Übertriebene Hygiene: Wieviel Hygiene ist gesund?

Keime sind überall, aber deswegen muss man nicht hysterisch werden. Außerdem ist übertriebene Hygiene nicht förderlich. Der Mikrobiologe Dr. Dirk Bockmühl klärt auf!

BRIGITTE: Wie sauber ist sauber genug?

PROF. DR. DIRK BOCKMÜHL: Unser Immunsystem wird durch den Kontakt mit Mikroorganismen trainiert. Daher ist es nützlich, wenn wir unsere Kinder mal im Dreck spielen lassen. Der Umkehrschluss funktioniert aber nicht so einfach: Übermäßiges Putzen macht nicht automatisch krank oder führt zu Allergien.


Was ist also Ihr ultimativer Hygienetipp? Entspannt bleiben. Es geht nicht darum, die Keimbelastung auf Gedeih und Verderb zu reduzieren. Vielmehr sollten wir Mikroorganismen als Teil unseres Lebens akzeptieren und lediglich da die notwendigen Hygienemaßnahmen ergreifen, wo sie uns gefährlich werden können.


Und brauchen wir dafür dann Desinfektionsmittel und -tücher? 
Im Haushalt reichen in der Regel normale Reinigungsmittel völlig aus. Es gibt aber besondere Situationen, in denen ein bisschen mehr Hygiene gefordert ist, etwa wenn jemand in der Familie eine Magen-Darm-Infektion hat. Aber auch hier muss man nicht immer zur chemischen Keule greifen. Bei der Wäsche genügt zum Beispiel das 60-Grad- Programm mit einem bleichehaltigen Vollwaschmittel.


Der mikrobenreichste Ort einer Wohnung ist vermutlich die Küche

Gibt es ein Reinigungsmittel, auf das 
Sie auf keinen Fall verzichten würden? Den Geschirrspüler - er beseitigt deutlich besser Keime als Spülen per Hand.

Die Deutschen gelten oft als Hygiene-Fanatiker. Wo sind wir Ihrer Erfahrung nach eher "schmuddelig"?
 Auch wenn für die meisten Menschen das Klo der Ort ist, wo Hygiene besonders großgeschrieben werden sollte, waschen sich erstaunlich viele von uns nach dem Toilettengang nicht die Hände. Händehygiene ist aber die wichtigste Maßnahme, um der Übertragung von Infektionen vorzubeugen - nicht nur auf der Toilette.

Ist das Klo überhaupt der Mikroben-Hotspot, für den wir es halten?
 Der mikrobenreichste Ort einer Wohnung ist vermutlich die Küche. Spültücher und -schwämme können zum Beispiel enorme Mengen an Mikroorganismen beherbergen, besonders wenn sie nicht richtig austrocknen. Hier ist häufiges Wechseln angesagt, auch wenn uns nicht alle Keime krank machen.

Und auf Reisen? Am Flughafen oder Bahnhof ist regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife wichtig. Bei Reisen in südlichere Gefilde ist Vorsicht bei Lebensmitteln und vor allem beim Trinkwasser angesagt. Das heißt: im Zweifel abgefülltes Wasser zum Trinken und Zähneputzen nehmen und auf Eiswürfel verzichten.

Um Müll zu vermeiden, gibt es für den Coffee to go immer öfter Mehrwegbecher. Wie hygienisch sind die? 
Im Vergleich zu den Keimzahlen, die aus einer ungepflegten Kaffeemaschine ins Heißgetränk kommen, kann ein möglicher Mikrobeneintrag aus einem ungespülten Mehrwegbecher vernachlässigt werden. Gerade in den vollautomatischen Geräten finden sich ziemlich viele Keime, etwa wenn das Wasser im Tank länger steht. Kommt der Kaffee schön heiß aus der Maschine, wird den meisten Mikroorganismen glücklicherweise direkt wieder der Garaus gemacht.

Und wann ekelt sich selbst ein Hygieneforscher und Mikrobiologie wie Sie? Beim Auftritt von Rechtspopulisten in der "Tagesschau". Ich weiß, das war nicht Sinn der Frage. Aber während man als Mikrobiologe irgendwann sogar einem Schimmelpilz eine sehr ästhetische Komponente abgewinnen kann, ist das bei der Gesinnung mancher Mitmenschen deutlich schwieriger.

Fazit: Launig geschriebene Wissensvermittlung mit vielen praktischen Tipps für alle, die im Alltag nicht mehr putzen wollen als unbedingt nötig.

Der Hygieneforscher Dirk Bockmühl von der Hochschule Rhein-Waal in Kleve hat mit "Keim Daheim" (288 S., 16,99 Euro, Droemer) sein erstes Buch geschrieben.

Eine Anleitung fürs richtig Hände waschen und weitere Haushaltstipps, bei denen du erfährst, wie oft du deine Bettwäsche wechseln sollst und was du beim Handtücher waschen beachten musst, gibt es bei uns. 

Videotipp: So häufig sollten wir wirklich duschen.

Duschen
Brigitte 21/2018

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt
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Übertriebene Hygiene: Frau wäscht sich die Hände mit Seife
Nicht übertreiben! Wieviel Hygiene ist eigentlich gesund?

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