Formula Napoli

Chaos, Anarchie, höhere Ordnung? Über den Verkehr in Neapel gibt's die tollsten Gerüchte. Also ans Steuer, Augen auf und durch!

In der Altstadt sind eigentlich alle Straßen zu eng zum Autofahren. Aber nur ganz manchmal wirklich zu eng...

Amsterdam entdeckt man mit dem Fahrrad, Paris mit der Metro. Das echte Neapel erkennt man angeblich am besten durch die Windschutzscheibe. Wenn man sich traut. Ich packe Fotografin Anna-Lisa auf den Beifahrersitz und bekomme eine riskante Führung durch ihre Heimatstadt: eine Autosafari durch bella Napoli. Ob das eine gute Idee ist?

Links: Mein Panda und ich. Am Flughafen beginnt unsere wilde Wochenendbeziehung

Vor dem Verkehrschaos hier haben sogar Vollblutitaliener Respekt. Dabei sind die alle von Geburt an Formel-1-Weltmeister. Wahrscheinlich bin ich lebensmüde, aber ich habe eine Mission: Lerne Neapel kennen und dabei fließend italienisch fahren.

Total hysterisch, unendlich gelassen - eine Reise nach Neapel verändert das Leben

Wir beginnen unsere Tour in der historischen Altstadt. In unglaublich engen Gassen quatschen Omis auf der Straße, Schulkinder rennen zum Mittagessen, und Jungs bringen ihre Mädchen auf dem Motorino, dem geliebten Roller, nach Hause. Wo bleibt da noch Platz für mich? Ganz vorsichtig lenke ich den Fiat durch die Gassenschluchten. Mir wird klar, warum aus Italien so viele Kleinwagen kommen. Eine dicke Bonzenschleuder würde hier nicht durchpassen. Im nächsten Moment quetscht sich ein Motorino rechts an mir vorbei, während ich links mit dem Seitenspiegel in einem Wäscheständer voller Socken hängen bleibe. Vor mir stehen Fußgänger, hinter mir drängelt ein Alfa. Das reicht, deutsch war gestern. Ich hupe Omas und verliebte Pärchen weg. Doch statt böser Worte oder ausgestreckter Mittelfinger ernte ich anerkennendes Lächeln und verständnisvolle Blicke.

In den Fußgängerzonen ist man vor Autos genauso wenig sicher wie in einem der idyllischen Cafés

Autofahren bekommt auf einmal eine völlig andere Dimension. Ich manövriere uns aus dem Chaos heraus und verlasse die quirlige Gegend rund um die "Spaccanapoli". So wird die endlose, schnurgerade Via Benedetto Croce genannt, weil sie sozusagen die Stadt spaltet ("spacca"), so dass man in beide Richtungen hindurchsehen kann.

Autofahren heißt vor allem Kommunikation. Der freundliche Wachtmeister bewundert unsere Fortschritte.

Sfogliatelle und Gelati - La Dolce Vita zum Mitnehmen

Als Nächstes lotst mich Anna-Lisa ins moderne Neapel. Via Toledo, die Shoppingstraße im Zentrum. Hier siedeln die Filialen der italienischen Modeketten Phard, Mötivi und Benetton; gleich ums Eck, im Chiaia- Viertel: Armani, Gucci und Versace. Auf schicke Klamotten legen die Neapolitaner großen Wert. Dafür sehen ihre Wagen aus wie Autoscooter: verbeulte Türen, baumelnde Seitenspiegel, eingedrückte Rücklichter. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man rote Ampeln, Blinker, Zebrastreifen und durchgezogene Linien für Schnickschnack hält.

