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Wabi-Sabi Was steckt hinter der japanischen Philosophie?

Wabi-Sabi: Eine Vase mit Baumwoll-Zweigen steht auf einem Beistelltisch
© Photographee.eu / Shutterstock
Nichts ist vollkommen, nichts existiert für immer: Die japanische Philosophie Wabi-Sabi zelebriert die Imperfektion des Lebens. Wir erklären, was sich dahinter verbirgt – und wie wir Wabi-Sabi in unseren Alltag integrieren können.

Unser aller Alltag ist von Hektik geprägt, von Überfluss, Konsum und Leistungsdruck: Wo unsere Mitmenschen ständig ihr leckeres Mittagessen auf Instagram posten oder ihre perfekten Wohnzimmer auf Pinterest teilen, herrscht in der Realität eher Stulle runterschlingen, die Socke von gestern unters Bett schieben und weitermachen. Aber: Auf Dauer kann das kaum gut gehen.

Der Begriff Wabi-Sabi setzt genau dort an, wo Kaufrausch und die ewige Suche nach Perfektion aufhören: beim Wesentlichen. Wabi-Sabi bezeichnet eine ganzheitliche Einstellung zum Leben, deren Ursprung im Taoismus und Zen-Buddhismus liegt. Ein zentraler Gesichtspunkt ist der Glaube, dass die Suche nach Perfektion und materiellem Besitz zu Unzufriedenheit führt. Daran orientiert sich auch Wabi-Sabi: Es ist eine Art und Weise, die Schönheit von einfachen Dingen zu erkennen – und wertzuschätzen, was man hat, anstatt nach immer mehr zu streben.

Wie definiert man Wabi-Sabi?

Die Philosophie hat ihren Ursprung im 16. Jahrhundert. Die Begriffseinheit selbst kann zwar nicht genau übersetzt werden, besteht aber im wesentlichen aus den beiden japanischen Silben "Wabi" und "Sabi". 

Während "Wabi" für etwas Einfaches, beinahe schon Rustikales steht, beschäftigt sich die Silbe "Sabi" mit der Anmut des Alterns und bedeutet soviel wie "alt sein" oder "über Reife verfügen". Gemeinsam steht Wabi-Sabi für einen imperfekten Purismus und die Schönheit des Einfachen

Was ist die Wabi-Sabi Philosophie?

Hinter Wabi-Sabi steckt mehr als nur ein Gedanke: Vielmehr verbirgt sich hinter diesem Konzept eine hohe Kunst. Wer die imperfekten, unvollständigen und auch unbeständigen Dingen des Lebens annehmen und mit ihnen zufrieden sein kann, hat das Prinzip verstanden. Es geht nicht darum, die offensichtliche Schönheit und den Rausch des Konsums hervorzuheben. Sondern sich an dem zu erfreuen, was auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt "schön" erscheint. Das kann der verwachsene Baum im Garten unserer Großeltern sein, aber auch unsere Lieblingsvase mit dem feinen Riss oder die abgesplitterte Oberfläche der Kommode, die uns schon so viele Umzüge lang begleitet hat.

Dabei weist Wabi-Sabi auch Züge von Minimalismus auf: Grundlage der japanischen Tradition ist es, zum Wesentlichen zurückzukehren und sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Dabei geht es aber nicht um Verzicht, sondern darum, sich mit dem zufrieden zu geben, was wir haben – oder sogar mit noch weniger. Durch Wabi-Sabi können wir scheinbar unauffällige Kleinigkeiten in unserem Alltag neu entdecken. Wir können uns von Besitz und Konsum unabhängig machen und lernen, zufriedener zu werden. So kannst du in vielen Dingen das Gute und Schöne entdecken.

[Wabi-Sabi] nährt alles, was authentisch ist, da es drei einfache Wahrheiten anerkennt: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.
- Richard R. Powell

Aber nicht nur die Liebe zu unvollkommenen Gegenständen steht im Zentrum von Wabi-Sabi. Auch unser Alltag ist geprägt von Widersprüchen, kleinen Fehltritten und verwirrenden Situationen. Selten laufen Dinge so, wie wir sie geplant haben – und obwohl das vollkommen in Ordnung und nur natürlich ist, stören wir uns immer wieder daran. Für viele von uns ist das höchste Ziel Perfektion. Wabi-Sabi hingegen konzentriert sich auf das genaue Gegenteil: das Akzeptieren von Imperfektion und kleinen Fehlern. Und wirkt vielleicht gerade deshalb so ausgleichend und beruhigend. 

