Wandern in der Schweiz: Alte Grandhotels und Gipfelglück ☀️

Tagsüber wandern und abends in historischen – und erschwinglichen! – Grandhotels einkehren: BRIGITTE-Autorin Susanne Arndt ging auf einer Zeit- und Wanderreise durch die Schweiz gleich zwei Leidenschaften nach.

Die Grandhotels wurden einst für die bergverrückten Briten gebaut

Manche Menschen träumen vom Fliegen. Ich habe immer von einem Bett in der Wildnis geträumt. Nun liege ich auf damastenen Kissen und schaue dem Wasserfall dabei zu, wie er donnernd Gletscherwasser in den See spuckt. Die gerafften Gardinen an meiner weit geöffneten Terrassentür geben einen hübschen Bühnenvorhang ab für das Naturschauspiel, das die Giessbachfälle vor meiner Nase aufführen.

Vor wenigen Stunden erst haben Fotograf Florian und ich im Grandhotel Giessbach eingecheckt. Augenblicklich fühlten wir uns entrückt, dabei ist das Hotel nicht mal zwei Stunden von Zürich entfernt, auf 660 Metern Höhe. Doch die puderfarbenen Putten, die uns im Vestibül begrüßten, die Salons voller Lüster und Brokat katapultierten uns in die Vergangenheit. Und während die Ortschaften unten am Ufer längst im Schatten lagen, löffelten wir auf der Terrasse hoch über dem Brienzersee noch eine "Suppe vergessener Gemüse".

Bergschloss: Im Salon des "Grandhotel Giessbach" wird noch Flügel gespielt.

Schon seit 1875 besetzt das Haus diesen Platz an der Sonne. Damals reisten Großbürger und Adelige, vornehmlich aus England, in die Schweizer Berge, um in eigens für sie erbauten Prachthotels gepflegt über den Dingen zu schweben. Willkommen in der Belle Époque!

Das "Giessbach" ist nur die erste von sechs Stationen auf unserer Zeitreise ins 19. Jahrhundert, als der Alpentourismus schwer in Mode kam. Auch ich wollte mal wieder in die Berge, aber nicht in Urlaubsorte voller Pensionen, die auch als Kuckucksuhren Karriere machen könnten. Also suchte ich im Internet nach alten, original belassenen Hotels in einsamen Seitentälern und Höhenlagen und bastelte mir eine Autotour zusammen. Weil viele Gäste heutzutage nach Spas und Pools verlangen, sind die Zimmer erschwinglich geworden. Das Beste: Von allen Häusern kann man direkt loswandern.

Keiner starrt ins Smartphone - WLAN gibt's hier nicht

Die Bergstiefel schnüren Florian und ich zum ersten Mal im Berner Oberland, im Hotel Rosenlaui am Ende eines wild romantischen Hochtals. Durch eine enge Schlucht steigen wir auf in Richtung Engelhornhütte. Mit Macht hat das Wasser diese 80 Meter tiefe Schneise in Kalk und Schiefer geschnitten. Dann geht es durch duftende Tannenwälder voller Heidelbeersträucher und über kleine Schneefelder hinauf zur Hütte – den Rosenlaui-Gletscher immer vor Augen.

Am Abend stürzen wir uns im 110 Jahre alten Speisesaal hungrig aufs Menü.

Als Florian die Suppe aus der Terrine mit Goldrand schöpft, erspähe ich durchs Fenster einen Fuchs, der unten am Fluss nach Futter sucht.

In der Kulisse thronen Jahrmillionen alte Wolkenkratzer – die Felsen der Engelhörner. Nach dem Dessert trollen (oder vielmehr rollen) wir uns in einen der Salons mit den englischen Blumentapeten; ein paar Gäste spielen Schach, andere blättern in den Büchern aus dem Regal – so wie einst vielleicht Tolstoi oder Nietzsche, die hier ebenfalls die Stille suchten. In der knarzenden Wohnzimmeratmosphäre von anno dazumal fällt kaum auf, dass keiner ins Smartphone starrt. WLAN gibt’s hier nicht.

Ins "Hotel Rosenlaui" sind schon Tolstoi und Nietzsche eingekehrt – seitdem hat sich nicht viel verändert. 

Christine Kehrli, die mit ihrem Mann das Hotel in zweiter Generation betreibt, setzt sich zu uns und sagt: "Es ist ein großes Glück, wenn man die Geschichte ein bisschen weitertragen darf." Diese Freude sieht man dem altmodischen Haus an: Es gibt nichts Zweckmäßiges, nur Altes und Schönes, bis hin zum historischen Etagenklo. Doch es ist vor allem die Natur des Rosenlauitals, die Frau Kehrli fasziniert, möglichst oft geht sie wandern. Auch, weil die Berge dem Menschen den Kopf zurechtrückten: "Es tut gut, Dinge zu betrachten, die größer sind, als man selbst", sagt Frau Kehrli. "Dann werden die Sorgen kleiner."

Radikaler könnte der Gegensatz zur imposanten Natur in diesem verspielten Fin-de-Siècle-Hotel kaum sein. Und doch beseelen sich beide Welten aufs Schönste: Zarte Stores an den Fenstern verwandeln die raue Bergwelt in Gemälde, die man nach Lust und Laune betreten kann. Und wer von den Gipfeln ins Hotel zurückkehrt, erlebt tiefe Behaglichkeit – es ist die perfekte Symbiose aus "Grand Hotel" und "Grande Nature".

