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Urlaub 2021 Durchstarten oder Daheimbleiben?

Urlaub 2021: Durchstarten oder Daheimbleiben?
© Tonktiti / Shutterstock
Werden wir wieder reisen wie vor Corona? Oder hat der Reisestopp zu einem Umdenken geführt? Lehren aus dem Pandemiejahr - und was davon übrig bleibt.

2020 ist uns das Reisen abhandengekommen. Uns, den langjährigen „Reiseweltmeistern“. Auch wenn diese Auszeichnung weniger maximaler Abenteuerlust als maximalem Wohlstand und maximaler Reisefreiheit geschuldet ist, schmerzt der virusbedingte Urlaubsverzicht.

Dabei war unsere Lieblingsbeschäftigung schon lange vor Corona in Verruf geraten: Overtourism, Klimawandel, Flugscham, Ausbeutung und Vermüllung lauteten die düsteren Schlagworte. Schon 2016 erfuhren wir, dass ein Flug nach New York und zurück ungefähr fünf Quadratmeter Polareis schmelzen lässt - pro Passagier. Noch länger wissen wir, dass wir den Einheimischen das Wasser wegduschen und uns im Extremfall an überdimensionierten Büffets überfressen, während vor den Toren der Ressorts Menschen hungern. Manches, was im Tourismus stattfindet, ist dekadent, beschämend und zutiefst ungerecht.

In diesem Bewusstsein wurde 2020 vielstimmig die Hoffnung geäußert, dass die coronabedingte Zäsur uns zur Besinnung bringen würde, auch in Sachen Urlaubshunger. „Von Corona lernen“ war vielerorts zu lesen, sogar von einer „Zeitenwende“ ist die Rede. Der Publizist Martin Wehrle sagte dem MDR: "Corona ist gut für uns, weil die Krise wie eine Lupe wirkt und wir sehen jetzt, was in unserem System, auch in anderen Zeiten, verkehrt läuft."

Die Sehnsucht nach Reisen und Reizen

Ich sehe eher schwarz. Wenn ich in mich hinein- und mich umhöre, begegnet mir eine zum Bersten gedehnte Sehnsucht danach, wieder aufbrechen zu können. Nicht die Vernunft hat das Sagen, sondern lange angehäuftes Fernweh. Statt Bereitschaft zum Verzicht erlebe ich Nachholbedarf. "Hoffentlich können wir 2021 wieder reisen!" - diesen Satz habe ich oft gesagt und noch öfter gehört. Eine Umfrage des Reiseportals „Momondo“ bestätigt den Eindruck: Angeblich wollen 40 Prozent der Deutschen künftig noch mehr reisen als vor der Krise.

Nicht die Vernunft hat das Sagen, sondern lange angehäuftes Fernweh

Das überrascht mich nicht. Allein in eine fremde Welt geworfen zu werden, ist auch für mich eine der intensivsten Erfahrungen. Am besten mit dem Verkehrsmittel, mit dem der Cut am überwältigendsten, die Grenze zwischen den Welten am schärfsten ist: mit dem verpönten Flugzeug. Abends Frankfurt, morgens Delhi. Weil es anders als bei einer Überlandfahrt keine fließenden Übergänge gibt, lässt die Wucht der Fremde das in Routinen erstarrte Ich vor Freude tanzen.

Auch zu zweit ist das Ankommen schön. Weniger spektakulär, weil man in vertrauter Gesellschaft ist, dafür ist es verbindend. Oder mit Kind und Kegel: endlich raus aus dem zermürbenden Alltag. Mal eine Zeitlang nicht kochen müssen, allein das ist großartig.

Vielleicht nicht weniger, aber weniger schädlich
Etwas Hoffnung habe ich trotzdem: Selbst wenn wir nach Corona kaum weniger Urlaub machen werden als zuvor, führt die Zwangspause vielleicht dazu, dass mehr von uns weniger schädlich reisen. Mit Glück befördert das Virus nicht nur den Trend zum Homeoffice, sondern auch den zum „sanften Tourismus“, um einen leicht angestaubten, aber treffenden Begriff zu verwenden.

Vielleicht werden mehr von uns bewusster, ökologischer und sozialverträglicher reisen, nicht ganz so oft vielleicht, dafür länger und weniger rücksichtslos: Indem wir bei der Reiseplanung darauf achten, dass die Menschen vor Ort profitieren und nicht nur internationale Tourismuskonzerne. Indem wir unseren Gastgebern auf Augenhöhe begegnen. Unseren Fußabdruck am Reiseziel im Blick haben und nicht nur den eigenen Vorteil.

Denn immerhin haben wir 2020 gelernt, dass das Leben auch ohne das Heilsversprechen von Strand und Palmen gut sein kann. Und wie wichtig Solidarität ist, weil wir am eigenen Leib erfahren haben, dass alle Menschen von globalen Problemen wie Pandemien und Klimawandel betroffen sind - auch wir im superprivilegierten Europa, und nicht, wie sonst, nur „die anderen.“

2020 haben wir gelernt, dass das Leben auch ohne das Heilsversprechen von Strand und Palmen gut sein kann

Vielleicht ist das eine Lehre aus dem Pandemiejahr: Wir sitzen zwar nicht im selben Boot, aber auf demselben Planeten, und was die oder der Einzelne tut, hat Auswirkungen auf andere. Die Frage wird nur sein, wie lange diese Erfahrung nachklingen wird.

Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in eine andere Welt katapultieren zu lassen. Besonders jetzt, in der Reizarmut des Lockdowns, im Dauergrau des Winters, wo wir drinnen allein sein sollen und draußen nichts dürfen außer Luft schnappen und Essen kaufen. Aber seit Corona weiß ich auch, dass ich gedanklich nicht nonstop auf gepackten Koffern sitzen muss, damit es mir gut geht, unverplante Urlaube keine Panik auslösen und eine Reise nach innen auch gut tun kann. Mir, und dem Planeten sowieso.

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