Budapest im Retro-Rausch

Im Sozialismus malten sich die Budapester Schüler noch Adidas-Streifen auf die Schuhe, doch mit seinem Ende warfen sie ihre alten Klamotten in die Ecke. Alles musste neu und extra modern sein. Jetzt entdecken die Budapester den Retro-Trend wieder - und setzen ihn auf besonders charmante Art und Weise um. Ein Shopping-Guide

Retro-Trend? Im Westen nichts Neues. Seit den frühen 90ern plündern wir die Kleiderschränke unserer Eltern, gehen in Trainingsjacken feiern, kaufen Vintage-Läden leer, holen die Smiley-Aufnäher zwecks New-Rave aus dem Keller, lümmeln in Clubs auf 50er-Jahre-Sofas herum und blinzeln am nächsten Morgen bei einer Afri Cola durch 70er-Sonnenbrillen in den Tag. Ganz anders in Budapest: Nach über 30 Jahren Sozialismus hatte niemand mehr Lust auf die alten Klamotten. Nach der Wende und den ersten freien Wahlen in Ungarn 1989 musste alles neu und extra modern sein. Doch so langsam haben sich alle ausgetobt und wieder Lust auf die eigene Vergangenheit: Zwei Millionen Budapester entdecken den Retrotrend für sich und setzen ihn auf besonders charmante Art und Weise um.

Nostalgie: Retrock Deluxe

Willkommen bei Alice im Wunderland. Zwischen Kronleuchtern, verschnörkelten Tischchen, alten Koffern und rosa Schweinchen hängen die neuesten Entwürfe bekannter ungarischer Jungdesigner. Zum Beispiel Kleider (circa 160 Euro) und Shorts (circa 590 Euro) von Je suis belle, dem Kreativ-Duo Dévényi Dalma Alma und Kiss Tibor. Ganz besondere Schätze sind in der Glasvitrine im zweiten Stock versteckt: aufgehübschte Flohmarktfundstücke, wie Ketten oder Broschen aus Glas (10 bis 20 Euro). Dazu passen nostalgische Schminktäschchen und feine Gürtel aus Leder (Henszlmann Imre utca 1, 5. Bezirk, Mo-Fr 10.30-19.30 Uhr, Sa 10.30-15.30 Uhr, www.retrock.com).

Disco-Fieber: Keuna

Afrika liegt im jüdischen Viertel. In Ungarn lebt die größte jüdische Gemeinde Osteuropas. Ausgerechnet zwischen koscheren Bäckereien, Cafés und Restaurants findet man in einem Innenhof die richtigen Accessoires für ein funky Disco-Outfit à la Erykah Badu. Zum Beispiel Ketten aus Glasperlen und Koralle (zwischen 15 und 80 Euro) oder Ohrringe aus Bananenblättern von Kati Torda, einer bekannten Schmuckdesignerin aus Ghana. Mutige entscheiden sich direkt für das komplette Programm: Kleider, Oberteile und Röcke mit bunten Mustern. „Eine ungarische Schneiderin, die in Ghana lebt, schickt uns alle zwei Jahre neue Kleider“, erzählt die Verkäuferin, „sie kauft Stoffe auf dem Markt und näht daraus ihre eigenen Kreationen“ (Károly körút 10, 5. Bezirk, Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr www.keuna.com).

Stylisch Turnen: Tisza

Das Label Tisza ist die Hassliebe der Ungarn. Zu Zeiten des Sozialismus gab es nur diese eine Sportmarke im ganzen Land. Wettbewerbe fanden nicht in der Marktwirtschaft, sondern lediglich in den Turnhallen statt. Und die füllten sich im blau-rot-weißen-Einheitsbrei. Beim verzweifelten Versuch, sich von anderen abzuheben, malten sich viele Schüler mit Filzstiften "Adidas"-Streifen auf die Schuhe und schmissen sie nach der Wende schnell in die Ecke.

Doch dann begannen alle die treue Marke zu vermissen und in Budapest eröffnete der erste Flagshipstore. Die Mützen, Kappen, Taschen, Schuhe und Schlüsselbänder werden immer noch in Ungran hergestellt – aber jetzt in allen möglichen Farben (Károly körút 1, 7. Bezirk, 10-19 Uhr, Sa 9-13 Uhr, www.tiszacipo.com)

Funky Fundgrube: Látomás

Durchatmen, ruhig bleiben und unbedingt viel Zeit mitbringen. Die Boutique bietet einen breiten Durchschnitt durch Ungarns junge Designszene. Neben renommierten Labels wie Kati Nadasdi haben hier auch unbekannte Modemacher eine Plattform. In den letzten acht Jahren hat sich eine Menge zusammen gesammelt: Retrotaschen, bunte Ohrringe aus Filz, Silber und Knete, Armreife, Kleider und Röcke. Besonders schön sind die knallbunten Stricktaschen von Anikò Piry (ab 20 Euro). Und die Second Hand-Abteilung hat vor kurzem – wie könnte es anders sein – eine eigene Etage bekommen (Dohány utca 20, 7. Bezirk, Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr, www.latomas.hu).

