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Zürich Geheimtipps einer Heimkehrerin

Zürich ist wunderschön
© Christian Grund / Brigitte
In der Schweiz sind Museen und Restaurantterrassen schon wieder geöffnet. Schriftstellerin Milena Moser, die am Limmat aufgewachsen ist, verrät hier ihre Geheimtipps. 

Die Verwandlung beginnt auf dem Weg in die Stadt, irgendwo zwischen Flughafen und Hauptbahnhof. Wenn ich in meiner Heimatstadt ankomme, bin ich noch ganz amerikanische Touristin und als solche erst mal überwältigt. Von der Schönheit und dem Glanz. Von den ordentlichen Abläufen, die mich zielsicher zum S-Bahnhof führen, wo alle zehn Minuten oder so ein Zug in die Stadt fährt. Und dieser Zug ist pünktlich, und er ist sauber. "Wir erwarten eine Verspätung von ungefähr vier Minuten", entschuldigt sich eine höfliche Stimme aus dem Lautsprecher. Wo gibt’s denn so was? Na hier. In Zürich.

Zürich: Ankommen in der alten Heimat

Ja, das sind Klischees. Aber wie alle Klischees sind sie um einen wahren Kern herum gewachsen. Jetzt taucht der Zug aus dem Tunnel auf und fährt auf die Stadt zu. Wenn das Timing stimmt, sehen wir die Sonne zwischen den Türmen des nördlichen Stadtrands untergehen und die spiegelnden Fassaden in goldenes Licht tauchen. Während die Pendler und Pendlerinnen nicht mal von ihren Handys aufschauen, stoßen wir Besucher einen kollektiven Seufzer aus. Als wir uns dem Hauptbahnhof nähern, merkt auch mein Handy, wo wir sind, und erwacht bimmelnd zum Leben. Und dann erinnere ich mich wieder: Das ist meine Stadt. Ich bin nicht fremd hier.

Schätze aus Stein. Das Grossmünster ist die prächtigste Kirche der Stadt und hat Seeblick.
Schätze aus Stein. Das Grossmünster ist die prächtigste Kirche der Stadt und hat Seeblick.
© Christian Grundmann / Brigitte

Oh, Zürich, mein Zürich! Diese majestätische Stadt, in der ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe und die immer noch mein Zentrum ist. Meine Kinder sind hier, meine Brüder, Nichten, Neffen, Großnichten und Großneffen. Meine Freundinnen und Freunde. Meine Lieblingsbuchhandlung, mein Verlag, mein Agent. Meine Gewohnheiten, meine Erinnerungen, meine Geschichten.

In der Fremde kann ich mich neu erfinden, hier weiß ich wieder, wer ich bin.

Doch manchmal kommt es mir vor, als könnte ich Zürich erst jetzt richtig kennen- und schätzen lernen. Wie alle Städte kann nämlich auch diese ganz schön anstrengend sein. Wenn man hier lebt und arbeitet und Kinder großzieht, wenn man einen Alltag hat, Rechnungen und Mieterhöhungen und Läuseplage in der Kita. Da bleibt keine Zeit, um über Mittag schnell ins Kunsthaus zu schauen oder spontan auf den "Üetzgi", den nahen Üetliberg, zu wandern.

Als Besucherin kann ich nun endlich all diese Schätze würdigen und genießen, die meine Stadt so großzügig vor mir ausbreitet. Doch jetzt sind es natürlich meine Kinder, meine Freundinnen und Freunde, die eingespannt sind zwischen Beruf und Familie, die nicht einfach alles fallen und liegen lassen können, nur weil ich wieder mal da bin. So verbringe ich meine Tage meist allein.

