Toronto: Die schönsten Reisetipps für Kanadas Trend-Metropole

Toronto ist trendig, entspannt und sehr tolerant. Unser Autor Harald Braun ließ sich die lässigsten Ecken der Metropole am Ontariosee von einer Insiderin zeigen.

Eine Stadt, die gute Laune macht

Treffpunkt ist "Doc’s Leather Shop" in West Queen West. Betty Ann Jordan ist zu früh dran. Sie winkt mich mit einer beiläufigen Armbewegung heran, wäh­rend sie weiterspricht und den jungen Mann hinter der Kasse nicht aus den Augen lässt. Der sieht ein bisschen aus wie der selige Heath Ledger - ziemlich gut also, um es mal diskret aus­ zudrücken. Er ist ungefähr 40 Jahre jünger als Betty Ann, aber es wirkt trotzdem so, als hätten die beiden gerade einen Flirt laufen.

Rückzug pur: In diesen Ländern triffst du die wenigsten Touristen!

"Tobi ist Künstler", sagt Betty Ann, nachdem sie mich kurz begrüßt hat. Und: "Zeig doch mal!" Tobi dreht seinen Laptop so, dass auch ich seine Arbeiten sehen kann. Aha, Tobi ist ein wilder Maler - außerdem gerade sichtlich verlegen: "Ich suche noch nach einem guten Galeristen." - "Du bist talentiert, Tobi", lobt Betty Ann und zieht an meinem Ärmel, "stimmt doch, oder?" Ich nicke vage und murmele so etwas wie "Jooaahh, der Mann hat Potenzial". Da strahlt Betty Ann mich an: "Siehst du, du hast es auch bemerkt!" Schon hat Betty Ann Jordan gleich drei Leute fröhlich gestimmt: den jungen Wilden an der Kasse, weil er spürt, dass ihr Enthusiasmus ehrlich gemeint ist. Mich, weil ich ahne, dass dieser Tag mit Betty Ann Jordan ziemlich amüsant werden könnte. Und sich selbst natürlich auch, denn Betty Ann Jordan liebt es, Menschen kennen­zulernen. Wenn die zudem noch irgendwas Kreatives machen - Bingo! Sie notiert sich Tobis Telefonnummer, bevor wir gehen, dann blickt sie mich von der Seite an: "Und jetzt zu uns."

Kensington Market

Kensington Market ist ein Sinnbild für das tolerante Klima der Stadt, für die Offenheit und Freiheitsliebe Torontos. Hier kann jeder seine Freak-Flagge hissen, so hoch er will.

BETTY ANN JORDAN WAR MIR EMPFOHLEN WORDEN; keiner, so hieß es, kenne sich in den Trendvierteln Torontos besser aus als sie: "Wenn du etwas über die Stadt er­fahren willst, das nicht in allen Reiseführern steht, musst du sie anrufen." Betty Ann spricht nicht über ihr Alter, sie mag so um die 60 Jahre alt sein, aber das ist es nicht, was einem bei ihrem Anblick in den Sinn kommt. Nein, eher so etwas wie: Ist das nicht die jüngere Schwester von Ruth Gordon, der Hauptdarstellerin aus "Harold und Maude"? Plus einer sanften, warmherzigen Prise Audrey Hepburn? Betty Ann Jordan umgibt die zeitlose, elegante Aura einer feinen Dame. Sie ist nuanciert gekleidet, wagt Farbtupfer, ohne allzu aufdringlich gestylt zu sein. Man sieht einen Menschen, der Stil mit wacher Intelligenz verbindet. Früher hat sie mal ein Kunstmagazin geleitet. Und sie kennt, so wird sich in den nächsten Stunden he­rausstellen, in den lebendigen Ecken der Millionenstadt so ziemlich jeden Menschen.

Der Plan war, dass Betty Ann Jordan mir an diesem Tag die Viertel Kensington Market und West Queen West zeigt und ansonsten ein paar Geschichten über Toronto zum Besten gibt. "Fangen wir mit Kensington Market an", sagt sie und räumt gleich mit dem naheliegenden Irrtum auf, dass es sich dabei tatsächlich um einen richtigen Markt handelt. Es sei kein Zufall, dass der amerikanische Schriftsteller John Irving, der in Toronto lebt, ausgerech­net durch diesen Stadtteil schlenderte, um für seinen letzten Roman "Straße der Wunder" auf Youtube zu wer­ben. "Kensington Market ist ein klares Sinnbild für das tolerante Klima der Stadt, für die Offenheit und die Frei­heitsliebe Torontos. Hier kann jeder seine Freak­-Flagge hissen, so hoch er will", sagt sie.

