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Überraschend! 10 Expertinnen-Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Urlaub

Karen Wittel, Expertin für nachhaltiges Reisen und  Regionalleiterin von "Forumandersreisen", dem Verband für nachhaltigen Tourismus.
Karen Wittel, Expertin für nachhaltiges Reisen und  Regionalleiterin von "Forumandersreisen", dem Verband für nachhaltigen Tourismus.
© Karen Wittel/atambo.de
Nachhaltiges Reisen ist viel mehr als nur CO₂-Einsparung. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für das Reiseland, für die Menschen, für die Natur. Karen Wittel, Expertin für nachhaltiges Reisen, gibt 10 Tipps, die wir nicht alle auf dem Schirm hatten.

1) Weg vom Mainstream

Kennst du das? Die Nachbarin postet ein geniales Foto vom türkisblauen Meer auf Mallorca. Schon hast du Lust, dorthin zu fahren. Bei der Suche nach einer Unterkunft orientierst du dich an Hotelbewertungen, und du landest du dort, wo alle hinfahren. So kann Overtourism entstehen. Statt zwischen den Kulturen zu vermitteln, führt ein ausufernder Tourismus zu Konflikten zwischen Gästen und der lokalen Bevölkerung. Außerdem: Wer sich Alternativen zum Mainstream sucht, beschert auch weniger bekannten Regionen ein touristisches Einkommen.

Nachhaltig zu reisen fängt also schon bei der verantwortungsvollen Auswahl des Ziels an. Über 120 CSR-zertifizierte Reiseveranstalter für nachhaltige Pauschalreisen weltweit findest du z.B. unter www.forumandersreisen.de. „CSR“ steht für „Corporate Social Responsibility“ und beschreibt die Verantwortung der Veranstalter für die Auswirkungen ihrer Angebote auf Gesellschaft und Umwelt.

2) Ziel gefunden – Vorfreude genießen

Reiseführer im Flieger oder in der Bahn lesen, noch schnell passende Ausflüge checken, und wie lange ist eigentlich die Fahrzeit zu meinem Hotel? Hand aufs Herz - wir kennen sie alle: die Last-Minute-Panik-Vorbereitung. Doch das ist wie ein Dreigänge-Menü ohne Vorspeise. Sinnvoller ist es, dein Reiseland tiefgreifender kennenzulernen. Wer Gebräuche, Religionen, Sprachen und das politische System einordnen kann, bewegt sich auf Augenhöhe mit der lokalen Bevölkerung. Man begeht keinen Faux-Pas, zollt dem Gastgeberland Respekt und erweitert den eigenen Horizont. Es erhöht die Toleranzgrenze und hilft, Andersartigkeit einzuordnen. Neben Büchern und Dokumentationen helfen dabei übrigens auch die "Sympathie-Magazine" (www.sympathiemagazin.de), die als Heft oder E-Book vom „Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.“ herausgegeben werden.

3) Clever fliegen – oder gar nicht

An- und Abreise machen einen Großteil der CO₂-Emissionen der Reise aus. Nehmen wir den Flug auf die Kanaren für eine vierköpfige Familie: Die Emissionen der Familie entsprechen 45.000 Auto-Kilometer mit einem vollbesetzten Mittelklassewagen, das hat das Umweltbundesamt errechnet.

Jeder Flug, auf den du verzichtest, ist ein Gewinn. Mein Tipp: Fliege weniger oft, dafür länger. Nimm den Zug zum Flug. Gabelflüge können Inlandsflüge vermeiden. Leiste dir Direktflüge, denn Start- und Landung sind besonders umweltschädlich. Übrigens: Mit der Wahl einer effizienten Fluglinie lassen sich bis zu zehn Prozent der Klimawirkung einsparen. Rankings findest du bei den Kompensationsanbietern, bei denen du den CO₂-Ausstoß deiner Reise ausgleichen kannst.

Ich persönlich kompensiere meine CO₂-Emissionen mit www.atmosfair.de. Die Klimawirkung der Reise wird ermittelt und in einen Spendenbetrag umgerechnet. Die Spende fließt in ein zertifiziertes Projekt (meist in einem Entwicklungsland), das bei der Einsparung von CO₂ hilft. Das kann ein Wasserkraftwerk in Honduras sein oder eine Biogasanlage für Kleinbauern in Indien.

