Sterben fürs Selfie: Warum riskieren wir für Likes unser Leben?

Die Selfie-Todesfälle häufen sich. Unsere Autorin war fassungslos, als sie erlebte, welche Risiken Menschen für das perfekte Foto eingehen.

Für den Wahnsinns-Post ist kein Risiko zu groß

Stell dir vor, du machst ein Foto von einer Freundin, und plötzlich verschwindet sie von deinem Display: Sie ist in den Abgrund gestürzt. Ihr habt ihren Tod riskiert und verloren – für das beste, das spektakulärste Instagram-Foto der Welt. War es das wert? Natürlich nicht.

Bei diesem Szenario geht es streng genommen nicht um ein Selfie, denn sie hat nicht selbst auf den Auslöser gedrückt. Doch das angestrebte Ergebnis ist dasselbe: "Me, myself and I" in maximal spektakulärer Umgebung - demnächst als aufsehenerregender Post auf Facebook oder Instagram zu bewundern.

Als ich kürzlich durch Vietnam reiste, war ich entsetzt von der Waghalsigkeit einiger Touristen, die für Likes ihr Leben riskierten. Auf Cat Ba Island balancierte ein Amerikaner fürs Foto in Sneakern auf einem Geländer, das einen Abgrund sicherte. Auf einem Tempelberg in Ninh Bình sprang eine junge Frau auf einem schmalen Felsvorsprung so lange in die Luft, bis das Foto saß. Beide haben überlebt.

Nicht überlebt hat die deutsche Urlauberin, die in Sri Lanka ein Selfie an der Felskante von „World’s End“ machen wollte. Und auch nicht die junge Frau, die in den USA frontal mit einem LKW zusammenstieß, Sekunden nachdem sie ein Selfie gepostet hatte, auf dem sie am Steuer ihres Wagens sitzt. By the way, für ihr Selfie hatte sie nicht nur sich, sondern auch andere in Lebensgefahr gebracht – wie übrigens alle Selfie-Fahrer, die Geisterfahrern inzwischen makabre Konkurrenz machen.

"Killfies": Im Netz kursieren Listen von Selfie-Todesfällen

Auf Wikipedia findet sich eine Liste von Todesfällen, die beim Fotografieren passiert sind. Laut einer dort zitierten Studie gab es in den vergangenen sechs Jahren 259 „Selfie-Todesfälle“ weltweit. Für sich genommen ist die Zahl nicht sehr hoch. Bedenkt man aber die Todesursache - verunglückt für den Insta-Post -, ist sie riesig.

Das Durchschnittsalter der Opfer betrug 23 Jahre, dreimal so viele Männer wie Frauen ließen ihr Leben vor der Smartphone-Kamera. Es ist ein bisschen wie früher, als die Jungs bei Mutproben ihr Leben riskierten, während die Mädchen vor allem hübsch auszusehen hatten, um bewundert und begehrt zu werden.

Schönsein ist heute für Frauen so wichtig wie eh und je, nur genügt es nicht mehr: Viele glauben, für die sozialen Medien ein ideales Selbst kreieren zu müssen. Ich vermute, dass es kein Zufall ist, dass das Kleid von Patricia (Instagram-Account oneoceanaway_) farblich zu dem fahrenden Zug passt, vor den sie sich für den ultimativen „Schnappschuss“ auf die Gleise stellte. Das Foto erntete einige Kritik, die die junge Frau mit dem Hinweis von sich wies, dass der Zug nur 5 km/h gefahren sei.

“They said that it was really dangerous what I was doing. 🚃 They were holding their cellphones filming how the train was...

Gepostet von Torna am Dienstag, 6. November 2018

Auffallend viele Selfie-Todesfälle ereignen sich in Gleisbetten. Auch das habe ich beobachtet in Vietnam: drei junge Frauen, die in einer halsbrecherischen Aktion auf einer Eisenbahnbrücke in Hanoi herumkletterten und sich gegenseitig fotografierten. Sie haben überlebt; die beiden Mädchen aus Memmingen, die beim Gleis-Selfie von einem Zug erfasst wurden, nicht.

Ich mache mir die Erde zur Bühne

Ist unser Narzissmus so groß, dass wir für ein spektakuläres Selbstporträt alles riskieren? Brauchen wir in unserer auf Selbstoptimierung getrimmten Welt dermaßen viel Bestätigung, dass wir für ein paar Likes Leib und Leben riskieren? Dass wir möglichst oft bewundernde und neidische Blicke auf uns ziehen müssen?

Auch das fiel mir auf bei meiner letzten Reise: Dass die Selbstinszenierung vor eindrucksvoller Kulisse bei manchen Digital Natives über das Erleben geht. Einige reisen offenbar nicht, um den Horizont zu erweitern -  der dient maximal als Deko für die Inszenierung des idealen Ichs. Ich hatte den Eindruck, dass manche Traveller sogar nur deshalb fotogene Orte besuchen, um aufsehenerregende Selbstbildnisse herstellen zu können.

Patricias Instagram-Account oneoceanaway_ steht nur exemplarisch für diese überinszenierte Kunstwelt, die alle unschönen Realitäten ausblendet - die Touristenmassen am „einsamen Traumstrand“, die hinter den Bildrand verbannt werden, genauso wie der herumliegende Müll. In dieser Welt ist der Mensch das perfektionierte Zentrum, um das sich alles dreht. Elefanten, Wüsten, Strände, Tempel, Gipfel, Ozeane ... für die glamouröse Selbstinszenierung wird die Welt zur Bühne degradiert. Auch, wenn wir unsere Selfie-Sessions überleben - ein derart enger Blick auf uns selbst und auf die Welt kann nicht gut für uns sein.


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