Skifahren im August

Wintersport an 365 Tagen im Jahr - eine Skihalle macht's möglich. Aber bringt das auch wirklich Spaß? Brigitte.de-Redakteurin Michèle Rothenberg hat die Indoor-Piste getestet.

Wir erreichen unser Ziel gegen 18 Uhr. Die Luft ist schwül-warm, mein T-Shirt klebt von der Autofahrt am Rücken. Es ist ein perfekter Abend für ein kühles Getränk am Strand oder ein gutes Buch auf dem Balkon. Doch meine drei Begleiter und ich haben andere Pläne. Wir gehen Ski fahren. Ich schaue auf das riesige keilförmige Gebäude vor mir und frage mich, ob ich noch ganz bei Trost bin. Wintersport, das sind hohe Berge, klare Luft und Sonnen im Liegestuhl - wie, bitte, will man das in eine Halle übertragen? Mal ganz abgesehen von der Energie, die so ein riesiger Kühlschrank mitten im Hochsommer verbraucht. Klimaschutz sieht anders aus.

Alles elektronisch: Am Touchscreen gibt man die nötigen Daten für die Ausrüstung ein

Seit zehn Monaten ist der "Snow Dome" im niedersächsischen Bispingen in Betrieb. Er ist nach den Skihallen in Bottrop, Neuss, Wittenburg und Senftenberg die fünfte Indoor-Piste in Deutschland, und rühmt sich, mit seinem pfeilerlosen Kuppelbau "die modernste Skihalle Europas" zu sein. Vier Stunden in der künstlichen Winterwelt kosten ca. 24 Euro, einen Skikurs gibt's für 39 Euro, und für 15 Euro kann man die komplette Ausrüstung leihen (Skier/Snowboard, Schuhe, Stöcke, Jacke und Hose). Bis zu 2.200 Besucher halten sich an Wochenenden in der Halle auf, insgesamt kamen seit der Eröffnung im Oktober 2006 rund 365.000 Wintersportler in die Lüneburger Heide. Das Geschäft boomt. Weitere Skihallen sind geplant.

An diesem Abend allerdings herrscht im "Snow Dome" tote Hose. Der Parkplatz ist fast leer, wir sind die einzigen Gäste in der riesigen Eingangshalle, die an eine Mischung aus Schwimmbad und Bierstube erinnert. Im Gastrobereich sollen Fachwerk, Holzbänke und Hütten für Alpen-Atmo sorgen. Doch heute bleibt die Bar geschlossen. Am Empfang nehmen wir unsere Chipkarte entgegen, die uns durch den Abend führen wird. Einchecken, Ausleihen, Gepäckabgabe - hier läuft alles elektronisch. Kollege Henning deutet auf den Spruch, der groß auf der Karte prangt: "Draußen Skifahren ist Schnee von gestern!" Skeptisch gehen wir hinunter zum Verleih.

Geduldig: Die freundlichen Angestellten des Snow Dome präparieren die Skier

Dort treffen wir auf ein paar gut gelaunte Angestellte, die sich alle Mühe geben, den wenigen Gästen den Aufenthalt zu versüßen. Geduldig sucht der junge Mann am Verleih Schuhe und Skihosen für mich aus, erträgt freundlich mein Gemecker ("L?? Sehe ich aus, als würde mir eine Hose in L passen?") und lächelt selbst dann noch, als ich zum dritten Mal meine Skier umtausche ("Ähm, haben Sie vielleicht NOCH kürzere ...?").

Tatsächlich macht mich mein Plan zunehmend nervös. Längst verdrängte Kindheitserinnerungen überkommen mich, als ich versuche, meine Füße in die Hartschalenboots zu stecken. Ich denke an Blasen, Druckstellen, blaue Flecken, erfrorene Finger. Mir wird bewusst, dass ich Skifahren eigentlich nie besonders mochte. Zwar habe ich als Kind mehrere Skikurse absolviert, doch das war reiner Gruppenzwang. Was an dem Schneetreiben so toll sein soll, habe ich nie kapiert. Mir waren die Berge immer zu steil, der Schnee zu glatt, die Schuhe zu unbequem, die Skier zu lang. Meine letzte Abfahrt habe ich wimmernd auf dem Notfallschlitten eines Schweizer Sanitäters erlebt. Das ist 14 Jahre her. Seitdem habe ich keine Skier mehr angerührt.

Missmutig und schwitzend eiere ich in Stiefeln und Thermohose den Gang zur Skihalle entlang.

Winterlich: Nur wenige Skifahrer sind am Montagabend in der Skihalle aktiv

Dann betrete ich die Halle - und plötzlich ist Winter. Eine 23.500 Quadratmeter große Piste breitet sich vor mir aus, auf der einige Snowboarder lässige Schwünge vollführen. Rechts gondeln die Sitze eines Sessellifts in die Höhe, links dreht sich ein Tellerlift. Die Luft ist eisig, es riecht nach Schnee. Neben der großen Piste gibt es eine Schlittenbahn, einen "Fun Park" mit Sprungschanzen, und ein Hügelchen für die Anfänger.

