Köln im Schritt-Tempo

Dom, Rheinpromenade - was noch? Wohnzimmer-Cafés zum Beispiel, riesige Villen, falsche Fassaden und viele nette Begegnungen. Allerdings müssen Sie es richtig anstellen, deshalb hier ein paar Tipps.

Auf dem Domplatz

Achtung: Machen Sie sich auf viele Überraschungen gefasst!

Über mir brummt der Verkehr auf den Brücken, unter mir rauscht das Wasser und trägt den Klang von Kirchenglocken herüber. Ich sitze zwischen Hohenzollern- und Deutzer Brücke auf einer dicken Mauer, davor glitzert der Rhein, und hinter dem Wasser ragen die spitzen Dom-Türme und die Kirche Groß St. Martin neben diversen Bausünden in den wolkenlosen Himmel. Zusammen ein verschachteltes Sammelsurium verschiedener Architektur-Epochen. Um es richtig schön zu finden, müsste ich all die Kräne, Gerüste und Beton-Promenaden aus dem Bild radieren, aber dann wäre es auch sehr viel langweiliger.

Und dann hätte es mit Köln nichts zu tun, denn wenn diese Stadt eines nicht ist, dann langweilig. Auf meiner Wanderung quer durch die Stadt überrascht sie mich immer wieder, manchmal sogar im Zehn-Minuten-Takt: zwischen schön und scheußlich, alt und neu, schlicht und verspielt, hoch und niedrig, grün und grau. In Deutz zum Beispiel, wo ich außer der Messe und der Köln-Arena - wegen ihres Überbaus auch "Henkelmännchen" genannt - nicht viel erwarte: "Hier kann es ja richtig schön sein", denke ich in der Tempelstraße, nur ein paar Meter abseits der Einkaufsmeile "Deutzer Freiheit". Ein Jugendstil-Schaufenster, eine alte Kirche, eine verschnörkelte Fassade - ich hab mich gerade reingeguckt, als ein grauer Wohnklotz wieder alles relativiert. Als wollte Deutz sagen: "Schäl Sick." So nennen viele Kölner diese Rheinseite ohne Dom und Altstadt: blöde Seite. Und als ich gerade denke, dass es hier wirklich nicht besonders ansehnlich ist, laufe ich über eine riesige Matte aus akkurat gestutztem Rasen, vorbei an Blumenbeeten und Bänken durch den Rheinpark, das Überbleibsel der Bundesgartenschau 1957. Hübsch, nur ein bisschen geleckt. Aber da endet die Matte auch schon im Jugendpark an üppig wuchernden Büschen und Bäumen. Weiße Kiesel und Muschelschalen knirschen unter meinen Füßen. Ansonsten ist es ganz ruhig, ich bin ganz allein - denke ich. Neben mir ruft jemand, ich schlage mich durchs Gestrüpp, um nachzusehen. Niemand zu sehen, bis ich den Blick hebe und die Kletterer erkenne, die mit Seilen und Helmen in den Bäumen hängen.

Ruhig mal den Kopf in den Nacken legen

Mir tut schon nach einem halben Tag der Hals weh vom vielen Rauf-, Runter- und Dahintergucken. Und dennoch habe ich das Gefühl, ständig irgendwelche verschachtelten Hinterhöfe, Fliesen-Kunstwerke und Schaufenster zu verpassen. Ganz besonders in Mülheim, wo neben dem Industriehafen hinter einer Mauer die Straßenzüge aus der WDR-Serie "Die Anrheiner" zu erkennen sind und wo die meisten der mehr als 65000 Türken in Köln leben. Die Fenster sind mit türkischem Gebäck, Tee und allem möglichen Kleinkram voll gestellt, die Wände plakatiert mit Werbung für türkische Flirt-Internetseiten und Tanznächte.

Nach so vielen Eindrücken ist es angenehm, über die Mülheimer Brücke auf die angeblich noch bessere Seite und durch ein sattes Grün am Rhein entlangzulaufen. Frei hoppelnde Kaninchen sind die einzige Abwechslung zwischen Steinufer, Bänken, Büschen und Blumenwiesen. Im beschaulichen Nippes muss ich nicht mehr fürchten, schöne Fliesen zu verpassen, denn sie kleben in verschiedenen Formationen und Farben an mindestens jedem dritten Haus.

Beachclub am Tanzbrunnen

Alles Bluff hier? Oder was? Sie werden sich hier in Köln noch oft wundern

Im Mediapark, einer Anlage aus Spiegelglas-Gebäuden, Beton und einem See: Seltsam, wie schafft es der mehr als einen Kilome ter entfernte Dom bloß, sich hier im Kölnturm zu spiegeln? Und woher kommen in diesem Spiegelbild auf einmal die Wolken? Und warum schmunzeln die dynamischen Leute alle so, die dann im Gebäude des Stadtradios "Radio Köln 107,1" und des WDR-Jugendsenders "Eins Live" oder in einem der Cafés rund um den See verschwinden? Na toll, reingefallen. Dom und Wolken sind nur aufgemalt.

Die Turiner Straße ist zwar nicht gerade schön zum Wandern, aber die geschwungene, fensterlose Aluminium-Fassade des "Afri-Cola-Hauses" sieht interessant aus. Das soll also der Geburtsort der Kult-Limonade sein, aber wo ist der Eingang zum Haus? Als ich direkt vor der Fassade stehe, sehe ich es: alles nur Maskerade. Eine Verblendung, hinter der sich eine Stahlkonstruktion, bröckelnder Backstein und schmutzige Fenster verbergen.