In San Lorenzo, dem alternativen Künstlerviertel, wollen wir eine Pause einlegen. Nur, wohin so lange mit dem Panda? Man hat Glück, wenn man mal einen Parkplatz findet. Und großes Glück, wenn der Wagen nach dem Cappuccino noch dort steht. Anna-Lisa löst das Problem neapolitanisch: In jedem Viertel gibt es selbst ernannte Parkplatzwächter, die den Wagen für ein paar Euro babysitten. Unser Mann heißt Antonio Delprete. Er verteidigt sein Revier seit mehr als 30 Jahren erfolgreich gegen die Konkurrenz. "Es ist wichtig, dass die Leute dich kennen und dir vertrauen", sagt Signor Delprete, "wenn sie in zweiter Reihe stehen, geben sie mir ihre Schlüssel, damit ich den Wagen umparken kann." Touristen trauen sich so was natürlich nicht. Aber wer will schon Tourist sein? Mit mittelmulmigem Gefühl reiche ich Antonio den Autoschlüssel und zwei Euro Bearbeitungsgebühr. Unsere Entdeckungstour durch das Künstlerviertel geht zu Fuß weiter. Vor seinem Antiquitätenladen streicht ein alter Mann noch ältere Möbel, während auf der Piazza Bellini Studenten in der Sonne diskutieren und Latte Macchiato trinken. Wir haben jetzt Lust auf die berühmten belegten Panini im Literaturcafé Intra Moenia. Hier ist es für eine Großstadt überraschend ruhig und friedlich. Vom Lärm ist nichts zu hören, obwohl San Lorenzo mitten im tobenden Neapel liegt. Gern würde ich sagen, dass es hier wunderbar duftet. Nach Meer oder Blumen oder süßem Hefegebäck, der "Sfogliatella". Aber weil die Neapolitaner sogar zum Bäcker um die Ecke noch mit dem Auto fahren, riecht es in der Stadt nicht nach Dolce, sondern nach Abgasen.

Die Autoverrückten fahren überall, die Fußballverrückten spielen überall.

Mit den Augen von Sophia Loren die Aussicht aufs Wasser genießen

Verübeln kann ich es ihnen nicht. Autofahren in Neapel macht einfach süchtig. Der Puls schlägt schnell auf 180, und alle Sinne sind extrem geschärft. Die Motorini zischen wie Wespen auf beiden Seiten an unserem Fiat vorbei. Ich erlebe die Stadt wie im Rausch und fahre, aus deutscher Sicht betrachtet, so schlecht, wie ich nur kann. Dafür wird mein Fahrstil hier honoriert: Als wir, wie alle anderen auch, von der falschen Seite in eine Einbahnstraße einbiegen, blinkt uns ein Busfahrer an und wedelt wild mit den Armen. Er warnt uns vor einer Polizeikontrolle am Ende der Straße. Nicht mit uns, Carabinieri!

Motorino, mi amor (o.); Einbahn? Zweibahn? Egal. Reinfah'n (u.)

Wir wenden sportlich und hören den Beifahrer im Auto neben uns fluchen, weil sein Freund uns angestrengt zuzwinkert: "Auf die Straße sollst du schauen, Idiot - nicht auf die Ragazze!" Anna-Lisa und ich haben noch eine letzte Mission an diesem Wochenende. Wir wollen das Meer mit den Augen von Sophia Loren sehen. Wir nehmen die Küstenstraße Richtung Pozzuoli, das Heimatdorf der Filmdiva. Die Sonne steht schon tief über dem Meer. Ich setze meine Sonnenbrille auf, drehe den Italo-Poprock im Radio noch ein wenig lauter und fühle mich verdammt italienisch. In Pozzuoli essen wir ein Eis am Hafen und fragen einen süßen Italiener nach dem einfachsten Weg zurück zur Hauptstraße. "Bezirzt die Polizisten, dann lassen sie euch durch die Fußgängerzone fahren." Der Tipp funktioniert, und wir fahren durch die Nacht zurück nach Neapel. In der Stadt biege ich automatisch auf eine verbotene Busspur ein, und Anna-Lisa ruft erfreut: "Simona, du fährst schon wie eine richtige Italienerin!"

