"Der Garten ist mein Schönstes"

Charlotte Joop ist 92, und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht morgens und abends in ihrem großen Potsdamer Garten nach dem Rechten schaut. Das Unkrautzupfen hat Sohn Wolfgang ihr zwar verboten. Aber sie macht es trotzdem - heimlich.

Charlotte Joop ist 92, und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht morgens und abends in ihrem großen Potsdamer Garten nach dem Rechten schaut.

Unter der ehrwürdigen Lärche ist ihr Lieblingsplatz. Charlotte Joop hatte nicht geglaubt, dass es in ihrem Leben noch einmal eine Zeit geben würde, in der sie jeden Sonnentag im Schatten der schützenden, ausladenden Äste verbringen würde - damals, während der 40 Jahre, in denen sie noch im Westen, in Braunschweig, lebte.

Von ihrer Bank aus hat sie alles im Blick: den großen Seerosenteich, das Badehaus mit Holzsteg, die alten Weiden dahinter, weiter rechts ihre geliebte Tamariske. Der heidekrautähnliche Strauch taucht im Juli in ein zartrosa Blütenmeer. Und, ach ja, das Beet mit den schneeweißen "Aspirin"-Rosen, das Charlotte Joop eigenhändig angelegt hat. Darauf schaut sie gern an grauen Tagen von ihrem Sessel im Wohnzimmer aus. Wie heute. Dackeldame Julchen hat es sich auf ihrem Schoß gemütlich gemacht. Es gibt Tee und Zitronenkuchen mit Guss. Selbst gemacht.

"Der Garten ist mein Schönstes", sagt Charlotte Joop. Sagt es immer mal wieder. Sie ist nicht der Typ für viele Worte. Schon gar nicht, wenn es um große Gefühle geht. Sie ist eben anders erzogen. Preußisch. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht morgens und abends ihre Runde durch den anderthalb Hektar großen Garten im Potsdamer Stadtteil Bornstedt dreht. Dabei wird alles genau inspiziert, jede Knospe, jeder Spross liebevoll begutachtet. Unkraut ist ihr ein Gräuel. Da nützt es gar nichts, dass Sohn Wolfgang und Gärtner Reinhard Kühn ihr das Bücken strengstens untersagt haben, weil sie einmal beim Unkrautzupfen umgefallen ist. "Aber ich mach es trotzdem, wenn ich allein bin", flüstert sie und lächelt fast mädchenhaft dabei. Sie kann es einfach nicht lassen. Kaum zu glauben, dass diese zerbrechliche, elegante Frau Zeit ihres Lebens am allerliebsten im Garten gearbeitet hat. Ihre langgliedrigen Hände sind so unglaublich gepflegt.

Wegen seiner sanften grünen Hügel, seiner Parks und Schlossanlagen, die durch ein Netz von Alleen miteinander verbunden sind, gilt Potsdam als begehbares Landschaftsgemälde. Dieser Eindruck setzt sich in Charlotte Joops Anwesen fort. Ihre Vorfahren waren Gärtner aus den Niederlanden, wurden vom großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. nach Brandenburg geholt. Seitdem haben sie alle ihren Unterhalt mit der Gärtnerei verdient. Ihr Vater, ihr Großvater, ihr Urgroßvater... Charlottes Vater Paul Ebert war Patriarch durch und durch. Er bestimmte, was jeden Tag zu tun war. Und wehe, es wurde nicht getan. "Da gab es kein Pardon." Das tägliche Überleben regelte den Rhythmus des Alltags. Paul Ebert belieferte mit dem Obst und Gemüse aus seiner Gärtnerei die Krankenhäuser der Umgebung. "Hier war ein einziger großer Nutzgarten. Treibhäuser, so weit das Auge reicht", erzählt Charlotte Joop. Jede Pflanze wurde genutzt. Da hat nichts umsonst geblüht oder nur um der Schönheit willen. Sogar die Weiden, durch die der Wind so malerisch streicht, hatten ihren Sinn und Zweck: Aus den jungen Trieben wurden Körbe geflochten. Die lud die 19-jährige Charlotte zusammen mit dem Gemüse auf den Kleinlaster der Familie, um sie in der Umgebung zu verkaufen.

Heute ist es anders im Garten von Charlotte Joop. Heute lebt hier die Kunst der ehemaligen Hofgärtner vom benachbarten Sanssouci weiter, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden. Es wachsen und gedeihen Bergbohnenkraut und Liebstöckel, Büsche von duftender Zitronenmelisse, Rauke für den Mittagssalat und rote Bete neben Phlox, Dahlien und einem Meer von Pfingstrosen, Bauernrosen und englischen Sorten wie die rosafarbene, duftende "Eden". Die ist in jedem Stadium eine Augenweide - erst als junge zarte Blüte, später entfaltet sie eine morbide Schönheit wie eine in die Jahre gekommene Primaballerina. Ein 40 Jahre alter Ginko prahlt im Herbst mit seiner bunten Blätterpracht, die riesige nordamerikanische Kiefer mit "den längsten Nadeln der Welt" und die Catalpa, ein Trompetenbaum, im Juli mit ihren weißen orchideenförmigen Blüten.

Wo früher der Kuhstall war, steht jetzt die Villa im italienischen Stil. Wolfgang Joop hat sie seiner Mutter Charlotte zum 80. Geburtstag geschenkt.