Nicht nur die karnevalverrückten Kölner scheinen sich gern zu verkleiden, auch die Gebäude in der Stadt sind nicht immer das, wonach sie aussehen. Spätestens im C&A an der Haupteinkaufsmeile Schildergasse bin ich überzeugt, dass es genauso ist. Als ich auf der Rolltreppe auf dem Weg in den Keller stehe, dringt mir der Geruch von Pommes und Burgern in die Nase. Und da sehe ich auch schon Big-Mäc kauende Menschen neben Klamottenständern sitzen. Auf dem Weg zur Toilette finde ich auch noch einen Mauerrest aus der Römerzeit, lieblos hinter einer schmutzigen Glasscheibe ausgestellt. Fastfood, Klamotten und archäologische Fundstätte in einem - das ist nicht schön, aber irgendwie spannend. Und was sollen die Kölner auch tun? Was sie auch bauen, beim Ausheben des Fundaments stoßen sie so gut wie immer auf einen steinernen Teil ihrer Geschichte.

Tinka Dippel an der Frankenwerft

Klappt gut! Einfach stehen bleiben und etwas hilflos gucken

Und dann zählen Sie die Sekunden, Sie werden nicht weit kommen, bis jemand stehen bleibt und fragt: "Gann isch ihnen hellfen?" Ich gewöhne mir schon während des ersten Tages in Köln an, wenn ich nur kurz auf dem Plan etwas nachsehen will, dies im Laufen zu tun - damit ich nicht ständig "Nein, danke" sagen muss.

Und manchmal, wie an einer Straßenecke in Ehrenfeld, halte ich nur meine Hand über die Augen, um das Sonnenlicht abzuschirmen, und sofort winkt mir jemand von einem Balkon zu. Genauso freundlich wie in diesem aufstrebenden, sich verjüngen-den Viertel begegnen mir die Leute in der satten Villengegend Marienburg: "Oh, tut mir Leid, meine Schuld, ist Ihnen was passiert?", fragt eine Radlerin - bevor ich mich entschuldigen kann, weil ich ihr vor lauter Gucken in den Weg gelaufen bin.

Hinter Marienburg, ganz im Süden der Stadt, wird es immer grüner. Wie gern würde ich mich jetzt in einer der kleinen Buchten in den Sand fallen lassen! Aber die Sonne färbt sich langsam rot, und ich habe noch einen langen Weg vor mir. Ich laufe im Abendlicht am Rhein entlang, von dem ich fast nichts mehr sehe, weil im Naturschutzgebiet "Auf dem Frasen" der Wald um mich herum dichter wird. Immer weniger Sonne, immer weniger Menschen - langsam hab ich Angst, hier vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr raus zu finden. Aber auch jetzt ist Verlass auf die Hilfsbereitschaft der Kölner: Ein Jogger sieht, wie ich hilflos nach einem vertrauenswürdigen Weg suche, unterbricht seinen Dauerlauf und lotst mich auf dem schnellsten Wege wieder raus aus dem Dickicht.

Café "Die Küche" in Ehrenfeld

Viel Zeit mitbringen für die netten Kneipen, Beachclubs, Boutiquen...

Ich habe in meinen vier Tagen in Köln zwar viele Schlenker und Pausen gemacht, aber immer noch viel zu wenige. Auf dem Melaten-Friedhof hätte ich mir noch stundenlang Hintergrundgeschichten zu den Grabinschriften überlegen können. Irgendwann musste ich mich aber losreißen, weil ich sonst den ganzen Tag zwischen Familiengruften verbracht hätte.

Ich bin an zwei Beachclubs mit Rhein-Blick einfach so vorbeigegangen, habe die entspannte Musik und die Liegestühle im Sand schweren Herzens ignoriert. Ich war nicht auf dem Dom, in keinem einzigen Museum und in viel zu wenigen Cafés. Ich bin nicht mit der Seilbahn über den Rhein geschwebt. Für all die riesigen Kaufhäuser und Flagship-Stores in der Fußgängerzone, für die wunderbar verspielten Boutiquen in den Nebenstraßen, die türkischen Läden am Eigelstein hatte ich kaum Zeit. Die Südstadt und all die netten Kneipen im Belgischen Viertel habe ich nur bei Tage gesehen. Aber eigentlich ist das ganz gut so: So hab ich noch ein paar Rechnungen offen mit dieser Stadt.

Die Stadtwanderung: Karte und Audio-Reiseführer

Die Routen, die BRIGITTE für Sie in Köln erwandert hat, können Sie hier als Karte im PDF-Format für 1.90 Euro herunterladen! Dazu 100 Adressen entlang der Route mit Tipps zum Übernachten, Einkehren und Ausruhen. (Für Abonnentinnen ist der Service kostenlos.)

Mit unseren Autoren waren auch Rundfunkreporter in Köln unterwegs, um Stimmen, Geräusche, "Hörpunkte" und Geschichten einzufangen. Die CD "Köln to go" können Sie in unserem Shop für 12,95 Euro bestellen, oder hier als Audiofile (7,50 Euro) herunterladen.

Text: Tinka Dippel Fotos: Christina Körte BRIGITTE Heft 15/2006
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