Wo findet Wabi-Sabi Anwendung?

In der Theorie klingt diese Tradition schnell wie ein nahezu poetisches Konstrukt und fast zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich jedoch können wir Wabi-Sabi in vielen Bereichen unseres Lebens entdecken und einbringen: Sei es ein kurzer Moment der Ruhe beim Tee-Trinken aus unserer Lieblingstasse oder das Flicken unserer besten Jeans – wir müssen unser Leben nicht umkrempeln und ausmisten, um die japanische Lebensphilosophie aktiv zu leben. 

Besonders in der japanischen Kultur ist Wabi-Sabi in vielen Dingen verwurzelt: Der Tee-Meister Sen non Rikyū wirkte im 16. Jahrhundert bei der Entwicklung der japanischen Tee-Zeremonie prägend mit und soll die Wabi-Sabi Ästhetik in den Brauch eingeführt haben. Aber auch die Kalligraphie oder das Reparieren von kaputten Gegenständen ist geprägt vom Gedanken der Unvollkommenheit. So steht beispielsweise Kintsugi für eine besondere Methode, um zerbrochene Keramik zu reparieren: Anstatt die Risse unauffällig zu kaschieren, werden sie in Gold oder Silber lackiert – und so hervorgehoben. 

Wabi-Sabi: Ein Keramikbecher, der mit der Kintsugi-Methode repariert wurde
© Marco Montalti / Shutterstock

Wohnen und Einrichten im Wabi-Sabi Stil

Den wohl bekanntesten Anwendungsbereich findet Wabi-Sabi beim Einrichten. Dabei geht es vorrangig um ein Leben im Einklang mit der Natur – Perfektionismus hat auch hier wenig zu suchen. Mit diesen Grundsätzen bringst du mehr Wabi-Sabi in dein Zuhause: 

  • überdenke deinen Konsum und besinne dich wieder auf die wesentlichen Dinge
  • verwende einfache, lokale Produkte und Naturmaterialien in guter Qualität
  • schätze altgediente Gegenstände, pflege sie und vererbe sie vielleicht sogar (weiter)
  • kreiere und genieße optische Leere 

Wer mit dem Gedanken des imperfekten Purismus einrichten und wohnen möchte, setzt am besten auf gedeckte Farben: Von Weiß und Beige über helle Pastell-Töne bis hin zu erdigen Farben ist alles erlaubt. Einheitliche Schemata erlauben es dir, Möbel oder Dekoration zu verschieben, ohne dass ein buntes Chaos entsteht. Deine Räume sollten nicht zu vollgestellt sein – denn dann wirken sie schnell überladen. Versuche vielmehr, deinen Wohnraum schlicht zu halten, bewusst Stellen frei von Gegenständen zu lassen und das Gesamtbild eher mit besonderen Erinnerungsstücken zu schmücken. 

Wabi-Sabi: Ein puristisch eingerichtetes Wohnzimmer
© Photographee.eu / Shutterstock

Besonders natürliche Materialien wie Holz, Wolle oder Leinen sind gern gesehen. Anstatt immer wieder neue Trend-Möbel zu kaufen, kannst du auf Einrichtungsgegenstände setzen, die für dich einen emotionalen Wert und Nutzen haben. Dabei steht besonders der Nutzen im Vordergrund: Die drei Tischdecken, die seit Generationen im Schrank einstauben, aber nie ihren Einsatz bekommen, haben ein zweites Leben verdient und dürfen guten Gewissens ausgemistet werden. Authentizität, Harmonie und Ruhe stehen bei Wabi-Sabi im Vordergrund – auch, wenn es ums Einrichten geht. Und trotzdem gilt auch hier: Nichts und niemand muss perfekt sein. Wabi-Sabi dreht sich nicht um Verzicht und Reduktion, sondern um die Schönheit besonderer Gegenstände und Momente. 

Brigitte

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