Tina Turner wird hier mit "Frau Törner" angesprochen

Auch das war mir logischerweise nicht bewusst, als ich noch hier lebte. Die diskrete Zurückhaltung der Bewohner*innen, die manchmal fast abweisend wirken kann, lässt viel Freiheit. Kein Wunder, dass Tina Turner gern hier lebt. Na ja, nicht direkt in der Stadt, aber in der nahen Seegemeinde Küsnacht, wo sie ungestört einkaufen geht und von der Kassiererin als "Frau Törner" angesprochen wird. Doch nicht um Tina über den Weg zu laufen, pilgere ich an meinem ersten Morgen in der Schweiz gern nach Küsnacht. Sondern weil ich eines der nur selten verkehrenden Gipfelischiffe erwischen möchte, die frühmorgens im unteren Seebecken losfahren. Der Name ist übrigens nicht eine schwyzerdütsche Verkleinerungsform für die majestätischen Berggipfel, die man bei klarem Wetter fast anfassen kann, nein.

Ein Gipfeli ist ein Hörnchen, ein Croissant, ein Frühstücksgebäck. In der Schweizer Variante so luftig und flockig, dass man mindestens zwei essen muss, um satt zu werden. Die Fahrt in die Stadt dauert dreimal so lange wie mit dem Zug, aber wer so zur Arbeit fährt, wähnt sich schon im Urlaub. Spiegelglatt liegt das Wasser frühmorgens da, ein Nebelschleier steigt auf. Die nahen Berge sind noch verschwommene Umrisse. Und dann taucht sie vor uns auf, die Stadt. Das sanfte Morgenlicht über den Dächern, die glitzernden Kirchtürme rechts und links der Brücke.

Der neue Funke. Zürich ist auch mutig und unkonventionell, an das über hundert Jahre alte Landesmuseum, das einem Schloss ähnelt, wurde ein Neubau aus Sichtbeton gesetzt, der auf ganzer Fläche freundlich-grau schimmert.
Der neue Funke. Zürich ist auch mutig und unkonventionell, an das über hundert Jahre alte Landesmuseum, das einem Schloss ähnelt, wurde ein Neubau aus Sichtbeton gesetzt, der auf ganzer Fläche freundlich-grau schimmert.
© Christian Grundmann / Brigitte

Zürich ist atemberaubend schön. Das "schleckt keine Geiß weg“, daran ist nicht zu rütteln. Strahlend drehe ich mich zu einem der Mitfahrenden um und erinnere mich im letzten Moment, dass die Zürcher*innen Gefühlsausbrüche gar nicht goutieren. Was soll’s, ich lebe ja nicht hier. "Isn’t it goooooooorgeous!", durchbreche ich das stoische Schweigen.

Ja, ich genieße meine Stadt, wie ich es früher nie konnte. Und ich erkenne erst jetzt, wie offenherzig sie ist, wie großzügig. Ihre schönsten und spannendsten Ecken sind die, wo Geschichte auf neue Ideen trifft, wo Tradition sich neu erfindet. Wie zum Beispiel im Landesmuseum gleich beim Bahnhof. Als Kind nannte ich es das "Königsmuseum", weil ich die traditionellen Trachten für royale Roben hielt. Meine Söhne wollten immer erst die Speerspitzen und Schwerter sehen.

Doch in diesem Hort der Kulturgeschichte finden auch die innovativsten Ausstellungen statt. Zum Beispiel "Der erschöpfte Mann", eine Auseinandersetzung mit männlichen Heldenrollen und der Überforderung, die diese unweigerlich erzeugen. "Kommt mir irgendwie bekannt vor", murmelt mein Sohn, der sich mir in seiner Mittagspause kurz angeschlossen hat. Mein Besucherstatus breitet sich auf meine Familie aus, die Idee, in der eigenen Stadt Ferien zu machen, ist zu verlockend. "Sollen wir am Wochenende wieder mal auf den Üetliberg? Da war ich nicht mehr, seit du …"

Die Züricher wissen zu leben

Doch auch die jüngere Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen: Die Jugendbewegung der Achtzigerjahre hat die Stadt radikal verändert. Das liegt auch daran, dass alle relevanten Positionen von den Veteran*innen der Bewegung besetzt sind, sie bestimmen Medien, Kultur und Gastronomie. Sie sorgen dafür, dass der Funke der Unberechenbarkeit nicht ganz erlischt. Und das ist gut so.

