Mit dem Fahrrad rund um Manhattan

Die Erde ist keine Scheibe – Manhattan dagegen schon. Eine Rundfahrt um die Insel ist wie eine Reise um die ganze Welt: durch Klein-Korea nach Spanisch Harlem, Chinatown und Little Italy. Einmal rund um den Globus an einem Tag, das geht – sogar mit dem Fahrrad!

Wir starten in Amerika. Genauer: Wir starten in New York. Das ist etwas Anderes. Das West Village etwa ist schicker, schwuler und vor allem viel sportlicher als weite Teile der USA. An einem Samstagvormittag ist die Promenade entlang des Hudson Rivers voll mit Joggern, Rollerbladern und Radfahrern. Gut, dass es für die eine eigene Spur gibt. Wir geben Gas.

Wir haben uns viel vorgenommen: Einmal rund um Manhattan, 45 Kilometer. Der Radweg am Ufer ist zwar an ein paar Stellen unterbrochen, aber verfahren können wir uns eigentlich nicht. Manhattan ist eine karierte Insel und wir haben das System durchschaut: "Avenues" verlaufen von Süden nach Norden und werden von links nach rechts gezählt, die Querstraßen dagegen von unten nach oben.

Mit dem Fahrrad rund um Manhattan

Keine Zeit für nackte Männer

Auslagen in Chinatown

22th Street, 32th, 42th - wie schnell das geht! Das waren nun schon Chelsea, Meatpacking District und Little Korea, wo man so wunderbar gedünstete Meeresfrüchte mit scharfer Soße essen und Karaoke singen kann. Jetzt sind wir auf der Höhe des Times Square. Dort ist mit etwas Glück der "Naked Cowboy" anzutreffen, ein Straßenkünstler, der in Cowboystiefeln und Unterhosen Gitarre spielt.

Wir haben aber keine Zeit für nackte Männer. Heute nicht. 57th, 67th, 77th - Hell's Kitchen, Midtown und Upper West Side. Wenn wir jetzt nach rechts abbiegen würden, kämen wir vorbei an Hauseingängen mit langen, grünen Vordächern unter denen "Doormen" stehen, Portiers im Fracks und mit weißen Handschuhen, die uns vielleicht freundlich zuwinken würden. Radfahrer sind hier eher selten - viel öfter fahren Chauffeure vor, die die Hausherren und -damen ins Büro bringen.

Vielleicht saust neuerdings öfter mal ein Fahrrad vorbei. Seit nämlich Umweltbewusstsein in den USA so angesagt ist, schwingt man sich auch in New York auf den Sattel: Rund 120.000 New Yorker radeln täglich zur Arbeit.

Willkommen in Spanish Harlem

Spanish Harlem

Die George Washington Bridge, die Manhattan mit dem amerikanischen Festland verbindet, kommt immer näher. Da drüben fängt New Jersey an. Da wollen wir nicht hin. Also fahren wir nach Osten durch Inwood, Harlem. Wir müssen uns durch den Straßenverkehr schlagen. Das macht wenig Spaß. Es ist laut und heiß. Riesige SUVs rauschen dicht an uns vorbei, aus ihren dunklen Fenstern wummern Hip-Hop Bässe,. Überall liegen Scherben auf der Straße. Bloß kein Loch in den Reifen fahren! Wir haben doch erst die Hälfte geschafft. Vorsichtshalber schieben wir. Und shoppen bei Straßenhändlern: Gucci, Prada, Miu Miu - alles Imitate, aber trotzdem schick. Eine Sonnenbrille im Stil von J.Lo muss her für unsere Weiterfahrt nach Spanish Harlem!

Plötzlich stehen wir auf einem puertoricanischen Straßenfest auf dem Malcom X Boulevard. Es riecht nach Grillfleisch und Mais mit Butter. Um uns herum sprechen alle spanisch. Auch wir sagen "hola" und "gracias", als wir Eis mit Kokosgeschmack kaufen. Die Kinder vor uns haben schlumpfblaue und kirschrote Kugeln in ihre spitzen Papierbecher bekommen.

