Urlaub in der Schweiz: Die schönsten Badeseen

Die Schweizer pflegen eine besondere Beziehung zu ihren "Badis". Kein Wunder: Zwischen Basel und Genf laden herrliche Badeanstalten an blitzsauberen Seen und Flüssen zum Reinspringen ein. Nichts wie hin!

Ich entstamme einer Familie heiterer Frauen. Wann immer sie an einen See, Weiher, Fluss oder ans Meer kamen, sprangen sie hinein. "Herrlich!", riefen sie, völlig unabhängig von Wetter und Wassertemperatur. "Wunderbar! Ist das schön!" Es war keine sportliche Angelegenheit, sondern eine der puren Freude. Hatten sie einmal keinen Badeanzug dabei, tat es auch die Unterhose. Ich lernte, bevor ich laufen und sprechen konnte: Wenn man sich ins Wasser begibt, kommt das Glück herbei.

Baden in der Natur - for girls only

Zu dem Zeitpunkt, um den es hier geht, ist es höchste Zeit für ein wenig Glück, also fahre ich in die Schweiz. Dort schimmern blitzsaubere Naturgewässer zuhauf und gleich zwölf hübsche Freiluftbadeanstalten, in denen Frauen unter sich sein können.

Kenia: Aus einem besonderen Grund leben in diesem Dorf nur Frauen

"FAST ALLE PROBLEME IM LEBEN LASSEN SICH DURCH SCHWIMMEN LÖSEN. DAS IST DEN MEISTEN MENSCHEN NICHT KLAR" (Schriftsteller John von Düffel)

Regenwolken, aha, na ja. Der Himmel über den Berghängen bei St. Gallen hängt tief, die drei Weiher des Familienbads "Dreilinden" ruhen dunkelgrün vor schweigendem Wald. Am äußersten Zipfel des Geländes steht eine kleine Trutzburg über dem Wasser, das Frauenbad. Eine verwinkelte Schönheit aus dunklem Holz, zauberhaft aus der Zeit gefallen und an diesem grauen Tag ein menschenleerer, verwunschener Ort. Wie an jedem verträumten, verlassenen Platz liegen Geschichten in der Luft: von sonnengewärmten Plaudereien auf den langen Wandbänken und verblichenen Stegen; und von den Jungfrauen, für die vor rund 120 Jahren die innen liegenden, sichtgeschützten Nichtschwimmerbecken angelegt wurden.

Der Bademeister streicht Holzlatten. Familiär und gemütlich gehe es hier zu, sagt er, und wäre er nicht so diskret, könnte er so einiges erzählen über seine vielen Stammgäste. "Ich mag sie", sagt er. "Alle sind lieb. Alle. Es ist etwas Besonderes hier." Speziell sind auch die Sommerzimmer, die sich hinter verschlossenen Kabinentüren verbergen. Die St. Gallenerinnen mieten sie fürs ganze Jahr. Hineinschauen darf ich nicht, aber man richte sich schon häuslich ein, sagt der Bademeister, mit Fotos und Bildern an den Wänden, Büchern und Badeutensilien, Kissen und Liegen. Die Liegen trage er alten Damen an den gewünschten Platz auf der Wiese. Auch dort ist ein Teil für die weiblichen Badegäste abgetrennt. Geschwommen wird ebenfalls ohne Männer, in der Mitte des Weihers ankert eine Boje mit einer Tafel: "Halt – nur für Frauen."

Das Wasser hat freundliche 21 Grad und umarmt mich weich. Mein Gemüt wird gleich froher gestimmt. Aus einem Teich heraus ist ein grauer Tag gleich viel zuversichtlicher zu beschauen. Also auf, der Hauptstadt Bern und der Sonne entgegen. Es geht durchs Schweizer Mittelland, ein sich lang ziehendes, breites Tal. Viel Feld, viel Weite, niedrige, sanft gewellte Hügelketten. Es ist eine zurückhaltende Landschaft, mit viel Raum für bedächtige Vorfreude auf ein kleines Abenteuer.