Das fällt mir am Nachmittag, ausgerechnet auf dem Friedhof, wieder auf. Die großzügige, parkähnliche Anlage auf dem Sihlfeld mit ihren Denkmälern und ausladenden alten Bäumen lädt zu einem Spaziergang ein und regt zum Nachdenken an. Besonders berührt mich das Gemeinschaftsgrab am Rand der Anlage. Hier liegen einige, die ich kannte, auf eigenen Wunsch. Das war Ausdruck einer Veränderung der Konventionen, ein Bedürfnis nach einem anderen Umgang mit dem Tod. "Ich hab immer in WGs gelebt", erinnere ich mich, einen Freund sagen zu hören. "Was will ich im Tod mit einer Eigentumswohnung?" 

Eigentlich wollte ich Reto Bühler besuchen, der seit 2019 das "Friedhof Forum" leitet. Im Auftrag der Stadt führt er hier Veranstaltungen durch, die sich mit Themen um Tod und Sterben auseinandersetzen, und versucht, einen neuen, angstfreien Zugang zu einem ­Thema zu öffnen, das uns früher oder später alle betrifft. Ich bin beeindruckt und fasziniert. Das traditionsbewusste und verschlossene Zürich zeigt immer wieder seine mutigen und unkonventionellen Seiten. Hat keine Angst vor Tabuthemen und weiß doch, die Fassung zu wahren.

Willkommen im Club. Das "Volkshaus" war früher eine Arbeiterbastion mit Kantine und Versammlungsräumen, heute ist es ein Wohlfühlort mit einer großartigen Buchhandlung, einem Hamam und einem hübschen Restaurant.
Willkommen im Club. Das "Volkshaus" war früher eine Arbeiterbastion mit Kantine und Versammlungsräumen, heute ist es ein Wohlfühlort mit einer großartigen Buchhandlung, einem Hamam und einem hübschen Restaurant.
© Christian Grundmann

Doch die Zürcher*innen stellen sich nicht nur dem Tod, sie wissen auch zu leben. Das Essen nehmen sie ernst. Vom traditionellen Fondue am Fuße des Üetlibergs bis zur veganen Tempel-Fusion- Cuisine im angesagten "Chreis Cheib" werden hier alle denkbaren kulinarischen Gelüste befriedigt. Und natürlich immer auf höchstem Niveau, in bester Qualität, ästhetisch ansprechend angerichtet – und nicht ganz billig.

Doch bevor ich heute Abend meine Familie zum Essen treffe, gehe ich erst noch eine Runde schwitzen. Praktischerweise befindet sich mein bevorzugtes Hamam am selben Ort wie das Restaurant, in dem wir reserviert haben, im geschichtsträchtigen Volkshaus. 1910 eröffnet, bot es vor allem Versammlungsorte und billige Mahlzeiten für die Arbeiterklasse an, bis in die Neunzigerjahre strikt alkoholfrei. Da früher die wenigsten Wohnungen über fließendes Wasser verfügten, wurden Wannenbäder und Duschbrausen im Untergeschoss rund 450-mal pro Tag genutzt. Heute verteilen sich die Badenden in der großzügigen und – das muss ich wohl nicht mehr extra erwähnen – wunderschönen, geschmackvoll restaurierten Anlage.

Als sei es nach meinen Bedürfnissen konzipiert worden, gibt es hier auch eine Buchhandlung. Einer der beiden Besitzer ist mein alter Freund und ehemaliger Mitverleger Tommy Egger. Zusammen haben wir fünf Bücher herausgegeben, auf die ich heute noch stolz bin, auch wenn wir danach bankrott waren. Tommy deckt mich mit einem Stapel Neuerscheinungen ein, die ich gleich mitnehme. Doch später, als ich nach der Hamam-Runde körperlich und seelisch aufgeweicht auf dem heißen Stein schmore, mag ich gar nicht lesen. Stattdessen denke ich an all die Geschichten, die die Stadt mir erzählt. Ihre Geschichten und meine.