IM FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT IST ES EIN BITTER­ ARMES JÜDISCHES VIERTEL, bis sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Immigranten von den Azoren, aus der Karibik, Ostasien und Vietnam dort ansiedelten. Später kamen Flüchtlinge aus Lateinamerika und Afrika dazu. Heute ist die in jeder Hinsicht farbenfrohe Nachbarschaft in Downtown Toronto ein vitaler Tummelplatz der Kreativen und vom Leben Gepiercten. Voll mit kleinen Kneipen, schrägen Boutiquen und tollen Restaurants, die auch mal ausgefallene Fusion-Küche servieren, und zwar von jamaikanisch­-italienisch bis ungarisch­-thai.

CN Tower

Ganz wichtig für das Selbstverständnis seiner Bewohner: In Kensington Market haben globale Firmen wie Walmart oder Starbucks keine Chance, obwohl sie es immer wieder mal probieren. Es gehört zu den wenigen Trendvierteln weltweit, die im Kampf gegen die Gentrifizierung bisher noch nicht unterlegen sind, sagt Betty Ann Jordan. "Hier gibt es sogar eine Bürgervereinigung - die ‚Friends of Kensington Market‘ -, die darüber wacht, dass der bunte Charakter auch weiter gewahrt bleibt."

UM EINE AHNUNG VON DEN AUSMASSEN TORONTOS ZU GEWINNEN - mit Umland immerhin rund 6,4 Millionen Einwohner stark -, rät Betty Ann mir, in den nächsten Tagen mal eine Fahrt auf den CN Tower zu unternehmen, den 553 Meter hohen Fernsehturm. Der CN Tower ist Torontos inoffizielles Wahrzeichen: Man ist hier stolz auf das zweithöchste frei stehende Bauwerk der Welt, das erst 2010 vom Burj-Khalifa-Wolkenkratzer in Dubai überflügelt wurde. Okay, eine Fahrt auf den Fernsehturm ist üblicherweise nicht gerade ein Geheimtipp: Fast zwei Millionen Besucher tummeln sich jedes Jahr auf den Aussichtsplattformen und im Drehrestaurant auf 351 Meter Höhe. Trotzdem hat Betty Ann Jordan recht - der Blick auf den Ontariosee und die Aussicht auf die Skyline Torontos ist ziemlich beeindruckend! Es wird von hier oben auch klarer, warum die Filmbranche Hollywood in den vergangenen Jahren häufig nach Toronto auswich, um New-York-Impressionen zu simulieren: Torontos Skyline wirkt von Weitem betrachtet nicht weniger glamourös als der Big Apple. Zoomt man näher heran, bemerkt man allerdings doch noch feine Unterschiede. Erstens: Das Leben in Toronto ist entspannter als in New York. "Der Kanadier ist ein lässiger Zeitgenosse", sagt meine Begleiterin, als wir über den altehrwürdigen "St. Lawrence Farmers Market" schlendern.

Die Menschen sind nicht nur relaxt, sie sind überaus freundlich

Der Markt gehört weltweit zu den berühmtesten seiner Art. Wer hier seine frischen Produkte anbietet, hat strenge Qualitätskontrollen hinter sich. Auch Unterschied Nummer zwei wird hier zwischen Frischfisch-Theken und Coffeeshops spürbar: Die Menschen sind nicht nur relaxt, sie sind zudem überaus freundlich. Das ist der US-Amerikaner zwar auch, wirkt in seinem formelhaften Überschwang aber nicht immer ganz so authentisch. Toronter sind auf eine eher unaufgeregte Weise nett. Vom Taxifahrer bis zur Supermarktkassiererin, jeder hat ein freundliches Wort, ein Lächeln parat. "Warum schauen einem die Menschen hier anders als den meisten Metropolen so freundlich in die Augen, wenn du ihnen auf der Straße begegnest?", frage ich Betty Ann. Sie zuckt mit den Schultern: "Meine Vermutung: Toronto ist eine sichere Stadt - niemand muss hier ständig auf der Hut sein." Als wir uns im schicken Einkaufsviertel Yorkville einem Zebrastreifen nähern und ein großes Auto ein klein wenig zu spät abbremst, kurbelt der Fahrer das Fenster herunter und lässt uns zerknirscht wissen: "Sorry, Leute, ich war einen Moment lang unkonzentriert."