"WANN IMMER DU SCHWIMMST – ES GIBT KEINEN ZWEIFEL, DASS DU DAS RICHTIGE TUST" (John von Düffel)

Ins "Marzili", das Flussbad von Bern, spaziere ich einfach so hinein, der Eintritt ist frei, denn das Bad ist auch ein Park, in dem es von spielenden, picknickenden Menschen wimmelt. Es gibt viel Rasen, vier Schwimmbecken, und mittendurch fließt eilig, breit und türkis die Aare, die sich in einer Schlaufe einmal um die Altstadt zieht. Unweit vom "Marzili" thront auf einem Hügel das Bundeshaus, Sitz des Schweizer Parlaments und der Regierung. Was für ein Gegensatz: dort pompöse Neorenaissance, hier nostalgische 70er-Jahre-Schlichtheit.

Ab ins "Paradiesli"

Die Tür, nach der ich suche, verbirgt sich unauffällig hinter langen Laubengängen mit Schließfächern. Die Frauenabteilung des "Marzili" heißt "Paradiesli", der kleine Hinweis am Eingang verspricht Idylle: „Nur für Frauen, keine Kinder“. Ich erwarte einen romantischen Garten Eden, aber das "Paradiesli" ist ein großzügiger, von hohen Holzwänden umrahmter, klösterlich schlichter Hof. Viel Rasen, ein paar Bäume, lange, niedrige Holzpodeste zum Sonnen, an den Wänden die "Kästlis".

Die Außengeräusche dringen wie durch Watte herein, zu den alten, jungen, dicken, dünnen Frauen, die hier so sind, wie man im Paradies vor dem Sündenfall eben ist: nackt und friedlich. Viele kommen seit Jahren, jeden Sommertag. Wie Ursula, 74, sehr hübsch, sehr zart und trainiert, mit orange lackierten Fingernägeln und einem Fußkettchen. Ihre Tage im Marzili sind geruhsam getaktet: vormittags am Imbiss einen Kaffee trinken und mit den anderen Stammgästen plaudern, dann 40 Minuten Bahnen ziehen im Pool. Danach ein "Schwumm" in der Aare, wie man das in der Schweiz nennt, zum Abschluss Yoga im Paradiesli, Zeitung lesen, Müßiggang. Natürlich macht Ursula auch im Winter jede Woche mindestens einen Schwumm, so wie die Bürogruppe, der sie zur Mittagszeit oft begegnet.

Kopfüber in die Fluten. In der Aare bei Bern ist die Strömung nicht ohne, aber perfekt für einen Schwimmausflug – man flaniert wie die Einheimischen erst mal am Ufer entlang und lässt sich anschließend zurücktreiben.

Ein Schwumm ist ein Schwimmausflug, und der geht so: Erst spaziert man barfuß in Schwimmkleidung etwa zwanzig Minuten unter schattigen Bäumen vom Marzili den Fluss aufwärts. Sehr relaxt ist das, wie sich hier die Pilger in Badehosen und -anzügen mit bekleideten Flaneuren mischen. Vor einem idyllischen Campingplatz gibt es einen flachen Einstieg, dort geht es ohne Zögern ins Wasser hinein. Anders als entschlossen geht es nicht, denn die Aare entspringt Berggletschern und hat auch im Hochsommer nur 18 Grad. Es geht jetzt ohnehin alles sehr schnell: Sobald ich im Fluss stehe, reißt er mich zu sich hinein. Oh, wie schön ziehen die Bäume am Fluss­ufer vorbei und die Wolken am Himmel. Es geht zügig voran, unter einer Fußgängerbrücke hindurch, hinter mir juchzen Brückenspringer in den Fluss. Dann tauche ich die Ohren unter Wasser.

Die Aare beißt kalt hinein und schenkt mir dafür eines der bezauberndsten Geräusche der Welt: das Klickern, Knistern und Sirren der Steinchen am Flussgrund. Berührende Kieselsteinmusik. Zum Schluss wird es aufregend, es kommt ein großes Schild: "Letzter Ausstieg". Weiter vorn ist ein Wehr, die Staustufe im Fluss ist gefährlich. Am Ufer gibt es Haltegeländer, um hinauszukommen – aber der reißenden Strömung zu entwischen ist keine lässige An­gelegenheit. Es gilt, sich festzuklammern, gegen den Sog und das Wasser zu kämpfen, nicht nachzugeben. An Land dann pure Euphorie. Was für eine Heldin ich doch bin! Und weil alles an diesem Schwumm unbeschreiblich großartig war – gleich noch einmal!