Anreisen und Wohnen

Wer früh bucht, bekommt bei www.hlx.de deutschlandweit Flüge ab 19,99 Euro. Easyjet (www.easyjet.de) fliegt schon für 5,99 Euro, leider nur ab Berlin-Schönefeld. Zentral gelegene Hotels von charmant bis luxuriös findet man bei www.venere.com, Bed & Breakfast bei www.hotel.portanapoli.com.

Links: Den schönsten Sonnenuntergang Neapels gibt's täglich im Fischerdorf Pozzuoli; Mitte: Wenn alle gleichzeitig links abbiegen, entsteht der berüchtigte Hakenkreuzstau; Rechts: Je kleiner der Fiat, desto Parkplatz.

Autofahren in Napoli

Das perfekte Auto für die wuselig enge Innenstadt ist möglichst klein und, wenn man Wert auf eine beulenfreie Karosserie legt, möglichst nicht das eigene. Die Hupe hält der Neapolitaner für wichtiger als den Rückspiegel. Grundregel Man konzentriert sich vor allem auf das, was vor einem passiert. Das tun alle, und darum klappt es auch ganz gut. Verkehrsregeln werden "interpretiert", Blickkontakt und ein Lächeln erleichtern das Fahren. Rechthaberei und stures Beharren auf der Straßenverkehrsordnung - so wie bei uns üblich - sind dagegen sehr verpönt. Auto mieten Bei den Billigflug-Anbietern, z.B. www.hlx.de oder Easyjet, kann man gleich einen Wagen mitbuchen. Unser Fiat Panda hat bei Sixt knapp 100 Euro inkl. CDW (Haftungsausschluss für Schäden am Auto, wichtig!) fürs lange Wochenende gekostet (Angebote checken). Die Autos stehen direkt am Flughafen bereit. Parkhaus Über Nacht stellt man den Wagen am besten unter. Das ist nicht ganz billig (ca. 20 Euro im Zentrum), dafür muss die Reise am nächsten Tag nicht zu Fuß weitergehen. Wertsachen Nichts sichtbar im Auto liegen lassen - aber das ist ja wohl klar, oder? Zentralverriegelung Auch beim Fahren immer schön die Knöpfe runterdrücken, sonst kann an der Ampel - Tür auf, schwupp, Tür zu - schnell die Handtasche oder Ähnliches verschwinden. Parkplatzagent, privat In fast jeder Straße regelt ein selbst ernannter Parkplatzwächter gegen eine "Gebühr" von ca. 2 Euro die Vergabe der raren und oft sehr engen Lücken. Er übernimmt auch Einparken und Bewachung des Wagens. Ob man ihm die Schlüssel in die Hand drückt, zahlt und geht, wie es unsere neapolitanische Fotografin Anna-Lisa tut, muss jeder selbst entscheiden.

Essen und Trinken

Gli Sfizi di Napoli Via Benedetto Croce 53: Im Mini-Imbiss nahe der Spaccanapoli gibt es Napoli-Spezialitäten günstig auf die Hand. Pizzeria da Michele Via C. Sersale 1: Neonlicht, Plastiktische und nur zwei Sorten, Margherita oder Marina (je 4 Euro). Dafür hat Michele von 8 bis 24 Uhr geöffnet und die beste Pizza Neapels - findet Anna-Lisa. Und die lange Schlange findet's auch. SorRiso Integrale Piazza Bellini (Hinterhof): vegetarische Gerichte ab 8 Euro. Gekocht wird hier nur mit biologischen Zutaten. Pasticceria Capriccio Via San Biago 327: Café mit Straßenverkauf. Legendär: Babá aus flockigem Hefeteig mit Rumsirup für 80 Cent. La Scimmia Piazzetta Nilo 4: moderne Gelateria. Unbedingt probieren: "Kinder", cremig mit Kinderschokolade-Stückchen.