Distillery District

"TYPISCH TORONTO", bestätigt Betty Ann, die auch ohne Kunden wie mich in ihrer Heimatstadt permanent nach kulturellen und kulinarischen Neuigkeiten Ausschau hält. In dem aufwendig restaurierten ehemaligen Industriepark Distillery District essen wir im "El Catrin", einem raffiniert gestylten Edelmexikaner. Der Laden ist voll, das Publikum hat seine Wurzeln in der ganzen Welt. Wie überall in Toronto. Touristen? "Nein", widerspricht Betty Ann. "Obwohl der Distillery District als Vergnügungsviertel gilt, sind hier hauptsächlich Locals. Es gibt diesen typischen alteingesessenen Einwohner ja auch gar nicht, fast die Hälfte hat keine kanadischen Wurzeln. Toronto ist die multikulturellste Stadt, die ich kenne." 

Das Miteinander all dieser Gruppen ist aber kein Problem, auch wenn man ganz bewusst kein "melting pot" - Schmelztiegel - sein will. Von Chinatown bis Little Portugal gibt es hier eine Menge Viertel, in denen sich Einwanderer gleicher Herkunft fein getrennt voneinander angesiedelt haben. Das heißt aber nicht, dass die Toronter sich auch mental in ihren Nischen einrichten. Sie sind stolz auf ihre Stadt, den langen Turm, die vielen Museen, die Toronto zu einem Anziehungspunkt kulturell ambitionierter Besucher gemacht haben. Und sogar auf die "Maple Leafs", das heimische Eishockeyteam - auch wenn das nur selten gewinnt. Mut zum ästhethischen Grenzbereich ist ebenso spürbar: Die an einen Glaszeppelin erinnernde Bauweise der berühmten Art Gallery of Ontario würde sicher nicht in vielen Städten der Welt mit der gleichen Inbrunst geliebt werden wie hier. Und auch das von außen ein wenig an die Oper von Sydney erinnernde Royal Ontario Museum im Bezirk Yorkville beweist, dass der Kanadier keine Angst vor kauzig-kantiger Architektur im öffentlichen Raum hat.

Am liebsten streift Betty durch das Szeneviertel West Queen West

DOCH FRAGEN WIR EINFACH MAL DEN PROFI. MÜSSTE SICH BETTY ANN JORDAN für einen Stadtteil entscheiden, dann fiele ihr die Wahl leicht: Am liebsten streift sie durch das angesagte Szeneviertel West Queen West. Die Queen Street West ist ziemlich lang, aber nur der westliche Teil davon gilt als der hippe, lebendige Teil, in dem sich eine vitale Szene aus Kunst und Gastronomie angesiedelt hat. "Das hat vor allem mit dem ‚Drake‘-Hotel zu tun", erklärt Betty Ann, "es ist in den vergangenen Jahren zu einem Treffpunkt der Kreativen in Downtown geworden." Tatsächlich stößt man in Toronto immer wieder auf den Namen Jeff Stober und den seines "Drake"- Hotels, das der Hotelier 2001 erworben und 2004 eröffnet hat. Die 19 Zimmer, charmant und lässig-urban eingerichtet, sind zwar oft ausgebucht. Aber als Ort für Lesungen und Konzerte sowie als Kommunikationszentrale, die in der Rooftop-Bar und im Café vibriert, hat das "Drake" für die hiesige Szene vermutlich eine viel größere Bedeutung als für seine Hotelgäste aus aller Welt.

Royal Ontario Museum

In West Queen West trifft Betty Ann Jordan Freunde und Bekannte im Minutentakt. In der kleinen Bücherei "Type Books" etwa, wo das Sortiment streng kuratiert wird, hat Buchhändler Derek McCormack gerade selbst einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Im "Atomic Design", einer durchkomponierten Möbelgalerie ein paar Blocks weiter, stapeln sich gute Stücke von Eames bis Jacobsen. Ein junger Mann begrüßt Betty Ann herzlich. "Das ist Lawrence Blair", stellt Betty Ann ihn vor, "du wirst wohl kaum jemanden finden, der sich mit Interiordesign in Toronto besser auskennt." Und so geht es weiter auf unserer langen, bunten Tour ...