"SCHWIMMEND SIND WIR VOLLKOMMEN IM JETZT. SIND ETWAS SCHWEBENDES, LEICHTERES, NIRGENDWOHINGEHÖRIGES" (Martin Walser)

Danach geht es hoch ins Berner Oberland, die Berge schieben sich stetig näher an die Straße heran. Nun ist "Heidiland" und alles zum Seufzen schön: idyllische Dörfer, charmante Holzchalets mit roten Geranien und eindeutig glückliche braun-weiße Kühe. Dann fährt eine Gondel steil hinauf, unter ihr springen Bergziegen, ihre Glöckchen bimmeln wie ein hübsches Vorspiel zu dem, was gleich kommen wird. Oben ein Spaziergang, und da liegt er, milchig-mintgrün, umrahmt von imposanter Felsenkulisse – der Oeschinensee.

Immer mit der Ruhe. Wer im Berghaus am Oeschinensee übernachtet, ist fern von sämtlichen Alltagsgeräuschen, nur eine Gondelbahn bringt Gäste in die Gipfelwelt der Blüemlisalp, an den Hängen bimmeln die Glöckchen der Ziegen.

Hier gibt es keine Extras für Frauen, aber erhabene Anblicke. Gleich nach den ersten Schwimmzügen offenbart der See, was er verlangt. Hier geht es nicht ums Planschen oder Erschlaffen. Hier will eine Naturherrlichkeit auf hohem Niveau wahrgenommen werden. Ich schwimme also bedacht und sage leise, was gesagt werden muss: "Das ist sehr, sehr schön. Danke." Am Abend wird es sehr still. Wer nicht in einem der beiden Chalets am Ufer übernachtet, hat sich längst wieder aufgemacht, um die letzte Gondel ins Tal zu erwischen.

"ES LIEGT BEI JEDEM SELBST, SICH DEN RUCK ZU GEBEN UND SEINE LANDEXISTENZ FÜR MOMENTE HINTER SICH ZU LASSEN" (John von Düffel)

Genf ist begehrt – nirgendwo sonst in der Schweiz drängeln sich die Städter*innen auf so engem Raum wie hier. Genf ist Hauptsitz der Vereinten Nationen in Europa, weltweites Diplomatie- und Bankenzentrum. Das Umland ist zersiedelt, also schnell hinein in die Stadt, denn dort ist Schönheit pur. Wäre das Strandbad an der Promenade des Genfer Sees eine Frau – sie wäre eine anmutige Französin, lässig-stilbewusst, sinnenfreudig und sehr entspannt. Die "Bains des Pâquis" sind eine großzügige offene Anlage aus den 30er-Jahren im Bauhaus-Stil, mit Blick auf Genf und über das weite, sehr blaue Wasser. Die wunderbar in die Jahre gekommene weiße "Badi", wie die Schweizer ihre Badeanstalten nennen, strahlt auf der Stelle etwas Kultiviert-Legeres aus – ebenso wie das Großstädtergewimmel in Sommerfrischelaune. Ich spaziere so elegant wie möglich auf Stegen, von denen aus man in den See schwimmen kann. Am Selbstbedienungstresen des lässigen Freiluftrestaurants gerate ich aus dem Häuschen: Austern! Gänseleberpastete! Kühler Wein!

Schwimmen ist Nebensache in den "Bains des Pâquis" am Genfer See, stellt Autorin Sylvia Heinlein schnell fest – sie ist nämlich die Einzige im Wasser. Die Genferin ist lieber in ein Buch vertieft, mit einem Glas Weißwein neben dem Handtuch.

Die Frauenabteilung ist durch eingetopfte Weiden abgetrennt, hinter denen Großstädterinnen sich – oben ohne oder mit – sonnen. Man könnte durchs Grün zu ihnen hineinschauen, wenn man wollte – aber das will hier offensichtlich niemand. Im Schatten schwingen ein paar Hängematten, in denen Mütter ihre Babys wiegen und junge Frauen träumen. Ansonsten ist die Genferin gern in ein Buch versunken, mit einem Glas Weißwein neben dem Handtuch. Schwimmen scheint eher Nebensache, ich bin allein im Wasser. Der Genfer See ist der größte der Schweiz und macht sogleich eine klare Ansage: Schön respektvoll bleiben, meine Liebe.! Also schwimme ich nahe an den Mauern und beobachte in Ufernähe ein paar Fische. Das Wasser ist hier so sauber, dass es als Trinkwasser aufbereitet wird. Hinterher stehe ich sehr lange unter der Freiluftdusche, versteckt in einer zauberhaft angelegten Wildnis aus Apfelbäumen, Weiden, Bambus und Lavendel. Abends glimmen Lichterketten über der Restaurantterrasse. Ich bestelle Käsefondue, so ist es Brauch in den "Bains des Pâquis". Vor mir Blubbern im Topf, auf der Zunge spritziger Wein, in der Luft französisches Geplauder, ein Mädchen hüpft Springseil am Beckenrand. Aus dem Dunkel gluckst das Wasser. "C’est si beau", seufzt jemand am Nebentisch, "allons nager." Es ist so schön, lass uns schwimmen gehen.