Eine Welt wie eine alte Postkarte

Und dann, im Graubündner Fextal fast 300 Kilometer weiter östlich, ist gleich die ganze Welt von gestern. Per Kutsche zuckeln wir in das autofreie Seitental des Engadins, in dem seit mehr als 60 Jahren nicht mehr gebaut werden darf. Auf einem Kurvensträßchen klappern wir in fast 2000 Metern Höhe durch bunte Bergwiesen und über Gebirgsbäche gen schneebedeckte Felsen – die Szenerie ist so unwirklich, als führen wir geradewegs in eine verblichene Postkarte mit gezacktem Rand hinein. Schließlich kommt unser Zweispänner vor dem letzten Haus zum Stehen: Das "Hotel Fex" wurde hier 1904 eröffnet – nachdem es unten in St. Moritz demontiert worden war. Baumaterial war damals wertvoll.

Das Hotel Fex liegt einmalig schön am Ende des Fextals - und bietet Gletscherblick vom Bett!

Tierarzt Marc Bär aus Zürich, der das Anwesen vor sechs Jahren gekauft hat, erwartet uns schon und erzählt, dass er damals als Erstes den Fernseher verschenkt und die Sonnenschirme mit den Werbeaufdrucken weggeworfen habe. "Ich hasse das!", donnert er, haut auf den Tisch und lacht herzhaft.

Der Mann mag es ursprünglich: Koch Georgio darf möglichst nur regionale Lebensmittel verarbeiten und bitte keine Produkte von Großkonzernen. Er macht seinen Apéro aus den Vogelbeeren im Garten und aus dem Holunder Sorbet.

Am Morgen brechen wir früh auf, um den Piz Chuern vor der Haustür zu besteigen. Ich fühle mich so klar und frisch wie der Bergmorgen mit seinen taugeküssten Blumenwiesen. Die Reise in eine Zeit, in der das Essen noch vom Bauern statt aus der Fabrik kam, tut ihre Wirkung. Das Wandern hat mich Schritt für Schritt entspannt, und das Wohnen in einer Epoche, in der es Kunststoff noch nicht gab, tat Seele und Augen gut. Ich sehe wieder mehr hin als fern: Ist das eine Glockenblume oder Enzian? Und das? Blühendes Moos? Oben stecken wir die Füße in den smaragdgrünen See Lej Sgrischus, bis sie vor Kälte schmerzen, und lauschen den Pfiffen der Murmeltiere.

Erhebend: Autorin Susanne Arndt ist fast oben – auf dem 2689 Meter hohen Gipfel des Piz Chuern.

Zurück in meinem Zimmer öffne ich das Fenster und ziehe mir das Federbett bis unters Kinn, um warm eingepackt den Fexer Gletscher zu betrachten, auf dem sich der Abend niederlegt. Vielleicht ist das hier ja das schönste Ende der Welt, überlege ich. Und frage mich noch, ob das auch der englische Lord so empfand, der bis vor 15 Jahren mit seinem Butler hierherkam. Aber dann schlafe ich schon tief und fest wie ein Murmeltier.

Barfußwandern - so wirst du Eins mit der Natur

Wandern in der Schweiz: Die 6 Grandhotels unserer Rundreise

Von allen Hotels kann man Wanderungen unternehmen – einfach an der Rezeption beraten lassen. Das Essen ist fast durchweg erstklassig und regional. Nicht immer gibt es Fernseher, meist aber WLAN.

1 Grandhotel Giessbach. Das prächtige Haus an den Giessbachfällen thront in Alleinlage über dem Brienzersee. DZ/F ab 170 Euro (3855 Brienz, Tel. 339 52 25 25, www.giessbach.ch).

2 Hotel Rosenlaui. Charmantes Hotel am Ende des Rosenlaui-Hochtals im Berner Oberland. Die Zimmer haben kein fließend Wasser, Duschen und Toiletten sind auf der Etage. DZ/HP ab 198 Euro (3860 Rosen- laui, Tel. 339 71 29 12, www.rosenlaui.ch).

3 Grimsel Hospiz. In fast 2000 Metern Höhe, auf einem Felssporn inmitten des graugrünen Grimselsees, trotzt das Gebäude mit seinen dicken Granit- mauern dem rauen Klima. Das erste elektrisch beheiz- bare Hotel Europas ist eher puristisch – und trotzdem äußerst behaglich! DZ/F ab 212 Euro (3864 Guttannen, Tel. 339 82 46 11, www.grimselwelt.ch).

4 Kurhaus Bergün. Das Jugendstil-Hotel am Rande des Bergdorfs Bergün ist ideal für Familien – es gibt Ferienwohnungen, und das Freibad-Ticket ist inklusive. DZ/F ab 170 Euro (7482 Bergün, Tel. 814 07 22 22, www.kurhausberguen.ch).

5 Hotel Fex. Das Interieur ist vergleichsweise schlicht – aber die Lage im autofreien Fextal unschlagbar schön. Anreise zu Fuß, per Kutsche oder Shuttle. DZ/HP ab 230 Euro (Via da Fex 73, 7514 Fex/Sils, Tel. 818 32 60 00, www.hotelfex.ch).

6 Schatzalp. Die Grande Dame der Tuberkulose-Sana- torien oberhalb von Davos ist in Würde gealtert und nicht nur für „Zauberberg“-Fans ein Erlebnis. Mit riesigem Alpengarten! DZ/F ab 220 Euro (7270 Davos Platz, Tel. 814 15 51 51, www.schatzalp.ch).

LESEN

Roland Flückiger-Seilers „Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830–1920“ erzählt Geschichte und Geschichten. (192 S., 79 Euro, Hier und Jetzt)

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Weitere Infos unter www.myswitzerland.com und www.swiss-historic-hotels.ch.

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Vorwahl für die Schweiz: 00 41.

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