Mein Herz hüpft erleichtert. Genau da will ich hin. Während mich ein Förderband langsam den kleinen Hang hinauf trägt, beobachte ich die unsicheren Versuche eines grauhaarigen Mannes. Als er mich sieht, lächelt er, offensichtlich froh, nicht der einzige Erwachsene auf dem Idiotenhügel zu sein. Oben angekommen atme ich einmal tief durch, stoße mich dann vorsichtig ab - und staune. Die modernen Carving-Skier lassen sich problemlos kontrollieren, kein Vergleich zu den störrischen Brettern aus meiner Kindheit. In großen Kurven gleite ich langsam den Hügel hinunter. Als ich unten ankomme, bin ich begeistert. Begeistert von den Skiern, begeistert vom Schnee, der locker und griffig ist, begeistert von meinem Körper, der automatisch die richtigen Bewegungen macht. Offenbar haben die Skikurse doch etwas gebracht.

Fröhlich: Michèle Rothenberg hat zum ersten Mal Spaß am Skifahren

Nach einer weiteren Probeabfahrt wage ich mich zur großen Piste. In der kurzen Schlange vorm Sessellift werde ich wieder leicht nervös. Als Kind hatte ich vor jedem Ein- und Ausstieg Panikattacken. Doch auch diese Angst ist unbegründet. Ganz sanft schiebt sich der Sessel unter meinen Hintern und lässt mich nach einer etwa fünfminütigen Fahrt bequem hinaus gleiten. Auf der 300 Meter langen Piste entdecke ich nun auch meine Mitfahrer, die sich mit ihren Snowboards schon in den "Fun Park" gewagt haben. Ich winke ihnen zu, bleibe jedoch lieber auf der Hauptpiste, die schön breit ist und frei von unangenehmen Hubbeln oder vereisten Stellen. Gemütlich kurve ich den Hang hinunter und fühle mich mit jedem Schwung sicherer. Unten treffe ich Kollege Henning, der mich mit roten Backen anstrahlt: "Hey, das macht ja richtig Spaß!" Ich nicke. Ja, zum ersten Mal in meinem Leben habe auch ich Spaß am Skifahren.

Die nächsten zwei Stunden vergehen wie im Flug. Nach jeder Abfahrt kann ich es kaum erwarten, wieder oben zu sein. Ich bin froh, dass die Halle so leer ist, ich mag mir nicht vorstellen, wie lange man am Wochenende am Lift warten muss. Am meisten erstaunt mich, wie schnell man sich auf die vorgegaukelte Welt einlässt. Würde ich nicht ab und zu an einem Fenster vorbeikommen und einen ungläubigen Blick auf grüne Wiesen werfen - ich hätte glatt vergessen, dass ich mich in Bispingen befinde, und nicht in Sölden. In diesen Momenten meldet sich auch wieder leise mein Umweltbewusstsein: Während wir hier Ski fahren, schmelzen in den Alpen die Gletscher...

Erschöpft: Die Schlittenfahrt gibt unserer Testerin den Rest

Als wir kurz vor Betriebsschluss noch die Schlittenbahn ausprobieren, treffe ich den Mann vom Idiotenhügel wieder. Beziehungsweise er trifft mich - mit seinem aufblasbaren Schlitten rammt er erst meine Beine, dann die Bahnbegrenzung, um dann mit wehenden grauen Haaren hinter einem Schneehaufen zu verschwinden. Als er wieder auftaucht, lacht er lange und laut, und ich lache mit, und bedauere zugleich, dass etwas so Spaßiges dermaßen unvernünftig sein kann.

Fazit:

Wie hoch der Energieverbrauch der Skihallen wirklich ist, konnten bzw. wollten uns weder der Betreiber noch Umweltorganisationen sagen. Dennoch ist klar: Skihallen sind alles andere als ökologisch wertvoll. Falls Sie das Indoorskifahren trotzdem mit Ihrem Gewissen vereinbaren können: Skihallen sind ideal für Anfänger und relativ ungeübte Skifahrer und Snowboarder, die ihre Technik verbessern und Sicherheit gewinnen wollen. Die meisten Hallen haben auch ein vielseitiges Kursangebot. Zwar bemühen sich die Skihallen, mit Sprungschanzen und besonderen Events auch den fortgeschrittenen Fahrern etwas zu bieten, doch auf Dauer dürfte ihnen die wenig abwechslungsreiche und recht flache Piste zu langweilig werden.

Tipp: Besuchen Sie die Halle möglichst während der Woche, um lange Schlangen und überfüllte Pisten zu umgehen.

Bewertung:

Sicherheit: 3/5 Design: 2/5 Spaß: 3/5 Vernunft: 0/5

Brigitte.de-Test it

Was taugen Schuhen, die man sich unter die Füße klebt? Ist ein Stifttablett die bessere Maus? Kann man ohne Eisen bügeln? Hier lesen Sie weitere Folgen unserer Test it-Serie.

Text: Michèle Rothenberg Fotos: Henning Hönicke, Lars Heyne, Dorothea Votteler
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