Shoppen

London Via Nilo 7: Diesel, Roxy, Levi's und reduzierte Ausstellungsstücke. Ein paar Häuser weiter: die Turnschuh-Filiale für Jungs - und uns (Italiener haben kleine Füße). Pietro Pellegrino Via Chiaia 37 (Hinterhof): Erst sucht man sich Leder, Sohle und Absatz aus. Dann werden die individuellen Sandalen am Fuß angepasst (30 bis 115 Euro). Phard Via Toledo 154: Indie-Look und Cowboystiefel. Schöne Accessoires wie gestrickte Taschen gibt es ab 60 Euro. Mötivi Via Toledo 156: das italienische Pendant zu Zara. Calzedonia Via Paia 174: Nylons von Netz bis Blumenwiese mit aufgestickten Wollblüten. Yamamai Via Toledo 272: Die Italiener verstehen etwas von schöner Unterwäsche. Hier kann man sie kaufen. Amore für alle.

Nicht verpassen

Galeria Umberto I Piazza Triesto e Trento: Einkaufspassage mit einer über 57 Meter hohen Kuppel aus Stahl und Glas. Besonders schön: Die Galeria wird nachts beleuchtet. Sonnenuntergang vor der Certosa di San Martino, mit Blick über die Stadt, den Vesuv und den Golf von Neapel. Anreise: von der Via Toledo aus mit dem Auto oder per Seilbahn. Gambrinus Via Chiaia 1–2: Die großen Räume des 1860 gegründeten Cafés sind mit Marmor, Stuck und Gold verziert. Hier hat schon Verdi seinen Kaffee geschlürft. Pintauro Via Toledo 275: In dieser Bäckerei wurde der Legende nach im 18. Jahrhundert die "Sfogliatella" erfunden. Ein Hefeteiggebäck, in das alle Neapolitaner verliebt sind. "Nona Rosa" (mit Cremefüllung) für 2 Euro.

Versteckte Schätze

Eva Luna Piazza Bellini 72: Buchladen für Frauen. Klassiker von Jane Austen, modernes von Banana Yoshimoto und mystische Geschichten rund um Neapel. Wer kein Italienisch spricht, kauft Accessoires oder krault die Katze im Hinterhof. www.evaluna.it Scultore Cesarini Via S. Gregorio Armeno 11: Rund um die Spaccanapoli ist das ganze Jahr Weihnachten. Die tollsten Heiligenfiguren macht Meister Cesarini in Handarbeit.

Raus aus der Stadt

Capri Mit der Fähre ("Traghetto", ca. 5 Euro) geht es ab Molo Beverello auf die viel besungene Insel. Am Hafen Marina Grande kann man die Bergbahn (2,60 Euro) nach Capri-Stadt nehmen. Pozzuoli Sophia Loren ist in dem kleinen Dorf aufgewachsen. Bestimmt hat sie schon damals den Fischern den Kopf verdreht. Anfahrt: auf der Küstenstraße Richtung Westen halten und das Radio laut aufdrehen.

Ausgehen

Intra Moenia Piazza Bellini 70: entspannte Atmosphäre und leckeres Essen. In dem Literaturcafé gibt es Saltimbocca (getoastetes Fladenbrot mit Schinken, Käse, Rucola etc.) für 4 bis 7 Euro. Bei gutem Wetter tummelt sich das Nachtvolk draußen auf der Piazza. Anema e Cozze Via Partenope 15/18: Salate ab 5 Euro, Birra (Bier) 3,50 Euro. Die Treppe neben der Restaurant-Bar wird als große Terrasse genutzt - mit romantischem Blick über das Meer rüber nach Mergellina. Fonoteca Via Raffaele Morghen 31: Bar, Lounge und Plattenladen. Im schlichten 70er-Ambiente wird neben Bier und Longdrinks Vinyl von Elektro bis Rock verkauft. Tipp: Das Magazin Zero mit Infos zu Clubs, Bars und Partys liegt überall umsonst aus.

BYM 02/2006
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