Die Niagarafälle liegen quasi um die Ecke

Einmal ist die ansonsten tiefen entspannte Betty Ann an unserem gemeinsamen Entdeckertag allerdings fassungslos, ja, beinah schockiert. Wann ich denn zu den Niagarafällen zu fahren gedenke, fragte sie. Ich antworte mit einem wenig enthusiastischen Schulterzucken: "Eher gar nicht, dazu hab ich wohl keine Zeit mehr." Es folgte ein Blick, der ungläubig, peinlich berührt und verächtlich zugleich ist. "Die Niagarafälle sind ein absolut großartiges Schauspiel!", erregt sich Betty Ann. "Einzigartig, wirklich fantastisch und zudem in kaum zwei Stunden von hier aus zu erreichen!" Dafür sei ja wohl immer Zeit - was ich denn, bitte, sonst noch so Wichtiges zu tun habe? Nun, vielleicht nach Hause fliegen? Das lässt mir Betty Ann gerade noch durchgehen. Allerdings hat sie wie immer das letzte Wort: "Dann kommst du eben nächstes Mal im Sommer wieder und erlebst, wie sich die ganze Stadt am Ufer des Ontariosees tummelt." Guter Plan.

Unsere Reisetipps für Toronto

BESTE REISEZEIT 

Von Mai bis September regnet es am wenigsten, im Sommer kann es bis zu 30 Grad heiß werden. Für Abkühlung sorgt dann der Ontariosee

HOTELS

The Drake Lebendiger Mix aus lokalem Szenetreff und Boutiquehotel, nur 19 unterschiedlich eingerichtete, stylische Zimmer, dazu Livebühne, Rooftop-Bar und tolles Café. DZ ab ca. 160 Euro, thedrake.ca

Intercontinental Yorkville Auf den ersten Blick unscheinbares Kettenhotel, aber in perfekter Lage im schicken Einkaufsviertel Yorkville mit freundlichem Personal. Gegenüber: das Royal Ontario Museum. DZ ab ca. 155 Euro, toronto.intercontinental.com

Gladstone Hotel Art-Boutiquehotel mit ähnlich hipper Klientel wie das benachbarte "Drake". Es hat 37 eigenwillig eingerichtete Zimmer - das Design wurde von Künstlern entworfen und ist daher alles andere als dezent. DZ ab ca. 145 Euro, gladstonehotel.ca

BÜCHER

Die in England geborene und nach Toronto übergesiedelte Krimiautorin Maureen Jennings erschuf ihren Serienhelden Detective William Murdoch, der sich in seinen Fällen durch das Toronto Ende des 19. Jahrhunderts pflügt. Vier Bände sind auf Deutsch bei Heyne erschienen, aber nur noch antiquarisch erhältlich.

FILME

Nicht überall, wo New York, Chicago oder L. A. draufsteht, ist die Stadt auch drin. Oft wird stattdessen in Toronto gedreht, weil die Skyline ähnlich, die Kosten überschaubarer und die Drehgenehmigungen leichter zu haben sind. Toronto zum Anschauen in "Blues Brothers 2000", "Chicago", "Das Comeback" oder "X-Men".

KUNST & DESIGN

Toronto ist offen für Neues und Schräges: Die Art Gallery of Ontario erinnert an einen Glaszeppelin. In dem spektakulären Bau von Frank Gehry befindet sich eines der bedeutendsten Museen für zeitgenössische Kunst in Nordamerika. Auch das Design des Royal Ontario Museums in Yorkville beweist, dass man in der kanadischen Metropole keine Angst vor moderner Architektur im öffentlichen Raum hat. Der Erweiterungsbau stammt von Stararchitekt Daniel Libeskind, der Schwerpunkt des Hauses ist eine umfassende völkerkundliche Sammlung zu den Kulturen der Kontinente. Infos: ago.ca, rom.on.ca

Ein Artikel aus BRIGITTE woman

Brigitte WOMAN 03/2019

Wer hier schreibt:

Harald Braun
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.