hat er sich Grünflächen mit echtem Rasen sowie mit Solarenergie betriebene Bat­terieaufladestationen direkt am Schirm einfallen lassen.

Die "Piazza Tre Martiri" mit Cafés und Restaurants ist eine angenehme Abwechslung zum Strandleben

Banales Sonnenbaden gehört in Rimini ohnehin der Vergangenheit an. Wellness ist angesagt. In zahlreichen Strandbädern wird Yoga und Stretching angeboten, Qigong und Pilates, Massagen sowieso. Ich nehme an einem geführten "Nordic Water Walking" teil, bei dem ich mich mit Stockeinsatz knietief durchs Wasser schiebe, verfolgt von den fassungslosen Blicken italienischer Senioren.

Und abends fahre ich auf einer Segelyacht zur Sonnenuntergangs-­Meditation auf das Meer hinaus. Wir sitzen mit geschlosse­nen Augen im Kreis, das Boot schaukelt, für echte Tiefenentspannung ist mir ein bisschen zu schlecht. Doch als ich die Augen wieder öffne, liegt die Hotel­-Silhouette von Rimini vor mir, langgezogen, in rosaroten Abendschimmer getaucht. Vertraut sieht sie aus, und doch völlig fremd, eine Zauberstadt, als hätte sich Atlantis aus dem Meer erhoben. Manchmal gelingen eben auch die gewag­testen Experimente.

Am Strand und in der Stadt: Die besten Tipps für Rimini

Übernachten

Il Brigitta. Am stimmungsvollen Hafenkanal hat die Künstlerin Brigitta ihre Gästezimmer mit provenzalischen Holztüren, alten Steinbecken, weiß lackierten Betten und bunten Kunstwerken in die charmanteste Adresse der Stadt verwandelt. Relax-Alternative zum Strand: der romantische Innengarten voller Kletterrosen (Via Sinistra del Porto 88/90, Tel. 339/481 64 86, www.airbnb.de/rooms/6830011).

i-Suite Hotel. Meerblick von fast allen Suiten, Design in kühlem Weiß und jede Menge Flat-Screens. Ein bisschen fühlt man sich wie in "Star Trek". Und hofft auf mindestens einen Regentag, um guten Gewissens den herrlichen Meerblick vom Panorama-Spa im obersten Stock genießen zu können (Viale Regina Elena 28, Tel. 05 41/30 96 71, www.i-suite.it).

DuoMo. Modernes Hotel mitten in der Altstadt. Designer und Architekt Ron Arad hat es entworfen, mitsamt den schicken Badezimmern im Yacht-Stil und der Bar, in der sich auch junge Einheimische gern zum Aperitif treffen (Via Giordano Bruno 28, Tel. 05 41/ 242 15, www.duomohotel.com).

Genießen

Nud e Crud. "Piadine" gibt es überall in Rimini. Aber nirgendwo werden die Teigfladen so gut mit regionalen Köstlichkeiten gefüllt wie hier - mit Schinken aus Carpegna, Bio-Pecorino, Adria-Sardinen... und alles schmeckt. Ab 4,50 Euro, dazu ordentliche Weine und Andechser Bier! (Via Tibero 27/29, Tel. 05 41/290 09, www.nudecrud.it)

Osteria de Borg. Romantisch sitzt man sowohl draußen auf der kleinen Piazza als auch drinnen beim Pizzaofen. Eher kein Tipp für Vegetarier, denn hier wird ausgesprochen rustikal aufgekocht. Zum Beispiel Polenta mit Wurstsoße, Tagliatelle mit Ragout (9 Euro) und Hammel vom Grill (13 Euro). Üppige Portionen und gute Stimmung! (Via Forzieri 12, Tel. 05 41/560 74, www.osteriadeborg.it)

Abocar Due Cucine. Riminis beste Adresse! Ein junges argentinisch-italienisches Paar ist hier am Werk. Kreativ, engagiert und furchtbar nett. Es gibt Sepia mit Schalotten und Zitrone, grünen Spargel mit Ei und Haselnüssen und Lamm mit breiten Bohnen und Estragon. Viel von einheimischen Gourmets besucht. Kleines Menü 33 Euro (Via Carlo Farini 13/15, Tel. 05 41/222 79, http://abocarduecucine.it).

Enoteca del Teatro. Touristen verirren sich nur selten in diese pittoreske Ecke im Borgo San Giuliano, wo Riccardo Agostini 20 verschiedene offene Weine ausschenkt, darunter einen wunderbar perlenden Bio-Lambrusco für 3 Euro. Dazu Grissini und ein nettes Publikum. (Via Ortaggi 12, Tel. 05 41/718 80 oder 3486424890)

Dalla Jole. Unter der blauen Markise am Hafenkanal kann man den Bürgermeister, seine Stadträte und viele andere Rimini-VIPs antreffen. Bar mit lockerer Atmosphäre, ideal für einen Kaffee oder Aperitif. Großartige Weinkarte, gekrönt durch allerfeinste Happen. (Via Destra del Porto 27, Tel. 338/818 92 90, www.dallajole.com)

Einkaufen

In Rimini gibt es wenige Kettengeschäfte und viele nette, kleine Boutiquen, die echtes "Made in Italy" zu erschwinglichen Preisen anbieten. Besonders hübsch: Laltrastoria, wo ich mir eine rote Lederhandtasche für 79 Euro gönnte und ein schwarzes Top, zu dem mir alle Komplimente machen (Via Sigismondo 44). Eine andere gute Adresse ist der Laden von Rame, einem Label aus der Emilia-Romagna, mit femininen, schmal geschnittenen Teilen. (Via Gambalunga 17).

Erleben

Wellness am Strand. Roberto Gamberini organisiert mit seiner Agentur "Spiagge del Benessere" Shiatsu und Yoga, Bauchtanz und Pilates, Biogymnastik und vieles mehr. Die Teilnahme ist umsonst. Außerdem veranstaltet er Meditationsfahrten mit dem Segelboot (38 Euro). (www.lespiaggedelbenessere.it)

Telefon

Die Ländervorwahl ist 0039; Ortsvorwahl wird stets mitgewählt, vom Ausland aus mitsamt der "0"; Handyvorwahlen dagegen beginnen immer ohne "0".

Ein Artikel aus BRIGITTE

Wer hier schreibt:

Annette Rübesamen
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