Vintage-Wunderland: Retrock

Seit 2001 ist das Geschäft im 5. Bezirk Pilgerstätte der alternativen Modeszene. Schuhe, Stoffbeutel, Sticker, Schmuck und Trash, so weit das Auge reicht. Junge Kreative entwerfen für das Label hippe Teile zu H&M-Preisen. Hier sieht man, was das Budapester Partyvolk gerne trägt. Kuschelige Kapuzenparka kosten 40 Euro, Schlagjeans gibt es ab 30 Euro, kleine Lederclutches und Handtaschen im 70er-Stil ab 13 Euro (Ferenczy Istvan utca 28, 5. Bezirk, Mo-Fr 10.30-19.30 Uhr, Sa 10.30-15.30 Uhr, www.retrock.com).

Nach der Wende: Chee Chee

Der bezaubernde Laden ist im Stil des fin-de-siècle gehalten: filigrane Tapetenmuster, Holzdielen, schwere Balken und eine alte Nähmaschine, die als Tresen dient, erinnern an die ausgehende Jahrhundertwende. Eine Gruppe von Designern teilt sich die Schnitt- und Verkaufsräume und fertigt auch individuelle Stücke auf Wunsch an. Wenn man bei einer Tasse Kaffee auf die Änderungen wartet, lenken einen sofort die wunderbaren Kleinigkeiten im Laden ab – Ringe und Ketten aus feinen Perlen für circa 20 Euro, süße Wäsche-Kombis ab 30 Euro und schicke Retro-Sonnenbrillen der Budapester Marke Tipton (Zichy Jenö utca 34, 6. Bezirk, Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr).

Kultursammelsurium: Szimpla Kert

Die Fassaden in Budapests Straßen sind noch nicht alle renoviert. Erstmal kamen die Wohnungen und großen Innenhöfe dran, die sich hinter den Häuserfronten verstecken. Und hier gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel die alte Stahlfabrik im Bezirk Elisabethstadt. Was vor vier Jahren halblegal begann, hat sich zu Budapests beliebtestem Club gemausert. Vor roten Fabrikziegeln stehen Stühle, Sessel und Tische aus dem Second-Hand-Laden. Einmal die Woche werden Konzerte und ab dem Frühjahr auch Flohmärkte organisiert. Wenn das Wetter gut ist, kann man draußen im „Kert“, also Garten sitzen. Und im Sommer gibt es dort ein Kino, das „Kertmozi“, mit einer Leinwand aus alten Industriestoffen (Kazinczy utca 14, 7. Bezirk, täglich 12-2 Uhr).

Oldschool feiern: die Szóda-Bar

Der Retrotrend macht auch vor der Sprache nicht halt: Als „Kávézó und mulató“ bezeichnet sich die Szóda-Bar. Kávézó bedeutet schlicht Café. Mulató stand in den 70ern für „Unterhaltung“ und klingt genauso liebenswert und fehl am Platz, wie ein begeistertes „knorke“ aus Papas Mund. Die Café-Bar ist komplett im 70er-Jahre-Stil eingerichtet, japanische Mangas ersetzen die Tapete und auf den Fensterbänken reihen sich die Soda-Flaschen aneinander, denn – was wäre Ungarn ohne das prickelnde Wasser? Der Erfinder István Ányos Jedlik, ein Benedektinermönch, gründete 1841 die erste Sodafabrik. Der Legende nach, um den unheimlich starken ungarischen Wein zu verdünnen. Noch heute gibt es lustige Mischgetränke, die sich „kleiner Hausmeister“ oder „Vizehausmeister“ nennen (Wesselényi utca 18, 7. Bezirk, www.szoda.com)

Schicke Bohnen: das Restaurant Menza

Wer seine neuen Klamotten ordentlich ausführen will, sollte abends einen Drink am Liszt-Platz nehmen. Vintage-Treter und Schlaghosen machen sich besonders gut in der Menza. In dem großen und offenen Restaurant treffen futuristische Formen und 70er-Tapeten auf traditionelle Leckereien. Von der Karte kann man blind bestellen. Ob ungarische Bohnensuppe (circa 3 Euro) oder Nudeln mit Frischkäse (circa 6 Euro) – hier schmeckt einfach alles. Unbedingt probieren: Desserts, wie Hüttenkäseteigbällchen mit Erdbeermarmelade und Sahne (circa 3 Euro), denn die Ungarn sind Könige der Mehlspeisen. Als die Habsburger Budapest 1686 von den Türken befreiten, haben sie nicht nur viele schöne barocke Häuser, sondern auch ihre Vorliebe für süßen Naschkram in Budapest hinterlassen (Liszt Ferenc tér 2, täglich 12-24 Uhr, www.menza.co.hu).).

Kinderschokolade auf Ungarisch: die Große Markthalle

Danach sind alle Ungarn süchtig: Pöttyös – kleine, mit Frischkäse gefüllte Schokoriegel, die es schon bei Oma gab. Seit neuestem versucht die Marke auch andere Länder zu infizieren und expandiert nach Österreich. Wer nicht warten möchte, bis der Süßkram in unseren Supermärkten gelandet ist, besucht am besten die Markthalle am Ende der Fußgängerzone, rund um die Váci utca. In dem Gebäude von 1896 gibt es alles, was das ungarische Herz begehrt: Gänseleber, frisches Gemüse, Unicum Schnaps und Paprika in allen erdenklichen Variationen, also frisch, getrocknet, als Pulver und in verschiedenen Schärfegraden. Auf drei Geschossen tummeln sich über 180 Geschäfte, Stände, Bistros und ein Supermarkt. Im Keller gibt es Fisch, frisch geangelt aus großen Aquarien (Vámház körút 1–3, Mo 6-17 Uhr, Di-Fr von 6-18 Uhr, Sa 6-14 Uhr).

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Text und Foto Simone Lück
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