Gut zu wissen: Bäume pflanzen zur Klimakompensation ist nicht sinnvoll. Die aufgeforsteten Wälder müssen erst über viele Jahrzehnte gedeihen, bis CO₂ in ausreichenden Mengen gebunden werden kann. Und wenn ein Sturm den Wald vernichtet?

4) Ressourcen schonen

Als ich kürzlich in Südafrika mit einem Hotelmanager zu Abend aß, sagte er, dass sie künftig nur noch Menüs anbieten. Das sei viel wirtschaftlicher als die großen Buffets. Ein Viertel seiner Energiekosten entfalle auf die Klimaanlagen, er denke über Zeitschalter nach. Im gleichen Urlaub gab es kaum Möglichkeiten, meine Trinkflasche aufzufüllen – also griff ich zur Plastikflasche. Nach zehn Tagen hörte ich bei 40 Flaschen auf, zu zählen. Bewusst konsumieren und sparsam mit Energie und Wasser umgehen, ist auch im Urlaub wichtig.

5) Dein Geld sollte im Land bleiben

Darum gib kleineren, inhabergeführten Unterkünften gegenüber internationalen Ketten mit durstigen Poolanlagen den Vorzug. Lass dich treiben und kehre auch in Restaurants auf deinem Weg ein, die nicht in deiner Bewertungs-App auftauchen. In vielen Ländern ist der informelle Tourismussektor lebenserhaltend. Deswegen kaufe deine Souvenirs lieber bei fliegenden Händlern als im internationalen Andenkenladen am Flughafen oder in der Hotellobby. Wichtig: Feilschen gehört in vielen Ländern dazu – aber sei nicht erbarmungslos.

6) Trinkgelder sind wichtig

Übrigens nicht nur in Entwicklungsländern. Die Tourismusbranche gehört zu der am schlechtesten bezahlten Branche. Das ist auch in Deutschland so. Deswegen finde heraus, welche Trinkgeldhöhe angemessen ist und vergiss nicht die Zimmerputzkräfte. Viele Unterkünfte haben Sammelboxen, die am Ende des Monats an die Belegschaft ausgezahlt werden. (Beachte: Es gibt auch Länder, wo Trinkgeld verpönt ist, etwa in Japan).

7) Zurückhaltung beim Fotografieren

„Ach schau mal, wie schön die Kids am Strand Fußball spielen“ – Klick. Wisch – und schon ist das Bild bei Instagram hochgeladen: Die spielenden Kinder am goldenen Strand, dahinter geht die Sonne unter. Frage: Wenn es deine Kinder auf dem Foto wären. Wie fändest du das?

Lass dein Handy in der Tasche und genieße die großartigen Urlaubsmomente ganz bewusst. Wenn du Menschen ablichtest, dann nur mit ausdrücklicher Zustimmung. Und aufgepasst bei Zeremonien und religiösen Stätten – hier drohen in manchen Ländern Gefängnisstrafen.

8) Die Sache mit der Kommunikation

Das warme Frühstück steht schon auf dem Tisch, es fehlt aber die Marmelade und das Croissant. Und der Kaffee ist auch noch nicht da. Du erinnerst die Bedienung einmal. Zweimal. Nichts passiert. Jetzt heißt es Geduld bewahren, respektvoll und freundlich bleiben. Bitte nicht aus der Haut fahren!

9) Der Umgang mit der Armut

Bettelnden Kindern kein Geld geben – ja, das ist schwer. Doch Fakt ist: Erfolgreiche „Bettel-Kinder“ bleiben erst recht vom Unterricht fern. Die Spirale von fehlender Ausbildung und Armut dreht sich so immer weiter. Je nach Situation kaufe ich den Kindern etwas zu essen oder Papier und Malzeug. Im Vorfeld schaue ich, ob es nicht Institutionen oder Organisationen gibt, die ich mit einer Geldspende unterstützen kann, statt auf der Straße Geld zu verteilen.

10) Die Erinnerungen teilen

Lade Freunde ein und teile mit ihnen deine Urlaubserinnerung. Räume auf mit Klischees und Vorurteilen. So trägst du ganz nebenbei zur Kulturverständigung bei.

Die Expertin: Karen Wittel ist Regionalleiterin von "Forum Anders Reisen e. V." (Verband für nachhaltigen Tourismus) und Inhaberin des nachhaltig zertifizierten Reiseveranstalters „Atambo Tours“.

Brigitte

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