Geheimtipps Schweiz

ÜBERNACHTEN
Militärkantine
 Ausgezeichnet als eines der schönsten Hotels der Schweiz. Stilvolles Retro-Design, hochwertige Betten, tolles Frühstück, in St. Gallen. DZ/F ab 130 Euro, militaerkantine.ch

Berghaus am Oeschinensee Schlichte, freundliche Zimmer direkt am See, gute, bodenständige Küche. Geöffnet von Mai bis Oktober. DZ/F 115 Euro, berghausoeschinensee.ch

Campingplatz Eichholz Idyllisch unter Bäumen an der Aare bei Bern, zehn einfache Zimmer oder Platz für ein Zelt. April bis September. Grundgebühr p.P. 12 Euro, DZ 20 Euro, Zelt 8 Euro, campingeichholz.ch

Hotel Kipling Boutiquehotel in Genf. Zentral und nahe beim Strandbad, sehr charmante Zimmer, DZ/F 155 Euro, hotelkiplinggeneva.com

SCHLEMMEN
Schlössli 
Herausragende Schweizer Spezialitäten, wohlige Atmosphäre im historischen Gemäuer in St. Gallen. Vorspeisen ab 17 Euro, Hauptgerichte ab 30 Euro, Reservierung empfohlen. schloessli-sg.ch

Dampfzentrale Wenige Gehminuten vom Marzilibad am Aare-Ufer in Bern. Romantische Terrasse vor historischem Industriegebäude. Mittagsmenü um 18 Euro, Snacks 10 bis 15 Euro. restaurant-dampfzentrale.ch

Migros Die Supermarktkette bietet hauptsächlich ihre Hausmarke an, viele erschwingliche Schweizer Köstlichkeiten für ein Picknick, migros.ch

SHOPPEN
Tolles Design im Shop des Textilmuseums von St. Gallen. Seidentücher, Badetücher und vieles mehr aus lokalen Werkstätten. textilmuseum.ch

In den romantischen Laubengängen der Berner Innenstadt kann man stundenlang durch kleine Läden streifen: Im Bazar 58 gibt es vor allem Knöpfe, aber auch Mode und Accessoires aus dem eigenen Atelier (Gerechtigkeitsgasse 58). Traumhaftes Geschenkpapier bei Daucher Papeterie (Gerechtigkeitsgasse 31). Hinreißende selbst entworfende Karten und Notzibücher: Feines (Marktgass-Passage 3).

SCHWIMMEN
St. Gallen. Familienbad Dreilinden 
Am grünen Stadtrand, mit dem kostenlosen Badebus ab Hauptbahnhof gut zu erreichen. Frauenbadehaus und -see. Mai bis September, Eintritt 5 Euro, Dreilindenstraße 50, 9011, St. Gallen.

Genf. Bains des Pâquis Zentral am Genfer See. Mit Frauenbereich und -hamam. Nicht verpassen: Sauna mit Massagen und das Käsefondue im Restaurant. Im Sommer täglich um 6 Uhr Gratiskonzert und -kaffee. Ganzjährig geöffnet, Eintritt 2 Euro, Wellnessbereich 16 Euro, bains-des-paquis.ch

Kandersteg. Oeschinensee Natursee 1600 Meter hoch auf dem Berg, nur mit der Gondelbahn zu erreichen. Freier Eintritt, keine Badeanlage. Im Hochsommer letzte Gondel ins Tal um 18 Uhr, Hin- und Rückfahrt 27 Euro, kandersteg.ch

Bern. Marzilibad Zentral, unterhalb des Bundeshauses, direkt an der Aare. Mit Pools und Frauenbereich. Mai bis September, Eintritt frei, badi-info.ch

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BRIGITTE WOMAN 06/2020

Wer hier schreibt:

Sylvia Heinlein

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