Lieblingsräume

Es gibt Orte, an denen fühlt man sich wohler als irgendwo sonst. Weil damit besondere Erinnerungen verbunden sind. Weil sie einem entsprechen. Oder weil man dort zu Hause ist. Drei Frauen erzählen, für welches Zimmer ihr Herz schlägt.

Wohnen mit Geschichte

Ulrica Hemmingson

Die Nichten und Neffen sitzen bei Ulrica Hemmingson am liebsten in der Wanne mitten im Wohnzimmer. Dort hat die Malerin und Inneneinrichterin dank vieler selbst bezogener Kissen eine alte, kleine Zinkwanne zu einem niedlichen, bequemen Kindersitz umfunktioniert. Ulrica hat den Blick fürs Ungewöhnliche; für das, was man aus etwas machen kann. Vielleicht vermachen ihr auch deshalb Freunde und Verwandte alte Schätze, die die Hamburgerin dann wieder aufpoliert. "Fast alle meine Möbel sind irgendwo abgefallen." Ulrica hat sie dann restauriert, mit schönen Stoffen bezogen und irgendwie lieb gewonnen.

"Da alle meine Möbel eine Geschichte haben, sind sie mir alle gleich stark ans Herz gewachsen. Mir ist nicht ein Einzelstück wichtig, sondern der ganze Raum." Mit ihrer Mischlingshündin Coca lebt Ulrica in einer Fabrikhalle. Sie hat sie eigenhändig umgebaut: den Holzboden weiß gestrichen, die Wände tapeziert und geweißelt, Installationen legen lassen. In ihrem loftartigen Wohnzimmer arbeitet und liest sie, sitzt mit Freunden am großen Esstisch oder entspannt sich auf der Récamiere. "Ich bin konsequent. Bei der Einrichtung meiner Wohnung wie in meinen Bildern. Ich mag es hell, harmonisch, Ton in Ton und mit Struktur. Farbe bringt mir dabei einfach Spaß."

Schlafen - mittendrin

Ruth Herzog

Ein Bett wie auf dem Flur? Viele Menschen wundern sich, dass Ruth Herzog ausgerechnet das so genannte Berliner Zimmer zum Schlafzimmer gewählt hat - ein großes Durchgangszimmer zum hinteren Teil der Wohnung, mit Flügeltüren zur Küche und dem Wohnzimmer. Schließlich ist ein Schlafzimmer meist ein eher abgeschiedener Raum in der Wohnung. Sehr persönlich, häufig mit niedrigeren Temperaturen und vor den Blicken von Besuchern geschützt. Ruth nutzt ihr Schlafzimmer dagegen als die Erweiterung des Wohnzimmers.

"Ich nutze mein Bett auch gern tagsüber, um darauf zu lesen. Und das mache ich dann gar nicht so gern in einem abgelegenen Raum, sondern lieber mittendrin." Weil das Bett für Ruth das zentrale Möbelstück ist, hat sie auch eine besonders hübsche Tagesdecke darüber geworfen. "Diese Decke ist eines meiner Lieblingsstücke. Sie stammt aus Jaffa, wo ich teilweise mein Anwaltsreferendariat absolviert habe. Dort habe ich sie auf einem Flohmarkt gekauft." An ihre Auslandsaufenthalte und Reisen erinnert sich Ruth gern durch Souvenirs.Die geflochtenen Dosen auf der Heizung sind beispielsweise Reisgefäße aus Vietnam. "Unser Schlafzimmer ist ein Sammelsurium: der Loom-Chair vom Flohmarkt, der Karteikastenschrank aus Metall aus der juristischen Fakultät."

Kochen ohne Einbauküche

Orike Muth

Einbauküchen kommen Orike Muth schon gar nicht ins Haus. Zu beklemmend, zu wenig Persönlichkeit, zu viele Schränke für Sachen, die man nicht braucht. Orike mag Verspieltes, aber auf die wesentlichen Gegenstände reduziert. Schwach wird sie bei Emaille oder bei originellen Stücken wie den von den Fliesen abziehbaren Silikontopflappen mit Männerkopf.

Als Textildesignerin und Gestalterin liebt Orike Muster, Farben und Stoffe. Die Wände und die Decke ihrer Küche hat sie in mehreren unterschiedlichen Farbschichten in einem warmen Taubenblau lasiert. Die Türrahmen sind mit handbedrucktem Japanpapier aus eigener Werkstatt beklebt. "Wenn man beruflich ständig bei Leuten Wände gestaltet, ist man immer auf der Suche nach neuen Farbwelten. Zur Zeit mag ich morbidere Töne und gebe deshalb gern einen Schleier Umbra über die ursprüngliche Farbe. Das sieht dann so aus, als wäre der Staub der Zeit darüber hinweggegangen."

Ein selbst gefertigter Papierlampion, geflochtene Stühle vom Flohmarkt, ein alter Schultisch, ein handbemalter Bambusvorhang, rosa Linoleumboden und viele exotischen Kleinigkeiten lassen Orikes Küche wie ein Szenario aus einem farbenprächtigen Film über China in den 20er Jahren wirken. "Meine Küche hat etwas Höhliges, Kuscheliges. Das Blau der Wände ist farblich so beschaffen, dass es im Sommer angenehm kühlend auf mich wirkt und im Winter eine wohlig warme Atmosphäre schafft." Oft sitzt Orike nur so darin, zum Teetrinken, Zeitunglesen, frühstücken, um sich von ihrer Werkstattarbeit zu erholen, und guckt dabei aus dem Fenster ins Grüne. Selbst wenn sie für Freunde kocht, essen viele lieber in der Küche als im großen Esszimmer. Das liegt vielleicht daran, dass sich jeder in Orikes Küche gut aufgehoben fühlt.

Text: Nicole Lötters Fotos: Bettina Lewin Produktion: Bella Bosch (1), Bärbel Recktenwald (2)
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