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"Unbeliebt wie die Atombombe" Wo ist der Selfie-Stick geblieben?

Im Autofokus: Touristinnen im Januar 2015 auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi
Im Autofokus: Touristinnen im Januar 2015 auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi
© robertharding / imago images
Jahrelang ist er uns massenhaft im Urlaub begegnet, nun ist er wie vom Erdboden verschluckt. Was ist mit dem Selfie-Stick passiert – und wieso braucht den keiner mehr?

Der Selfie-Stick wirft mindestens drei Fragen auf: Warum benötigen wir einen künstlich verlängerten Arm, um uns selbst zu fotografieren? Warum fotografieren wir uns selbst? Und wo ist der Stick geblieben?

Die ausfahrbare Armprothese stand für das Paradoxon aus Individualismus und Herdentrieb, in dem wir alle gefangen sind: Ein Greifarm hält unser Handy, damit wir uns ohne fremde Hilfe vor Sehenswürdigkeiten fotografieren können – wie alle anderen Urlauber:innen auch. Wir mussten niemanden mehr ansprechen, der für uns auf den Auslöser drückt, und auch auf die Reisebegleitung ließ sich fortan verzichten.

"Eine der 25 besten Erfindungen"

2002 wurde der Selfie-Stick von dem Kanadier Wayne Fromm marktfähig gemacht, bald unterstützte sein Gadget die Menschheit milliardenfach bei der Selbstinszenierung in den sozialen Medien. Ihren Höhenflug erlebte die Teleskopstange 2014, als sie vom US-Magazin "Time" als eine der 25 besten Erfindungen geadelt wurde.

Doch schon kurz darauf begann der Sinkflug des Sticks. Bei manchen von Beginn an als unsympathisches Narzisst:innen-Accessoire ("Narcisstick") geschmäht, war er ab 2015 als "Plage in Kirchen und Museen“ verrufen ("Die Zeit"). Von Louvre bis Uffizien wurde er verboten, weil er drohte, unbezahlbare Leinwände und Besucher:innen-Augen zu massakrieren. Auch von Festivals, Sportevents, Vergnügungsparks, Zoos und Stadien wurde er verbannt – weil er als Waffe verwendet werden, Menschen verletzen oder deren Sicht behindern konnte, oder wie bei den "Bear Selfies" am kalifornischen Lake Tahoe zu selbstmörderischen Aktionen verführte: Selfie-Jäger:innen lauerten Bären auf, um Fotos mit ihnen zu schießen. Im November 2015 dann der endgültige Absturz aus dem Olymp bahnbrechender Ideen: Tech-Expertinnen aus dem Silicon Valley nannten den Selfie-Stick bei einer Umfrage als eine der beiden Erfindungen, die sie am liebsten ungeschehen machen würden – zusammen mit der Atombombe.

"Überspitzter Selfie-Hype"

Sicherlich alles Gründe, warum der Stick heute bei den Nordic-Walking-Stöcken auf den Dachböden verstaubt. Das Münchner "Trendbüro" nennt noch weitere. Sabine Rogg, Director Trends & Strategy zu BRIGITTE.de:

"Das Teil war wohl die Überspitzung des Selfie-Hypes, der sich nach extremen Ausprägungen in verträglichere Varianten gewandelt hat – heute wird ab und zu auch wieder einfach nur mit dem Herzen fotografiert." 

Moderne Handykameras hätten außerdem eine Weitwinkelfunktion, die den Stick überflüssig machten, und für die angesagten Clips bei Tiktok und Co. sei er eher hinderlich. Vielleicht spielt beim Verschwinden des Selfie-Sticks aber auch die Pandemie eine Rolle, die das Reisen für einige Zeit unmöglich gemacht hat. Zu Hause haben wir gelernt, wie wir uns auch ohne spektakulären Hintergrund (Brooklyn Bridge, Bär, Bodensee) im Close-up zeigen können, genau wie unseren Morgenkaffee. Beides gefiltert, versteht sich.

Quellen: Wikipedia, The Atlantic, The Economist, Time

Brigitte

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