Sushi mit atemberaubender Aussicht

Blick auf Manhattan und das Empire State Building

Ab der 125sten, dem Martin Luther King Boulevard, schwingen wir uns wieder in den Sattel. Und auf dem Fahrradweg am East River treten wir so richtig in die Pedale. Sausen an der Bronx auf der anderen Seite des Flusses vorbei. Viel sieht man davon nicht. Riesige Backsteinhochhäuser direkt am Ufer nehmen uns die Sicht.

110th, 90th, 60th, 40th Street - wir rollen Richtung Downtown. Erst auf der Höhe der Manhattan Bridge biegen wir links ab nach Chinatown. Neugierig beugen wir uns über die Auslagen der Händler. Oft steht da nur auf Chinesisch, was das eigentlich ist. Getrocknete Krabben? Pilze? Gewürze? Wer nachfragt, darf manchmal probieren.

Lust auf Sushi, Sushi mit atemberaubender Aussicht. Das gibt es im Empire Fulton Ferry State Park in Brooklyn. Dafür lohnt es sich, ein letztes Mal alle Kraft zusammenzunehmen und das sportlich härteste Stück der Fahrradtour zu bewältigen: Die Brooklyn Bridge. Einen Kilometer lang geht es nach oben. Das ist anstrengend. Danach geht es einen Kilometer lang nach unten. Das ist großartig.

In "Dumbo" - das steht für Down Under Manhattan Bridge Overpass - holen wir uns "Sushi to go" und setzen uns an die Waterfront. Es dämmert. Die Lichter der Brooklyn Bridge vor Manhattans Skyline glitzern im Wasser. Dass uns der Po ein bisschen weh tut, merken wir gar nicht. Spicy Tuna und Brooklyn Bier machen uns glücklich und wir denken: Das ist sie, die Insel, die eigentlich eine ganze Welt ist. Und wir haben sie umrundet.

Noch mehr Infos
Dauer: Mindestens fünf Stunden sollte man einplanen, um Manhattan einmal ganz zu umrunden. Leicht lässt sich die Radtour aber auch auf zehn oder mehr Stunden ausdehnen. Das hängt ganz davon ab, wie viele Stopps und Abstecher in die Stadt hinein ihr unternehmt!
Kosten: Ein Fahrrad für ein paar Stunden gibt es bereits ab 15 Dollar. Man sollte unbedingt Führerschein oder Personalausweis und eine Kreditkarte dabei haben, um diese beim Verleih hinterlegen zu können. Tagesmieten pro Rad liegen bei etwa 30-40 Dollar. Der große Vorteil dabei: Viele Verleiher verstehen unter "einem Tag" volle 24 Stunden - da kann man das Rad auch erst am nächsten Morgen zurückgeben!
Wo: Bike-Shops findet ihr in der ganzen Stadt und ganz bestimmt auch in der Nähe eurer Unterkunft. Hier eine Liste mit Verleihern (nach Stadtteilen sortiert): http://www.transalt.org/info/bikeshop.html
Fahrradkarten: Die Verwaltung der Stadt New York hat eine Karte extra für Radfahrer erstellt, auf der Radwege und die Streckenabschnitte eingezeichnet sind, auf denen es eine Spur für Radler auf der Straße gibt: http://www.nyc.gov/html/dcp/html/bike/cwbm.shtml. Auch der Schwierigkeitsgrad des jeweiligen Abschnittes geht daraus hervor. Sehr hilfreich!
Geführte Fahrradtouren: Wer keine Lust hat, sich selbst mit Straßenkarten herumzuschlagen und den ganzen Tag im Sattel zu verbringen, der kann eine geführte Radtour zum Beispiel durch den Central Park unternehmen: http://www.centralparkbiketour.com/. Ganz billig sind diese Touren allerdings nicht: Sie kosten um 40 Dollar für 2-3 Stunden, inkl. Rad.
Und noch ein Sicherheits-Tipp: New Yorker fahren mit Helm. Müssten sie zwar nicht (ab dem 16. Lebensjahr ist man nach dem Gesetzgeber von der Helmpflicht befreit), aber sicherer ist es allemal. Peinlich findet das hier niemand. Für den New Yorker Radfahrer gehört der Kopfschutz zum Fahrrad wie Kettenöl und Luftpumpe. Die setzen ihn alle freiwillig auf - und da kann man ja mitmachen!
Text/Bilder Nina-Anika Klotz
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