Wanderreiten in Schweden: Mit Muße durch die Wildnis

Kann man als Erwachsene noch das Reiten für sich entdecken? Unsere Autorin hat es probiert. Auf dem Pferdehof Kalvefalls in Östergötland lernte sie das Wesen der Pferde kennen - und sehr besondere Menschen.

Riesen. Na klar. Als ich vom Auto aus in den Kiefernwald schaue, wird mir bewusst, warum Riesen in nordischen Mythen so eine große Rolle spielen: Es sind die Steinbrocken. Gewaltig und bemoost liegen sie überall zwischen den Bäumen. Als hätten Riesenkinder sie im Spiel umhergeworfen und dann vergessen. Für Jahrhunderte.

Frau fällt Handy ins Meer – unglaublich wie ein Weißwal reagiert

Viele Steine und Kiefern später sehen wir die ersten Pferde. Sie stehen an einem Hang, direkt an der Straße. Hellbraun und ebenfalls riesenhaft groß, wie offenbar alles in Schweden.

Ich schaue auf die Pferderücken. Darauf soll ich reiten? Ich, 1,62 m, 50 Kilo, vom Mann liebevoll Zwerg genannt? Ich, die Pferde bislang nur aus der Ferne kannte, gern mit einem Zaun dazwischen? 

Der Pferdehof Kalevfalls liegt in einem idyllischen Tal in Östergötland.

Dann erreichen wir Kalvefalls, und die Aussicht verdrängt meine Bedenken. Der Hof liegt in einem abgelegenen Tal, mehrere Holzhäuser sind über das Gelände verstreut. Herzstück ist ein altes Jagdhaus mit Restaurant und Ställen. Dahinter Wiesen, auf denen Pferde und Schafe grasen. Und der tiefe Wald.

Tschüss, Alltag!

Kalvefalls ist ein Stopp auf der Schweden-Tour, die meine Freundin Sarah und ich mit unseren Familien machen. Als wir sahen, dass der Hof nicht nur Bed & Breakfast anbietet, sondern auch Wanderreiten für Erwachsene, waren wir uns sofort einig: Das wollen wir ausprobieren. Sarah hat zuletzt als Kind auf dem Pferd gesessen. Ich noch nie. Aber ich dachte: Wenn ich Reiten lerne, dann hier, im wilden Riesenland.

Lautes Kinderlachen tönt nun durch die Stille von Kalvefalls. Unsere Töchter Jonna und Marlene haben ein Trampolin entdeckt, der zweijährige Vico rollt auf einem Dreirad über das Gelände. Sarahs Franka, fünf Jahre und schwerbehindert, lauscht den anderen in ihrem Wagen hinterher.

Ein Ort zum Entspannen - und Rennen: der Pferdehof Kalvefalls.

Die liebevoll gepflegte Knorrigkeit des Orts gefällt mir sofort. Ich habe das Gefühl: Hier kann man einfach sein. Den Alltag vergessen und zur Ruhe kommen.

"Hej hej!"

Ein blonder Junge taucht plötzlich auf. Er begrüßt uns laut auf Schwedisch und schüttelt allen kräftig die Hand. Franka kichert.

Vom Stall kommen nun auch Åsa und Olle auf uns zu. Kräftiger Schritt, Lachfalten, der Blick offen und aufmerksam. Sie sind unsere Gastgeber und die Großeltern des kleinen Händeschüttlers. Den Hof hat der 64-jährige Olle vor 18 Jahren gekauft, seit fünf Jahren führt er ihn mit Åsa gemeinsam. Die Leidenschaft für die Pferde hat sie zusammengebracht, nun geben sie sie als Reitlehrer und Tourenführer an ihre Gäste weiter.

Olle zeigt uns die beiden gemütlichen Holzhäuser, in denen wir wohnen werden. "Morgen um 11 Uhr gehen wir reiten", sagt er zum Abschied.

Läuft bei mir. Nicht.

Olle Forsell erklärt Sarah und Michèle seine Pferde-Philosophie. 

Am nächsten Tag stehen Sarah und ich auf dem Reitplatz und sehen Olle zu, wie er mit Helferin Sonja die Pferde zu uns führt.  Ich atme auf. Es sind nicht die Riesen, die wir auf dem Hinweg beobachtet haben. Auf seine schwedischen Kaltblüter lässt Olle nur sehr erfahrene Reiter. Für uns hat er Isländer ausgewählt. Sie sind kleiner, robust und kräftig.