Oh Zürich, denke ich. Wie konnte ich dich je verlassen?

Weil ich dich sonst nie richtig kennengelernt hätte.

Milena Moser, 57, ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Schweiz. Die gebürtige Züricherin lebt in San Francisco. Ihr aktuelles Buch: "Das schöne Leben der Toten", 19 Euro, Kein & Aber.

Bitte beachten: Die Einreisemodalitäten ändern sich laufend. Bevor ihr eure Zürich-Reise plant, schaut bitte beim Auswärtigen Amt nach, welche Regeln aktuell gelten. Momentan müssen Urlauber:innen aus Sachsen und Thüringen in der Schweiz in Quarantäne. 

Milena Mosers Geheim- und Reisetipps für Zürich

HOTELS in ZÜRICH
Hotel Europe 
Ein Original, dessen üppig tapezierte Zimmer immer wieder für Fotoshoots gebucht werden. In der Lobby lässt sich prima schreiben, wie ich bezeugen kann. Ab ca. 130 Euro, europehotel.ch.

Hotel Greulich Geniale Lage mitten im Szeneviertel Kreis 4, Restaurant und Café sind bei Quar­tierbewohner*innen und ­Freiberufler*innen gleichermaßen beliebt. Ab ca. 130 Euro, greulich.ch.

Hotel Ladys First Wenn man über den seltsamen Namen hinwegkommt, entdeckt man ein charmantes kleines Boutiquehotel im edlen Wohnviertel Seefeld – und einen erstklassigen Wellnessbereich. Ab ca. 120 Euro, ladysfirst.ch.

UNTERNEHMUNGEN in ZÜRICH
Kunsthaus Zürich 
 Spannende Ausstellungen, aber ich muss auch jedes Mal die Sammlung besuchen und meinen Seelenverwandten, den Skulpturen von Giacometti, Hallo sagen. kunsthaus.ch.

Helsinki Klub Unverwechselbare Atmosphäre, angesagte Bühne für lokale Musiker und andere Künstler. helsinkiklub.ch.

Friedhof Forum Im alten Krematorium Sihlfeld, bietet kulturelle Veranstaltungen, Führungen und Diskussionen rund um die gern verdrängten Themen Sterben und Tod. Aemtlerstrasse 149.

Xenix Das Sofakino mit Bar ist während der Jugendbewegung der 80er-Jahre entstanden. Eigenwillige Filme, billige Getränke – die besten Voraussetzungen, um ins Gespräch zu kommen. xenix.ch.

Volkshaus Lohnenswert für einen ganzen Tag und die halbe Nacht – Konzerte, Lesungen, Shows, ein Restaurant und eine gut sortierte Buchhandlung. volkshaus.ch.

RESTAURANTS in ZÜRICH
Jurablick
 Wunderschönes kleines Chalet auf dem Üetliberg, nur zu Fuß erreichbar. Der einzige Ort an dem ich Fondue esse. Unbedingt reservieren! jurablick.com.

Maison Raison Ein Mix aus nordafrikanischen Mezze mit buddhistischer Tempelküche. Alles vegan. maison-raison.ch.

Bistrot Chez Marion Ein wunderbar altmodischer Ort, an dem man stundenlang schmausen kann. chezmarion.ch.

AUSGEHEN in ZÜRICH
Cabaret Voltaire
 Jazz- und Café-Bar, ein Stück Zürcher Geschichte: Hier wurde 1916 der Dada erfunden. Es waren auch damals die Immigranten, die frischen Wind in die grauen Mauern der Stadt brachten. cabaretvoltaire.ch.

El Lokal Kunterbuntes Ambiente in einer ehemaligen Theaterschulkantine, die Terrasse eine Insel zum Abschalten. ellokal.ch.

BRIGITTE WOMAN 03/2021 Brigitte

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