"In der Natur fühle ich mich geborgen", erzählt Charlotte Joop. Das war schon immer so. Von Kindesbeinen an. "Es wächst und blüht und vergeht. Wie das Leben." Und das hat es nicht immer gut mit ihr gemeint. Sie erzählt von Krieg, Flucht und Entbehrung, dem langen, einsamen Warten und Bangen um ihren Mann Gerhard Joop, der jahrelang in Gefangenschaft war. Vom Alleinsein als Mutter mit einem kleinen Sohn, der seinen Vater mit acht Jahren zum ersten Mal sah, vom Umzug nach Braunschweig 1952 und vom Kalten Krieg, als sie nur in den Ferien, ein- oder zweimal im Jahr, in ihre Heimat reisen durfte. "Wenn ich Kummer hatte, ging ich einfach in den Garten." Da hat sie dann gebuddelt und geackert, gejätet und gezupft, bis die zarten Hände ganz schwarz waren von der schweren, warmen Erde. Ein wunderbarer Trost.

Es klingelt. Zwei riesige Hunde stürmen in den Salon, Dalmatiner Gretchen und Rhodesian Ridgeback Lottchen. Dahinter Wolfgang Joop. Der Modedesigner ist braun gebrannt. In Sandalen, mit Sonnenbrille, Hose und Hemd im Holzfällerstil, blau, violett und schwarz kariert. Am Wochenende schaut er nach dem Rechten. Bei seiner Mutter und im Garten natürlich auch.

"Hallo, Charlotte. Na, wie ich sehe, wirst du gut unterhalten", sagt er und grinst. Sie strahlt. Stolz ist sie auf ihren berühmten Sohn. Aber in aller Stille. Dass nun die ganze Familie wieder in Potsdam ist, ist allein ihm zu verdanken. Wolfgang Joop war die treibende Kraft. "Meine Sehnsucht war immer dieser Ort", sagt er. Zu DDR-Zeiten ist er jedes Jahr hierher gefahren, zu seiner inzwischen verstorbenen Tante Ulla, hat sie und das Familienanwesen unterstützt, wo er konnte. Hier war sein gefühltes Zuhause, die Geborgenheit bei Großeltern und Tanten, die den Jungen verhätschelten, wo sie nur konnten. Hier waren das große Haus, in dem die vielen Flüchtlinge wohnten, mit deren Kindern er herumtoben konnte, und natürlich die Tiere. "Wenn man davon genug hatte, machte man einen Schritt und hatte das preußische Rokoko bis zum Abwinken", sagt Joop.

Nun versammelt sich hier regelmäßig die ganze Familie: Urenkelin Johanna, die beiden Enkeltöchter Jette und Florentine, deren Mutter Karin Metz-Joop und ihr Mann Günter Metz. Jeder hat sein eigenes kleines Refugium, und in der Mitte wohnt Mutter Charlotte in ihrer Villa. Zartgelb, italienisch, mit großen Bogenfenstern. Der Blick in den Garten ist umwerfend. So viele Farben Grün. Allerdings "ein Tag keine Pflege, das wird dir nicht verziehen", sagt Wolfgang Joop. Genauso wie in der Familie. Jaja, da gäbe es eine Menge Ähnlichkeiten zwischen all diesen Gewächsen.

"Der Mensch prägt den Ort", sagt er. Das habe er erst gemerkt, als er hierher zurückgekehrt sei, nach langen Jahren in Hamburg und New York. Die Heimat berührt ihn, den Menschen. Den Künstler Joop fasziniert noch etwas anderes: die persönliche Sicht auf die Welt der Leute, die diese wunderbare Potsdamer Landschaftsarchitektur geschaffen haben. Schöngeister wie er selbst. "Das weiß ich jetzt, wo ich meine Lebenserfahrung, meine Kraft und mein Vermögen hier hineininvestiert habe, um es noch einmal nach meinem Willen zu gestalten." Und um seiner Familie eine Heimat zu geben. Er sei ja schließlich in der glücklichen Lage, zwei Töchter und eine Enkeltochter zu haben. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen. "Teilen zu dürfen halte ich für ein wichtiges Geschenk."

An heißen Sommertagen, wenn der Wind durch die Bäume streicht, sind die Liegen am Seerosenteich ein wunderbarer Platz zum Entspannen.

1992, als seine Mutter und sein im letzten Jahr verstorbener Vater nach Potsdam zurückkehrten und nicht bei Tante Ulla im Elternhaus wohnen wollten, hat Wolfgang Joop ein neues Haus bauen lassen. Dort, wo früher der Kuhstall stand, als Geschenk für seine Mutter zum 80. Geburtstag. Fortan steckte Charlotte Joop die meiste Energie in ihren Garten. An der Seite von Gärtner Reinhard Kühn durchstreift sie ihn jeden Tag und schmiedet Pläne. Den kleinen Apfelbaum zum Beispiel, ein Gravensteiner - der wurde erst letztes Jahr gepflanzt. Dass er dieses Jahr noch keine Früchte trägt, sorgt sie ein wenig. Reinhard Kühn sagt dann: "Aber Frau Joop, Sie werden doch noch 100." So lange braucht sie zum Glück nicht zu warten. Im nächsten Jahr wird der Baum wohl endlich Äpfel haben.

"Ach, und kennen Sie den Karl Foerster? Den Gärtner und Literaten, auch ein berühmter Sohn Potsdams?" Charlotte Joop erhebt sich langsam. Es hat schon wieder geklingelt. "Sein schönstes Buch trägt den Titel: ,Es wird durchgeblüht'. Das trifft doch auch aufs Leben zu, oder?"

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BRIGITTE 19/08 Fotos: Janne Peters Produktion: Christine Schmid, Michael Breckwoldt Text: Tatjana Blobel
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