Mir wird das gutmütigste Pferd im Stall zugeteilt. Freja, benannt nach der schwedischen Göttin für Liebe und Fruchtbarkeit. Sie schaut mich aus großen Pferdeaugen an.

Sarah dreht ihre erste Runde auf den Isländern.

Und dann geht's los. Ich beobachte, wie Olle mit dem Pferd zu verschmelzen scheint, als er aufsteigt. Das ist also sein natürlicher Lebensraum. Auch Sarah sieht im Sattel aus, als wäre sie im Reitstall aufgewachsen. Souverän dreht sie eine Runde.

Und ich? Mein Kopf versinkt unter dem schweren Helm. Als ich mich auf das Pferd setze, fühle ich mich, als würde ich Spagat machen. 

Sonja erklärt, wie ich das Pferd mit den Unterschenkeln antreibe. Ich drücke sie in Frejas Bauch. Nichts passiert. Ich drücke noch einmal, kräftiger. Freja steht. Ich drücke und drücke, verstehe nicht, was ich falsch mache. Einer unserer Zuschauer lacht, Freja ignoriert mich weiter. Ich beginne zu schwitzen. Da steigt Olle ab, geht zu einer Weide und reißt einen Zweig ab.

"Hier, das hilft", sagt er. Ich soll damit leicht an den Hals des Pferdes schlagen. Klapp, klapp, drück, drück. Freja bewegt sich. Endlich.

Im Schritt über Wurzeln und Moose

In einer Kolonne reiten wir zum Waldrand, unsere Männer und Kinder winken hinterher. Jonna und Marlene immer noch etwas schmollend. Dass auf Kalvefalls nur Erwachsene und Teenager reiten dürfen, ist für sie nur schwer zu verstehen. Doch jetzt sind mal die Mütter dran.

Schnell erreichen wir den Waldweg. Freja folgt brav den anderen - solange ich sie immer wieder mit dem Zweig stupse. Höre ich auf, bleibt sie stehen und zupft Klee mit ihren großen Pferdezähnen. Klapp, klapp. Weiter geht's.

Mir fällt auf, wie entspannt alles abläuft. Kein "Hüah!", "Hoo!" und sonstiges Gebrüll. Die meisten Signale werden ohne Worte gegeben. Auch die Menschen kommunizieren anders. Ruhiger, achtsamer. Sarah lächelt mir zu.

Während wir an einem See vorbeireiten, erzählt Olle, dass Åsa und er manchmal als Reiter in Island gebucht werden. Dort treiben sie riesige Schafherden ein und bringen sie zurück zu den Höfen. Ich kann mir die beiden gut vorstellen, allein mit den Tieren, zwischen Hügeln und windzerzaustem Meer ...

"Uaaah!"

Ein Schrei reißt alle aus ihrer Versunkenheit. Es war mein Schrei, weil die Kolonne plötzlich den Weg verlässt und in den Wald hineingeht, Freja hinterher. Ich wäre fast vom Sattel gerutscht. Olle lacht laut.

Ab des Weges

Es geht steil den Berg hinauf, kein Pfad mehr, der Boden ist uneben, von Moosen und Ästen übersäht. Das Pferd schaukelt kräftig. "Hallo?", denke ich, "ich reite zum ersten Mal, hat Olle das vergessen?"

Querwaldein geht's beim Wanderreiten in Östergötland.

Doch dann merke ich, wie sicher Freja den Weg findet. Ich versuche, mich mit dem Körper auf ihre Bewegungen einzulassen. Es klappt. Wir schaukeln durch den Wald, der immer wilder wird. Als würden gleich Gnome hinter den umgestürzten Bäumen auftauchen. Doch ich fühle mich ruhig und sicher. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass wir ein Team sind, Freja und ich. Den Zweig brauche ich nicht mehr.

Als wir wieder auf dem Waldweg sind, erklärt Olle mir, wie wichtig ihm der Respekt vor den Pferden sei. Kalvefalls ist kein Erlebniszoo, in dem man ständig Pferdeschnauzen tätscheln und mit Möhren vollstopfen darf. Die Tiere tragen uns, also haben sie es verdient, ihre Ruhe vor den Menschen zu haben. So läuft das hier.

"Manchmal kommen Idioten, die das nicht verstehen. Sie behandeln die Pferde schlecht. Aber die sind auch das letzte Mal hier", sagt Olle und grinst.

Ich schlucke und klopfe freundschaftlich Frejas Hals. Nun ja. Dass ich mein Pferd nicht respektiere, kann man mir zumindest nicht vorwerfen. Ich habe eher das Gefühl, dass die Stute mich als Reiterin lächerlich findet, aber schlicht zu faul ist, mich abzuwerfen.

Olle Forsell (vorne) führt uns sicher durch den Wald.

Nach zwei Stunden im Wald sind wir wieder auf dem Hof. Ich schaffe es kaum, meine schmerzenden Beine vom Pferd zu lösen. Der Muskelkater morgen wird die Hölle. Aber das ist egal. Ich bin geritten. Wie Ronja. Und ich glaube nicht, dass es das letzte Mal war.

Elch-Burger und Gesang

Am Abend gibt es im Kalvefalls-Restaurant Burger aus Elchfleisch mit Bratkartoffeln. Olle hat gekocht und es schmeckt fantastisch. Zum Essen haben noch andere Touristen hergefunden, alle kommen aus Deutschland. "German Night" hat Olle den Abend getauft.

Die Gaststube ist mit Kerzen beleuchtet, alle sitzen an einem langen Holztisch. Wir kommen schnell mit Gästen und Gastgebern ins Gespräch. Kein Smalltalk, es geht gleich in die Tiefe. Wir reden über Wendepunkte des Lebens, über Rückschläge, aber auch darüber, dass man eine Menge selbst in der Hand hat.

Olle ist Seele und Herz des Hofs

Wieder denke ich, wie gut dieser Ort tut. Weil hier keiner Theater spielen muss. Man darf sogar weinen. Wie die Frau aus Leipzig, die mit Sarah über ihren Sohn spricht, der vor 15 Jahren verstorben ist. Er war behindert, wie Sarahs Tochter Franka.

Du kannst laut lachen. Wie Sonja aus Tölz, die eine Scheidung hinter sich hat und mit ihrer Tochter demnächst nach Schweden auswandern will. Das Haus ist schon gekauft.

Du kannst auch schweigen. Wie Peter, der Olle auf dem Hof hilft und dessen Gesichtsfurchen von seinem Leben erzählen.

Oder du kannst singen. Und das macht Olle jetzt auch, auf Schwedisch. Unbegleitet singt er für uns ein Traditional, anfangs etwas brüchig in der Stimme. Die Kinder kichern. Aber auch das ist okay, beides.

Später spreche ich Olle auf die Riesen an. Glauben die Schweden wirklich an sie, wie man sagt? Olle zeigt seine Lachfalten. Dann sagt er: "Das ist keine Frage des Glaubens. Natürlich gibt es die Riesen."

Info: Wanderreiten auf dem Reiterhof Kalevefalls

Hier entspannt man nach dem Wanderreiten: Die gemütlichen Holzhäuser auf dem Pferdehof Kalvefalls.

Der Pferdehof Kalvefalls von Olle Forsell und Åsa Strandberg liegt in Österbymo im schwedischen Östergötland. Anreise am besten per PKW. 

Bed & Breakfast: Auf Kalvefalls gibt es drei kleine Ferienwohnungen mit je drei bis vier Betten. 50 Euro/Person, die vierte Nacht ist umsonst. Abendessen auf Wunsch.

Reiten und Wanderreiten: Olle und Åsa bieten Reitkurse, Reitausflüge und mehrtägiges Wanderreiten für Jugendliche und Erwachsene an. Gesprochen wird Englisch.

Preisbeispiele: Zweieinhalbstündiger Reitausflug inklusive Kaffee und Sandwiches: ca. 60 Euro. Wochenend-Wanderreiten mit Übernachtung im Zelt inklusive Führung, Verpflegung und Ausrüstung (ohne Alkohol): ca. 390 Euro. Eine Woche Wanderreiten inklusive Führung, Vollverpflegung und Ausrüstung (ohne Alkohol): ca. 980 Euro. Einwöchiges Reitcamp für Jugendliche: ca. 530 Euro.

Infos und Buchung über die Kalvefalls-Website oder auf Facebook.

Michèle Rothenberg

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